Im Juni 1944 reiste John Maynard Keynes zur Währungskonferenz von Bretton Woods, und im Gepäck hatte er ein Buch seines bekanntesten wissenschaftlichen Gegners. Am 28. Juni schrieb er dem Autor aus Atlantic City einen Brief. Er halte The Road to Serfdom für ein großartiges Buch, a grand book, und stimme ihm moralisch und philosophisch in nahezu allem zu, nicht bloß zustimmend, sondern zutiefst bewegt. Nur den ökonomischen Einzelheiten wollte Keynes nicht durchweg folgen.
Der Empfänger war Friedrich August von Hayek, ein Wiener Ökonom, der seit 1931 in London lehrte. Mit diesem schmalen Buch, geschrieben mitten im Krieg und gewidmet den Sozialisten in allen Parteien, wurde er weit über die Fachwelt hinaus bekannt. Seine eigentliche Leistung reicht aber tiefer. Hayek hat wie kaum ein anderer erklärt, warum eine freie Gesellschaft klüger ist als jeder, der sie lenken möchte.
Steckbrief
- Lebensdaten: geboren am 8. Mai 1899 in Wien, gestorben am 23. März 1992 in Freiburg im Breisgau
- Wirken: Österreichisches Institut für Konjunkturforschung (ab 1927), London School of Economics (ab 1931), University of Chicago (1950 bis 1962), Freiburg (1962 bis 1968), Salzburg (1969 bis 1977)
- Auszeichnungen: Wirtschaftsnobelpreis 1974 (mit Gunnar Myrdal), Companion of Honour 1984, Presidential Medal of Freedom 1991
- Hauptwerke: The Road to Serfdom (1944, deutsch Der Weg zur Knechtschaft), „The Use of Knowledge in Society“ (1945), The Constitution of Liberty (1960, deutsch Die Verfassung der Freiheit), Law, Legislation and Liberty (1973 bis 1979), Denationalisation of Money (1976), The Fatal Conceit (1988)
- In einem Satz: Er zeigte, dass das Wissen einer Gesellschaft verstreut ist und dass nur Freiheit unter allgemeinen Regeln es nutzbar macht.
Von Wien nach London
Hayek kam 1899 in Wien zur Welt; seine Mutter war eine Cousine zweiten Grades des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Mit achtzehn Jahren kam er zur Artillerie an die italienische Front, flog dort als Beobachter, trug einen bleibenden Gehörschaden davon und wurde für Tapferkeit ausgezeichnet. Nach dem Krieg erwarb er an der Universität Wien zwei Doktorgrade, 1921 in Rechtswissenschaft und 1923 in Staatswissenschaften, beide bei Friedrich von Wieser, einem der Gründerväter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.
Prägender wurde Ludwig von Mises, in dessen privatem Seminar Hayek seine Fragen fand. 1927 übernahm er die Leitung des neu gegründeten Österreichischen Instituts für Konjunkturforschung. Vier Jahre später holte ihn Lionel Robbins an die London School of Economics, wo er achtzehn Jahre blieb und 1938 britischer Staatsbürger wurde.
Warum Kredit ohne Ersparnis in die Irre führt
In London trat Hayek zunächst als Konjunkturtheoretiker hervor, und mit dieser Arbeit begann seine Auseinandersetzung mit Keynes. Er erklärte, was geschieht, wenn eine Zentralbank mehr Kredit schafft, als die Menschen freiwillig sparen. Der Zins sinkt unter das Niveau, das der tatsächlichen Ersparnis entspräche, Unternehmen beginnen lange und kapitalintensive Projekte, für die die Mittel auf Dauer fehlen, und der spätere Abschwung ist die schmerzhafte Korrektur dieser Fehlinvestitionen.
In den 1930er Jahren setzte sich Keynes mit seiner General Theory durch, und Hayek stand für lange Zeit am Rand des Fachs. Seine Warnung, dass eine Politik des billigen Geldes auf Dauer in die Inflation führt, gilt heute vielen Ökonomen als selbstverständlich. Die Schwedische Akademie würdigte 1974 ausdrücklich diese Arbeiten zur Theorie des Geldes und der Konjunktur.
Das Wissen in Millionen Köpfen
Hayeks berühmtester Aufsatz, „The Use of Knowledge in Society“, erschien im September 1945 in der American Economic Review und umfasst kaum zwölf Seiten. Das Wissen über die Umstände, mit denen eine Wirtschaft rechnen muss, existiere niemals in konzentrierter oder zusammengefasster Form, schreibt Hayek dort (eigene Übersetzung). Es liegt verstreut bei Millionen Menschen: beim Spediteur, der weiß, wann seine Lastwagen leer zurückfahren, beim Händler, der eine Preisdifferenz bemerkt, beim Handwerker, der ein Material durch ein anderes ersetzen kann.
Kein Amt kann dieses Wissen einsammeln, weil es zum großen Teil an Ort und Zeit gebunden ist und sich ständig ändert. Was es trotzdem nutzbar macht, ist der Preis. Hayeks Beispiel ist das Zinn: Irgendwo auf der Welt entsteht eine neue Verwendung dafür, oder eine Zinnquelle versiegt. Die Verbraucher müssen nicht wissen, was geschehen ist. Sie sehen nur, dass Zinn teurer wird, sparen daran, wo es am leichtesten geht, und handeln damit genau so, als hätten sie die ganze Lage überblickt. Das Preissystem, so Hayek, muss man als einen Mechanismus zur Übermittlung von Information verstehen, wenn man seine eigentliche Aufgabe begreifen will.
Damit war die Planwirtschaft an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen. Ihr Problem liegt in der Natur des Wissens, das sie bräuchte, und kein noch so kluger Planer und kein noch so schneller Rechner kann es lösen, weil die nötigen Daten erst im Austausch freier Menschen entstehen.
Ordnung, die niemand entworfen hat
Aus dieser Einsicht entwickelte Hayek eine Lehre, die über die Ökonomie weit hinausgeht. Viele Einrichtungen, auf die wir uns täglich verlassen, hat niemand erfunden: die Sprache, die Regeln des Anstands, große Teile des Rechts und der Markt selbst. Sie sind, mit einer Formel, die Hayek beim schottischen Aufklärer Adam Ferguson fand, das Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs. Hayek nannte solche Gebilde spontane Ordnungen.
Wer das verstanden hat, betrachtet bewährte Regeln mit Respekt, auch wenn er ihren Sinn nicht vollständig erklären kann, denn in ihnen steckt die Erfahrung vieler Generationen. In seinem letzten Buch, The Fatal Conceit von 1988, fasste Hayek das in einem oft zitierten Satz zusammen: Die merkwürdige Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft sei es, den Menschen zu zeigen, wie wenig sie tatsächlich über das wissen, was sie glauben gestalten zu können (eigene Übersetzung). Schon in seinem Nobelvortrag von 1974 hatte er dafür ein Wort geprägt: The Pretence of Knowledge, die Anmaßung von Wissen.
Der Weg zur Knechtschaft
The Road to Serfdom schrieb Hayek für britische Leser, die sich von der Kriegswirtschaft eine geplante Friedensordnung erhofften. Er zeigte ihnen, dass sich die Lenkung der Wirtschaft nicht auf einen Lebensbereich begrenzen lässt. Wer über die Mittel verfügt, verfügt am Ende auch über die Zwecke, für die Menschen sie verwenden dürfen, über Berufswahl, Wohnort und Lebensplan.
Bemerkenswert ist, wie Hayek die Demokratie einordnet. Er hält sie für ein Mittel, eine nützliche Einrichtung zum Schutz des inneren Friedens und der persönlichen Freiheit (Kapitel 5, eigene Übersetzung). Für Hayek folgt daraus, dass auch eine gewählte Mehrheit Freiheit zerstören kann, wenn sie Aufgaben an sich zieht, die sich nur durch Willkür erfüllen lassen. Die deutsche Ausgabe erschien bereits 1945 in Zürich bei Eugen Rentsch, übersetzt von Eva Röpke und eingeleitet von ihrem Mann Wilhelm Röpke, der später die Soziale Marktwirtschaft mitprägte.
Freiheit unter dem Gesetz
In The Constitution of Liberty von 1960 und in der dreibändigen Law, Legislation and Liberty baute Hayek seine politische Philosophie aus. Freiheit bestimmt er sinngemäß als den Zustand, in dem ein Mensch nicht dem Zwang durch den willkürlichen Willen anderer unterworfen ist. Geschützt wird sie durch die Herrschaft des Rechts: allgemeine, abstrakte Regeln, die für alle gleich gelten, im Voraus bekannt sind und kein bestimmtes Ergebnis erzwingen wollen. Der Staat setzt den Rahmen, so wie Verkehrsregeln niemandem vorschreiben, wohin er fährt.
Von hier aus wird auch Hayeks Kritik an der „sozialen Gerechtigkeit“ verständlich, die er ein Trugbild nannte. Gerecht oder ungerecht kann nur das Handeln von Personen sein. Das Ergebnis eines Marktes, an dem Millionen Menschen mitwirken, hat niemand zugeteilt, und wo niemand verteilt, kann es sinngemäß auch keine Verteilungsgerechtigkeit geben. Wer solche Ergebnisse dennoch nach einem Plan korrigieren will, braucht eine Instanz, die über die Lage jedes Einzelnen entscheidet. Aus demselben Grund lehnte Hayek die progressive Einkommensteuer ab: Sie verletzt den Grundsatz, dass für alle dieselbe Regel gilt.
Ein Gegner jeder staatlichen Fürsorge war Hayek dabei keineswegs. Schon im Weg zur Knechtschaft hielt er es für möglich, in einer wohlhabenden Gesellschaft allen ein Minimum an Nahrung, Obdach und Kleidung zu sichern, ohne die Freiheit zu gefährden, und an diesem Gedanken eines Sicherheitsnetzes hielt er fest. Entscheidend war für ihn, dass solche Hilfe nach allgemeinen Regeln gewährt wird und nicht zum Hebel einer Lenkung wird. In einem Nachwort zur Verfassung der Freiheit erklärte er außerdem unter dem Titel „Why I Am Not a Conservative“, warum er sich als Liberalen verstand, dem es um die Freiheit geht und weniger um das Bewahren des Bestehenden.
Gutes Geld durch Wettbewerb
Im Alter kehrte Hayek zum Geld zurück, mit einem Vorschlag, der damals verwegen wirkte. In Denationalisation of Money, 1976 vom Londoner Institute of Economic Affairs veröffentlicht, schlug er vor, das staatliche Geldmonopol aufzuheben und private Währungen miteinander konkurrieren zu lassen. Ein Herausgeber, der seine Währung entwertet, würde seine Kunden verlieren, und so hätte jeder einen Anreiz, die Kaufkraft seines Geldes zu erhalten.
Ein Netzwerk für die Freiheit
Hayek war ein Gelehrter, aber er wusste, dass Ideen Menschen brauchen, die sie weitertragen. 1947 lud er liberale Ökonomen, Juristen und Philosophen in den Schweizer Kurort Mont Pèlerin ein, darunter Milton Friedman und George Stigler. Aus dem Treffen ging die Mont Pèlerin Society hervor, die er bis 1960 als Präsident leitete und die bis heute besteht. Der Nobelpreis von 1974 holte Hayek schließlich aus der Randlage, in der er lange gestanden hatte, und gab seinen Schriften ein neues Publikum.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Bescheidenheit. Wer weiß, wie wenig ein Einzelner oder eine Behörde von den Umständen einer Gesellschaft überblickt, wird misstrauisch gegenüber jedem Vorhaben, das Leben vieler Menschen von oben zu ordnen. Diese Haltung gründet auf dem Vertrauen, dass freie Menschen ihr Wissen selbst am besten nutzen.
Die zweite Lehre betrifft das Recht. Freiheit braucht verlässliche, allgemeine Regeln, und sie ist gefährdet, sobald Gesetze zu Werkzeugen für bestimmte Ergebnisse werden. Diese Unterscheidung zwischen Regeln für alle und Anordnungen für bestimmte Zwecke hilft bis heute, neue Vorhaben zu prüfen, ob sie nun Preise deckeln, Branchen lenken oder Lebensentwürfe vorgeben wollen.
Vorbildlich bleibt auch, wie er stritt: Er nahm seine Gegner ernst und schrieb so, dass selbst Keynes ihm in den moralischen und philosophischen Grundfragen zustimmen konnte.
Die Grenzen des Wissens als Grund der Freiheit
Hayeks Werk lässt sich auf einen Gedanken zurückführen, der zunächst unscheinbar wirkt. Niemand weiß genug, um anderen ihr Leben vorzuschreiben, und gerade deshalb ist Freiheit die vernünftigste Ordnung, die Menschen sich geben können. Daraus folgt kein Glaube an Patentrezepte, wohl aber eine Haltung, die sich in jeder Debatte bewährt: die Frage, wer eigentlich das Wissen besitzt, das ein Plan voraussetzt. Wer sie stellt, wenn wieder eine Behörde verspricht, Preise, Mieten oder ganze Branchen besser zu steuern als die Beteiligten selbst, denkt in Hayeks Spur.
Zum Weiterlesen
- Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, hg. von Manfred E. Streit, Mohr Siebeck, Tübingen (Gesammelte Schriften in deutscher Sprache)
- Friedrich A. Hayek: „The Use of Knowledge in Society“, American Economic Review 35 (1945), Nr. 4, S. 519 bis 530
- Friedrich August von Hayek: Die Verfassung der Freiheit, Mohr Siebeck, Tübingen
- Bruce Caldwell: Hayek’s Challenge. An Intellectual Biography of F. A. Hayek, University of Chicago Press, Chicago 2004
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Hayek, Friedrich A.: The Road to Serfdom, Routledge, London 1944; deutsch: Der Weg zur Knechtschaft, übersetzt von Eva Röpke, Einleitung Wilhelm Röpke, Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich [1945]; Neuausgabe hg. von Manfred E. Streit, Mohr Siebeck, Tübingen.
- Hayek, Friedrich A.: „The Use of Knowledge in Society“, American Economic Review 35 (1945), Nr. 4, S. 519–530, https://www.econlib.org/library/Essays/hykKnw.html
- Hayek, Friedrich A.: The Constitution of Liberty, University of Chicago Press, Chicago 1960 (mit dem Nachwort „Why I Am Not a Conservative“); deutsch: Die Verfassung der Freiheit, Mohr Siebeck, Tübingen.
- Hayek, Friedrich A.: „The Results of Human Action but not of Human Design“, in: Studies in Philosophy, Politics and Economics, Routledge, London 1967.
- Hayek, Friedrich A.: Law, Legislation and Liberty, 3 Bände, Routledge, London 1973, 1976, 1979; deutsch: Recht, Gesetz und Freiheit, Mohr Siebeck, Tübingen.
- Hayek, Friedrich A.: „The Pretence of Knowledge“, Nobelvortrag vom 11. Dezember 1974, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1974/hayek/lecture/
- Hayek, Friedrich A.: Denationalisation of Money, Institute of Economic Affairs, London 1976.
- Hayek, Friedrich A.: The Fatal Conceit. The Errors of Socialism, hg. von W. W. Bartley III, Routledge, London 1988.
- Keynes, John Maynard: Brief an Hayek vom 28. Juni 1944, in: The Collected Writings of John Maynard Keynes, Bd. 27, hg. von Donald Moggridge, Macmillan, London 1980, S. 385–388.
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Friedrich Hayek, https://plato.stanford.edu/entries/friedrich-hayek/
- Econlib, Concise Encyclopedia of Economics: Friedrich August Hayek, https://www.econlib.org/library/Enc/bios/Hayek.html
- Nobelprize.org: The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 1974, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1974/summary/
- Caldwell, Bruce: Hayek’s Challenge. An Intellectual Biography of F. A. Hayek, University of Chicago Press, Chicago 2004.
- Skidelsky, Robert: Vortrag vor der Mont Pèlerin Society, https://www.hoover.org/sites/default/files/mps_skidelsky.pdf
- Wikiquote: John Maynard Keynes and Friedrich Hayek, https://en.wikiquote.org/wiki/John_Maynard_Keynes_and_Friedrich_Hayek
- Boudreaux, Donald: „A curious fatality“, Cafe Hayek, 2009, https://cafehayek.com/2009/10/a-curious-fatality.html
- Institute of Economic Affairs: Beitrag zum Nobelpreis 1974, https://iea.org.uk/?p=44054
- Wikipedia (de): Friedrich August von Hayek, https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek (Lebensdaten, Ehrungen; Einstieg)


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