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Friedrich Schiller: Die Freiheit des Geistes

Am 22. September 1782 verließ ein junger Regimentsarzt heimlich Stuttgart. Friedrich Schiller war 22 Jahre alt und hatte ein Theaterstück geschrieben, das in Mannheim begeistert gefeiert wurde. Weil er ohne Erlaubnis zweimal zu den Aufführungen der Räuber gereist war, hatte ihn Herzog Carl Eugen von Württemberg für vierzehn Tage in Arrest gesteckt und ihm befohlen, mit der Poesie Schluss zu machen. Schiller entschied sich für die Poesie und gegen den Herzog, und mit seinem Freund Andreas Streicher ging er ins Ausland, das damals schon im benachbarten Mannheim begann.

Diese Flucht steht am Anfang eines Werkes, das immer wieder um dieselbe Frage kreist: Was darf eine Obrigkeit vom Menschen verlangen, und wo hat sie zu schweigen?

Steckbrief

  • Lebensdaten: 10. November 1759 in Marbach am Neckar bis 9. Mai 1805 in Weimar
  • Wirken: Dramatiker, Lyriker, Historiker und Philosoph; 1789 Professor in Jena, ab 1799 in Weimar, enger Freund Goethes
  • Hauptwerke: Die Räuber (1781), Don Karlos (1787), Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande (1788), Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon (1790), Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), Wilhelm Tell (1804)
  • Ehrungen: französisches Bürgerrecht 1792, Reichsadel 1802
  • In einem Satz: Er hielt den Staat für ein Mittel und den freien, sich bildenden Menschen für den Zweck.

Ein Zögling, der sich selbst gehören wollte

Schiller kam nicht freiwillig auf die Schule, die ihn prägte. Auf Forderung des Herzogs musste er Anfang 1773 in die Militär-Pflanzschule eintreten, die spätere Karlsschule, obwohl seine Eltern ihn für den geistlichen Stand bestimmt hatten. Er studierte erst Recht, dann Medizin, schloss 1780 ab und diente danach als Regimentsmedikus. Nebenher schrieb er, und Die Räuber erschienen 1781 anonym im Druck, bevor sie am 13. Januar 1782 in Mannheim uraufgeführt wurden.

Nach unsicheren Wanderjahren holte man ihn 1789, auf Vermittlung Goethes, als Professor nach Jena, wo seine Antrittsvorlesung so viele Hörer anzog, dass man in den größten Saal der Universität umziehen musste. Als Schiller 1791 schwer an der Lunge erkrankte, setzten ihm zwei dänische Verehrer, Herzog Friedrich Christian von Augustenburg und Graf Ernst Heinrich von Schimmelmann, eine Pension von 1000 Talern jährlich für drei Jahre aus. Das Geld kam aus privater Hand, nicht aus einer Staatskasse, und es befreite ihn für einige Jahre vom Broterwerb, sodass er sich der Philosophie zuwenden konnte.

Gedankenfreiheit vor dem Thron

Einen der bekanntesten Sätze der deutschen Freiheitsliteratur legte Schiller einem Edelmann in den Mund. Im Don Karlos von 1787 steht der Marquis von Posa vor König Philipp II. von Spanien. Ein Amt bei Hofe lehnt er ab: „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ Dann verlangt er das Unerhörte: „Geben Sie / Gedankenfreiheit.“ (dritter Akt, zehnter Auftritt).

Bemerkenswert ist die Begründung, die Posa kurz darauf gibt. Die Schöpfung selbst sei „Auf Freiheit / Ist sie gegründet“, und der Schöpfer lasse lieber das Übel toben, als die Freiheit zu stören; er verhülle sich bescheiden „in ewige Gesetze“. Der König dagegen, der alles lenken will, müsse vor jeder Tugend zittern. Posa empfiehlt dem Herrscher also, sich ein Beispiel an dieser Zurückhaltung zu nehmen; man kann darin die Vorstellung einer Ordnung lesen, die auf allgemeinen Gesetzen beruht und innerhalb dieser Gesetze den Menschen freie Hand lässt.

Ein friedliches Volk gegen den mächtigsten König

Ein Jahr später wandte sich Schiller als Historiker demselben König zu. In der Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung erzählt er, wie die Provinzen am Meer sich gegen Philipp II. behaupteten. Schon die Einleitung ist ein Bekenntnis: „Groß und beruhigend ist der Gedanke, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist, daß ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zu Schanden werden“.

Ihn interessiert dabei weniger kriegerisches Heldentum als die Beharrlichkeit gewöhnlicher Leute. Die Niederländer seien „das friedfertigste dieses Welttheils“ gewesen, ein Fischer- und Hirtenvolk, dem „eine freie Armuth sein höchstes Gut“ war. Gerade weil hier gewöhnliche Bürger einem Weltreich widerstanden, nennt er sein Buch ein „Denkmal bürgerlicher Stärke“.

Der Staat ist niemals Zweck

Den klarsten Ausdruck fand dieses Denken in einem Aufsatz, der 1790 unter Schillers Namen in seiner Zeitschrift Thalia erschien und aus seinen Jenaer Vorlesungen hervorging: Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon. Die ältere Allgemeine Deutsche Biographie schrieb den Teil über Lykurg 1890 seinem Stuttgarter Lehrer Johann Jakob Heinrich Nast zu; die neuere Forschung und die Werkausgaben behandeln den ganzen Aufsatz als Schillers Text. Schiller vergleicht darin Sparta mit Athen und misst beide Verfassungen an einem Maßstab, den er ausdrücklich benennt.

Der entscheidende Satz lautet: „Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der Menschheit ist kein andrer, als Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung.“ Unmittelbar davor heißt es, alles dürfe dem Wohl des Staates geopfert werden, „nur dasjenige nicht, dem der Staat selbst nur als ein Mittel dient“.

An Sparta zeigt Schiller, was geschieht, wenn man diese Ordnung umkehrt. Der Staat nahm den Eltern die Kinder und wurde, wie er schreibt, „der Vater seines Kindes“. Die Heloten, die das Land bestellten, wurden „dem Vieh gleich geachtet“, und im Gesetzbuch selbst sei der Grundsatz gepredigt worden, „Menschen als Mittel und nicht als Zwecke zu betrachten“. Solon dagegen lobt er sinngemäß dafür, dass er die menschliche Natur achtete und den Staat dem Menschen dienen ließ.

Mit diesen Fragen stand Schiller nicht allein. Sein Freund Wilhelm von Humboldt schrieb 1792, im engen Austausch mit ihm, die Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen; Teile davon erschienen in Schillers Neuer Thalia, das ganze Buch erst 1851. Und wie stark Schillers Seiten über Sparta wirkten, zeigte sich gut 150 Jahre später: Das erste Flugblatt der Weißen Rose zitierte im Sommer 1942 ausführlich daraus, einschließlich des Satzes vom Staat, der niemals Zweck ist.

Gewalt hebt den Menschen auf

Was den Staat begrenzt, ist bei Schiller die Würde des Einzelnen, und die bestimmt er über den Willen. Seine Schrift Über das Erhabene beginnt mit einem Satz, den er Lessings Nathan entlehnt: „Kein Mensch muß müssen“. Schiller führt ihn weiter: „Alle andern Dinge müssen; der Mensch ist das Wesen, welches will. Eben deßwegen ist des Menschen nichts so unwürdig, als Gewalt zu erleiden, denn Gewalt hebt ihn auf.“

Zwang ist in dieser Sicht falsch, weil er den Menschen als handelndes Wesen auslöscht. Dieselbe Überzeugung trägt das Gedicht Die Worte des Glaubens von 1797, dessen Verse oft verkürzt zitiert werden. Im Original heißt es: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, / Und würd‘ er in Ketten geboren“.

Schönheit als Schule der Freiheit

Die Entwicklung der Französischen Revolution verfolgte Schiller mit Sorge. 1792 verlieh ihm Frankreich das Bürgerrecht, gemeinsam mit anderen Männern, die sich um die Sache der Freiheit verdient gemacht hatten; das Diplom erreichte ihn erst 1798. Im selben Jahr 1792 trug er sich mit dem Plan, eine Schrift zur Verteidigung Ludwigs XVI. zu verfassen.

Seine eigentliche Antwort auf die Revolution sind die Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen, die aus Briefen an seinen Gönner Augustenburg hervorgingen und 1795 in der Zeitschrift Die Horen erschienen. Im fünften Brief beschreibt er den historischen Augenblick, in dem es möglich schien, „den Menschen endlich als Selbstzweck zu ehren und wahre Freiheit zur Grundlage der politischen Verbindung zu machen“. Doch die Gelegenheit sei vertan worden: „der freigebige Augenblick findet ein unempfängliches Geschlecht.“

Daraus folgt sein Programm. Eine freie Ordnung lässt sich nicht verordnen, sie braucht Menschen, die mit Freiheit umgehen können, und diese Fähigkeit wächst nach Schiller vor allem im Umgang mit dem Schönen. Im zweiten Brief heißt es, man müsse den Weg über das Ästhetische nehmen, „weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.“ Im fünfzehnten folgt der berühmte Satz, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“, wobei Spiel hier die Tätigkeit meint, in der sinnliche Natur und Vernunft ohne Zwang zusammenfinden.

Schiller sah auch die Schattenseiten der modernen Welt. Im sechsten Brief klagt er, der Mensch, „an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt“, bilde sich selbst nur als Bruchstück aus, und den Staat beschreibt er als „kunstreiches Uhrwerk“. Die Klage gilt der Spezialisierung der Arbeit ebenso wie dem mechanischen Verwaltungsstaat. Schiller sorgte sich, dass der Mensch, der nur noch ein Teil bedient, das Ganze seiner Kräfte nicht mehr ausbildet. Als Gegenbild entwirft er im letzten, dem 27. Brief, einen „ästhetischen Staat“ des freien Umgangs, dessen Grundgesetz lautet: „Freiheit zu geben durch Freiheit“.

Tell und die ewigen Rechte

Sein letztes vollendetes Drama kehrt zur Politik zurück. Im Wilhelm Tell von 1804 treffen sich Männer aus Schwyz, Uri und Unterwalden nachts auf dem Rütli, um sich gegen die Willkür der habsburgischen Vögte zu verbünden. Stauffacher begründet ihr Recht mit Versen, die bis heute zu den meistzitierten des Stücks gehören: „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, / Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden“. Dann greife der Gedrückte hinauf in den Himmel und hole „seine ew’gen Rechte“ herunter.

Auffällig ist, wie maßvoll dieser Aufstand bleibt. Die Eidgenossen berufen sich auf ihr Eigentum, „Unser ist durch tausendjährigen Besitz / Der Boden“, und auf überkommenes Recht. Walther Fürst stellt ausdrücklich klar, man wolle die alten Rechte bewahren und „nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen“; wer einem Herrn Abgaben schulde, solle sie weiter leisten. Widerstand ist hier Notwehr gegen Unrecht und kein Entwurf einer neuen Gesellschaft.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Schiller war kein Ökonom, und eine Theorie des Marktes findet man bei ihm nicht. Er hat mit großer sprachlicher Kraft festgehalten, dass der Staat dem Menschen dient und nicht umgekehrt, und er hat diesen Gedanken an Sparta so anschaulich vorgeführt, dass ihn jeder versteht.

Ebenso wertvoll ist sein Misstrauen gegen die Idee, Freiheit lasse sich durch einen großen Umsturz herstellen. Freiheit braucht für ihn Menschen, die sich selbst bilden und ihr Urteil schärfen, und diese Arbeit kann ihnen kein Gesetzgeber abnehmen. Hinzu kommt sein Vertrauen in den gewöhnlichen Bürger: Seine Helden der niederländischen Geschichte sind Fischer und Hirten, seine Eidgenossen Bauern. Dazu passt sein eigener Lebensweg: Der junge Mann, dem sein Landesherr das Dichten verbot, nahm lieber die Ungewissheit in Kauf, als zu gehorchen.

Ein Dichter für freie Bürger

Schillers Freiheitsbegriff verbindet zwei Dinge, die heute oft getrennt behandelt werden: die äußere Freiheit von Zwang und die innere Fähigkeit, mit dieser Freiheit etwas anzufangen. Die erste schützt er gegen Fürsten, Vögte und den allmächtigen Staat Spartas. Die zweite verlangt er von jedem Einzelnen. Wer Posas Bitte um Gedankenfreiheit heute liest, mag sich fragen, welche Mächte inzwischen an die Stelle des spanischen Königs getreten sind, und ob man selbst bereit wäre, sie so höflich und so unbeirrbar vorzutragen.

Zum Weiterlesen

  • Friedrich Schiller: Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon (1790), frei zugänglich bei Projekt Gutenberg
  • Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1795), Reclam, Stuttgart
  • Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (1792, gedruckt 1851), Reclam, Stuttgart
  • Rüdiger Safranski: Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus, Hanser, München 2004

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Schiller, Friedrich: Don Karlos, Infant von Spanien (1787), III. Akt, 10. Auftritt; Text nach Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/friedrich-schiller-don-carlos-infant-von-spanien
  • Schiller, Friedrich: Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung (1788), Einleitung; Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/geschichte-des-abfalls-der-vereinigten-niederlande/chapter/3
  • Schiller, Friedrich: Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon, in: Thalia, Bd. 3, Heft 11, Göschen, Leipzig 1790, S. 30–82; Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/friedrich-schiller-die-gesetzgebung-des-lykurgus-und-solon; Wikisource, https://de.wikisource.org/wiki/Die_Gesetzgebung_des_Lykurgus_und_Solon
  • Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1795, Die Horen), Briefe 2, 5, 6, 15 und 27; Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/friedrich-schiller-ueber-die-aesthetische-erziehung-des-menschen
  • Schiller, Friedrich: Die Worte des Glaubens (1797) und Das Lied von der Glocke (1799), in: Gedichte; Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/gedichte
  • Schiller, Friedrich: Über das Erhabene (1801); Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/friedrich-schiller-ueber-das-erhabene
  • Schiller, Friedrich: Wilhelm Tell (1804), I. Aufzug, 3. Szene, und II. Aufzug, 2. Szene; Projekt Gutenberg, https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/friedrich-schiller-wilhelm-tell
  • Humboldt, Wilhelm von: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (1792), Trewendt, Breslau 1851; Reclam, Stuttgart
  • Weiße Rose: Erstes Flugblatt (1942); Projekt Gutenberg, https://www.projekt-gutenberg.org/weissros/flugblae/chap001.html
  • Oellers, Norbert: Art. „Schiller, Friedrich von“, in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005); Fischer, Hermann: Art. „Schiller, Friedrich“, in: Allgemeine Deutsche Biographie (1890); beide unter https://www.deutsche-biographie.de/sfz45355.html
  • Petersen, Jens: Friedrich Schiller über die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon, in: ders., Studien zur juristischen Ideengeschichte, Universitätsverlag Potsdam 2023, S. 131–147, https://publishup.uni-potsdam.de/files/60429/petersen_S131-147.pdf
  • Alt, Peter-André: Schiller. Leben – Werk – Zeit, 2 Bde., C.H. Beck, München 2000
  • Safranski, Rüdiger: Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus, Hanser, München 2004
  • Wikipedia (de): Friedrich Schiller, https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schiller (Lebenslauf, Adelsverleihung)
  • Mises Wire: Wilhelm von Humboldt’s Demarcation of the Limits of State Activity, https://mises.org/wire/wilhelm-von-humboldts-demarcation-limits-state-activity

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