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David Hume: Der Skeptiker und die gewachsene Ordnung

David Hume

Am 9. November 1776 schrieb Adam Smith aus seinem Heimatort Kirkcaldy einen Brief an den Londoner Verleger William Strahan. Er schilderte darin die letzten Wochen seines Freundes David Hume, der im August gestorben war: wie er in Lukians Totengesprächen las, mit seinen Freunden über mögliche Ausreden gegenüber dem Fährmann Charon scherzte und dem Tod ohne Angst und ohne Jenseitsglauben entgegensah. Smith schloss mit dem Urteil, Hume sei dem Ideal eines vollkommen weisen und tugendhaften Menschen so nahe gekommen, wie es die menschliche Schwäche vielleicht zulasse.

Der Brief wurde gedruckt und löste einen Sturm aus. Vier Jahre später klagte Smith in einem Schreiben an den Dänen Andreas Holt, dieses eine Blatt habe ihm zehnmal mehr Schmähungen eingetragen als sein sehr heftiger Angriff auf das gesamte Handelssystem Großbritanniens (eigene Übersetzung). Gemeint war der Wohlstand der Nationen. Für Freiheitsfreunde ist Hume aus einem anderen Grund wichtig als für seine frommen Gegner: Er hat eindringlich beschrieben, wie Eigentum, Recht und Geld entstehen, ohne dass jemand sie erfindet.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 7. Mai 1711 in Edinburgh bis 25. August 1776 in Edinburgh
  • Wirken: Philosoph, Historiker und Ökonom der Schottischen Aufklärung; Bibliothekar der Advocates‘ Library (1752 bis 1757), Sekretär des britischen Botschafters in Paris (1763 bis 1766), Unterstaatssekretär (1767 bis 1768)
  • Hauptwerke: A Treatise of Human Nature (1739/40), Essays, Moral and Political (ab 1741), Political Discourses (1752), The History of England (1754 bis 1762)
  • In einem Satz: Er zeigte, dass die tragenden Regeln einer freien Gesellschaft aus Erfahrung wachsen und dass jede Herrschaft auf der Meinung der Beherrschten ruht.

Ein Philosoph ohne Lehrstuhl

Hume war der zweite Sohn eines Gutsbesitzers aus Ninewells in Berwickshire, nahe der englischen Grenze. 1734 versuchte er sein Glück bei Kaufleuten in Bristol und fand diese Welt, wie er später schrieb, völlig ungeeignet für sich. Er ging nach Frankreich, zuerst nach Reims und dann in das Städtchen La Flèche im Anjou, und begann dort mit 23 Jahren sein Hauptwerk. Der Traktat über die menschliche Natur erschien 1739 und 1740 anonym und fiel nach Humes eigenem Spott „totgeboren aus der Presse“, was stark übertrieben war.

Eine Professur bekam er nie. 1745 in Edinburgh und 1751 in Glasgow scheiterten seine Bewerbungen an seinem Ruf als Religionskritiker. Er lebte stattdessen als Bibliothekar der Anwaltskammer in Edinburgh und als Schriftsteller. Seine Essays und die sechsbändige Geschichte Englands fanden viele Leser, und seine Schriften machten ihn, wie er selbst festhielt, nicht nur unabhängig, sondern wohlhabend.

1763 holte ihn der Botschafter Lord Hertford als Privatsekretär nach Paris, 1765 wurde er förmlich Botschaftssekretär. 1766 nahm er den verfolgten Jean-Jacques Rousseau mit nach England, was in einem Zerwürfnis endete, und 1767 diente er für etwa ein Jahr als Unterstaatssekretär in London. Mit Adam Smith verband ihn seit etwa 1750 eine Freundschaft, die bis zu seinem Tod hielt. Sich selbst beschrieb Hume am Ende seines Lebens als einen Mann von milder Gemütsart, der sein Temperament im Griff hatte.

Regeln, die niemand erfunden hat

Humes wichtigster Beitrag zur politischen Philosophie steht im dritten Buch des Traktats. Er fragt dort, woher Gerechtigkeit und Eigentum kommen, und antwortet mit einem Bild, das man nicht mehr vergisst: „Two men, who pull the oars of a boat, do it by an agreement or convention, tho‘ they have never given promises to each other“ (Traktat 3.2.2.10). Zwei Männer, die gemeinsam rudern, folgen also einer Übereinkunft, ohne einander je etwas versprochen zu haben. Auf dieselbe Weise, fährt Hume fort, bilden sich Sprachen allmählich heraus, und so werden Gold und Silber zum allgemeinen Tauschmittel.

Eigentum entsteht nach diesem Muster aus der wiederholten Erfahrung, dass alle besser fahren, wenn jeder behalten darf, was er hat. Hume fasst das Ergebnis in drei Grundgesetzen zusammen: die Beständigkeit des Besitzes, seine Übertragung durch Zustimmung und die Erfüllung von Versprechen (3.2.6.1). Er nennt diese Regeln künstlich, weil Menschen sie hervorgebracht haben, und fügt sofort hinzu, dass sie deshalb nicht beliebig sind: „Tho‘ the rules of justice be artificial, they are not arbitrary“ (3.2.1.19).

Mehr als zwei Jahrhunderte später hielt Friedrich August von Hayek einen Vortrag über Humes Rechts- und Staatsphilosophie. Er nannte sie darin die wahrscheinlich einzige umfassende Darstellung jener Rechts- und Staatslehre, die später als Liberalismus bekannt wurde (1963, eigene Übersetzung). Hayeks eigene Lehre von der spontanen Ordnung, nach der die wertvollsten Einrichtungen einer Gesellschaft aus menschlichem Handeln, aber nicht aus menschlichem Entwurf hervorgehen, beruft sich ausdrücklich auf diesen Vorgänger.

Der Passagier, der im Schlaf an Bord kam

Im Essay Of the Original Contract von 1748 nahm Hume sich die Lieblingsidee seines Jahrhunderts vor. John Locke und andere hatten die Pflicht zum Gehorsam auf einen Vertrag gegründet, dem die Bürger zugestimmt hätten. Hume prüfte diese Behauptung an der Geschichte und kam zu dem Befund, dass fast alle Regierungen, die es gibt oder von denen berichtet wird, ursprünglich auf Usurpation oder Eroberung oder auf beidem beruhen.

Besonders scharf wurde er bei der Idee der stillschweigenden Zustimmung, nach der jeder, der sein Land nicht verlässt, der Herrschaft zustimmt. Ebenso gut, schrieb er, könne man behaupten, ein Mann stimme der Herrschaft des Kapitäns frei zu, weil er an Bord bleibe, „though he was carried on board while asleep, and must leap into the ocean, and perish, the moment he leaves her“. Abschaffen wollte Hume die Regierung damit keineswegs, wohl aber ihre Begründung ehrlich machen. Das Bild vom schlafenden Passagier gilt seither vielen als eines der stärksten Argumente gegen jede Theorie, die aus bloßem Dableiben Einverständnis macht.

Die Macht der Meinung

Ein zweiter Gedanke aus den frühen Essays reicht noch weiter. In Of the First Principles of Government von 1741 wundert sich Hume über die Leichtigkeit, mit der die Vielen von den Wenigen regiert werden. Seine Erklärung: „As Force is always on the side of the governed, the governors have nothing to support them but opinion.“ Das gelte, so fügt er hinzu, für die despotischsten und militärischsten Regierungen ebenso wie für die freiesten.

Zweihundert Jahre später kam Ludwig von Mises in Human Action auf einem anderen Weg zu einem verwandten Ergebnis: Ein dauerhaftes Regierungssystem müsse auf einer Weltanschauung ruhen, die von der Mehrheit anerkannt wird. Mises nennt Hume an dieser Stelle nicht, doch beide verlegen die Entscheidung über Freiheit und Unfreiheit in die Köpfe der Regierten.

Wie realistisch Hume über Macht dachte, zeigt eine Regel aus Of the Independency of Parliament. Beim Entwurf einer Verfassung, schrieb er, solle man annehmen, dass „every man ought to be supposed a knave“, also jeder ein Schurke sei, der in allem nur seinen privaten Vorteil sucht. Gute Institutionen erkennt man nach dieser Regel daran, dass sie auch dann noch funktionieren, wenn die Amtsinhaber keine Engel sind.

Handel ohne Neid

Auch über Handel und Geld schrieb Hume vor Adam Smith Grundlegendes. In den Political Discourses von 1752 wandte er sich gegen die merkantilistische Lehre, ein Land werde reich, indem es Gold anhäuft und Einfuhren drosselt. Er machte dazu ein Gedankenexperiment: Verlöre Großbritannien über Nacht vier Fünftel seines Geldes, so würden Löhne und Preise entsprechend sinken, britische Waren würden im Ausland unschlagbar billig, und das Geld flösse zurück, bis das Land wieder auf dem Stand seiner Nachbarn wäre (Of the Balance of Trade). Eine Politik, die dauernde Überschüsse erzwingen will, kämpft demnach gegen einen Mechanismus, den sie nicht abschalten kann.

In Of the Jealousy of Trade ging er einen Schritt weiter und wandte sich gegen den Neid der Nationen aufeinander. Ein wohlhabender Nachbar ist nach seiner Überzeugung ein besserer Handelspartner als ein armer, und so schloss er mit einem Bekenntnis, das für seine Zeit kühn war: „not only as a man, but as a British subject, I pray for the flourishing commerce of Germany, Spain, Italy, and even France itself“.

Ebenso klar sah Hume die Gefahren wachsender Staatsschulden. In Of Public Credit steht der oft zitierte Satz, entweder müsse die Nation den öffentlichen Kredit zerstören, oder der öffentliche Kredit werde die Nation zerstören. Und in Of the Rise and Progress of the Arts and Sciences findet sich ein Gedanke, der Freunde kleiner Einheiten freuen wird: Nichts sei dem Aufblühen von Bildung und Gesittung günstiger als eine Anzahl benachbarter, unabhängiger Staaten, die durch Handel und Politik miteinander verbunden sind.

Was Freiheitsfreunde von Hume lernen können

Die erste Lehre ist Bescheidenheit gegenüber jedem großen Plan. Die wertvollsten Einrichtungen einer Gesellschaft, Eigentum, Vertrag, Geld und Sprache, hat niemand am Schreibtisch entworfen. Sie haben sich bewährt, weil Menschen sie über Generationen benutzt und verbessert haben, und wer sie nach einem Entwurf umbauen will, zerstört leicht mehr, als er versteht. Hayek hat diese Einsicht in seine Kritik an der Vorstellung aufgenommen, Vernunft könne eine Gesellschaft von Grund auf neu konstruieren.

Zweitens zeigt Hume, dass sich Freiheit auch ohne metaphysische Gewissheiten verteidigen lässt. Seine Argumente für Eigentum, Handel und begrenzte Regierung kommen aus Erfahrung und Geschichte, und gerade deshalb überzeugen sie auch Menschen, die mit Naturrecht wenig anfangen können.

Drittens lehrt er Realismus gegenüber den Regierenden. Eine Verfassung muss damit rechnen, dass Macht zum eigenen Vorteil genutzt wird, und sie muss so gebaut sein, dass auch eigennützige Amtsinhaber wenig Schaden anrichten. Der Historiker Douglass Adair hat 1957 die vielbeachtete These vertreten, James Madison habe für seine Verteidigung der großen Republik im zehnten der Federalist Papers auf Humes Essay Idea of a Perfect Commonwealth zurückgegriffen. Wenn das zutrifft, steckt ein Stück Hume im Fundament der amerikanischen Verfassung.

Zum vollständigen Bild gehören zwei dunkle Stellen. In einer Fußnote zum Essay Of National Characters äußerte er 1753 die Vermutung, Schwarze seien Weißen von Natur aus unterlegen, eine Behauptung, der James Beattie schon 1770 entschieden widersprach; in der postumen Ausgabe von 1777 ist die Stelle abgeschwächt, aber nicht gestrichen. Ein erst 2014 veröffentlichter Brief zeigt zudem, dass er 1766 Lord Hertford zum Kauf einer Plantage auf Grenada ermutigte, auf der Sklaven arbeiteten. Seine Einsichten über spontane Ordnung, Handel und Herrschaft hängen nicht an dieser Fußnote und diesem Brief, doch wer ihn würdigt, sollte beide kennen.

Ein heiterer Abschied

Hume war kein Gegner des Staates. Umso bemerkenswerter ist, dass ein Philosoph, der von der Erfahrung ausging, zu dem Ergebnis kam, dass die tragenden Regeln der Gesellschaft von unten wachsen, dass Handel Nachbarn reicher macht und dass jede Regierung von der Meinung derer lebt, die sie regiert. Er erreichte das ohne Lehrstuhl, allein mit Büchern, die er für ein breites Publikum schrieb.

Dazu passt das Bild, das Adam Smith überliefert hat: der kranke Hume, der in Lukian liest und mit Charon um ein wenig Aufschub verhandelt, um noch zu sehen, wie seine verbesserten Werke aufgenommen werden. Es ist die Gelassenheit eines Denkers, der darauf vertraute, dass Menschen ihre Ordnung aus Erfahrung selbst finden, und dieses Vertrauen hat er allen Freunden der Freiheit hinterlassen.

Zum Weiterlesen

  • David Hume: A Treatise of Human Nature, Buch III, Teil 2 (deutsch: Ein Traktat über die menschliche Natur, Meiner, Hamburg)
  • David Hume: Essays, Moral, Political, and Literary, hrsg. von Eugene F. Miller, Liberty Fund, Indianapolis 1987
  • Friedrich August von Hayek: „The Legal and Political Philosophy of David Hume“, in: Il Politico 28 (1963)
  • Dennis C. Rasmussen: The Infidel and the Professor. David Hume, Adam Smith, and the Friendship That Shaped Modern Thought, Princeton University Press, Princeton 2017

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Hume, David: A Treatise of Human Nature, John Noon, London 1739–1740; zitiert nach Hume Texts Online (T 3.2.1.19, 3.2.2.10, 3.2.6.1), https://davidhume.org/texts/t/
  • Hume, David: Essays, Moral, Political, and Literary, hrsg. von Eugene F. Miller, Liberty Fund, Indianapolis 1987 (darin Of the First Principles of Government, Of the Independency of Parliament, Of the Rise and Progress of the Arts and Sciences, Of National Characters, Of the Original Contract, Of the Balance of Trade, Of the Jealousy of Trade, Of Public Credit, Idea of a Perfect Commonwealth); Texte nach https://davidhume.org/texts/empl1/ und https://davidhume.org/texts/empl2/
  • Hume, David: Political Discourses, A. Kincaid & A. Donaldson, Edinburgh 1752.
  • Hume, David: My Own Life, London 1777, https://davidhume.org/texts/mol/
  • Smith, Adam: Brief an William Strahan, Kirkcaldy, 9. November 1776, https://econlib.org/book-chapters/chapter-letter-from-adam-smith-l-l-d-to-william-strahan-esq
  • Smith, Adam: Brief an Andreas Holt, 26. Oktober 1780, in: The Correspondence of Adam Smith, hrsg. von E. C. Mossner und I. S. Ross, Glasgow Edition, Oxford 1977 (Liberty Fund 1987), Brief 208.
  • Waldmann, Felix (Hrsg.): Further Letters of David Hume, Edinburgh Bibliographical Society, Edinburgh 2014.
  • Beattie, James: An Essay on the Nature and Immutability of Truth, Kincaid & Bell, Edinburgh 1770.
  • Mises, Ludwig von: Human Action, Kap. IX, Abschnitt 3 „Might“, https://www.econlib.org/library/Mises/HmA/msHmA9.html
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: „David Hume“, https://plato.stanford.edu/entries/hume/
  • University of Edinburgh, Our History: „David Hume (1711-1776)“, https://ourhistory.is.ed.ac.uk/index.php/David_Hume_(1711-1776)
  • National Library of Scotland: David Hume und die Advocates‘ Library, https://nls.uk/exhibitions/david-hume/advocates-library-ex-libris
  • Hayek, Friedrich August von: „The Legal and Political Philosophy of David Hume“, in: Il Politico 28 (1963); Nachdruck in V. C. Chappell (Hrsg.): Hume, Anchor Books, Garden City 1966; vgl. https://oll.libertyfund.org/publications/liberty-matters/2018-01-11-hume-a-hayekian
  • Rasmussen, Dennis C.: The Infidel and the Professor. David Hume, Adam Smith, and the Friendship That Shaped Modern Thought, Princeton University Press, Princeton 2017.
  • Adair, Douglass: „’That Politics May Be Reduced to a Science‘: David Hume, James Madison, and the Tenth Federalist“, in: Huntington Library Quarterly 20 (1957), S. 343–360.
  • Immerwahr, John: „Hume’s Revised Racism“, in: Journal of the History of Ideas 53 (1992).
  • Institute for Advanced Studies in the Humanities, Edinburgh: „David Hume and slavery“ (zu Waldmanns Fund), https://www.iash.ed.ac.uk/node/5992

Beitragsbild: David Hume (KI-Illustration)

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