Im Juni 1776 wohnte ein 33 Jahre alter Abgeordneter aus Virginia zur Untermiete bei einem Mr. Graaf in Philadelphia. Das Haus war neu, aus Backstein und drei Stockwerke hoch, und Thomas Jefferson hatte darin den ersten Stock gemietet, ein möbliertes Wohnzimmer mit Schlafkammer. In diesem Wohnzimmer, so erinnerte er sich fast fünfzig Jahre später, habe er gewöhnlich geschrieben, und dort auch jenes Papier. Sein tragbares Schreibpult, das heute im National Museum of American History in Washington steht, hatte der Tischler Benjamin Randolph nach Jeffersons eigenem Entwurf gebaut.
Der Kontinentalkongress hatte am 11. Juni einen Ausschuss von fünf Männern eingesetzt, der eine Erklärung der Unabhängigkeit vorbereiten sollte. Jefferson, das zweitjüngste Mitglied, schrieb den Entwurf. Mit wenigen Änderungen von John Adams und Benjamin Franklin ging er am 28. Juni an den Kongress, der ihn kürzte, überarbeitete und am Abend des 4. Juli annahm. Eine Passage fiel dabei ganz heraus: Jeffersons Anklage gegen den Sklavenhandel. Sie sei gestrichen worden, schrieb er später, aus Rücksicht auf South Carolina und Georgia, die diesen Handel fortsetzen wollten. Dabei besaß der Mann, der sie geschrieben hatte, selbst Sklaven.
Steckbrief
- Lebensdaten: 13. April 1743 in Shadwell (Virginia) bis 4. Juli 1826 in Monticello (Virginia)
- Ämter: Abgeordneter in Virginia und im Kontinentalkongress, Gouverneur von Virginia (1779 bis 1781), Gesandter in Frankreich (1784 bis 1789), Außenminister (1790 bis 1793), Vizepräsident (1797 bis 1801), dritter Präsident der Vereinigten Staaten (1801 bis 1809)
- Hauptwerke: Unabhängigkeitserklärung (1776), Gesetz Virginias über die Religionsfreiheit (Entwurf 1777, beschlossen 1786), Notes on the State of Virginia (1785), Entwurf der Kentucky-Resolutionen (1798)
- Gründung: University of Virginia (Charta 1819, Lehrbetrieb ab 1825)
- In einem Satz: Er schrieb die Freiheit des Einzelnen in die Gründungsurkunde einer Nation und lebte zugleich von der Unfreiheit anderer.
Ein Pflanzer, der Bücher sammelte
Jefferson wurde 1743 auf Shadwell geboren, dem Gut seiner Eltern im Albemarle County. Er studierte am College of William and Mary, lernte das Recht bei George Wythe und saß ab 1769 im Parlament der Kolonie. Im selben Jahr begann er den Bau von Monticello. Durch die Heirat mit Martha Wayles Skelton erbte er 1773 aus dem Nachlass ihres Vaters mehr als 11.000 Acres Land, 135 versklavte Menschen und einen großen Schuldenberg.
Nach Ämtern als Gouverneur, Gesandter in Paris, Außenminister und Vizepräsident wurde er 1801 Präsident. Nachdem britische Truppen 1814 das Kapitol in Washington niedergebrannt hatten, verkaufte er dem Kongress 1815 seine Bibliothek von mehreren tausend Bänden, die zum Grundstock der heutigen Library of Congress in ihrer thematischen Breite wurde. Er starb am 4. Juli 1826, genau fünfzig Jahre nach der Annahme der Erklärung, am selben Tag wie John Adams.
Rechte, die älter sind als jede Regierung
Der zweite Absatz der Erklärung enthält eine ganze politische Philosophie (Übersetzung der Redaktion): „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt sind, die ihre gerechte Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten.“ Wird eine Regierung diesen Zwecken zerstörerisch, so heißt es weiter, hat das Volk das Recht, sie zu ändern oder abzuschaffen.
Die Reihenfolge ist entscheidend. Zuerst sind die Rechte da, dann kommt die Regierung, und sie ist nur ein Werkzeug, um sie zu schützen. John Locke, dessen Gedanken hier unüberhörbar sind, hatte vom Recht des Menschen gesprochen, sein Leben, seine Freiheit und sein Vermögen zu bewahren. Die Erklärung nennt stattdessen das Streben nach Glück. Man kann diese Formel als bescheidener und zugleich weiter lesen: Der Staat verspricht den Menschen kein Glück, er soll ihnen nur nicht im Weg stehen, wenn sie es auf ihre eigene Weise suchen.
Das Gewissen als freier Raum
Besonders beharrlich kämpfte Jefferson für die Freiheit des Glaubens. In den Notes on the State of Virginia (Query XVII) begründete er sie knapp: Die Rechte des Gewissens habe man der Regierung nie übertragen, die rechtmäßige Gewalt des Staates reiche nur bis zu Handlungen, die anderen schaden. „Es schadet mir nicht, wenn mein Nachbar sagt, es gebe zwanzig Götter oder keinen. Es greift mir weder in die Tasche noch bricht es mir das Bein.“ Gegen Irrtum hülfen allein Vernunft und freie Untersuchung.
Diese Überzeugung goss er in ein Gesetz. Seinen Entwurf eines Gesetzes über die Religionsfreiheit schrieb er 1777, eingebracht wurde er 1779, doch das Parlament vertagte ihn. Erst nach dem Streit um eine Steuer zugunsten aller christlichen Bekenntnisse brachte James Madison den Text erneut ein. Am 16. Januar 1786 beschloss ihn das Parlament von Virginia. Seither durfte in Virginia niemand mehr gezwungen werden, einen Gottesdienst zu besuchen oder eine Kirche zu bezahlen, und niemand durfte wegen seines Glaubens Nachteile erleiden. Als Präsident schrieb Jefferson 1802 an die Baptisten von Danbury in Connecticut, das amerikanische Volk habe mit dem Ersten Zusatzartikel der Verfassung eine Mauer der Trennung zwischen Kirche und Staat errichtet.
Die Erde gehört den Lebenden
Im Kabinett Washingtons stritt Jefferson mit Finanzminister Alexander Hamilton, der eine starke Bundesregierung wollte, gestützt auf eine große Staatsschuld und eine Nationalbank. In einem Gutachten von 1791 hielt Jefferson die Bank für verfassungswidrig: Die Verfassung erlaube dem Kongress nur die ihm übertragenen Befugnisse, und eine Bank sei für deren Ausübung nicht notwendig. Wer einen einzigen Schritt über diese Grenzen hinaus tue, nehme ein grenzenloses Feld der Macht in Besitz.
Schon 1789 hatte er aus Paris an Madison geschrieben, die Erde gehöre den Lebenden zur Nutzung. Daraus folgte für ihn, dass keine Generation Schulden machen dürfe, die größer sind, als sie in ihrer eigenen Lebenszeit zurückzahlen kann.
Zeitungen ohne Regierung
1798 verabschiedete der Kongress die Alien and Sedition Acts, nach denen auch Kritiker der Regierung verurteilt wurden. Jefferson, damals Vizepräsident, schrieb ohne seinen Namen einen Entwurf für das Parlament von Kentucky. Darin heißt es, wo die Bundesregierung Befugnisse an sich ziehe, die ihr nicht übertragen wurden, seien ihre Akte unwirksam, und das rechtmäßige Mittel dagegen sei, sie für nichtig zu erklären. Kentucky nahm den Text in abgeschwächter Form und ohne das Wort für Nichtigerklärung an, und dass Jefferson ihn verfasst hatte, wurde erst später bekannt.
Die Pressefreiheit lag ihm schon lange am Herzen. Müsste er wählen zwischen einer Regierung ohne Zeitungen und Zeitungen ohne Regierung, schrieb er 1787 an Edward Carrington, würde er keinen Augenblick zögern, das Zweite vorzuziehen. Als Präsident begnadigte er die zehn Verurteilten, die nach den Sedition Acts noch im Gefängnis saßen.
Eine weise und sparsame Regierung
In seiner ersten Antrittsrede am 4. März 1801 beschrieb Jefferson, was er unter guter Regierung verstand, sinngemäß: eine weise und sparsame Regierung, welche die Menschen daran hindert, einander zu schaden, sie im Übrigen frei ihren eigenen Wegen in Erwerb und Fortschritt folgen lässt und dem Arbeiter nicht das Brot vom Munde nimmt, das er verdient hat.
Mit seinem Finanzminister Albert Gallatin setzte er vieles davon um. Heer und Flotte wurden stark verkleinert, die meisten inneren Bundessteuern fielen weg, darunter 1802 die Whiskeysteuer, und der Bund lebte fortan vor allem von Zöllen und Landverkäufen. Obwohl er Frankreich 15 Millionen Dollar für Louisiana zahlte, sank die Bundesschuld während seiner Amtszeit von rund 80 auf 57 Millionen Dollar.
Ganz treu blieb er seinen Grundsätzen nicht. Dass die Verfassung den Erwerb fremden Gebiets nicht vorsah, wusste er, und er schrieb selbst, mit dem Kauf von Louisiana habe die Regierung etwas getan, das über die Verfassung hinausgehe. Das Embargo von Dezember 1807, das den Außenhandel verbot, um einen Krieg mit Großbritannien zu vermeiden, scheiterte: Die Exporte fielen von 108 auf 22 Millionen Dollar, Schifffahrt und Landwirtschaft litten schwer, in Neuengland blühte der Schmuggel.
Der Sklavenhalter von Monticello
Jefferson hat die Sklaverei als Übel bezeichnet und mehrfach gegen sie gehandelt. 1778 brachte er in Virginia ein Gesetz gegen die weitere Einfuhr von Sklaven ein, das angenommen wurde. Sein Entwurf für die Verwaltung der Westgebiete von 1784 sah vor, die Sklaverei dort nach 1800 zu verbieten, doch der Kongress strich diese Bestimmung. Als Präsident forderte er den Kongress 1806 auf, den Sklavenhandel zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu verbieten, den die Verfassung zuließ, und nannte ihn eine Verletzung der Menschenrechte. Das Verbot trat am 1. Januar 1808 in Kraft. In den Notes (Query XVIII) schrieb er über die Sklaverei: „Ich zittere für mein Land, wenn ich bedenke, dass Gott gerecht ist.“
Sein eigenes Leben folgte diesen Worten nicht. Im Lauf seines Lebens besaß Jefferson mehr als 600 versklavte Menschen, von denen er nur eine Handvoll freiließ; nach Angaben von Monticello waren es zu Lebzeiten zwei und in seinem Testament fünf. Mit Sally Hemings, einer von ihm versklavten Frau, begann er in Paris eine sexuelle Beziehung. Die Thomas Jefferson Foundation, Trägerin von Monticello, hält es seit 2000 für sehr wahrscheinlich, dass er der Vater aller sechs Kinder von Sally Hemings war, und hat diese Einschätzung nach eigener Darstellung 2018 bekräftigt. In den Notes (Query XIV) äußerte er „nur als Vermutung“, Schwarze seien Weißen an Körper und Geist unterlegen, und ein Zusammenleben beider in Freiheit hielt er für unmöglich, weshalb er die Befreiung mit einer Aussiedlung der Freigelassenen verbinden wollte. Nach seinem Tod wurden ab Januar 1827 zur Tilgung seiner Schulden von über 107.000 Dollar versklavte Menschen aus Monticello versteigert, nach Angaben der Stiftung rund hundert, in späteren Verkäufen weitere.
Diese Tatsachen gehören zu seinem Bild. Mit dem Hinweis auf seine Zeit lassen sie sich nicht auflösen, denn den Maßstab, an dem sie zu messen sind, hat er selbst formuliert.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre steht im zweiten Absatz der Erklärung: Rechte gehen dem Staat voraus, und eine Regierung ist nur so lange rechtmäßig, wie sie diese Rechte schützt.
Ebenso beständig ist sein Gedanke, dass der Staat dort aufhört, wo niemand geschädigt wird. Der Nachbar, der an zwanzig Götter oder an keinen glaubt, greift niemandem in die Tasche, und dieses Prinzip trägt weit über die Religion hinaus.
Sein Brief an Madison mahnt jede Regierung, die Schulden auf Kosten künftiger Generationen macht, und die Kentucky-Resolutionen erinnern daran, dass sich Grenzen der Macht leichter verteidigen lassen, wenn mehrere Ebenen einander kontrollieren.
Ein Satz, der größer war als sein Verfasser
Auf seinen Grabstein ließ Jefferson nur drei Leistungen schreiben: die Unabhängigkeitserklärung, das Gesetz über die Religionsfreiheit und die Gründung der University of Virginia. Dass er Präsident gewesen war, erwähnte er nicht.
Abraham Lincoln ehrte ihn 1859 dafür, mitten im Unabhängigkeitskampf eine abstrakte Wahrheit in ein bloß revolutionäres Dokument geschrieben zu haben, die für alle Menschen und alle Zeiten gilt. Martin Luther King verglich Verfassung und Unabhängigkeitserklärung 1963 mit einem Schuldschein, den Amerika seinen schwarzen Bürgern noch nicht eingelöst habe. Beide beriefen sich auf Jefferson, um zu verlangen, was er selbst Hunderten Menschen verweigert hatte. So erwies sich sein Satz als stärker als die Umstände, unter denen er geschrieben wurde, und stärker als der Mann, der ihn schrieb.
Zum Weiterlesen
- Thomas Jefferson: Notes on the State of Virginia (1785), online im Avalon Project der Yale Law School
- Thomas Jefferson: Erste Antrittsrede vom 4. März 1801, online im Avalon Project der Yale Law School
- Annette Gordon-Reed: The Hemingses of Monticello. An American Family, W. W. Norton, New York 2008
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Jefferson, Thomas u. a.: A Declaration by the Representatives of the United States of America, in General Congress Assembled, Philadelphia, 4. Juli 1776, https://avalon.law.yale.edu/18th_century/declare.asp
- Jefferson, Thomas: A Bill for Establishing Religious Freedom, Bericht vom 12. Juni 1779 (Entwurf 1777, Gesetz 16. Januar 1786), Papers 2, in: The Founders‘ Constitution, https://press-pubs.uchicago.edu/founders/documents/amendI_religions37.html
- Jefferson, Thomas: Notes on the State of Virginia, Privatdruck Paris 1785; John Stockdale, London 1787 (Query XIV, XVII, XVIII), https://avalon.law.yale.edu/18th_century/jeffvir.asp
- Jefferson, Thomas: Brief an Edward Carrington, 16. Januar 1787, Papers 11:48–49, https://press-pubs.uchicago.edu/founders/documents/amendI_speechs8.html
- Jefferson, Thomas: Brief an James Madison, Paris, 6. September 1789, https://press-pubs.uchicago.edu/founders/documents/v1ch2s23.html
- Jefferson, Thomas: Opinion on the Constitutionality of a National Bank, 1791, https://avalon.law.yale.edu/18th_century/bank-tj.asp
- Jefferson, Thomas: Entwurf der Kentucky-Resolutionen, 1798, https://press-pubs.uchicago.edu/founders/documents/v1ch8s41.html
- Jefferson, Thomas: Erste Antrittsrede, Washington, 4. März 1801, https://avalon.law.yale.edu/19th_century/jefinau1.asp
- Jefferson, Thomas: Brief an die Danbury Baptist Association, 1. Januar 1802, https://www.loc.gov/loc/lcib/9806/danpre.html
- Jefferson, Thomas: Brief an John Breckinridge, 12. August 1803, https://founders.archives.gov/documents/Jefferson/01-41-02-0139
- Jefferson, Thomas: Sechste Jahresbotschaft an den Kongress, 2. Dezember 1806, https://www.presidency.ucsb.edu/documents/sixth-annual-message
- Jefferson, Thomas: Autobiography, 1821, https://avalon.law.yale.edu/19th_century/jeffauto.asp
- Jefferson, Thomas: Brief an James Mease, 16. September 1825, https://founders.archives.gov/documents/Jefferson/98-01-02-5539
- Locke, John: Second Treatise of Government, 1689, §§ 87 und 123, https://www.gutenberg.org/ebooks/7370
- Lincoln, Abraham: Brief an Henry L. Pierce und andere, Springfield, 6. April 1859, https://www.abrahamlincolnonline.org/lincoln/speeches/pierce.htm
- King, Martin Luther: Rede „I Have a Dream“, Washington, 28. August 1963, https://www.npr.org/2010/01/18/122701268/i-have-a-dream-speech-in-its-entirety
- Looney, J. Jefferson / Dictionary of Virginia Biography: „Thomas Jefferson (1743–1826)“, Encyclopedia Virginia, https://encyclopediavirginia.org/entries/jefferson-thomas-1743-1826/
- Encyclopedia Virginia: „Virginia Statute for Establishing Religious Freedom (1786)“, https://encyclopediavirginia.org/entries/virginia-statute-for-establishing-religious-freedom-1786/
- Miller Center, University of Virginia: Thomas Jefferson, Domestic Affairs und Foreign Affairs, https://millercenter.org/president/jefferson
- Thomas Jefferson Foundation (Monticello): Jefferson and Sally Hemings; People Enslaved at Monticello Who Gained Their Freedom; The 1827 Dispersal Sale; Jefferson’s Debt; Spurious Quotations, https://www.monticello.org
- Smithsonian, National Museum of American History: Declaration of Independence Desk, https://www.si.edu/object/nmah_513641
- U.S. House of Representatives: Geschichte des Committee on Ways and Means (House Document 100-244), https://www.govinfo.gov/content/pkg/GPO-CDOC-100hdoc244/pdf/GPO-CDOC-100hdoc244-11.pdf
- Gordon-Reed, Annette: The Hemingses of Monticello. An American Family, W. W. Norton, New York 2008.
Beitragsbild: Thomas Jefferson (KI-Illustration)


3 Kommentare