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Raffael: Die Schule von Athen und die Würde der Vernunft

Raffael (Raffaello Sanzio)

Auf den Stufen in der Mitte des Bildes liegt ein halb entkleideter Mann quer, als ginge ihn die ganze gelehrte Versammlung über ihm wenig an. Man nennt ihn Diogenes, und dass ein Maler dem Spötter unter den Philosophen einen so sichtbaren Platz gab, und das im Palast des Papstes, sagt schon einiges über die Wand, die Raffael zwischen 1509 und 1511 im Vatikan malte. Dutzende Gelehrte der Antike stehen dort in einer weiten Halle, lesen, rechnen und reden miteinander.

Den Auftrag verdankte der junge Mann aus Urbino Julius II. Der Papst war im November 1507 in das obere Stockwerk des Palasts gezogen, weil er nicht in den Gemächern seines Vorgängers Alexander VI. wohnen wollte, und hatte mehrere bekannte Maler für die Ausmalung geholt. Raffael kam 1508 hinzu, und sein erstes Fresko gefiel so, dass Julius ihm die Räume allein übertrug. Ein Freiheitsprogramm hat Raffael nicht gemalt. Was er hinterließ, ist ein Bild des freien Gesprächs, eine klug organisierte und verbreitete Kunst und ein Brief, in dem er dem Papst vorhielt, was schon dessen Vorgänger am Erbe Roms zerstört hatten.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 1483 in Urbino bis 6. April 1520 in Rom
  • Wirken: Maler, Zeichner und Architekt der Hochrenaissance; ab 1508 in Rom im Dienst von Julius II. und Leo X., ab 1514 Architekt von Sankt Peter, ab 1515 Aufseher über die Marmore und Steine Roms
  • Hauptwerke: Fresken der Stanza della Segnatura mit der Schule von Athen (1509–1511), Stanza di Eliodoro und Stanza dell’Incendio (bis 1517), Teppichkartons für die Sixtinische Kapelle (1514–1516), Transfiguration (vollendet 1520), Brief an Leo X. über das antike Rom (1519, mit Baldassare Castiglione)
  • In einem Satz: Er malte der Vernunft einen Raum, in dem sie im Gespräch zu sich kommt, und sorgte dafür, dass seine Bilder weit über diesen Raum hinaus wirkten.

Ein Malersohn aus Urbino

Raffaello Santi war der Sohn des Malers Giovanni Santi, der im Dienst des Herzogs von Urbino stand. Die Mutter starb 1491, der Vater 1494. Nach Vasaris Lebensbeschreibung kam der Junge danach zu Pietro Perugino in die Lehre; ob er wirklich dessen Schüler war, ist nicht ganz sicher, unbestritten ist aber, wie stark Perugino seine frühen Bilder prägte.

Von 1504 an hielt er sich immer wieder in Florenz auf, studierte Leonardo da Vinci und Michelangelo und malte vor allem Madonnen und Porträts. Große Freskenaufträge erhielt er erst in Rom, wohin er 1508 ging und wo er bis zu seinem Tod blieb.

Philosophen im Gespräch

Die Wände der Stanza della Segnatura folgen der Ordnung, nach der man Bücher damals aufstellte, den vier Fakultäten der Universität. Die Theologie erhielt die Disputa, die Poesie den Parnass, die Rechtswissenschaft die Kardinaltugenden und die Übergabe der Gesetze, die Philosophie das Bild, das wir Schule von Athen nennen. Der Versammlung der Kirchenlehrer gegenüber bekamen die heidnischen Denker damit eine eigene, ebenso große Wand.

In der Mitte schreiten Platon und Aristoteles unter hohen Bögen nach vorn, deren Architektur an Bramantes Pläne für den neuen Petersdom erinnert. Platon trägt seinen Timaios und zeigt nach oben, Aristoteles hält seine Ethik und streckt die flache Hand über den Boden. Man liest die Gesten meist als zwei Wege zur Erkenntnis, die Welt der Ideen und die Beobachtung der Natur; andere Deuter sehen in der Hand des Aristoteles das rechte Maß zwischen den Extremen. Ringsum erkennen die Vatikanischen Museen Pythagoras beim Schreiben, Euklid, der seinen Schülern mit dem Zirkel etwas vorrechnet, und Zoroaster mit dem Himmelsglobus.

Niemand in diesem Bild hat das letzte Wort. Es gibt keinen Lehrer auf einem Katheder und keinen Richter, der den Streit entscheidet, und die Gruppen reden, zeigen und hören zu, jede an ihrer Frage. Man kann darin die Überzeugung sehen, dass Wahrheit im Austausch von Gründen gefunden wird und dafür viele Stimmen braucht, auch widersprechende. Raffael hat eine solche Absicht nirgends erklärt, es bleibt eine Deutung, doch das Bild kommt ihr weit entgegen.

Wer ist wer

Den Namen Schule von Athen hat Raffael dem Werk nicht gegeben. Giorgio Vasari, sein erster Biograf, beschrieb es als Szene, in der Theologen Philosophie und Astrologie mit der Theologie versöhnen, und sprach von Evangelisten. Noch 1798 verzeichnete man den Vorbereitungskarton als Paulus, der auf dem Areopag predigt.

Ähnlich steht es mit den berühmten Porträts. Vasari berichtet, der Mann mit dem Zirkel trage die Züge des Architekten Bramante, und am rechten Rand habe Raffael sich selbst mit schwarzem Barett gemalt. Dass Platon das Gesicht Leonardos trägt, sagt Vasari nicht, es ist eine lange Tradition und bleibt eine Deutung. Der grübelnde Mann, der vorn auf einen Marmorblock gestützt schreibt und meist Heraklit genannt wird, fehlt im großen Vorbereitungskarton in der Mailänder Ambrosiana und wurde erst nachträglich eingefügt. Die Tradition sieht in ihm Michelangelo, der zur selben Zeit nebenan die Decke der Sixtinischen Kapelle ausmalte, während ein Teil der Forschung ihn vorsichtiger einfach den Nachdenklichen nennt. Dass Künstler der eigenen Zeit unter den Weisen der Antike erscheinen, wird oft als Hommage an die Malerei gelesen, die damals darum rang, zu den freien Künsten des gebildeten Geistes gezählt zu werden statt zum Handwerk.

Im Dienst zweier Päpste

Seine größten Aufträge kamen vom Papst. Bis 1514 malte er die Stanza di Eliodoro, deren Programm nach Auskunft der Vatikanischen Museen den wunderbaren Schutz zeigen soll, den Gott der bedrohten Kirche gewährt. In der Vertreibung Heliodors aus dem Tempel sieht Julius II. von seinem Tragsessel aus zu, wie ein von Gott gesandter Reiter einen Tempelräuber niederwirft. In der Stanza dell’Incendio, die bis 1517 für Leo X. entstand, sollten die Fresken die Machtansprüche des wiedererstarkten Papsttums und den Vorrang der Kirche vor der weltlichen Gewalt ausdrücken.

Diese Bilder sind Herrschaftsdarstellung, wie sie die Maler seiner Zeit überall für ihre Auftraggeber schufen. Auf einen einzigen Herrn war er dabei nicht angewiesen. Sein wichtigster Auftraggeber neben dem Papst war der Bankier Agostino Chigi, einer der reichsten Männer der Renaissance, für dessen Kapellen und Villa am Tiber er arbeitete.

Eine Werkstatt für die Fülle der Aufträge

So viele Aufträge konnte ein Mann allein nicht bewältigen. Raffael baute deshalb eine Werkstatt auf, in der Schüler und Gehilfen nach seinen Entwürfen arbeiteten, und für die Loggien des Vatikans mit ihren Dutzenden kleiner Gewölbebilder warb er zusätzlich junge Maler an. Seine Arbeitsweise mit sorgfältig ausgeführten Kartons erlaubte es, die Ausführung anderen zu überlassen und die Erfindung doch in der eigenen Hand zu behalten.

Vasari schildert ihn als Meister, der jedem Maler half, der ihn um eine Zeichnung bat, und der nie zu Hof ging, ohne dass ihn etwa fünfzig Maler begleiteten; er habe gelebt „not like a painter, but like a prince“ (in der Übersetzung von Gaston de Vere). Das ist die Lobrede eines Bewunderers. Nüchterner klingt sein Bericht über das Testament: Den größten Teil des Nachlasses erhielten die Schüler Giulio Romano und Giovanni Francesco Penni, und die beiden führten nach Raffaels Tod seine Arbeiten im Vatikan zu Ende.

Bilder, die reisen lernten

Im Jahr 1510 kam der Kupferstecher Marcantonio Raimondi aus Bologna nach Rom. Er hatte zuvor in Venedig Holzschnitte Albrecht Dürers kopiert, und bis 1515 schuf er eine große Zahl von Stichen nach Raffaels Entwürfen. Den Bethlehemitischen Kindermord entwarf Raffael eigens für die Wiedergabe im Stich.

Vasari erzählt, Raffael habe nach dem Vorbild von Dürers Stichen zeigen wollen, was seine Kunst in diesem Medium vermöge. Mit Dürer tauschte er Werke aus, und eine Zeichnung mit Dürers Aufschrift von 1515 liegt heute in der Wiener Albertina. Die Stiche vertraute Raffael seinem Gehilfen Baviera an, und daraus entstand nach Vasari der Überfluss an Kupferstichen, wo vorher Mangel geherrscht hatte. Was bis dahin nur kannte, wer nach Rom reiste, gelangte nun auf Papier in ganz Europa. Raffael dankte dem Stecher auf seine Weise: In der Vertreibung Heliodors gab er einem der Männer, die den päpstlichen Sessel tragen, Marcantonios Züge.

Ein Brief für die Steine Roms

Nach Bramantes Tod wurde Raffael 1514 Architekt von Sankt Peter, und am 27. August 1515 ernannte Leo X. ihn zum Aufseher über alle Marmore und Steine. Er sollte Baumaterial für die Kirche beschaffen und zugleich antike Inschriften und Fragmente sichern, und daraus erwuchs der Plan, das antike Rom zu vermessen und jedes bedeutende Bauwerk in Grundriss, Außen- und Innenansicht zu zeichnen. Als Vorrede dazu entstand im Herbst 1519 ein Brief an den Papst, den Raffael mit seinem Freund Baldassare Castiglione verfasste, dem Autor des Cortegiano. Die Gedanken stammen von Raffael, die sprachliche Form vermutlich von Castiglione, unter dessen Werken der Brief lange lief, bis der Gelehrte Daniele Francesconi 1799 Raffaels Anteil nachwies.

Der Text ist bemerkenswert offen. Die Verfasser beklagen, dass auch frühere Päpste antike Bauten abreißen ließen, nur um Puzzolanerde zu gewinnen, vulkanischen Sand für Mörtel, und dass man Statuen zu Kalk verbrannte, sodass das neue Rom mit seinen Palästen und Kirchen, so schön es sei, „tutta è fatta di calce di marmi antichi“, ganz aus dem Kalk antiker Marmore bestehe. Sie bitten Leo X., dafür zu sorgen, dass das Wenige, was von dieser alten Mutter des Ruhms Italiens geblieben ist, nicht von Böswilligen und Unwissenden zerstört wird (Mantuaner Handschrift, S. 3 f., Übersetzung der Redaktion). Und sie erinnern ihn daran, dass aus dem Krieg der Untergang aller Wissenschaften und Künste folge, aus Frieden und Eintracht dagegen das Glück der Völker.

Hier schreibt ein Mann, der wusste, dass Macht das Erbe einer Kultur ebenso verschlingen wie fördern kann, und der dies dem Mächtigsten seiner Stadt sagen wollte. Was man später Denkmalschutz nannte, hat in diesem Brief eine seiner frühesten Begründungen gefunden. Den Plan konnte Raffael nicht mehr vollenden.

Was von Raffael bleibt

Raffael hat als Maler der Päpste ihren Anspruch auf Macht sichtbar gemacht, und wer ihn zum Vorkämpfer der Freiheit erklärt, muss die Stanza di Eliodoro übersehen. Die Schule von Athen gibt dem Gedanken eine Gestalt, dass Erkenntnis aus dem Gespräch vieler entsteht und dass Platon und Aristoteles, Mathematiker und Spötter nebeneinander gelten können, ohne dass jemand einen Schiedsrichter bestellt. Seine Werkstatt und die Arbeit mit Marcantonio zeigen, wie weit ein Künstler kam, der seine Arbeit klug organisierte, mehrere Auftraggeber hatte und seine Erfindungen vervielfältigen ließ, statt sie in einem einzigen Palast zu verschließen. Und der Brief an Leo X. erinnert daran, dass das Gedächtnis einer Kultur auch gegen jene verteidigt werden muss, die sich für seine Hüter halten.

Ein Grab im Pantheon

Raffael starb am 6. April 1520, einem Karfreitag, mit 37 Jahren; die Transfiguration, sein letztes großes Tafelbild, war vollendet. Auf eigenen Wunsch wurde er im Pantheon beigesetzt. Pietro Bembo schrieb ihm, so berichtet Vasari, einen Zweizeiler, den die Wiener Albertina so übersetzt: „Die Natur hatte Angst, als Raffael lebte, vor seinem Sieg; als er starb, dass sie sterbe mit ihm.“ Dass er in einem antiken Tempel ruht, der längst eine Kirche war, passt zu einem Maler, der den Philosophen der Heiden im Haus des Papstes einen Ehrenplatz gab.

Zum Weiterlesen

  • Raffael und Baldassare Castiglione: Lettera a Leone X, kritische Ausgabe von Francesco Paolo Di Teodoro, Olschki, Florenz 2020
  • Giorgio Vasari: Das Leben des Raffael, neu übersetzt von Victoria Lorini, hg. von Alessandro Nova, Wagenbach, Berlin 2004
  • Henry Keazor: Raffaels Schule von Athen. Von der Philosophenschule zur Hall of Fame, Wagenbach, Berlin 2021

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Raffael und Baldassare Castiglione: Brief an Papst Leo X. (Entwurf, 1519), Handschrift von Castiglione, Archivio di Stato di Mantova, Archivio Castiglioni, Acquisto 2016, b. 2, n. 12; Auszüge nach dem Erläuterungsblatt des Archivs, https://archiviodistatomantova.cultura.gov.it/fileadmin/risorse/Patrimonio_scan/Lettera_di_Baldassarre_Castiglione_a_papa_Leone_X.pdf
  • Francesco Paolo Di Teodoro (Hg.): Lettera a Leone X di Raffaello e Baldassarre Castiglione, Olschki, Florenz 2020
  • Raffael: Schule von Athen, Fresko, Stanza della Segnatura, Vatikan, 1509–1511; Vorbereitungskarton (Kohle und Bleiweiß, 285 × 804 cm), Pinacoteca Ambrosiana, Mailand
  • Giorgio Vasari: Vita di Raffaello da Urbino, in: Le vite de‘ più eccellenti pittori, scultori e architettori, 2. Aufl. Florenz 1568; englisch: Lives of the Most Eminent Painters, Sculptors and Architects, Bd. 4, übers. von Gaston du C. de Vere, London 1912–15, https://www.gutenberg.org/ebooks/28420
  • Giorgio Vasari: Das Leben des Raffael, neu übersetzt von Victoria Lorini, hg. von Alessandro Nova, Wagenbach, Berlin 2004
  • Albertina Wien: Pressemappe zur Ausstellung „Raffael“ (Saaltexte und Biografie), https://www.albertina.at/site/assets/files/1499/pressemappe_raffael.pdf
  • Musei Vaticani: Scuola di Atene, https://www.museivaticani.va/content/museivaticani/en/collezioni/musei/stanze-di-raffaello/stanza-della-segnatura/scuola-di-atene.html
  • Musei Vaticani: Stanza di Eliodoro und Cacciata di Eliodoro dal Tempio, https://www.museivaticani.va/content/museivaticani/it/collezioni/musei/stanze-di-raffaello/stanza-di-eliodoro/stanza-di-eliodoro.html
  • Veneranda Biblioteca Ambrosiana / Electa: Pressemappe „Il Raffaello dell’Ambrosiana. In principio il Cartone“, 2019, https://www.electa.it/content/uploads/2018/10/CARTELLA-STAMPA_-Il-Raffaello-dellAmbrosiana.pdf
  • Finestre sull’Arte: Raphael was the first superintendent in history. The letter to Leo X, https://www.finestresullarte.info/en/works-and-artists/raphael-was-the-first-superintendent-in-history-the-letter-to-leo-x
  • Treccani, Dizionario Biografico degli Italiani: Raimondi, Marcantonio, https://www.treccani.it/enciclopedia/marcantonio-raimondi_(Dizionario-Biografico)/
  • The National Gallery London: Raphael, https://www.nationalgallery.org.uk/artists/raphael
  • Henry Keazor: Raffaels Schule von Athen. Von der Philosophenschule zur Hall of Fame, Wagenbach, Berlin 2021

Beitragsbild: Raffael (KI-Illustration)

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