Im September 1841 saß John Bright, ein junger Fabrikant aus Rochdale, in einem Haus in Leamington und konnte vor Trauer kaum denken. Drei Tage zuvor war seine Frau gestorben. Da sprach Richard Cobden bei ihm vor, der zufällig bei Verwandten in der Stadt war. Er tröstete den Freund und sagte dann nach Brights späterer Erinnerung, in diesem Augenblick stürben in Tausenden englischer Häuser Frauen, Mütter und Kinder an Hunger. Wenn der erste Schmerz vorüber sei, solle Bright mit ihm kommen, und sie würden nicht ruhen, bis das Korngesetz aufgehoben sei.
Bright nahm die Einladung an, und er hat die Szene 1877 bei der Enthüllung von Cobdens Denkmal in Bradford selbst erzählt. Fünf Jahre nach dem Gespräch in Leamington waren die Kornzölle gefallen. Eine Bürgerbewegung hatte mit friedlichen Mitteln eine der mächtigsten Interessengruppen des Landes besiegt, und ihr Erfolg trug vor allem einen Namen.
Steckbrief
- Lebensdaten: 3. Juni 1804 in Dunford bei Midhurst (Sussex) bis 2. April 1865 in London
- Beruf: Kattunfabrikant in Manchester, Abgeordneter im Unterhaus 1841 bis 1857 und 1859 bis 1865
- Wirken: führender Kopf der Anti-Corn Law League, Unterhändler des britisch-französischen Handelsvertrags von 1860
- Hauptwerke: England, Ireland, and America (1835), Russia (1836), The Three Panics (1862), Political Writings (1867) und Speeches on Questions of Public Policy (1870), beide posthum
- In einem Satz: Er bewies, dass sich Freihandel gegen mächtige Interessen durchsetzen lässt, und sah in ihm vor allem ein Werkzeug des Friedens.
Ein Bauernsohn lernt den Handel
Cobden war das vierte von elf Kindern einer Bauernfamilie in Sussex. Der Vater war ein glückloser Landwirt, der den Hof Dunford verlor, und die Familie zog von Pachtstelle zu Pachtstelle. Mit zehn Jahren kam der Junge auf eine Schule in Yorkshire, wo er fünf Jahre lang schlecht ernährt, schlecht unterrichtet und schlecht behandelt wurde. Sein Biograf John Morley berichtet, Cobden habe später nicht über diese Zeit sprechen mögen.
Mit fünfzehn trat er als Gehilfe in das Londoner Lager eines Onkels ein, der mit Musselin und Kattun handelte, und reiste bald als Handlungsreisender durch das Land. Um 1831 übernahm er mit zwei Partnern eine Kattundruckerei in Sabden bei Clitheroe in Lancashire und ließ sich in Manchester nieder, dem Zentrum der Baumwollindustrie.
Wenig Politik, viel Verbindung
1835 veröffentlichte Cobden anonym, als „ein Fabrikant aus Manchester“, seine erste Flugschrift, England, Ireland, and America. 1836 folgte Russia, eine Antwort auf die Russlandfurcht, die vor allem der Publizist David Urquhart schürte. Darin griff er die Politik des Gleichgewichts der Mächte an, mit der Großbritannien Bündnisse schloss, Flotten unterhielt und sich in fremde Händel mischte.
Seine eigene Haltung fasste er dort in einen Leitsatz: „So wenig Verkehr wie möglich zwischen den Regierungen, so viel Verbindung wie möglich zwischen den Völkern der Welt“ (eigene Übersetzung). Der Satz wird oft der ersten Flugschrift zugeschrieben, steht aber in Russia. Schon in England, Ireland, and America hatte er den Handel ein Allheilmittel genannt, das wie eine segensreiche medizinische Entdeckung allen Völkern den Geschmack an der Zivilisation einimpfe (sinngemäß). Wer Waren tauscht, so sein Gedanke, braucht keine Kanonenboote, um Einfluss zu gewinnen.
Eine Liga gegen das teure Brot
Die Corn Laws von 1815 ließen ausländisches Getreide erst ins Land, wenn der Inlandspreis eine sehr hohe Schwelle erreichte; ab 1828 regelte eine gleitende Zollskala die Einfuhr. Davon profitierten die Grundbesitzer, deren Pachten am Getreidepreis hingen und die zugleich das Parlament beherrschten. Bezahlen mussten alle, die Brot kauften.
Im Oktober 1838 gründeten sieben Männer in einem Hotel in Manchester einen Verein gegen die Kornzölle. Cobden schloss sich sofort an, wurde in den Vorstand gewählt und blieb darin bis zum Ende der Kampagne. Im März 1839 entstand daraus die landesweite Anti-Corn Law League mit Sitz in Manchester. Ihr Ziel war die vollständige und sofortige Aufhebung der Korngesetze, und zwar ausschließlich mit legalen Mitteln: Ortsvereine, Vorträge, Flugschriften und Petitionen an das Parlament.
Was die Liga von früheren Protesten unterschied, war ihre Ausdauer und ihr Gespür für Organisation. Sie finanzierte Redner und Schriften und wandte sich immer wieder an die Wähler selbst. Besonders einfallsreich war ihr Plan für die ländlichen Wahlkreise: Wer dort ein Grundstück mit vierzig Shilling Jahreswert besaß, hatte das Wahlrecht. Die Liga ermunterte ihre Anhänger, solche kleinen Grundstücke zu erwerben, und bis Anfang 1845 kamen nach Morleys Angaben in Yorkshire, Lancashire und Cheshire vier- bis fünftausend neue Wähler auf die Listen. 1841 zog Cobden selbst für Stockport ins Unterhaus ein.
Der Sieg von 1846
Als 1845 die Kartoffelfäule in Irland eine Hungersnot auslöste, gab Premierminister Robert Peel seinen Widerstand auf. Im Januar 1846 kündigte er die Aufhebung der Kornzölle an, mit einer Übergangsfrist bis Februar 1849, danach blieb nur ein geringer Restzoll. Im Juni passierte das Gesetz beide Häuser. Peel verlor noch am selben Abend, an dem die Lords zustimmten, eine Abstimmung über ein irisches Zwangsgesetz.
Am 29. Juni 1846 erklärte er im Unterhaus seinen Rücktritt. Der Erfolg gebühre weder ihm noch der Opposition, sagte er, und dann folgte eine bemerkenswerte Würdigung des Mannes, der ihn jahrelang bekämpft hatte. Der Name, der mit dem Erfolg dieser Maßnahmen verbunden sein solle und sein werde, sei der eines Mannes, der aus reinen und uneigennützigen Motiven unermüdlich an die Vernunft appelliert habe, mit einer Beredsamkeit, die umso mehr Bewunderung verdiene, als sie ungekünstelt und schmucklos sei: der Name Richard Cobden (Hansard, eigene Übersetzung).
Handel als Band zwischen den Völkern
Für Cobden war das billigere Brot nur der erste Gewinn. Im Januar 1846 hatte er in Manchester gesagt, er halte den materiellen Vorteil des Freihandels für den kleinsten. Er sehe in ihm etwas, das auf die moralische Welt wirken werde wie die Schwerkraft im Universum: Es ziehe die Menschen zueinander, schiebe die Gegensätze von Herkunft, Glauben und Sprache beiseite und verbinde sie in den Banden des ewigen Friedens (Speeches, Bd. 1, eigene Übersetzung). Langfristig, so hoffte er, werde der Wunsch nach großen Reichen, riesigen Heeren und Flotten absterben.
Nach dem Sieg reiste Cobden ein Jahr lang durch Frankreich, Spanien, Italien, die deutschen Staaten und Russland und warb bei Staatsmännern für seine Sache. Zurück im Parlament, brachte er 1849 einen Antrag für internationale Schiedsgerichte ein und 1851 einen für gegenseitige Abrüstung, und er nahm an den Friedenskongressen jener Jahre teil. Den Krimkrieg lehnte er ab und nahm dafür, wie auch Bright, heftige Anfeindungen in Kauf.
1857 griff er im Unterhaus das britische Vorgehen gegen China an, nachdem die Marine wegen eines Zwischenfalls um das Schiff Arrow die Stadt Kanton beschossen hatte. Sein Antrag fand nach vier Debattentagen eine Mehrheit von sechzehn Stimmen gegen die Regierung Palmerston. Palmerston ließ neu wählen und gewann, Cobden unterlag in Huddersfield und Bright in Manchester.
Ein Vertrag ohne Amt
1859 wählte Rochdale ihn ohne Gegenkandidaten ins Parlament zurück, während er in Amerika war. Bei seiner Rückkehr in Liverpool erwartete ihn ein Brief Palmerstons mit dem Angebot, Präsident des Handelsamts mit Sitz im Kabinett zu werden. Cobden lehnte ab, weil er Palmerstons Außenpolitik zu oft öffentlich bekämpft hatte, um ihr nun als Minister zu dienen.
Stattdessen fuhr er ohne Amt nach Paris und warb gemeinsam mit dem französischen Ökonomen Michel Chevalier in einer Audienz bei Kaiser Napoleon III. für einen Handelsvertrag. Am 23. Januar 1860 wurde er unterzeichnet, die Einzelheiten der Zolltarife handelte Cobden bis zum November desselben Jahres aus. Frankreich senkte seine Zölle auf die meisten britischen Industriewaren auf höchstens dreißig Prozent, Großbritannien die seinen auf französischen Wein und Branntwein. Für Großbritannien war es der erste von acht Meistbegünstigungsverträgen der 1860er Jahre. Eine Baronetswürde und einen Sitz im Kronrat, die ihm als Dank angeboten wurden, schlug Cobden aus.
Ein Leben im Dienst einer Sache
Weil er seine Firma der Kampagne geopfert hatte, sammelten Anhänger 1846 zwischen 75.000 und 80.000 Pfund für ihn. Der größte Teil deckte die Verluste des Geschäfts, den Rest legte er in Aktien der Illinois Central Railroad an, deren Einzahlungen ihn bald mit Schulden belasteten. 1860 stellten Freunde ihm in aller Stille weitere 40.000 Pfund zur Verfügung. Die Liste der neunzig bis hundert Spender ließ er sich in einem versiegelten Umschlag geben, und nach seinem Tod fanden ihn die Testamentsvollstrecker ungeöffnet in seinem Schreibtisch.
In seiner letzten Rede, im November 1864 in Rochdale, blickte er auf eine neue Aufgabe. Wäre er jünger, sagte er sinngemäß, würde er Adam Smith zur Hand nehmen und eine Liga für Freihandel in Land gründen, so wie es eine für Freihandel in Korn gegeben habe. Gemeint war nach Morley vor allem die Abschaffung der Fideikommisse, also der Bindung großer Güter an die Familie, die Verkauf und Teilung verhinderte. Ein ausgearbeitetes Programm hinterließ er nicht. Richard Cobden starb am 2. April 1865 in London und wurde in West Lavington in Sussex beigesetzt. Ein Jahr später gründeten seine Freunde den Cobden Club unter dem Leitwort „Frieden, Freihandel und guter Wille unter den Völkern“.
Was Freiheitsfreunde von Cobden lernen können
Die erste Lehre betrifft den Zoll selbst. Cobden zeigte, dass ein Schutzzoll eine Steuer ist, die viele zahlen und wenige kassieren, und dass sie häufig die Ärmeren zugunsten der Wohlhabenden belastet. Er fasste das in das Bild vom teuren Brot, das jeder verstand. Wer heute über Agrarzölle, Strafzölle oder Industrieschutz streitet, findet bei ihm die Frage, die dabei meist untergeht: Wer bezahlt eigentlich?
Die zweite Lehre ist strategisch. Die Anti-Corn Law League hat gezeigt, dass Ideen der Freiheit gewinnen können, wenn sie hartnäckig, gut organisiert und verständlich vertreten werden. Cobden suchte kein Amt und lehnte mehrere ab. Er setzte auf die öffentliche Meinung und auf die Wähler, und er rechnete damit, dass ein Gesetz fällt, sobald genug Menschen es nicht mehr hinnehmen. Frédéric Bastiat hat das früh erkannt und 1845 mit Cobden et la Ligue die Kampagne dem französischen Publikum vorgestellt.
Am weitesten reicht seine Verbindung von Handel und Frieden. Regierungen, die sich aus den Händeln anderer heraushalten, und Völker, die frei miteinander tauschen, haben weniger Anlass zum Krieg. Cobden hat dafür seinen Sitz im Parlament riskiert und verloren, ohne seine Haltung zu ändern. Seine Hoffnung, der Handel werde Kriege bald überflüssig machen, hat sich nicht erfüllt, sein Grundgedanke trägt dennoch.
Brot, Frieden und Überzeugungskraft
Richard Cobden hinterließ kein großes System, wohl aber das Beispiel eines Unternehmers, der eine einfache Wahrheit so lange und so klug wiederholte, bis ein Parlament von Grundbesitzern sie gegen das eigene Interesse zum Gesetz machte. Dass dieser Erfolg ohne Gewalt und ohne Regierungsamt gelang, verleiht ihm Gewicht, gerade in Zeiten neuer Zölle und Handelsstreitigkeiten. Er zeigte den Menschen, wer ihr Brot verteuerte, und war überzeugt, dass Völker, die miteinander handeln, auch miteinander Frieden halten können.
Zum Weiterlesen
- Richard Cobden: The Political Writings of Richard Cobden, 2 Bände, Ridgway, London 1867 (darin England, Ireland, and America und Russia)
- Richard Cobden: Speeches on Questions of Public Policy, hrsg. von John Bright und J. E. Thorold Rogers, London 1870
- John Morley: The Life of Richard Cobden, London 1881, einbändige Ausgabe T. Fisher Unwin, London 1906
- Frédéric Bastiat: Cobden et la Ligue, ou l’agitation anglaise pour la liberté du commerce, Guillaumin, Paris 1845
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Cobden, Richard: England, Ireland, and America, „by a Manchester Manufacturer“, Ridgway, London 1835.
- Cobden, Richard: Russia, 1836 (Kapitel „The Balance of Power“).
- Cobden, Richard: The Political Writings of Richard Cobden, 2 Bde., Ridgway, London 1867, https://archive.org/details/politicalwriting01cobduoft (Bd. 1, S. 45 und S. 282–283).
- Cobden, Richard: Speeches on Questions of Public Policy, hrsg. von John Bright und J. E. Thorold Rogers, 2 Bde., London 1870; 3. Aufl. T. Fisher Unwin, London 1908, https://archive.org/details/speechesonquesti01cobduoft (Rede in Manchester, 15. Januar 1846, Bd. 1, S. 187).
- Hansard, House of Commons, 29. Juni 1846, „Resignation of the Ministry“ (Rede Robert Peels), Sp. 1054, https://api.parliament.uk/historic-hansard/commons/1846/jun/29/resignation-of-the-ministry
- Bright, John: Ansprache zur Enthüllung des Cobden-Denkmals in Bradford, 25. Juli 1877, zitiert nach Morley, Life of Richard Cobden, S. 190–191.
- Bastiat, Frédéric: Cobden et la Ligue, ou l’agitation anglaise pour la liberté du commerce, Guillaumin, Paris 1845, https://fr.wikisource.org/wiki/Cobden_et_la_ligue
- Morley, John: The Life of Richard Cobden, London 1881; einbändige Ausgabe T. Fisher Unwin, London 1906, https://archive.org/details/lifeofrichardcob00morliala
- Encyclopaedia Britannica, 11. Aufl. 1911: „Cobden, Richard“, https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Cobden,_Richard
- Encyclopaedia Britannica, 11. Aufl. 1911: „Bright, John“, https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Bright,_John
- Online Library of Liberty: Introduction to Cobden and the League (1845), https://oll.libertyfund.org/pages/introduction-to-cobden-and-the-league
- Wikipedia (en): Richard Cobden, https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Cobden (Einstieg und Abgleich)
- Wikipedia (en): Corn Laws, https://en.wikipedia.org/wiki/Corn_Laws
- Wikipedia (en): Cobden–Chevalier Treaty, https://en.wikipedia.org/wiki/Cobden%E2%80%93Chevalier_Treaty
Beitragsbild: Richard Cobden (KI-Illustration)

