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Deirdre McCloskey: Die Würde der gewöhnlichen Leute

Symbolbild: Kontortisch eines niederländischen Kaufmanns mit Waage, Münzen und Schiffsmodell

Bis etwa 1800 verdiente und verbrauchte ein Mensch im weltweiten Durchschnitt, umgerechnet in heutige Preise, zwei oder drei Dollar am Tag. Dann setzte erst in Holland, danach in England und bald in weiteren Teilen Europas und Nordamerikas eine Entwicklung ein, für die es kein Vorbild gab. In den reichen Ländern liegt das reale Einkommen pro Kopf heute rund dreißigmal so hoch wie damals, und auch der Weltdurchschnitt hat sich etwa verzwanzigfacht.

Deirdre McCloskey nennt diesen Vorgang die Große Bereicherung, und sie hält ihn für das wichtigste weltliche Ereignis seit der Zähmung von Weizen und Pferden. In ihrer Erklärung, ausgebreitet in drei umfangreichen Bänden, spielen Handel, Kolonien und angehäuftes Kapital bloß Nebenrollen. Die Hauptrolle spielt ein Wandel der Ideen: Man begann, gewöhnlichen Menschen zu erlauben, ihr Glück mit einer neuen Idee zu versuchen, und man begann, sie dafür zu achten.

Steckbrief

  • Lebensdaten: geboren am 11. September 1942 in Ann Arbor, Michigan
  • Wirken: Ökonomin und Wirtschaftshistorikerin; lehrte an der University of Chicago (1968 bis 1980), der University of Iowa (1980 bis 1999) und der University of Illinois at Chicago (2000 bis 2015, seither emeritiert); seit 2023 Inhaberin des Isaiah Berlin Chair in Liberal Thought am Cato Institute in Washington
  • Hauptwerke: The Rhetoric of Economics (1985), Crossing (1999), The Bourgeois Virtues (2006), Bourgeois Dignity (2010), Bourgeois Equality (2016), Why Liberalism Works (2019), Leave Me Alone and I’ll Make You Rich (2020, mit Art Carden), Equality of Permission (2026)
  • Selbstbeschreibung: christliche klassische Liberale, ehemals Marxistin
  • In einem Satz: Sie erklärt den modernen Wohlstand aus der Freiheit und Würde, die man gewöhnlichen Menschen zugestand.

Ein Weg über viele Fächer

McCloskey ist die Tochter des Harvard-Politologen Robert G. McCloskey und studierte in Harvard Volkswirtschaft. 1970 wurde sie dort bei dem Wirtschaftshistoriker Alexander Gerschenkron promoviert. Ihre Dissertation ging einer alten Streitfrage nach: Haben die viktorianischen Unternehmer am Ende des 19. Jahrhunderts versagt, als Deutschland und die Vereinigten Staaten aufholten? Am Beispiel der Eisen- und Stahlindustrie fand McCloskey dafür keinen Beleg. Großbritannien war früher industriell gereift, die Nachzügler wuchsen schneller, weil sie später angefangen hatten.

Zwölf Jahre lehrte sie an der University of Chicago, danach fast zwei Jahrzehnte an der University of Iowa und bis 2015 an der University of Illinois in Chicago, wo sie zugleich Professorin für Wirtschaft, Geschichte, Englisch und Kommunikation war. In The Rhetoric of Economics zeigte sie 1985, dass Ökonomen ihre Leser mit Metaphern, Vergleichen und Geschichten überzeugen, genauso wie mit Formeln, und dass ihre Zunft gut daran täte, das offen zuzugeben. Mit dem Ökonomen Stephen Ziliak kritisierte sie 2008, wie oft Ökonomen statistische Signifikanz mit wirtschaftlicher Bedeutung verwechseln.

1995 vollzog McCloskey, damals 53 Jahre alt, den Wechsel vom Mann zur Frau. Aus Donald wurde Deirdre, und in Crossing (1999) beschrieb sie diesen Weg mit großer Offenheit. Sich selbst bezeichnet sie mit gewohnter Lust an der Aufzählung als literarische, quantitative, postmoderne, marktfreundliche, progressiv-episkopalische, ehemals marxistische Frau aus dem Mittleren Westen, die einmal ein Mann war, und betont, konservativ sei sie nicht, wohl aber eine christliche klassische Liberale.

Dreitausend Prozent

Seit 1800 ist das reale Einkommen pro Kopf um rund 3.000 Prozent gestiegen. In einem Vortrag von 2016 übersetzt McCloskey das in Alltagsdinge: zehnmal bessere Ernährung, dreißigmal bessere Gesundheitsversorgung, hundertmal besseres Licht.

In Bourgeois Dignity (2010) geht McCloskey die üblichen Kandidaten der Reihe nach durch: Kapitalbildung, Außenhandel, Kolonialismus, Sklaverei, Geografie, Institutionen. Vieles davon gab es schon in Babylon, in China oder in der Antike, ohne dass dort eine Bereicherung um das Dreißigfache folgte. Kapital und Rechtsordnung hält sie für notwendig, und zwar etwa so, wie Arbeitskräfte, flüssiges Wasser und das Fortschreiten der Zeit notwendig sind. Ausreichend sind sie nicht, und das gilt für die linke Erklärung aus der Ausbeutung ebenso wie für die rechte aus dem fleißigen Sparen.

Was das Kapital erst produktiv machte, waren neue Einfälle. Ein Dorfschreiner, ein junger Telegrafist oder ein jugendlicher Computerbastler aus Seattle hatten eine Idee, und wenn sie sich lohnte, fand sich auch das Kapital. McCloskey borgt sich dafür ein Bild des Publizisten Matt Ridley: Ideen, die sich miteinander paaren.

Warum Holland, warum England

McCloskey datiert den Beginn auf Holland um 1600 und England um 1700, gefolgt von den nordamerikanischen Kolonien, Schottland, Belgien, Nordfrankreich und dem Rheinland. Ihre Antwort fasst sie in ein einziges Wort, Freiheit. „Befreite Menschen, so zeigt sich, sind erfinderisch“, heißt es in ihrem Vortrag von 2016 (eigene Übersetzung). Sklaven, Leibeigene, unterdrückte Frauen und Menschen, die in einer Hierarchie von Grundherren oder Bürokraten festsitzen, sind es nicht.

Durch eine Reihe historischer Zufälle zwischen der Reformation und der Französischen Revolution, die mit einer besonderen europäischen Tugend nichts zu tun hatten, wurden immer mehr Europäer aus solchen Bindungen gelöst. Zuerst änderten sich die Meinungen. In den Niederlanden und danach in Großbritannien setzte sich die Auffassung durch, dass Kaufleute, Handwerker und Erfinder, auf die Adel und Geistlichkeit jahrhundertelang herabgesehen hatten, ehrbare Leute seien. Im 19. Jahrhundert folgten Gesetze, die diese Auffassung in die Tat umsetzten: In Großbritannien wurden die Katholiken bürgerlich gleichgestellt, die Sklaverei in der Karibik abgeschafft und der Weizenimport freigegeben.

Die Gleichheit, die dabei entstand, nennt McCloskey schottisch, nach David Hume und Adam Smith. Gemeint ist Gleichheit vor dem Gesetz und Gleichheit der gesellschaftlichen Würde. Von der französischen Gleichheit der Ergebnisse, wie sie Rousseau oder in jüngerer Zeit Thomas Piketty vorschwebt, grenzt sie diese scharf ab. In ihren neueren Arbeiten spricht sie von einer Gleichheit der Erlaubnis: Frauen dürfen Pilotin werden, Berufszulassungen versperren niemandem den Weg, und jeder darf es versuchen.

Der bürgerliche Handel

Ihre Formel für diesen Wandel ist ein Angebot, das der Neuerer der Gesellschaft macht. McCloskey nennt es den bürgerlichen Handel, im Original Bourgeois Deal, und gibt ihn in der kürzesten Fassung so wieder: „Lasst mich es versuchen, und ich mache euch reich“ (eigene Übersetzung). An anderer Stelle schildert sie ihn als Stück in drei Akten: Zuerst behält der Erfinder die Gewinne seiner Neuerung, dann drücken Nachahmer diese Gewinne, und am Ende sind alle gewaltig besser gestellt. Den Buchtitel, den sie 2020 gemeinsam mit dem Ökonomen Art Carden wählte, kann man als Zusammenfassung lesen: Leave Me Alone and I’ll Make You Rich.

Das Wort Kapitalismus meidet McCloskey deshalb, so gut es geht. Es lege den falschen Gedanken nahe, die Moderne sei durch das Aufschichten von Kapital entstanden, Ziegel auf Ziegel, während doch Kapital schon im alten Mesopotamien angehäuft wurde. Sie spricht lieber von handelsgeprüfter Verbesserung und neuerdings von Innovismus. Gemeint ist eine Wirtschaft, in der jedes Jahr allein in amerikanischen Supermärkten Zehntausende neuer Produkte erprobt werden. Die meisten scheitern, und die wenigen, die sich bewähren, kommen allen zugute.

Tugenden des Marktes

McCloskeys Trilogie beginnt mit The Bourgeois Virtues (2006), einem Buch über Ethik. Die Verachtung für den Kaufmann ist alt, und sie beruht nach McCloskey auf dem Irrtum, der freiwillige Tausch habe keinen moralischen Wert. McCloskey hält dagegen, dass der Markt die sieben überlieferten Tugenden des Abendlandes fordert und fördert: die vier klassischen, Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Mut, und die drei christlichen, Glaube, Hoffnung und Liebe.

Damit knüpft sie an Adam Smith an, der neben dem Wohlstand der Nationen die Theorie der ethischen Gefühle schrieb. Zugleich widerspricht sie einer Ökonomie, die den Menschen auf einen Nutzenmaximierer verkürzt. Diese Figur nennt sie spöttisch Max U, und sie beschreibt sie als Verkaufsautomaten, der auf Preise reagiert, aber nie etwas erfindet. Ihr Gegenentwurf heißt Humanomics, eine Wirtschaftswissenschaft, in der Philosophie, Geschichte und Literatur ihren Platz behalten.

So wenig Staat wie klug

Für die Politik zieht McCloskey in ihrem Vortrag von 2016 einen knappen Schluss: so wenig Politik, wie klug ist. Industrie- und Agrarpolitik nennt sie mit Adam Smith eine Anmaßung von Königen und Ministern, und die Steuerung von oben lehnt sie ab, ob sie von rechts oder von links kommt.

Eine Absage an jede Hilfe für die Armen ist das nicht. „Wir können uns selbst besteuern, um den Armen eine helfende Hand zu reichen, gewiss“, schreibt sie (eigene Übersetzung). Sie fügt aber hinzu, dass 95 Prozent der Bereicherung der Armen seit 1800 aus einer produktiveren Wirtschaft stammen und nur ein kleiner Rest aus Wohltätigkeit. In einem Gespräch mit dem Fernsehsender PBS sagte sie 2014, man solle sie lieber für ein Mindesteinkommen besteuern als einen Mindestlohn vorschreiben. Sich selbst nannte sie dort eine mütterliche Libertäre.

2022 trat sie in Illinois als Kandidatin der Libertarian Party für das Amt des Comptroller an, des obersten Finanzprüfers des Bundesstaates, und erhielt knapp 77.000 Stimmen. Seit 2023 hält sie am Cato Institute in Washington einen Lehrstuhl, der nach dem Philosophen Isaiah Berlin benannt ist. Mit über achtzig Jahren schreibt sie weiter, im August 2026 erschien bei der University of Chicago Press Equality of Permission.

Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können

Die erste Lehre betrifft die Ursachen des Wohlstands. Wer McCloskey gelesen hat, sieht in jedem Zimmer die vielen Erfindungen, die erst nach 1800 möglich wurden, von maschinengewebten Teppichen über große Fensterscheiben bis zur Zentralheizung. Sie stammen von gewöhnlichen Menschen, die man gewähren ließ. Jede Lizenzpflicht, jeder Zoll und jede Vorschrift, die neue Versuche erschwert, hält deshalb ein Stück dieser Erfindungskraft auf.

Die zweite Lehre betrifft die Bedeutung der Worte. Wenn McCloskey recht hat, hängt der Wohlstand einer Gesellschaft auch davon ab, wie sie über Unternehmer, Händler und Tüftler spricht. Freiheitsfreunde tun deshalb gut daran, neben Steuersätzen und Gesetzen auch um das Ansehen derer zu streiten, die etwas wagen.

Die dritte Lehre ist eine des Tons. McCloskey verteidigt den Markt mit ethischen Gründen, wo andere allein auf Effizienz verweisen, und sie schreibt dabei mit sichtbarer Freude an guter Prosa. Sie zeigt, dass Liberalismus in seiner ursprünglichen Bedeutung, einer Gesinnung, die eines freien Menschen würdig ist, keine kalte Lehre sein muss.

Achtung als Anfang

Deirdre McCloskey hat dem Liberalismus eine Geschichte gegeben, die bei den Menschen beginnt. In ihrem Mittelpunkt stehen der Schreiner, die Erfinderin und der Ladenbesitzer, denen man erlaubte, es zu versuchen, während Planer und Feldherren an den Rand rücken. Ihr Werk legt jeder Gesellschaft eine Frage vor, die über ihren künftigen Wohlstand mitentscheidet: Achten wir jene, die Neues wagen, oder verlangen wir von ihnen zuerst eine Erlaubnis?

Zum Weiterlesen

  • Deirdre Nansen McCloskey: Bourgeois Dignity. Why Economics Can’t Explain the Modern World, University of Chicago Press, Chicago 2010
  • Deirdre Nansen McCloskey: Why Liberalism Works, Yale University Press, New Haven 2019
  • Deirdre Nansen McCloskey und Art Carden: Leave Me Alone and I’ll Make You Rich. How the Bourgeois Deal Enriched the World, University of Chicago Press, Chicago 2020
  • Lynne Kiesling: Deirdre McCloskey, in: The Essential Women of Liberty, Fraser Institute, Vancouver 2022

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • McCloskey, Donald N.: „Did Victorian Britain Fail?“, in: The Economic History Review 23 (1970), H. 3, S. 446–459.
  • McCloskey, Donald N.: The Rhetoric of Economics, University of Wisconsin Press, Madison 1985 (2. Aufl. 1998; zuerst als Aufsatz in Journal of Economic Literature 21, 1983).
  • McCloskey, Deirdre N.: Crossing. A Memoir, University of Chicago Press, Chicago 1999 (Neuausgabe 2019 als Crossing. A Transgender Memoir).
  • McCloskey, Deirdre N.: The Bourgeois Virtues. Ethics for an Age of Commerce, University of Chicago Press, Chicago 2006.
  • McCloskey, Deirdre N.: Bourgeois Dignity. Why Economics Can’t Explain the Modern World, University of Chicago Press, Chicago 2010.
  • McCloskey, Deirdre N.: Bourgeois Equality. How Ideas, Not Capital or Institutions, Enriched the World, University of Chicago Press, Chicago 2016.
  • McCloskey, Deirdre N.: „How the Light Really Gets In: The Liberal and Bourgeois Deal“, Vortrag Hay-on-Wye, 28.04.2016, https://www.deirdremccloskey.com/docs/pdf/Hay-on-Wye_Talk_2016.pdf
  • McCloskey, Deirdre N.: Why Liberalism Works, Yale University Press, New Haven 2019.
  • McCloskey, Deirdre N.; Carden, Art: Leave Me Alone and I’ll Make You Rich. How the Bourgeois Deal Enriched the World, University of Chicago Press, Chicago 2020.
  • McCloskey, Deirdre N.: „Liberalism Caused the Great Enrichment“, Fassung Mai 2023 (Cato Institute, Projekt „Exploring the Role of Freedom in Human Progress“), https://bfi.uchicago.edu/wp-content/uploads/2024/08/HOW-ACATO-VERSION-May-23-final.pdf
  • McCloskey, Deirdre N.: Equality of Permission, University of Chicago Press, Chicago 2026.
  • McCloskey, Deirdre N.: Biografie und Werkverzeichnis, https://w.deirdremccloskey.com/main/bio.php und https://www.deirdremccloskey.com/
  • Solman, Paul; McCloskey, Deirdre: „Why this gender-crossing economist prefers motherly libertarianism to government paternalism“, PBS NewsHour, 24.04.2014, https://www.pbs.org/newshour/nation/why-this-gender-crossing-economist-prefers-motherly-libertarianism-to-government-paternalism
  • Kiesling, Lynne: „Deirdre McCloskey (1942– )“, in: The Essential Women of Liberty, Fraser Institute, Vancouver 2022, S. 123–131, https://www.essentialscholars.org/sites/default/files/2023-01/essential-women-of-liberty-ch10-deirdre-mccloskey.pdf
  • Wikipedia (en): Deirdre McCloskey, https://en.wikipedia.org/wiki/Deirdre_McCloskey (Laufbahndaten, Einstieg)
  • University of Chicago Press: Verlagsseite zu Crossing. A Transgender Memoir, https://www.press.uchicago.edu/ucp/books/book/chicago/C/bo43988326.html
  • RePEc/IDEAS: Equality of Permission, University of Chicago Press, August 2026, https://ideas.repec.org/b/ucp/bkecon/9780226852393.html
  • Ballotpedia: Deirdre McCloskey und Illinois state executive official elections 2022, https://ballotpedia.org/Deirdre_McCloskey
  • Books-A-Million: No One’s In Charge (Cato Institute, angekündigt für 08.12.2026), https://www.booksamillion.com/p/9781969284212

Beitragsbild: Symbolbild zu Deirdre McCloskey (KI)

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