Im November 2014 lud das Janus Forum der Brown University in Providence zu einer Debatte über die Frage, wie Hochschulen mit Vorwürfen sexueller Gewalt umgehen sollten. Auf dem Podium saßen die Publizistin Jessica Valenti und Wendy McElroy, eine Autorin aus Kanada. Die Präsidentin der Universität, Christina Paxson, widersprach McElroy vorab in einer Rundmail an die ganze Universität und setzte zur selben Stunde eine Gegenveranstaltung an, und Studenten richteten einen geschützten Raum für jene ein, die sich von der Debatte verletzt fühlen könnten.
Was McElroy dann sagte, war weniger skandalös, als der Wirbel vermuten ließ. Vergewaltigung sei ein schweres Verbrechen einzelner, oft wiederholt handelnder Täter, und Hochschulgerichte, die schon bei überwiegender Wahrscheinlichkeit verurteilen, hielt sie für den falschen Weg. Ihr Schlusssatz lautete laut dem Bericht des Magazins Reason: „Let’s not build justice for women on injustice for men“, also sinngemäß: Bauen wir die Gerechtigkeit für Frauen nicht auf Ungerechtigkeit gegenüber Männern. Der Satz fasst den Grundsatz zusammen, der ihr ganzes Werk trägt: gleiches Recht für jeden Menschen, ob Mann oder Frau.
Steckbrief
- Geboren: 1951, Kanadierin, lebt im ländlichen Kanada
- Wirken: Publizistin und Herausgeberin, Mitbegründerin der Zeitschrift The Voluntaryist (1982), Research Fellow des Independent Institute, Herausgeberin von ifeminists.com
- Hauptwerke: Freedom, Feminism, and the State (Hrsg., 1982), XXX: A Woman’s Right to Pornography (1995), Individualist Feminism of the Nineteenth Century (2001), Liberty for Women (Hrsg., 2002), The Debates of Liberty (2003), Rape Culture Hysteria (2016), The Satoshi Revolution (ab 2017 in Folgen)
- In einem Satz: Sie zeigt, dass die Befreiung der Frau mit dem Grundsatz beginnt, dass jeder Mensch sich selbst gehört.
Vom Hörbuchstudio ins Archiv
Wendy McElroy kam über die Bürgerrechte zum freiheitlichen Denken. Zur Ökonomie der Österreichischen Schule, so erzählte sie 2011 in einem Gespräch mit dem Mises Institute, habe sie Murray Rothbard geführt. Im Sommer 1982 setzte sie sich in Hollywood mit Carl Watner und George H. Smith zusammen, und die drei griffen einen Begriff auf, den der Brite Auberon Herbert im 19. Jahrhundert verbreitet hatte: Voluntaryismus, die Lehre, dass menschliches Zusammenleben auf Freiwilligkeit beruhen soll. Im Oktober 1982 erschien die erste Ausgabe von The Voluntaryist, mit McElroy als erster Herausgeberin. Die Gruppe lehnte die Parteipolitik als Weg zur Freiheit ab und wollte dem Staat durch Aufklärung die Zustimmung entziehen, auf der seine Macht beruht.
Im selben Jahr gab sie beim Cato Institute den Band Freedom, Feminism, and the State heraus, eine Sammlung von Texten freiheitlicher Frauenrechtlerinnen, und legte ein Register zu Liberty vor, dem Forum der amerikanischen Individualanarchisten, das Benjamin Tucker von 1881 bis 1908 herausgab; 2003 folgte ihre Darstellung der dortigen Streitgespräche, The Debates of Liberty.
Rund zwölf Jahre schrieb sie außerdem Skripte für Knowledge Products, einen Hörbuchverlag in Nashville, darunter Fassungen von Mary Wollstonecrafts Verteidigung der Frauenrechte und von La Boéties Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft. Sie schrieb eine wöchentliche Kolumne für FoxNews.com, wurde Research Fellow des Independent Institute und Herausgeberin der Website ifeminists.com, eines Projekts dieses Instituts. Auf ihrer eigenen Website kommentiert sie bis heute nahezu täglich das Weltgeschehen.
Zwei Arten, Gleichheit zu verstehen
Den Kern ihres Denkens hat McElroy 2003 in einem Vortrag an der Brown University entfaltet, der in Etica & Politica erschien. Feminismus, sagt sie dort, sei die Lehre, dass Frauen Männern gleich sind und so behandelt werden sollen. Entscheidend sei, was man unter Gleichheit versteht.
Für die eine Richtung, die sie mit einem Begriff der Philosophin Christina Hoff Sommers Gender-Feminismus nennt, ist Gleichheit ein gesellschaftlicher Endzustand mit gerecht verteilter Macht und gerecht verteiltem Wohlstand. Männer und Frauen erscheinen darin als Klassen mit gegensätzlichen Interessen, ein Gedanke, den McElroy auf Marx zurückführt; die Juristin Catharine MacKinnon sprach selbst von einem „postmarxistischen“ Feminismus. Wer so denkt, muss nach McElroy Institutionen wie den Markt und die Familie umbauen und greift dafür zur Zwangsgewalt des Staates.
Der individualistische Feminismus, den McElroy kurz ifeminism nennt, versteht Gleichheit als gleichen Schutz der Rechte an Person und Eigentum. Das grundlegende Recht jedes Menschen ist es, über den eigenen Körper und das eigene Eigentum friedlich zu verfügen, die grundlegende Pflicht, die friedlichen Entscheidungen anderer zu achten, auch wenn man sie selbst für falsch hält. Daraus folgt eine klare Aufgabe: Jedes Vorrecht und jede Benachteiligung nach Geschlecht soll aus den Gesetzen verschwinden, auch Vorrechte zugunsten von Frauen. Das Recht, schreibt sie, müsse blind werden für das Geschlecht und nur noch Individuen sehen.
Gerechtigkeit ist in dieser Sicht eine Frage des Weges. Gerecht ist jede Ordnung, der alle Beteiligten zugestimmt haben, ob sie nun eher kapitalistisch oder eher gemeinschaftlich aussieht. McElroy veranschaulicht das mit ihrer eigenen Gegend im ländlichen Kanada, wo eine geschäftige Kleinstadt an eine große Amisch-Gemeinde grenzt und beide Lebensformen gerecht sind, weil beide freiwillig sind. Ihre knappste Formel lautet: „Freedom of choice involves taking the gun away“, etwa: Zur Wahlfreiheit gehört, dass man die Waffe wegnimmt.
Wurzeln in der Bewegung gegen die Sklaverei
Der individualistische Feminismus entstand nach McElroys Darstellung in den 1830er-Jahren aus dem radikalen Abolitionismus, der die sofortige Abschaffung der Sklaverei verlangte, weil jeder Mensch, gleich welcher Hautfarbe, Eigentümer seiner selbst sei. Frauen, die für die Rechte der Sklaven kämpften, stellten bald fest, dass auch ihnen diese Rechte vorenthalten wurden. McElroy zitiert die Abolitionistin Abby Kelley mit dem Satz, man habe beim Versuch, dem Sklaven die Ketten abzunehmen, entdeckt, dass man selbst gefesselt war. Diese Fesseln waren Gesetze, die Frauen auf ganz ähnliche Weise benachteiligten wie die Schwarzen.
Eine der klarsten Stimmen dieser Bewegung war Sarah Grimké aus South Carolina. Im Juli 1837 verteidigte sie gegen einen Hirtenbrief der Geistlichen von Massachusetts das Recht der Frauen, öffentlich aufzutreten. Männer und Frauen, schrieb sie, seien „CREATED EQUAL“, beide sittlich verantwortliche Wesen, und was für den Mann recht sei, sei auch für die Frau recht. Solchen Stimmen hat McElroy 2001 den Band Individualist Feminism of the Nineteenth Century gewidmet. In ihrem Vortrag von 2003 beklagt sie, dass man Namen wie Moses und Lillian Harman, Angela und Ezra Heywood oder die Ärztin Gertrude B. Kelly in den gängigen Nachschlagewerken vergeblich sucht.
Ein Verleger in Kansas
Ausführlich erzählt McElroy die Geschichte von Moses Harman, der in Kansas die Zeitschrift Lucifer, the Light-Bearer herausgab. Das Blatt warb offen für Empfängnisverhütung und bestand darauf, dass das Selbsteigentum der Frau in allen sexuellen Beziehungen gelten müsse, auch in der Ehe. Nach McElroys Darstellung gehörte es zu den ersten Zeitschriften Nordamerikas, die erzwungenen Verkehr in der Ehe eine Vergewaltigung nannten. Damit geriet Harman in Konflikt mit dem Comstock-Gesetz von 1873, das den Postversand „obszöner“ Schriften verbot, Aufklärung über Verhütung eingeschlossen.
1887 wurde die Redaktion wegen dreier Leserbriefe verhaftet und in 270 Punkten angeklagt. Einer der Briefe schilderte das Schicksal einer Frau, die ihr Mann trotz einer frischen Operationswunde zum Beischlaf gezwungen hatte. Harmans sechzehnjährige Tochter Lillian war damals bereits im Gefängnis. Sie hatte im Jahr zuvor Edwin C. Walker in einer privaten Zeremonie ohne Kirche und Staat geheiratet, und ihr Vater hatte sich geweigert, sie dem Bräutigam „zu übergeben“, weil sie Eigentümerin ihrer selbst sei und bleibe. Harmans Kampf gegen die Comstock-Gesetze zog sich bis 1906 hin. Seine letzte Strafe, ein Jahr Zwangsarbeit, verbüßte er mit 75 Jahren.
In die Geschichte des Feminismus gehört Harman für McElroy wegen seiner Methode: Er gründete seine Sache auf das Selbsteigentum und weigerte sich, seine Vorstellung von Gerechtigkeit mit staatlicher Gewalt in private Beziehungen zu tragen.
Die Wahl der Frau ernst nehmen
Wenn der Grundsatz „Mein Körper gehört mir“ gilt, dann muss er nach McElroy für jede friedliche Entscheidung einer Frau gelten, von der Mutterschaft bis zur Mitwirkung an Pornografie. Für XXX: A Woman’s Right to Pornography, 1995 bei St. Martin’s Press erschienen, sprach sie mit Darstellerinnen, besuchte die Preisverleihung der Branche und befragte Mitglieder einer Gruppe, die für die Rechte von Prostituierten eintrat. Das Buch verteidigt das Recht dieser Frauen, selbst zu entscheiden, statt vom Staat vor ihren eigenen Entscheidungen beschützt zu werden.
Die Kehrseite dieser Freiheit ist Verantwortung. Der individualistische Feminismus, so McElroy, verzichtet darauf, beim Staat um Vorrechte oder Schutz zu bitten. Das gilt auch dort, wo sie selbst eine Entscheidung ablehnt: Sie ist in eine hispanische Familie eingeheiratet, und wer ihre Nichten und Neffen wegen ihrer Herkunft nicht einstellt, verliert sie als Kundin wie als Arbeitnehmerin. Gewalt, auch die mittelbare Gewalt eines Gesetzes, lehnt sie ab, denn die Vereinigungsfreiheit, die anderen erlaubt, ihre Tür zu verschließen, schützt auch das Recht ihrer eigenen Familie, das Gleiche zu tun.
Faire Verfahren, auch wenn es weh tut
In Rape Culture Hysteria (2016), zwei Jahre nach der Debatte, wandte sich McElroy gegen die Vorstellung, die nordamerikanische Gesellschaft sei als Ganze eine Kultur der Vergewaltigung. Diese Vorstellung schadet nach ihrer Überzeugung Männern wie Frauen, wie schon der Untertitel des Buches sagt. Ernst nehmen solle man Vergewaltigung als das, was sie ist: ein schweres Verbrechen einzelner Täter, über das in einem fairen Verfahren entschieden werden muss.
Geld ohne Erlaubnis
Ab September 2017 veröffentlichte sie auf der Plattform Bitcoin.com Woche für Woche die Kapitel von The Satoshi Revolution, später als Buch zusammengefasst und von Jeffrey Tucker eingeleitet. Darin beschreibt sie Bitcoin als Möglichkeit, Vermögen ohne Staat und ohne Mittler zu halten und weiterzugeben. Die Bewegung, mahnt sie, solle an der ursprünglichen Idee Satoshi Nakamotos festhalten und ihr Heil nicht in der Zustimmung von Regierungen suchen.
Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können
McElroys wichtigste Einsicht ist, dass Feminismus und Freiheit zusammengehören, wenn man beim einzelnen Menschen beginnt. Eine Frau, die über sich selbst bestimmen darf, braucht keinen Vormund, weder einen Ehemann noch eine Behörde.
Ebenso wertvoll ist ihre Arbeit als Historikerin der Freiheit. Sie hat die Abolitionistinnen, die Individualanarchisten um Benjamin Tucker und die Familie Harman aus den Archiven geholt und gezeigt, wie viele Frauen und Männer im 19. Jahrhundert für die Selbstbestimmung der Frau gestritten haben. Und sie verteidigt Meinungsfreiheit und faire Verfahren auch dann, wenn die Präsidentin der gastgebenden Universität vorab gegen sie Stellung bezieht, und zwar mit Argumenten.
Die Frau als Eigentümerin ihrer selbst
Als Sarah Grimké 1837 schrieb, dass für die Frau recht sei, was für den Mann recht ist, war das ein Angriff auf die Ordnung ihrer Zeit. Wendy McElroy hat diesen Satz in die Gegenwart getragen und beim Wort genommen. Ihr Feminismus verlangt, dass jede Frau über ihr Leben selbst entscheiden darf, und richtet an jede wohlmeinende Politik eine Frage: Wer hat dem Staat das Recht gegeben, für erwachsene Frauen zu entscheiden, was gut für sie ist?
Zum Weiterlesen
- Wendy McElroy (Hrsg.): Freedom, Feminism, and the State. An Overview of Individualist Feminism, Cato Institute, Washington 1982; 2. Aufl. Holmes & Meier für das Independent Institute, 1991
- Wendy McElroy: Individualist Feminism of the Nineteenth Century, McFarland, Jefferson 2001
- Wendy McElroy: „Gender Feminism and Ifeminism: Wherein They Differ“, in: Etica & Politica 2003/2
- Wendy McElroy: The Debates of Liberty. An Overview of Individualist Anarchism, 1881–1908, Lexington Books, Lanham 2003
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- McElroy, Wendy (Hrsg.): Freedom, Feminism, and the State. An Overview of Individualist Feminism, Cato Institute, Washington 1982; 2. Aufl. Holmes & Meier für das Independent Institute, 1991.
- McElroy, Wendy: XXX: A Woman’s Right to Pornography, St. Martin’s Press, New York 1995.
- McElroy, Wendy: Individualist Feminism of the Nineteenth Century, McFarland, Jefferson 2001.
- McElroy, Wendy (Hrsg.): Liberty for Women. Freedom and Feminism in the Twenty-First Century, Ivan R. Dee, Chicago 2002.
- McElroy, Wendy: The Debates of Liberty. An Overview of Individualist Anarchism, 1881–1908, Lexington Books, Lanham 2003.
- McElroy, Wendy: „Gender Feminism and Ifeminism: Wherein They Differ“, in: Etica & Politica 2003/2 (Vortrag an der Brown University, 27.09.2003), https://sites.units.it/etica/2003_2/mcelroy.pdf
- McElroy, Wendy: Rape Culture Hysteria. Fixing the Damage Done to Men and Women, Vulgus Press, 2016.
- McElroy, Wendy: The Satoshi Revolution, in Folgen auf Bitcoin.com ab 23.09.2017, https://news.bitcoin.com/introduction-to-the-satoshi-revolution-new-book-by-wendy-mcelroy-exclusively-on-bitcoin-com/
- McElroy, Wendy: „Voluntaryism: Some Personal Reminiscences“, The Voluntaryist, https://voluntaryist.com/?p=2315
- McElroy, Wendy: Biografie, https://www.wendymcelroy.com/bio.htm, und Nachrichtenseite, https://www.wendymcelroy.com/news.php (abgerufen 06.11.2026)
- Grimké, Sarah: Brief aus Haverhill, Juli 1837, in: Letters on the Equality of the Sexes, Boston 1838, https://users.wfu.edu/zulick/340/grimkeletter.html
- Mises Institute: Faculty Spotlight Interview: Wendy McElroy, 03.02.2011, https://mises.org/wire/faculty-spotlight-interview-wendy-mcelroy
- Independent Institute: Profil Wendy McElroy, https://www.independent.org/person/wendy-mcelroy/
- ifeminists.net: About, http://www.ifeminists.net/about/
- Soave, Robby: Bericht über die Debatte an der Brown University, Reason, 19.11.2014, https://reason.com/2014/11/19/liberal-feminist-on-rape-alcohol-is-not
- Brown Daily Herald: Janus Forum sexual assault event sparks controversy, 17.11.2014, https://www.browndailyherald.com/article/2014/11/janus-forum-sexual-assault-event-sparks-controversy
- Kirkus Reviews: XXX: A Woman’s Right to Pornography, 1995, https://www.kirkusreviews.com/book-reviews/wendy-mcelroy/xxx/
- Tucker, Jeffrey A.: The Satoshi Revolution by Wendy McElroy, The Daily Economy, 28.02.2020, https://thedailyeconomy.org/article/the-satoshi-revolution-by-wendy-mcelroy/
- Presley, Sharon: Review: Rape Culture Hysteria, Libertarianism.org, 2016, https://libertarianism.org/columns/review-rape-culture-hysteria-fixing-damage-done-men-women-wendy-mcelroy
- Stringham, Edward P.: Rezension The Debates of Liberty, The Independent Review, https://independent.org/publications/TIR/article.asp?id=222
- WorldCat: Freedom, Feminism, and the State, OCLC 8937344, https://search.worldcat.org/oclc/8937344
- Wikipedia (en): Wendy McElroy, https://en.wikipedia.org/wiki/Wendy_McElroy (Einstieg, Werkliste)
Beitragsbild: Wendy McElroy (KI-Illustration)

