Im Jahr 212 ließ der Prokonsul Scapula in der Provinz Africa wieder Christen verfolgen. Ein Schriftsteller aus Karthago antwortete ihm mit einem kurzen offenen Brief. Statt um Schonung für seine Glaubensgenossen zu bitten, erinnerte er den Statthalter an ein Recht, das jedem Menschen von Natur aus zustehe: zu verehren, was er selbst für richtig hält.
Der Verfasser hieß Tertullian, und er war kein sanfter Mann. Er verbot Christen den Besuch des Theaters, hielt das Soldatenleben für kaum vereinbar mit dem Glauben und schloss sich später einer besonders strengen Bewegung an. Gerade dieser kompromisslose Christ hat aber Sätze geschrieben, die man bis heute zitiert, wenn es darum geht, dass der Staat über das Gewissen nicht verfügen darf.
Steckbrief
- Lebensdaten: geboren um 160 in Karthago, gestorben nach 220, vermutlich ebenda (genaue Daten unbekannt)
- Wirken: christlicher Schriftsteller und Apologet, rhetorisch und wohl auch juristisch gebildet, der erste theologische Schriftsteller in lateinischer Sprache
- Hauptwerke: Apologeticum (197), Ad Scapulam (212), De praescriptione haereticorum, De spectaculis, De corona (211), Adversus Praxean
- In einem Satz: Er sprach, soweit bekannt, als Erster von der Freiheit der Religion und begründete, dass erzwungene Verehrung wertlos ist und jeder Mensch ein natürliches Recht auf die Wahl seines Glaubens hat.
Ein gebildeter Afrikaner im Dienst einer verbotenen Sache
Tertullian stammte aus Karthago, der großen Hafenstadt im heutigen Tunesien, erhielt eine gründliche rhetorische Bildung und war mit dem römischen Recht vertraut. Nach einer späten Überlieferung des Kirchenvaters Hieronymus war er der Sohn eines Offiziers und wurde Priester; ob das zutrifft, ist in der Forschung umstritten. Sicher ist, dass er sich als Erwachsener dem Christentum zuwandte, spätestens im Jahr 197.
Von da an schrieb er unablässig gegen heidnische Kritiker, gegen christliche Gruppen, die er für Irrlehrer hielt, und über Fragen des täglichen Lebens. In seiner Schrift gegen Praxeas entwickelte er die Formel von den drei Personen und der einen Substanz, die für die lateinische Theologie maßgeblich wurde.
Nach 206 wandte er sich der sogenannten Neuen Prophetie zu, die nach ihrem Begründer Montanus auch Montanismus heißt. Die Bewegung kam aus Kleinasien, berief sich auf ekstatische Prophezeiungen und verlangte strengeres Fasten, verbot die zweite Ehe und forderte, in der Verfolgung auszuharren, statt zu fliehen. Ob Tertullian sich deshalb förmlich von der Gemeinde in Karthago trennte, ist bis heute umstritten. Augustinus kannte noch zwei Jahrhunderte später eine kleine Gruppe, die sich nach ihm Tertullianisten nannte.
Verurteilt für einen Namen
Für Christen bestand im Römischen Reich eine eigentümliche Rechtslage. Seit Kaiser Trajan galt die Regel, die er dem Statthalter Plinius mitgeteilt hatte: Die Behörden sollten Christen nicht von Amts wegen aufspüren, wer aber angezeigt und überführt wurde, war zu bestrafen. Als überführt galt in der Praxis, wer sich zum Namen „Christ“ bekannte und das Opfer verweigerte.
Gegen diese Praxis schrieb Tertullian 197 sein Apologeticum, eine Verteidigungsschrift, die er an die Statthalter des Reiches richtete. Er griff Trajans Regel mit juristischer Schärfe an. Man verbiete, Christen zu suchen, als wären sie unschuldig, und befehle, sie zu bestrafen, als wären sie schuldig, so lautet sinngemäß sein Einwand. Im Verfahren gegen Christen werde, wie er schreibt, das Bekenntnis des Namens verhandelt, kein Verbrechen geprüft: confessio nominis, non examinatio criminis.
Damit berührt Tertullian einen Grundsatz, den der heutige Rechtsstaat für selbstverständlich hält: Bestraft wird eine Handlung, nicht eine Gesinnung oder die Mitgliedschaft in einer Gruppe. Er formulierte ihn nicht als allgemeine Rechtsregel, wohl aber als Maßstab, an dem er Roms eigenes Recht maß.
Die Freiheit der Religion bekommt einen Namen
Im 24. Kapitel des Apologeticum steht der Satz, für den man Tertullian bis heute kennt. Die Römer warfen den Christen vor, die Götter zu missachten. Tertullian dreht den Vorwurf um: „Seht zu, ob nicht auch dies zum Vorwurf der Gottlosigkeit beiträgt: die Freiheit der Religion zu nehmen und die Wahl der Gottheit zu verbieten, sodass ich nicht verehren darf, wen ich will, sondern verehren muss, wen ich nicht will. Niemand will von einem Unwilligen verehrt werden, nicht einmal ein Mensch.“ (Apologeticum 24,6, eigene Übersetzung)
Die lateinische Wendung lautet libertas religionis. Der amerikanische Patristiker Robert Louis Wilken hält Tertullian für den Ersten in der Geschichte des Westens, der von „Religionsfreiheit“ gesprochen hat. Das Argument dahinter ist einfach: Verehrung, die unter Zwang geschieht, ist wertlos, denn schon ein Mensch legt keinen Wert darauf, von einem Unwilligen verehrt zu werden, und ein Gott erst recht nicht. Wer andere zur Religion zwingt, verfehlt also gerade das, was Religion ausmacht.
Ein Recht, das jedem zusteht
Fünfzehn Jahre später, im Brief an Scapula, wird der Gedanke grundsätzlicher. Dort heißt es: „Es ist aber menschliches Recht und natürliche Befugnis, dass jeder verehrt, was er für richtig hält; die Religion des einen schadet oder nützt dem anderen nicht; es ist auch nicht Sache der Religion, zur Religion zu zwingen, die aus freien Stücken angenommen werden muss und nicht durch Gewalt, da ja auch Opfer von einem willigen Herzen verlangt werden.“ (Ad Scapulam 2,2, eigene Übersetzung)
Drei Dinge fallen an dieser Stelle auf. Tertullian spricht von unicuique, von jedem Einzelnen, und nicht nur von den Christen; das Recht gilt also auch für die Verehrer der Götter, die er selbst für Dämonen hielt (Apologeticum 23). Er gründet es in der menschlichen Natur und nicht in einer Erlaubnis der Obrigkeit. Und er nennt einen Grund, warum der Staat sich heraushalten kann: Der Glaube des einen fügt dem anderen keinen Schaden zu. Wer heute vom Schadensprinzip spricht, also von der Regel, dass Zwang nur zur Abwehr von Schaden an anderen gerechtfertigt ist, findet hier einen sehr frühen Verwandten.
Treue zum Kaiser, aber nicht um jeden Preis
Tertullian war kein Rebell. Im Apologeticum betont er, die Christen beteten für das Wohl der Kaiser, und er rechnet vor, dass sie ihre Abgaben gewissenhafter zahlten als manche andere. Im Brief an Scapula schreibt er: „Der Christ ist niemandes Feind, am wenigsten der des Kaisers.“ (Ad Scapulam 2, eigene Übersetzung) Die Grenze lag beim Opfer. Den Kaiser ehren wollte er, ihn anbeten nicht, und an dieser Unterscheidung zwischen dem, was dem Staat zusteht, und dem, was ihm nicht zusteht, hängt sein ganzes Argument.
Man sollte das nicht in eine moderne Trennung von Kirche und Staat umdeuten. Tertullian hielt den Kaiser für von Gott eingesetzt und schrieb sogar, der Kaiser sei eher „unser“ als der der Heiden (Apologeticum 33,1). Er verlangte von einer heidnischen Obrigkeit, eine Minderheit in Ruhe zu lassen, und lieferte dafür Gründe, die über seinen Anlass hinausreichen.
Die christliche Gemeinde beschreibt er als Körperschaft, verbunden durch gemeinsames Bekenntnis, gemeinsame Lebensregel und gemeinsame Hoffnung. Ihre Kasse fülle sich aus kleinen Gaben, die jeder einmal im Monat gebe, sofern er wolle und sofern er könne: „Denn niemand wird gezwungen, jeder gibt freiwillig.“ (Apologeticum 39,5, eigene Übersetzung) Aus diesem Geld würden Bedürftige ernährt und begraben, elternlose Kinder und alte Hausdiener versorgt und Glaubensgenossen in Bergwerken und Gefängnissen unterstützt. Tertullian schildert hier eine freiwillige Gemeinschaft, die ihre Fürsorge selbst organisiert, ohne Auftrag und ohne Geld vom Staat.
Ein Mann der strengen Regeln
Zum vollständigen Bild gehört, dass Tertullian ein Rigorist war, ein Verfechter ausnahmsloser Regeln. In De spectaculis verbot er Christen den Besuch von Zirkus, Theater und Arena. In De corona verteidigte er 211 einen Soldaten, der den Festkranz verweigert hatte, und stellte den Kriegsdienst überhaupt in Frage. In seiner montanistischen Zeit verwarf er sogar die Flucht vor der Verfolgung. Seine Freiheit galt dem Gewissen gegenüber dem Staat, nicht dem Lebenswandel innerhalb der Gemeinde, wo er mit Vorschriften nicht sparte.
Gegenüber christlichen Gruppen, die er für Häretiker hielt, war er unnachgiebig. In diesem Zusammenhang steht seine berühmte Frage: „Was hat also Athen mit Jerusalem zu tun?“ (De praescriptione haereticorum 7,9) Sie richtet sich gegen eine Theologie, die philosophische Schulen zum Maßstab des Glaubens machte. Ein Feind der Vernunft war er trotzdem nicht. Er argumentierte wie ein geschulter Anwalt; der Satz „Ich glaube, weil es absurd ist“, den man ihm gern zuschreibt, steht so nicht bei ihm. Er ist eine Zuspitzung späterer Jahrhunderte, gebildet aus einer Stelle über den Tod und die Auferstehung Christi in De carne Christi.
Eindeutig dagegen sind manche Sätze über Frauen: In De cultu feminarum redet er die Frau mit Blick auf Eva als „Tor des Teufels“ an, eine Härte, die auch wohlwollende Leser nicht übergehen sollten.
Erfinder oder erster Zeuge?
War Tertullian also der Erfinder der Religionsfreiheit? Der Titel verspricht mehr, als sich belegen lässt. Die Wendung libertas religionis findet sich nach heutigem Wissen zuerst bei ihm, und er begründete sie mit Argumenten, die später wiederkehren. Laktanz, ein lateinischer Christ des frühen 4. Jahrhunderts, schrieb in seinen Göttlichen Unterweisungen sinngemäß, nichts sei so sehr Sache des freien Willens wie die Religion, und man müsse sie durch Sterben verteidigen, nicht durch Töten. Thomas Jefferson besaß eine Ausgabe des Apologeticum und markierte darin die Stelle über die Religionsfreiheit, einen direkten Einfluss auf Jeffersons Formulierungen bezweifelt Wilken allerdings. John Lockes Brief über die Toleranz von 1689 kreist um denselben Gedanken, dass erzwungener Glaube vor Gott nichts gilt.
Erfunden im Sinne einer Institution hat Tertullian die Religionsfreiheit nicht. Es gab kein Gericht, das sein Argument durchsetzte, und die Verfolgungen hörten mit seinem Brief nicht auf. Geschaffen hat er die Sprache, in der sich das Anliegen fassen ließ, und eine Begründung, die nicht vom Wohlwollen der Herrschenden abhängt. Das macht ihn eher zum ersten Zeugen der Religionsfreiheit als zu ihrem Erfinder.
Was Freiheitsfreunde bei ihm finden
Die schlichteste Einsicht zuerst: Ein erzwungenes Bekenntnis ist wertlos, und ein Staat, der Glauben erzwingt, bekommt bestenfalls Heuchelei. Diese Beobachtung reicht über die Religion hinaus bis zu jeder Gesinnung, die eine Obrigkeit ihren Bürgern vorschreiben möchte.
Die zweite betrifft das Strafrecht. Wer nur für eine Zugehörigkeit bestraft wird und nicht für eine Tat, erlebt Verfolgung unter dem Anschein des Rechts. Tertullian trug das als Fürsprecher einer verachteten Minderheit vor, und aus der Lage verfolgter Minderheiten heraus ist später manches Freiheitsrecht erstritten worden.
Die dritte ist das Bild der freiwilligen Gemeinschaft. Menschen, die ohne staatlichen Auftrag ihre Armen versorgen und ihre Beiträge nach eigenem Vermögen geben, beschreibt er ohne jedes Pathos als Normalfall.
Ein Satz, der seinen Verfasser überdauerte
Tertullian schrieb, das Blut der Christen sei ein Same: Je mehr man sie niedermähe, desto mehr würden sie. Er meinte das Wachstum seiner Kirche, der Satz passt aber auch auf seine Argumente. Der Brief an Scapula blieb ohne erkennbare Wirkung, während der Gedanke, dass jeder Mensch selbst wählen darf, wen er verehrt, und dass die Religion des einen dem anderen nicht schadet, hat die Jahrhunderte überdauert. Ein Libertärer war Tertullian nicht. Aber wer heute Gewissensfreiheit verteidigt, steht auf einem Grund, den dieser strenge Mann aus Karthago mit gelegt hat.
Zum Weiterlesen
- Tertullian: Apologeticum. Verteidigung des Christentums, lateinisch und deutsch, hrsg. und übersetzt von Carl Becker, Kösel, München 1952
- Tertullian: An Scapula, übersetzt von Heinrich Kellner, in: Tertullian, Apologetische, dogmatische und montanistische Schriften, Bibliothek der Kirchenväter Band 24, Kösel, Kempten und München 1915
- Robert Louis Wilken: Liberty in the Things of God. The Christian Origins of Religious Freedom, Yale University Press, New Haven 2019
- Timothy D. Barnes: Tertullian. A Historical and Literary Study, Clarendon Press, Oxford 1971, 2. Auflage 1985
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Tertullian: Apologeticum (197), lateinischer Text: The Latin Library, https://www.thelatinlibrary.com/tertullian/tertullian.apol.shtml; deutsch: Apologeticum. Verteidigung des Christentums, lat./dt., hrsg. und übers. von Carl Becker, Kösel, München 1952.
- Tertullian: Ad Scapulam (212), lateinischer Text: https://www.tertullian.org/latin/ad_scapulam.htm; deutsch: An Scapula, übers. von K. A. Heinrich Kellner, in: Tertullian, Apologetische, dogmatische und montanistische Schriften, Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 24, Kösel, Kempten und München 1915, https://bkv.unifr.ch/works/cpl-24/versions/an-scapula-bkv
- Tertullian: De praescriptione haereticorum, lateinischer Text: https://www.tertullian.org/latin/de_praescriptione_haereticorum.htm
- Tertullian: De carne Christi und De cultu feminarum, lateinische Texte: https://www.thelatinlibrary.com/tertullian.html
- Laktanz: Divinae institutiones, Buch 5, englisch von William Fletcher (Ante-Nicene Fathers, Bd. 7), https://www.newadvent.org/fathers/07015.htm
- Locke, John: Ein Brief über Toleranz, Meiner, Hamburg 1996 (Erstausgabe 1689).
- Barnes, Timothy D.: Tertullian. A Historical and Literary Study, Clarendon Press, Oxford 1971, 2. Aufl. 1985.
- Wilken, Robert Louis: Liberty in the Things of God. The Christian Origins of Religious Freedom, Yale University Press, New Haven 2019.
- Chapman, John: Art. „Tertullian“, Catholic Encyclopedia, Bd. 14, New York 1912, https://www.newadvent.org/cathen/14520c.htm
- Movsesian, Mark L.: Rezension zu Wilken, Liberty in the Things of God, The University Bookman, 11. August 2019, https://kirkcenter.org/reviews/tertullian-and-the-rise-of-religious-freedom/
- Eire, Carlos: „Forged in Fire“, First Things, November 2019, https://www.firstthings.com/article/2019/11/forged-in-fire
- Harrison, Peter: „I Believe Because it is Absurd“: The Enlightenment Invention of Tertullian’s Credo, in: Church History 86 (2017), https://www.cambridge.org/core/journals/church-history/article/abs/i-believe-because-it-is-absurd-the-enlightenment-invention-of-tertullians-credo/69340C3AF8366E79BCF3BDD804DED82E
- Sider, Robert D.: Credo quia absurdum?, https://tertullian.org/articles/sider_credo.htm
- Kaye, John: Ecclesiastical History of the Second and Third Centuries, 1845, Kap. 1, https://tertullian.org/articles/kaye/kaye01.htm
- Themelios: „Why were the Montanists condemned?“, https://www.thegospelcoalition.org/themelios/article/why-were-the-montanists-condemned/
- tertullian.org: The Montanists, https://tertullian.org/montanism.htm
Beitragsbild: Tertullian (KI-Illustration, freie Darstellung)

