Vor den Mauern Thebens liegt ein Toter, und niemand darf ihn begraben. Polyneikes ist im Kampf gegen seine eigene Stadt gefallen, im Zweikampf mit seinem Bruder Eteokles, und der neue Herrscher Kreon hat verfügt, dass sein Leichnam den Hunden und Vögeln überlassen bleibt. Wer dagegen handelt, soll sterben. Polyneikes‘ Schwester Antigone streut trotzdem Erde über den Toten, wird ertappt und vor Kreon geführt.
Was sie dort sagt, gehört zu den folgenreichsten Versen der Weltliteratur. Kreons Gebot, so hält sie ihm entgegen, sei nicht stark genug, um die ungeschriebenen Satzungen der Götter außer Kraft zu setzen. Geschrieben hat diese Szene ein Mann, der seiner Stadt über Jahrzehnte in hohen Ämtern diente. Dass gerade er Antigone diese Worte in den Mund legte, gibt ihnen ein eigenes Gewicht.
Steckbrief
- Lebensdaten: geboren um 497/496 v. Chr. in Kolonos bei Athen, gestorben im Winter 406/405 v. Chr.
- Wirken: Tragödiendichter in Athen; zugleich Schatzmeister der Bundeskasse des Seebundes (443/442), Stratege neben Perikles (441/440) und ab 413 wohl einer der zehn Probulen
- Werk: laut antiker Überlieferung rund 120 Stücke, sieben vollständig erhalten, darunter Antigone, König Ödipus, Elektra und Ödipus auf Kolonos
- Erfolge: 24 Siege in 30 Wettbewerben, nie schlechter als Zweiter
- In einem Satz: Mit der Antigone gab er der Frage Gestalt, ob über dem Gebot des Herrschers ein Recht steht, an dem es sich messen lassen muss.
Ein Dichter im Dienst seiner Stadt
Sophokles, Sohn des Sophillos, wuchs im Demos Kolonos vor den Toren Athens auf. Sein Leben umspannt fast das ganze große Jahrhundert seiner Stadt, und er verband das Dichten mit einer langen Folge öffentlicher Ämter.
Tragödien wurden in Athen bei den Festen des Dionysos aufgeführt, in Wettbewerben, die die Polis selbst ausrichtete. Sophokles trat dort dreißigmal an, gewann 24 Mal und landete nie schlechter als auf dem zweiten Platz. Die antiken Angaben schwanken zwischen 118 und 130 Stücken, erhalten sind sieben. Auf ihn geht auch eine Neuerung der Bühne zurück: Er setzte einen dritten Schauspieler ein, so dass mehr Figuren zugleich miteinander sprechen konnten.
Daneben übernahm er öffentliche Aufgaben. Eine teilweise ergänzte Inschrift nennt Sophokles aus Kolonos für das Jahr 443/442 v. Chr. unter den Hellenotamiai, den Schatzmeistern, die die Beiträge der Verbündeten im Attisch-Delischen Seebund verwalteten. 441/440 v. Chr. wählten ihn die Athener zu einem der zehn Strategen, und er zog an der Seite des Perikles gegen das abgefallene Samos. Nach der Katastrophe der Sizilischen Expedition 413 v. Chr. gehörte er, wie die Forschung überwiegend annimmt, zu den zehn Probulen, einer Sonderkommission, die Athen durch die Krise führen sollte. Diese Probulen wirkten 411 v. Chr. an dem Umsturz mit, der für einige Monate die Oligarchie der Vierhundert an die Macht brachte. Aristoteles überliefert, Sophokles habe auf die Frage, ob er dem zugestimmt habe, eingeräumt, dass es so war, und sinngemäß erklärt, es habe nichts Besseres gegeben.
Der Verfasser der Antigone war also ein angesehener Bürger, der die Lasten des Gemeinwesens kannte und mittrug. Umso bemerkenswerter ist, mit welchem Ernst er die Grenzen staatlicher Gebote auf die Bühne brachte.
Ein Erlass und eine Schwester
Wann die Antigone zuerst aufgeführt wurde, weiß man nicht genau. Oft wird sie um 442 v. Chr. angesetzt, manche Forscher denken eher an die Zeit um 450. Eine antike Inhaltsangabe behauptet, der Erfolg des Stücks habe Sophokles die Wahl zum Strategen eingebracht, doch das gilt heute als zweifelhaft.
Nach dem Bruderkrieg um Theben erklärt Kreon den Angreifer Polyneikes zum Feind der Stadt, dem die Bestattung verweigert wird. Antigone sieht darin einen Frevel gegen die Götter und gegen ihre Pflicht als Schwester, und während Ismene vor dem Widerstand zurückschreckt, handelt sie allein. Als Kreon sie stellt, leugnet sie nichts und erklärt, warum sie sich an sein Verbot nicht gebunden fühlt.
In Friedrich Hölderlins Übersetzung von 1804 lautet der Kern ihrer Antwort (V. 454–457): „Daß eins, das sterben muß, die ungeschriebnen drüber, / Die festen Satzungen im Himmel brechen sollte. / Nicht heut und gestern nur, die leben immer, / Und niemand weiß, woher sie sind gekommen.“
Man muss diese Verse in ihrer eigenen Welt lesen. Antigone spricht nicht von Rechten des Einzelnen, sondern von heiligen Ordnungen, die den Lebenden ihre Pflichten gegenüber den Toten auferlegen. Ihr Maßstab sind die Götter und die Familie. Trotzdem steckt in diesem Satz ein Gedanke, der über die griechische Religion hinausreicht: Es gibt Gebote, die nicht dadurch gelten, dass jemand sie erlässt, und ein Herrscher kann sie nicht aufheben, nur weil er die Macht dazu hat.
Kreon hat seine Gründe
Es spricht für Sophokles, dass er Kreon nicht als bloßen Tyrannen zeichnet. Der neue Herrscher hat eine Stadt übernommen, die gerade einem Angriff entgangen ist, und er will Ordnung schaffen. Wen die Stadt eingesetzt habe, dem müsse man gehorchen, im Kleinen und im Gerechten wie im Gegenteil, sagt er (V. 666–667). Und weiter, bei Hölderlin: „Denn herrnlos sein, kein größer Übel gibt es.“ (V. 672)
Wer Verantwortung für das Ganze trägt, neigt dazu, Ausnahmen für gefährlich zu halten, und die Sorge vor dem Zerfall der Ordnung ist kein unehrenhaftes Motiv. Hegel, der die Antigone für eines der vortrefflichsten Kunstwerke überhaupt hielt, deutete sie deshalb als Zusammenstoß zweier berechtigter Mächte, der Familie und des Staates, die beide einseitig werden. Sophokles zwingt sein Publikum, die Gründe beider Seiten zu prüfen, bevor es urteilt.
Die Stadt gehört nicht einem Mann
Die vielleicht modernste Szene der Tragödie ist das Gespräch zwischen Kreon und seinem Sohn Haimon, der mit Antigone verlobt ist. Haimon beginnt höflich und berichtet, was in der Stadt geredet wird, wenn der Herrscher nicht zuhört: Ganz Theben trauere um das Mädchen, das für eine ehrenvolle Tat sterben soll (V. 692–695). Niemand wage es, Kreon das ins Gesicht zu sagen.
Dann greift er zu einem Bild aus der Natur: Bäume, die sich am reißenden Wildbach beugen, behalten ihre Zweige, während die starren entwurzelt werden (V. 712–714). Es sei keine Schande, auch als kluger Mann noch viel zu lernen (V. 710–711).
Als Kreon empört fragt, ob ihm etwa die Stadt vorschreiben solle, wie er zu herrschen habe (V. 734), spitzt sich der Wortwechsel zu. Eine Stadt, die einem einzigen Mann gehört, sei keine Stadt, entgegnet Haimon sinngemäß (V. 737). Kreon fragt zurück: „Wird nicht gesagt, es sei die Stadt des Herrschers?“ (V. 738) Haimons Antwort, bei Hölderlin: „Ein rechter Herrscher wärst allein du in der Wildnis.“ (V. 739)
In diesen Versen steckt eine kleine Lehre über politische Macht. Die Polis ist eine Gemeinschaft von Bürgern und kein Besitz ihres Regenten, und wer niemandem mehr zuhört, erfährt nicht mehr, was die Menschen denken, weil sie aus Furcht schweigen.
Der Mensch und seine Grenzen
Noch bevor Antigone gefasst wird, singt der Chor der thebanischen Alten ein Lied, das in Hölderlins Fassung mit den Worten beginnt: „Ungeheuer ist viel. Doch nichts / Ungeheuerer als der Mensch.“ (V. 332f.) Das griechische Wort meint zugleich das Staunenswerte und das Unheimliche. Der Chor zählt auf, was der Mensch sich erobert hat, vom Meer und vom Acker bis zu Sprache, Denken und den Ordnungen der Städte.
Am Ende des Liedes steht eine Unterscheidung (V. 368–375). Wer die Gesetze des Landes und das beschworene Recht der Götter achtet, steht hoch in seiner Stadt; wer sich dem Unrecht zuwendet, ist ohne Stadt. Im Verlauf des Stücks zeigt sich, dass dieses Maß auch für den gilt, der die Gesetze der Stadt erlässt.
Kreon lernt es zu spät. Erst als der Seher Teiresias ihn warnt, gibt er nach, und da hat sich Antigone in ihrem Felsengrab bereits erhängt. Haimon tötet sich neben ihr, und Kreons Frau Eurydike folgt ihm in den Tod, sodass der Herrscher, der keinen Widerspruch dulden wollte, am Ende Sohn und Frau verloren hat.
Was die Nachwelt daraus machte
Schon Aristoteles griff Antigones Worte auf. In seiner Rhetorik unterscheidet er das besondere Recht, das sich jedes Volk selbst gibt, von einem allgemeinen, das der Natur gemäß ist und überall gilt (I 13, 1373b). Als Beispiel nennt er Antigone, die erklärt, es sei gerecht, den Bruder zu bestatten, auch wenn es verboten ist, und er zitiert dazu ihre Verse von den Satzungen, die nicht von heute und gestern sind. Im selben Atemzug erwähnt er den Redner Alkidamas, der nach einer antiken Erläuterung lehrte, Gott habe alle Menschen frei gelassen und die Natur niemanden zum Sklaven gemacht.
Manche Philosophiehistoriker sehen in Aristoteles einen Ausgangspunkt der Naturrechtstradition, zu der später auch John Locke gezählt wird, der klassisch-liberale Denker, der Leben, Freiheit und Eigentum als Rechte vor jeder Regierung begründete. Sophokles selbst hätte in solchen Begriffen nicht gedacht. Er hat aber eine Figur geschaffen, an der sich die Frage nach einem Recht über dem Gesetz anschaulich stellen ließ, lange bevor es dafür eine Theorie gab.
Auch die Bühne ließ den Stoff nicht los. Bertolt Brecht bearbeitete Hölderlins Übersetzung und brachte seine Fassung 1948 in Chur heraus, und Jean Anouilhs Antigone wurde im Februar 1944 im besetzten Paris uraufgeführt. In Zeiten, in denen Gehorsam teuer und Widerspruch gefährlich war, haben Menschen in diesem Stoff ihre eigene Lage wiedererkannt.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Einsicht betrifft den Unterschied zwischen Befehl und Recht. Ein Gebot gilt nicht schon deshalb, weil der Mächtige es verkündet hat; es muss sich an etwas messen lassen, das älter ist als er. Antigone fand diesen Maßstab bei den Göttern, spätere Generationen suchten ihn in der Natur des Menschen und seiner Würde, aber gestellt wird die Frage, die sie Kreon entgegenhält, in jeder Generation aufs Neue.
Die zweite Einsicht stammt von Haimon. Eine Stadt, die einem einzigen Mann gehört, ist keine Stadt, und eine Herrschaft, die niemandem zuhört, regiert am Ende über Schweigen. Wer über freie Rede und die Rechenschaft der Regierenden nachdenkt, findet bei Sophokles eine frühe dramatische Fassung dieser Gedanken.
Schließlich zählt, wer diese Fragen stellte. Dass ein Mann, der selbst Kassen verwaltete, als Feldherr gewählt wurde und in einer Krisenkommission saß, die Grenzen eines Machtspruchs so ernst nahm und dabei auch dem Herrscher seine Gründe ließ, verleiht seiner Tragödie Glaubwürdigkeit.
Ein Maßstab über dem Machtspruch
Sophokles war kein Freiheitsphilosoph, und die Antigone ist kein politisches Programm. Sie ist ein Stück über Pflicht, Trauer und Starrsinn, verwurzelt in der Religion und der Familie einer griechischen Stadt des 5. Jahrhunderts. Und doch hat dieser Dichter, der Athen in hohen Ämtern diente, der Nachwelt eine Szene hinterlassen, in der eine junge Frau dem Herrscher sagt, dass sein Wort nicht das letzte ist. Wer sich heute fragt, woran sich staatliche Gebote messen lassen müssen, steht noch immer vor Kreons Palast und hört Antigone zu.
Zum Weiterlesen
- Sophokles: Antigone, übersetzt von Friedrich Hölderlin (1804), frei zugänglich bei Projekt Gutenberg
- Sophokles: Antigone, übersetzt von Kurt Steinmann, Reclam, Stuttgart 2013
- Aristoteles: Rhetorik, übersetzt von Gernot Krapinger, Reclam, Stuttgart 1999 (zu Antigone: Buch I, Kap. 13)
- George Steiner: Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos, Hanser, München 1988
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Sophokles: Antigone, griechischer Text, hg. von Richard C. Jebb, Cambridge 1891, online bei Perseus: https://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus:text:1999.01.0185 (Verszählung)
- Sophokles: Antigone, übersetzt von Friedrich Hölderlin (1804), Projekt Gutenberg: https://projekt-gutenberg.org/authors/sophokles/books/antigone/chapter/3 und https://projekt-gutenberg.org/authors/sophokles/books/antigone/chapter/4
- Sophokles: Antigone, übersetzt von Kurt Steinmann, Reclam, Stuttgart 2013
- Aristoteles: Rhetorik I 13, 1373b und III 18, 1419a; englisch von J. H. Freese, Perseus: https://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus:text:1999.01.0060; deutsch von Gernot Krapinger, Reclam, Stuttgart 1999
- Inscriptiones Graecae I³ 269, Z. 36 (= T 18 Radt), Sophokles als Hellenotamias 443/442 v. Chr.: https://livingpoets.awh.durham.ac.uk/w/index.php/Inscriptiones_Graecae_I,_269.36
- Hegel, G. W. F.: Vorlesungen über die Ästhetik III (Werke 15), Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1970, S. 550
- Locke, John: Second Treatise of Government (1689), §§ 4–6 und § 123
- Wikipedia (en): Sophocles, https://en.wikipedia.org/wiki/Sophocles (Einstieg; Belege dort aus Sommerstein 2002, Lloyd-Jones 1994, Scullion 2002, Suda)
- Livius.org: Sophocles, https://www.livius.org/articles/person/sophocles
- Wikipedia (en): Proboulos, https://en.wikipedia.org/wiki/Proboulos (mit Verweis auf Hugh Bowden, Classical Athens and the Delphic Oracle, Cambridge 2005)
- Greek, Roman and Byzantine Studies: Aufsatz zur Strategie des Sophokles und zur Datierung der Antigone, https://grbs.library.duke.edu/index.php/grbs/article/download/4561/5491/15381
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: The Natural Law Tradition in Ethics, https://plato.stanford.edu/entries/natural-law-ethics/
- Hegels Antigone-Deutung, Nachweis der Ästhetik-Stelle: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/wja/article/view/27222/20912
- Brecht, Die Antigone des Sophokles (Chur 1948): https://en.wikipedia.com/wiki/Antigone_(Brecht); Tulane Drama Review, „Tragedy with a Purpose: Bertolt Brecht’s Antigone“, https://cambridge.org/core/journals/tulane-drama-review/article/tragedy-with-a-purpose-bertolt-brechts-antigone/FD36588FFFA3DC03769CB4FE8E2E2ACB
- Steiner, George: Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos, Hanser, München 1988 (engl. Antigones, Oxford 1984)
Beitragsbild: Sophokles (KI-Illustration)

