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Diogenes von Sinope: Der Mann, der Alexander aus der Sonne schickte

Diogenes von Sinope

In Korinth, so erzählt es die Überlieferung, besuchte der junge Alexander von Makedonien einen alten Mann, der in der Sonne lag. Alexander hatte gerade die Führung des griechischen Feldzugs gegen Persien übernommen, und viele Philosophen der Stadt waren gekommen, um ihm Glück zu wünschen. Einer war ausgeblieben. Alexander stellte sich vor ihn und fragte, ob er ihm einen Wunsch erfüllen könne. Der Alte antwortete, er möge ihm ein wenig aus der Sonne gehen.

Die Szene steht bei Plutarch und bei Diogenes Laertios, einem Biografen des 3. Jahrhunderts nach Christus, und ob sie sich so zugetragen hat, weiß niemand. Erzählt wird sie seit mehr als zwei Jahrtausenden, weil sie etwas Wahres über ihren Helden sagt. Diogenes von Sinope hat keine Staatstheorie hinterlassen und keine Lehre vom Eigentum. Er hat vorgeführt, dass ein Mensch, der nichts begehrt, auch vor dem mächtigsten Herrscher seiner Zeit aufrecht bleiben kann, und damit hat er der Freiheitsidee einen ihrer ältesten Gedanken geschenkt.

Steckbrief

  • Lebensdaten: um 410 bis um 323 v. Chr. (die Angaben schwanken), geboren in Sinope am Schwarzen Meer, gestorben in Korinth
  • Wirken: Philosoph in Athen und Korinth, Urbild der Kyniker
  • Schriften: keine erhalten; ob er überhaupt etwas geschrieben hat, war schon in der Antike umstritten
  • Hauptquelle: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Buch VI
  • In einem Satz: Er lebte vor, dass Freiheit mit der Unabhängigkeit von fremden Erwartungen beginnt.

Ein Verbannter aus Sinope

Fast alles, was wir über Diogenes wissen, stammt aus dem sechsten Buch des Diogenes Laertios, das rund 550 Jahre nach seinem Tod entstand und sich auf ältere, oft widersprüchliche Gewährsleute stützt. Man liest es am besten als Sammlung von Geschichten, die über ihn im Umlauf waren; manche mögen erfunden sein, doch zusammen ergeben sie ein geschlossenes Bild.

Sicher ist, dass Diogenes aus Sinope stammte, einer griechischen Kolonie an der Südküste des Schwarzen Meers. Sein Vater Hikesios war nach Laertios Geldwechsler. Nach der Überlieferung musste Diogenes die Stadt verlassen, weil die städtische Münze verfälscht worden war; der eine Gewährsmann beschuldigt den Vater, der andere den Sohn. Dass in Sinope tatsächlich Münzen verfälscht wurden, haben Münzfunde bestätigt; wer es war und warum, bleibt offen.

In Athen soll er sich dem Sokratesschüler Antisthenes angeschlossen haben, doch die heutige Forschung bezweifelt, dass die beiden sich begegnet sind, weil die Lebensdaten kaum zueinander passen. Belegt ist nur, dass Diogenes nach Athen kam und dort ein Leben führte, das Aufsehen erregte.

Die berühmte Tonne war in Wahrheit ein Pithos, ein großes tönernes Vorratsgefäß für Wein, Getreide oder Öl. Darin schlief Diogenes nach dem Bericht des Laertios im Metroon, dem Heiligtum der Göttermutter, und härtete sich gegen Hitze und Kälte ab. Das hölzerne Fass der Bilderbücher kam erst später hinzu. Eines Tages soll er von Piraten gefangen und als Sklave verkauft worden sein, nach Laertios auf Kreta; manche Forscher halten die Episode für erfunden. Gefragt, was er könne, habe er geantwortet, er verstehe sich darauf, Menschen zu regieren, und auf einen Käufer gezeigt, der einen Herrn brauche. Dieser Käufer, der Korinther Xeniades, machte ihn zum Erzieher seiner Söhne. In Korinth starb Diogenes hochbetagt, nach Laertios fast neunzigjährig und angeblich am selben Tag wie Alexander in Babylon.

Die Münze umprägen

Eine Fassung der Verbannungsgeschichte enthält einen Orakelspruch: Apollon in Delphi habe Diogenes erlaubt, die Münze umzuprägen. Das griechische Wort nomisma bedeutet die Münze und zugleich das, was durch Brauch gilt. Ob der Spruch je ergangen ist, spielt kaum eine Rolle, denn er wurde zum Motto seiner Philosophie. Diogenes prüfte die geltenden Werte seiner Stadt wie ein misstrauischer Geldwechsler und erklärte viele von ihnen für Falschgeld.

Laertios fasst es so zusammen, dass er dem Herkommen nie die Autorität zubilligte, die er der Natur zugestand. Edle Herkunft und Ruhm verspottete er als prunkvollen Schmuck des Lasters, und die Geldgier nannte er die Mutterstadt aller Übel. Ihren Namen trug seine Richtung von dem griechischen Wort für „hündisch“. Diogenes nahm den Spott an und machte daraus ein Programm. Er tat alles in aller Öffentlichkeit, frühstückte auf dem Markt und sagte von sich, er wedle bei denen, die ihm etwas geben, belle die an, die nichts geben, und beiße die Schurken.

Für Freiheitsfreunde liegt der Wert dieses Gedankens in seiner Unbestechlichkeit gegenüber dem Herkommen. Was alle tun, ist deshalb noch nicht richtig, und was eine Gesellschaft für ehrenwert hält, kann eine Fessel sein, die niemand mehr bemerkt. Diese Prüfung hat Diogenes allerdings so weit getrieben, dass ihr auch Einrichtungen zum Opfer fielen, auf die freie Menschen nicht verzichten wollen. Eine ihm zugeschriebene Schrift über den Staat forderte die Gemeinschaft der Frauen und Kinder und erklärte selbst den Verzehr von Menschenfleisch für unbedenklich. Ob er das ernst meinte oder Tabus nur bloßlegen wollte, lässt sich nicht mehr entscheiden; manche antike Autoren bezweifelten sogar, dass er überhaupt etwas geschrieben hat. Bemerkenswert ist, dass Laertios ihm zugleich den Satz zuschreibt, ohne Gesetz könne keine Gemeinschaft bestehen.

Wer nichts braucht, ist schwer zu beherrschen

Die Kyniker nannten ihr Ziel Autarkie, die Selbstgenügsamkeit. Als Diogenes ein Kind aus der hohlen Hand trinken sah, soll er seinen Becher weggeworfen haben, weil ihn ein Kind an Einfachheit übertroffen habe. Seine eigene Lebensweise verglich er mit der des Herakles, der die Freiheit allem anderen vorgezogen habe. Freiheit bedeutete für ihn, so wenig zu brauchen, dass niemand ihm etwas wegnehmen oder versprechen konnte, womit er ihn hätte lenken können.

Gut vierhundert Jahre später hat der Stoiker Epiktet, selbst ein freigelassener Sklave, diesen Gedanken auf eine Formel gebracht. In seiner Unterredung über die Freiheit sagt er, Diogenes sei frei gewesen, weil er alle Griffe abgeworfen habe, an denen man einen Menschen in die Knechtschaft ziehen kann. Er habe alles nur lose an sich hängen lassen, Besitz, Körper und Heimat, und deshalb habe niemand Macht über ihn gewinnen können.

Wer heute über Freiheit spricht, meint meist etwas anderes, nämlich Rechte, die einen Menschen vor dem Zugriff anderer schützen. Diogenes interessierte sich für die innere Seite: für die Abhängigkeit von Anerkennung, Komfort und Gunst, die einen Menschen gefügig macht, lange bevor ein Herrscher ihn zwingen muss. Beides gehört zusammen. Ein Bürger, der für einen Posten, eine Förderung oder ein Lob alles mitmacht, ist leicht zu regieren, gleich, was in der Verfassung steht.

Die Grenzen dieses Ideals liegen ebenfalls offen. Diogenes lebte vom Betteln und damit von der Arbeit anderer, und er bat einmal sogar eine Statue um eine Gabe, um sich, wie er sagte, im Abgewiesenwerden zu üben. Nach Laertios besaß er zeitweise einen Sklaven namens Manes, der ihm davonlief; Diogenes ließ ihn ziehen und meinte, es wäre lächerlich, wenn Manes ohne Diogenes leben könne, Diogenes aber nicht ohne Manes. Eine Ordnung, in der viele Menschen durch Tausch und Arbeitsteilung gemeinsam wohlhabend werden, hatte er nicht im Blick. Seine Freiheit war die eines Einzelnen, der sich herauszieht, und kein Plan für eine freie Gesellschaft.

Das offene Wort

Gefragt, was das Schönste unter den Menschen sei, antwortete Diogenes nach Laertios: das freie Wort. Die Griechen nannten es parrhesia, den Freimut, alles zu sagen, was man für wahr hält, auch vor denen, die einem schaden können. Der französische Philosoph Michel Foucault hat die Provokationen des Diogenes in seinen späten Vorlesungen als eine Form dieser Parrhesie gedeutet.

Zu ihr gehören auch die bekanntesten Geschichten. Am hellen Tag soll Diogenes mit einer brennenden Lampe über den Markt gegangen sein und erklärt haben, er suche einen Menschen. Die deutsche Erzähltradition hat daraus eine Laterne gemacht, und spätere Fassungen lassen ihn einen „ehrlichen“ Menschen suchen, wovon bei Laertios keine Rede ist. Auch Platons Wort, Diogenes sei ein verrückt gewordener Sokrates, kennen wir aus Laertios.

Die Bitte, aus der Sonne zu gehen, ist in diesem Licht mehr als eine Frechheit. Ein Mann, der von Alexander nichts will, kann ihm sagen, was er denkt, und darin liegt eine Einsicht, die bis in heutige Debatten über Meinungsfreiheit reicht: Ein Recht auf freie Rede nützt wenig, wenn die Menschen aus Rücksicht auf Karriere und Ansehen von sich aus schweigen.

Ein Bürger der Welt

Gefragt, woher er komme, antwortete Diogenes, er sei ein Bürger der Welt, auf Griechisch kosmopolites. Den einzigen wahren Staat sah er, so Laertios, in dem, der so weit reicht wie die Welt. In einer Zeit, in der ein Grieche sich über seine Stadt verstand und ihr Dienst schuldete, war das eine kühne Auskunft.

Die Philosophen Pauline Kleingeld und Eric Brown lesen sie in der Stanford Encyclopedia of Philosophy vor allem als Absage. Diogenes bestritt, dass er Sinope einen besonderen Dienst schulde, und hatte darüber hinaus wenig Positives über eine Weltgemeinschaft zu sagen. Ausgearbeitet haben den Gedanken erst die Stoiker, für die der Kosmos gleichsam eine einzige Stadt aller vernünftigen Wesen war. Der Weg dorthin führte über Diogenes‘ Schüler Krates zu Zenon von Kition, dem Gründer der Stoa. Von der Stoa reicht die Linie bis zu Immanuel Kant, der Menschen als Bürger der Erde mit eigenen Rechten verstand.

Für Freiheitsfreunde ist schon die Absage bedeutsam. Ein Mensch gehört seiner Stadt nicht, bloß weil er dort geboren wurde, und seine Würde hängt nicht davon ab, welchem Gemeinwesen er angehört. Wer heute für die Freiheit eintritt, sich niederzulassen, wo man will, und mit Menschen jenseits jeder Grenze zu handeln, kann sich auf diesen frühen Weltbürger berufen, auch wenn Diogenes selbst an Handel kaum gedacht hat.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Am wichtigsten ist wohl die Einsicht, dass Macht von Bedürfnissen lebt. Wer auf Gunst, Posten und Zuwendungen verzichten kann, ist schwer zu lenken. Überträgt man das auf die Gegenwart, was Diogenes selbst nie getan hat, dann vergrößert jede Ausweitung staatlicher Zuteilung die Zahl der Griffe, an denen man Menschen fassen kann. Dazu kommt seine Gewohnheit, das Herkömmliche zu prüfen, bevor man es achtet, und eine Skepsis gegenüber Rang und Titeln, die jedem gut ansteht, der Macht begrenzen will.

Auch für den Freimut ist er ein Lehrer. Diogenes zeigt, dass freie Rede eine Haltung ist, bevor sie ein Recht wird, und dass eine freie Gesellschaft von Menschen lebt, die auch dann sagen, was sie denken, wenn es ihnen nichts einbringt.

Der Schatten, den die Macht wirft

Diogenes war kein politischer Denker, und es wäre falsch, ihn zum Libertären zu erklären. Vom Eigentum als Grundlage der Freiheit und vom Markt als friedlicher Ordnung wusste er nichts, und manches, was man ihm zuschreibt, würde heute niemand verteidigen. Sein Beitrag ist älter und schlichter. Er hat gezeigt, dass Freiheit in einem Menschen beginnt, der sich nicht kaufen und nicht einschüchtern lässt, und dass ein solcher Mensch mit einem König sprechen kann wie mit seinesgleichen.

Die Szene von Korinth erinnert daran, dass auch wohlmeinende Macht einen Schatten wirft. Alexander kam mit einem Angebot, und Diogenes wollte nur sein Licht zurück. Wer das Angebot eines Mächtigen annimmt, steht fortan ein wenig in dessen Schatten, und diese Antwort lässt sich bis heute jedem Versprechen entgegenhalten, das ein Staat seinen Bürgern macht.

Zum Weiterlesen

  • Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Buch VI, übersetzt von Otto Apelt, Meiner, Hamburg
  • Epiktet: Unterredungen, Buch IV, Kapitel 1 „Über die Freiheit“
  • Klaus Döring: Die Kyniker, 2006
  • Heinrich Niehues-Pröbsting: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus, Fink, München 1979

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Buch VI, Kap. 2 (§§ 20–81, Diogenes), übersetzt von Otto Apelt, Felix Meiner Verlag, Hamburg; englisch: Lives of Eminent Philosophers, übers. von R. D. Hicks, Loeb Classical Library, 1925, online: https://en.wikisource.org/wiki/Lives_of_the_Eminent_Philosophers/Book_VI
  • Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Buch VII, §§ 2–4 (Zenon und Krates), engl. Übers. Hicks: https://en.wikisource.org/wiki/Lives_of_the_Eminent_Philosophers/Book_VII
  • Plutarch: Alexander 14 (Begegnung in Korinth), engl. Übers. von Bernadotte Perrin, Loeb Classical Library, 1919: https://lexundria.com/plut_alex/14/prr
  • Epiktet: Unterredungen (Diatriben), Buch IV, Kap. 1 „Über die Freiheit“, engl. Übers. von George Long: https://classics.mit.edu/Epictetus/discourses.4.four.html
  • Piering, Julie: „Diogenes of Sinope“, Internet Encyclopedia of Philosophy: https://iep.utm.edu/diogenes-of-sinope/
  • Kleingeld, Pauline; Brown, Eric: „Cosmopolitanism“, Stanford Encyclopedia of Philosophy (überarbeitet 2019): https://plato.stanford.edu/entries/cosmopolitanism/
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: „Epictetus“: https://plato.stanford.edu/entries/epictetus/
  • Encyclopaedia Britannica: „Diogenes“: https://www.britannica.com/biography/Diogenes-Greek-philosopher
  • Wikipedia (de): „Diogenes von Sinope“ (Einstieg, Literaturhinweise): https://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope
  • Döring, Klaus: „Diogenes aus Sinope“, in: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 280–295
  • Döring, Klaus: Die Kyniker, 2006
  • Niehues-Pröbsting, Heinrich: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus, Fink, München 1979
  • Foucault, Michel: Fearless Speech, hg. von Joseph Pearson, Semiotext(e), Los Angeles 2001

Beitragsbild: Diogenes von Sinope (KI-Illustration, freie Darstellung)

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