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Albert Jay Nock: Unser Feind, der Staat

Albert Jay Nock

Als im Mai 1889 bei Johnstown in Pennsylvania ein Damm brach und die Flut die Stadt verwüstete, wartete niemand auf Washington. Die Hilfe kam aus der Gesellschaft selbst, und sie kam so reichlich, dass am Ende, als alles wieder in Ordnung gebracht war, ungefähr eine Million Dollar übrig blieb. So schildert es Albert Jay Nock in Our Enemy, the State. Die Hilfe der Gesellschaft sei damals sofort in Gang gekommen, mit Verstand und Tatkraft, wie er schreibt.

Nock erzählte diese Geschichte 1935, mitten im New Deal, und er fügte eine kleine Beobachtung hinzu, die jeder an sich selbst überprüfen konnte. Zwei Jahre zuvor hätte man einem Bettler auf der Straße vielleicht noch etwas gegeben, nun verweise man ihn an die staatliche Fürsorge. Nock sah darin die Folge einer Machtverschiebung, die er in einem schmalen Buch beschrieb. Der Grundgedanke dieses Buches gehört seither zum festen Bestand freiheitlichen Denkens.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 13. Oktober 1870 in Scranton (Pennsylvania) bis 19. August 1945 in Wakefield (Rhode Island)
  • Wirken: Priester der Episkopalkirche, Journalist bei American Magazine und The Nation, Herausgeber des Freeman (1920 bis 1924), Essayist
  • Hauptwerke: The Myth of a Guilty Nation (1922), Jefferson (1926), The Theory of Education in the United States (1932), Our Enemy, the State (1935), Isaiah’s Job (1936), Memoirs of a Superfluous Man (1943)
  • Wirkung: Vordenker der amerikanischen „Old Right“, prägend für Frank Chodorov, Murray Rothbard und William F. Buckley
  • In einem Satz: Er zeigte, dass der Staat nichts besitzt, was er nicht zuvor der Gesellschaft genommen hat.

Von der Kanzel an den Schreibtisch

Nock wurde in Scranton geboren und wuchs in Brooklyn auf. Sein Vater war Stahlarbeiter und zugleich Geistlicher der Episkopalkirche, und der Sohn lernte früh Griechisch und Latein. Nach dem Studium am St. Stephen’s College, dem heutigen Bard College, und einem Jahr am Priesterseminar wurde er 1897 selbst ordiniert. Zwölf Jahre später, 1909, gab er das Pfarramt auf und verließ auch seine Frau und die beiden Söhne.

Er wurde Journalist, zunächst beim American Magazine, wo er für die Bodenwertsteuer des Ökonomen Henry George schrieb, ab 1914 bei der Wochenzeitung The Nation. Dort stand er gegen den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg, und sein erstes Buch, The Myth of a Guilty Nation von 1922, wandte sich gegen die These von der deutschen Alleinschuld. Als der Herausgeber der Nation sich für die Verstaatlichung der Eisenbahnen aussprach, ging Nock.

Ein Blatt für Radikale

Am 17. März 1920 erschien die erste Ausgabe des Freeman, einer Wochenschrift, die Nock gemeinsam mit dem britischen Publizisten und früheren Unterhausabgeordneten Francis Neilson herausgab. Das Geld kam von Neilsons Frau Helen Swift Neilson, einer Erbin aus der Fleischindustrie. Das Blatt hatte nur rund 7.000 Abonnenten und schrieb hohe Verluste, doch es druckte Beiträge von Autoren wie Thomas Mann, Bertrand Russell und Thorstein Veblen. Nach 208 Ausgaben war am 5. März 1924 Schluss.

Was Nock unter „radikal“ verstand, hat er selbst erklärt. Ein Liberaler im damaligen amerikanischen Sinn wolle den Staat durch Politik verbessern, ein Radikaler dagegen halte ihn seinem Wesen nach für eine gesellschaftsfeindliche Einrichtung. Der Freeman sei in diesem Sinn ein radikales Blatt, und Nock blieb bei dieser Haltung. Danach schrieb er ein Buch über Thomas Jefferson und hielt 1932 an der University of Virginia Vorlesungen über das Bildungswesen, in denen er staatliche Eingriffe in die Erziehung ablehnte.

Zwei Wege, satt zu werden

Den theoretischen Kern seines Hauptwerks entlehnte Nock dem deutschen Soziologen und Ökonomen Franz Oppenheimer, der 1907 in seinem Buch Der Staat eine einfache Unterscheidung getroffen hatte. Nock übernimmt sie im zweiten Kapitel von Our Enemy, the State und verweist dabei ausdrücklich auf Oppenheimer: Es gebe nur zwei Wege, auf denen ein Mensch seine Bedürfnisse befriedigen kann. Der eine ist die Herstellung von Gütern und ihr Tausch, das „wirtschaftliche Mittel“. Der andere ist die unentgoltene Aneignung dessen, was andere hergestellt haben, das „politische Mittel“. Der Staat ist nach dieser Definition die Organisation des politischen Mittels.

Daraus folgt eine nüchterne Prognose. Weil Menschen ihre Ziele gewöhnlich mit dem geringsten Aufwand erreichen wollen, greifen sie zum politischen Mittel, wo immer es zur Verfügung steht. Nock nennt die Werkzeuge beim Namen: Zölle, Konzessionen, Monopole auf Bodenrenten. Solange der Staat solche Vorteile zu vergeben hat, werden sich also Menschen finden, die sich um sie bemühen. Den geschichtlichen Ursprung des Staates sah Nock mit Oppenheimer in der Eroberung: Eine siegreiche Gruppe setzte sich dauerhaft über eine besiegte, um von deren Arbeit zu leben.

Woher der Staat seine Macht nimmt

Gleich im ersten Abschnitt des Buches steht der Satz, für den Nock bis heute gelesen wird. So wie der Staat kein eigenes Geld habe, so habe er auch keine eigene Macht: „just as the State has no money of its own, so it has no power of its own“. Alle Macht des Staates sei entweder von der Gesellschaft übertragen oder ihr bei passender Gelegenheit genommen worden. Eine andere Quelle gibt es nicht, und deshalb bedeutet jede Stärkung der Staatsmacht eine ungefähr gleich große Schwächung dessen, was Nock „social power“ nennt, die gesellschaftliche Macht.

Unter gesellschaftlicher Macht versteht er, was Menschen freiwillig und gemeinsam zustande bringen, die Hilfe nach einer Katastrophe ebenso wie den Wohlstand, den sie erarbeiten. Bemerkenswert ist sein zweiter Gedanke. Übernimmt der Staat eine Aufgabe, so verkümmert mit der Ausübung gesellschaftlicher Macht in diesem Bereich auch die Bereitschaft, sie auszuüben. Als Beispiel nennt Nock das Recht jedes Bürgers, einen Übeltäter festzunehmen und vor den Richter zu bringen: Seit die Polizei diese Aufgabe übernommen hatte, wusste kaum noch jemand davon. Die Hilfe nach der Johnstown-Flut und der Bettler, den man an das Amt verweist, sind zwei Seiten derselben Entwicklung.

Krisen als Gelegenheit

Den New Deal deutete Nock als eine gewaltige Verschiebung von gesellschaftlicher zu staatlicher Macht, neben der einzelne Maßnahmen wie Preisfestsetzung oder Inflation zweitrangig seien. Neu war für ihn vor allem die Lehre, der Staat schulde seinen Bürgern den Lebensunterhalt. Mit den neuen Hilfsprogrammen habe der Staat zugleich eine gewaltige Masse subventionierter Wählerstimmen geschaffen. Nock erinnerte an eine Formulierung James Madisons aus dem Jahr 1794, der vor dem „alten Trick“ gewarnt hatte, jeden Notfall in eine Gelegenheit zu verwandeln, die Macht der Regierung zu vergrößern.

Wer meinte, die neuen Befugnisse seien nur eine Art Notdarlehen auf Zeit, dem hielt Nock die Geschichte entgegen. Eine echte Rückverteilung der Macht vom Staat zur Gesellschaft sei ohne Beispiel, und jeder Eingriff erzeuge Verwerfungen, die den nächsten Eingriff begründen. Ein halbes Jahrhundert später untersuchte der Wirtschaftshistoriker Robert Higgs in Crisis and Leviathan (1987), wie Kriege und Krisen das Wachstum der amerikanischen Bundesregierung schubweise vorangetrieben haben.

Regierung ist nicht gleich Staat

Murray Rothbard überschrieb das Kapitel über ihn und H. L. Mencken in The Betrayal of the American Right mit „The Tory Anarchism of Mencken and Nock“. Nock selbst zog eine feinere Linie. Er knüpfte an Thomas Paines Common Sense an, wo die Gesellschaft als Segen und die Regierung als notwendiges Übel erscheint. Eine Regierung im Sinne Paines und der Unabhängigkeitserklärung beschränke sich darauf, Freiheit und Sicherheit zu schützen, und greife nur abwehrend ein, wenn jemand einem anderen schadet.

Der Staat dagegen, wie er geschichtlich entstanden ist, greife fortwährend gestaltend in das Leben der Menschen ein, im Dienst derer, die vom politischen Mittel leben. Dass sich daran bald etwas ändere, versprach Nock nicht. Vielleicht, so schrieb er, werde man in ferner Zukunft befinden, dass Eroberung und Beschlagnahme zu teuer geworden sind, und den Staat durch Regierung ersetzen. Diese Zurückhaltung gehört zu seinem Bild: Nock wollte verstehen und beschreiben, kein Parteiprogramm entwerfen.

Für den Rest schreiben

Im Juni 1936 erschien im Atlantic Monthly der Essay Isaiah’s Job, der vielleicht am stärksten nachgewirkt hat. Nock erzählt darin, wie der Prophet Jesaja den Auftrag erhält, einem Volk zu predigen, das nicht hören wird. Seine eigentliche Aufgabe sei der „Rest“, eine Minderheit, die sich durch Urteilskraft auszeichnet und nicht durch Stand oder Vermögen. Diese Menschen seien unauffällig, unorganisiert und schweigsam, jeder schlage sich auf seine Weise durch. Man wisse nicht, wer sie sind, wohl aber zweierlei: „First, that they exist; second, that they will find you.“

Für viele Freiheitsfreunde ist dieser Essay bis heute ein Trost. Er befreit davon, Erfolg an Wahlergebnissen zu messen, und lenkt den Blick auf die Sorgfalt der Argumente. Die Foundation for Economic Education, die Leonard Read 1946 gegründet hatte, gab ihn 1962 als eigene Schrift heraus.

Nocks letzte Jahre waren still. 1941 veröffentlichte er im Atlantic Monthly einen zweiteiligen Aufsatz über „The Jewish Problem in America“, in dem er die Juden als „orientalisches“ Volk beschrieb und judenfeindliche Gesetze auch in Amerika für möglich hielt; Zeitgenossen wie die Anthropologin Ruth Benedict widersprachen scharf, und danach erhielt er kaum noch Aufträge. 1943 erschienen seine Erinnerungen, die Memoirs of a Superfluous Man. Als er 1945 starb, hinterließ er rund 1.300 Dollar.

Eine Generation von Schülern

Frank Chodorov, der Nock 1936 kennengelernt hatte, besorgte 1946 die zweite Auflage von Our Enemy, the State und schrieb im Vorwort, das Buch sei zunächst seiner literarischen Qualität wegen beachtet worden, die Nachfrage sei aber gewachsen, als die Erstauflage vergriffen war. Als die Foundation for Economic Education 1954 den Freeman übernahm, wurde Chodorov dessen Herausgeber. Murray Rothbard übernahm Nocks Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Staat und vertrat sie zeitlebens. Und William F. Buckley, dessen Vater Nock nach Erscheinen der Memoiren zu sich nach Connecticut einlud, zählte dieses Buch zu den Texten, die ihn geprägt haben.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Die wichtigste Lehre ist eine Begriffsklärung. Wer Gesellschaft und Staat gleichsetzt, hält jede Kritik am Staat für einen Angriff auf das Gemeinwesen. Nock zeigt, dass es sich umgekehrt verhält: Das Gemeinwesen lebt von freiwilliger Zusammenarbeit, und der Staat zehrt von ihr. Wer den Staat begrenzen will, verteidigt also die Gesellschaft.

Ebenso hilfreich ist sein Blick auf die Richtung der Bewegung. Statt jede einzelne Maßnahme isoliert zu beurteilen, fragt Nock, ob Aufgaben, Mittel und Verantwortung von den Bürgern zum Staat wandern oder zurück. Dazu kommt seine Beobachtung, dass mit der Zuständigkeit auch die Gewohnheit wandert, sodass Menschen verlernen, was der Staat ihnen abnimmt.

Schließlich lehrt Nock Geduld. Er schrieb elegant, ohne Eile und ohne Anbiederung, und er vertraute darauf, dass gute Gedanken ihre Leser finden, so wie der Rest in Isaiah’s Job seinen Propheten findet.

Die Frage, die bleibt

Albert Jay Nock hat eine Einsicht so klar formuliert, dass man sie nicht mehr vergisst: Der Staat hat keine Macht, die er nicht der Gesellschaft genommen hat. Daraus ergibt sich eine Frage, die Sie an jede neue Behörde, jedes Hilfsprogramm und jede ausgerufene Notlage richten können. Wird die Gesellschaft dadurch stärker, oder wächst nur der Staat? Die Helfer von Johnstown haben 1889 eine Antwort gegeben, die noch immer Mut macht.

Zum Weiterlesen

  • Albert Jay Nock: Our Enemy, the State, William Morrow, New York 1935 (frei verfügbar beim Mises Institute)
  • Albert Jay Nock: Isaiah’s Job, The Atlantic Monthly, Juni 1936
  • Albert Jay Nock: Memoirs of a Superfluous Man, Harper, New York 1943
  • Murray N. Rothbard: The Betrayal of the American Right, Mises Institute, Auburn 2007

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Nock, Albert Jay: The Myth of a Guilty Nation, 1922.
  • Nock, Albert Jay: Jefferson, 1926.
  • Nock, Albert Jay: The Theory of Education in the United States, 1932.
  • Nock, Albert Jay: Our Enemy, the State, William Morrow, New York 1935; 2. Auflage mit einem Vorwort von Frank Chodorov, 1946. Volltext: https://dn720006.ca.archive.org/0/items/english-collections-k-z/Our%20Enemy,%20The%20State%20-%20Albert%20Jay%20Nock.pdf
  • Nock, Albert Jay: „Isaiah’s Job“, in: The Atlantic Monthly, Juni 1936; online: https://mises.org/mises-daily/isaiahs-job
  • Nock, Albert Jay: „The Jewish Problem in America“, in: The Atlantic Monthly, Juni und Juli 1941.
  • Nock, Albert Jay: Memoirs of a Superfluous Man, Harper, New York 1943.
  • Oppenheimer, Franz: Der Staat, Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1907 (Die Gesellschaft, Bd. 14/15).
  • Powell, Jim: „Albert Jay Nock: A Gifted Pen for Radical Individualism“, Foundation for Economic Education, 1. März 1997, https://fee.org/articles/albert-jay-nock-a-gifted-pen-for-radical-individualism/
  • Tucker, Jeffrey A.: „Albert Jay Nock: Forgotten Man of the Old Right“, Mises Daily, 12. Oktober 2007, https://mises.org/mises-daily/albert-jay-nock-forgotten-man-old-right
  • Ludwig von Mises Institute: Profil Albert Jay Nock, https://mises.org/profile/albert-jay-nock
  • Rothbard, Murray N.: The Betrayal of the American Right, Mises Institute, Auburn 2007, Kap. 3 „Origins of the Old Right II: The Tory Anarchism of Mencken and Nock“, https://mises.org/library/betrayal-american-right-0
  • Higgs, Robert: Crisis and Leviathan. Critical Episodes in the Growth of American Government, Oxford University Press, New York 1987.
  • Yale University Library: Findbuch zu den Albert Jay Nock Papers, https://ead-pdfs.library.yale.edu/3827.pdf
  • Jewish Telegraphic Agency, Berichte zu Nocks Atlantic-Aufsätzen 1941, https://www.jta.org/archive/writer-foresees-possibility-of-nuremberg-laws-in-u-s und https://www.jta.org/archive/nocks-theories-on-jews-denounced-by-noted-anthropologist-at-williamstown-institute
  • Wikipedia (en): Albert Jay Nock, https://en.wikipedia.org/wiki/Albert_Jay_Nock; The Freeman (magazine), https://en.wikipedia.org/wiki/The_Freeman_(magazine); Our Enemy, the State, https://en.wikipedia.org/wiki/Our_Enemy,_the_State (Einstieg, Angaben durch obige Quellen gestützt)
  • National Park Service: Johnstown Flood National Memorial, https://www.nps.gov/jofl/

Beitragsbild: Albert Jay Nock (KI-Illustration)

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