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Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopia

Robert Nozick

1971 veröffentlichte John Rawls, Philosoph an der Harvard University, A Theory of Justice. Das Buch wurde rasch zu einer der einflussreichsten philosophischen Begründungen des umverteilenden Sozialstaats: Ungleichheiten seien nur dann gerecht, wenn sie auch den am schlechtesten Gestellten zugutekommen, und die Institutionen einer Gesellschaft hätten dafür zu sorgen.

Drei Jahre später kam die Antwort aus demselben Fachbereich. Ihr Autor war siebzehn Jahre jünger als Rawls und hatte als Student noch die Ortsgruppe einer sozialistischen Studentenorganisation gegründet. Anarchy, State, and Utopia beginnt mit einem Satz, der das ganze Programm enthält: Individuen haben Rechte, und es gibt Dinge, die keine Person und keine Gruppe ihnen antun darf, ohne diese Rechte zu verletzen. Robert Nozick erhielt für das Buch 1975 den National Book Award, und der Libertarismus war von da an eine Position, mit der sich die akademische Philosophie ernsthaft auseinandersetzen musste.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 16. November 1938 in Brooklyn, New York, bis 23. Januar 2002 in Cambridge, Massachusetts
  • Wirken: Professor für Philosophie an der Harvard University ab 1969, ab 1998 Joseph Pellegrino University Professor
  • Hauptwerke: Anarchy, State, and Utopia (1974, deutsch Anarchie, Staat, Utopia), Philosophical Explanations (1981), The Examined Life (1989), The Nature of Rationality (1993), Invariances (2001)
  • Auszeichnungen: National Book Award 1975 für Anarchy, State, and Utopia
  • In einem Satz: Er zeigte, dass sich der Minimalstaat aus den Rechten des Einzelnen begründen lässt, und beschrieb ihn als offenen Rahmen, in dem Menschen ihre eigenen Utopien leben können.

Ein Sozialist entdeckt die Rechte

Nozick wuchs in Brooklyn als Sohn einer jüdischen Familie mit russischen Wurzeln auf; der Vater führte ein kleines Geschäft. Am Columbia College, wo er 1959 abschloss, gründete er die örtliche Gruppe der Student League for Industrial Democracy, aus der 1962 die Students for a Democratic Society hervorgingen, eine der wichtigsten Organisationen der amerikanischen Neuen Linken. In Princeton wurde er 1963 mit einer Arbeit zur Entscheidungstheorie bei Carl Hempel promoviert.

Den Weg zu anderen Überzeugungen ebnete ein Freund aus Princeton, Bruce Goldberg, der ihn mit dem Ökonomen Murray Rothbard bekannt machte. Im Vorwort seines Hauptwerks nennt Nozick ein langes Gespräch mit Rothbard als den Anstoß, sich mit der Theorie des individualistischen Anarchismus zu beschäftigen. 1977 sagte er in einem Interview rückblickend, er habe immer schon eine Anspruchstheorie vertreten und nur herausfinden müssen, welche Ansprüche die richtigen sind.

1969 wurde Nozick mit dreißig Jahren ordentlicher Professor in Harvard, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Nach Anarchy, State, and Utopia wandte er sich der Erkenntnistheorie, der Rationalität, den Fragen des guten Lebens und der Metaphysik zu. Er starb 2002 mit 63 Jahren an Magenkrebs, an dem er seit 1994 litt, und blieb bis zuletzt im Amt.

Wie ein Staat entstehen kann, ohne Unrecht zu tun

Das Buch hat drei Teile, und jeder antwortet auf eine andere Seite. Der erste richtet sich an die Anarchisten, deren Einwände Nozick ausführlich prüft. Er stellt sich einen Naturzustand vor, in dem Menschen sich zum Schutz ihrer Rechte privaten Schutzagenturen anschließen. In einem Gebiet setzt sich mit der Zeit eine Agentur durch, und aus ihr wird schrittweise ein Minimalstaat, der Gewalt, Diebstahl und Betrug abwehrt und Verträge durchsetzt. Entscheidend ist für Nozick, dass dieser Weg möglich ist, ohne dass jemandes Rechte verletzt werden müssen.

Der zweite Teil richtet sich an alle, die dem Staat mehr Aufgaben geben wollen. Seine These lautet: Kein Staat, der umfassender ist als der Minimalstaat, lässt sich rechtfertigen. Und der dritte Teil wendet sich an die Träumer, denn er zeigt, dass derselbe Minimalstaat, so Nozick schon im Vorwort, richtig ist und zugleich begeistern kann.

Diese Verbindung ist das Besondere an dem Buch. Während viele Verteidiger des Marktes mit Wohlstand und Effizienz argumentieren, beruft sich Nozick auf den Respekt vor Personen: Menschen dürfen, so formuliert er in kantischer Sprache, nicht ohne ihre Zustimmung für die Ziele anderer geopfert oder benutzt werden (S. 31).

Gerechtigkeit hat eine Geschichte

Die meisten Philosophen seiner Zeit fragten, welche Gestalt eine gerechte Verteilung haben müsse: nach Bedürfnis, nach Verdienst oder so, dass die Schwächsten möglichst gut dastehen. Nozick nannte solche Ansätze strukturierte Theorien, weil sie ein bestimmtes Muster vorgeben, und setzte ihnen seine Anspruchstheorie entgegen. Ob jemand etwas zu Recht besitzt, hängt danach allein davon ab, wie er es erworben hat. Gerecht ist, was durch rechtmäßige erste Aneignung oder durch freiwillige Übertragung, also Tausch oder Schenkung, zustande kam; wo Raub oder Betrug geschah, ist das Unrecht zu berichtigen. „Justice in holdings is historical“, schreibt er (S. 152 der Originalausgabe): Gerechtigkeit im Besitz ist eine Frage dessen, was tatsächlich geschehen ist.

Seine eigene Kurzformel spielt auf den alten sozialistischen Leitspruch an, „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. bei Nozick heißt es: „From each as they choose, to each as they are chosen“ (S. 160), sinngemäß also: Jeder gibt, was er geben will, und jeder erhält, was andere ihm geben wollen.

Die Eintrittskarten des Wilt Chamberlain

Berühmt wurde die Anspruchstheorie durch ein Beispiel aus dem Basketball. Nozick bittet den Leser, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der genau die Verteilung herrscht, die er selbst für gerecht hält. Nun vereinbart der Basketballstar Wilt Chamberlain mit seinem Verein, dass er von jeder Eintrittskarte 25 Cent erhält. Eine Million Zuschauer zahlen im Lauf der Saison gern, um ihn spielen zu sehen, und am Ende hat Chamberlain 250.000 Dollar mehr als vorher und weit mehr als alle anderen.

War die Ausgangslage gerecht und hat jeder freiwillig gezahlt, was ihm gehörte, dann ist schwer zu sagen, wo das Unrecht liegen soll. Wer die alte Verteilung wiederherstellen will, muss Chamberlain wegnehmen, was ihm aus freien Stücken gegeben wurde, und er müsste das immer wieder tun, denn Menschen werden weiter tauschen und schenken. Freiheit, so der Schluss, bringt jedes Muster durcheinander, und wer ein Muster dauerhaft sichern will, muss die Menschen dauerhaft daran hindern, über ihr Eigentum selbst zu bestimmen.

Aus dieser Überlegung folgt der vielleicht meistzitierte Satz des Buches: „Taxation of earnings from labor is on a par with forced labor“ (S. 169). Die Besteuerung von Arbeitseinkommen, so Nozick, steht auf einer Stufe mit Zwangsarbeit, denn wer einem Menschen die Früchte einiger Arbeitsstunden nimmt, verfügt über diese Stunden seines Lebens.

Nozick nahm auch die Frage ernst, was aus vergangenem Unrecht folgt, und sie gehört zu seiner Theorie dazu. Viel heutiger Besitz geht auf früheres Unrecht zurück. Am Ende des Gerechtigkeitskapitels erwägt er deshalb pauschale Ausgleichszahlungen an jene, die wahrscheinlich geschädigt wurden, und hält es für denkbar, dass dafür kurzfristig ein umfassenderer Staat nötig wäre. Zugleich warnt er, man könne mit seiner Analyse kein bestehendes System von Transferzahlungen verurteilen, solange man die historischen Tatsachen nicht im Einzelnen kenne.

Ein Rahmen für viele Utopien

Der dritte Teil ist der wärmste des Buches. Nozick fragt, wie die beste aller möglichen Welten aussähe, und kommt zu dem Ergebnis, dass es sie für alle Menschen zugleich nicht geben kann, weil Menschen zu verschieden sind. Was dem einen ein erfülltes Leben ermöglicht, wäre für den anderen eine Zumutung.

Die Utopie, die er vorschlägt, ist deshalb ein Rahmen für Utopien, in seinen Worten „a meta-utopia“ (S. 312): ein Ort, an dem Menschen sich freiwillig zusammenschließen und ihre Vorstellungen vom guten Leben ausprobieren können. Religiöse Gemeinden, Genossenschaften, sozialistische Siedlungen und Gemeinschaften strenger Eigentümer können nebeneinander bestehen. Jede muss, so Nozick, die freiwillige Zustimmung ihrer Mitglieder gewinnen und halten (S. 316), und wer gehen will, darf gehen. Niemand weiß im Voraus, welche Lebensform die beste ist, und so wirkt dieser Rahmen wie ein Entdeckungsverfahren im Sinne Hayeks, bei dem sich im Versuch zeigt, was Menschen wirklich wollen.

Ein Beispiel dafür fand Nozick in Israel. In dem Aufsatz „Who Would Choose Socialism?“ (1978) schätzte er, dass sich in den 1970er-Jahren etwa sechs Prozent der erwachsenen Israelis für das Leben im Kibbuz entschieden hatten, ein gemeinschaftliches Leben inmitten einer Gesellschaft, die es niemandem vorschrieb. Wer solidarisch und mit geteiltem Eigentum leben möchte, findet in Nozicks Rahmen also seinen Platz, solange er andere nicht dazu zwingt.

Im selben Buch steht ein Gedankenexperiment, das weit über die politische Philosophie hinaus bekannt wurde. Nozick fragt, ob man sich für den Rest seines Lebens an eine Erlebnismaschine anschließen würde, die einem jedes gewünschte Erlebnis vorspiegelt, Erfolg, Freundschaft und Liebe eingeschlossen. Er nimmt an, dass man ablehnen würde, und begründet das so: Wir wollen Dinge wirklich tun und wirklich eine bestimmte Art Mensch sein, statt nur das Gefühl davon zu haben (S. 42 bis 45).

Was Freiheitsfreunde von Nozick lernen können

Die erste Lehre ist das Chamberlain-Argument selbst. Es setzt nicht voraus, dass der Leser schon libertär denkt: Man darf mit der eigenen Lieblingsverteilung beginnen und landet trotzdem bei der Frage, mit welchem Recht man Chamberlain sein Geld nimmt.

Die zweite Lehre betrifft den Blick auf Gerechtigkeit. Wer fragt, wie etwas zustande kam, statt nur auf das Ergebnis zu schauen, sieht in Ungleichheit nicht automatisch ein Unrecht. Eine ungleiche Verteilung kann völlig gerecht sein, wenn sie aus freiwilligen Entscheidungen hervorgeht.

Die dritte Lehre ist vielleicht die wichtigste für die öffentliche Debatte. Nozicks Rahmen für Utopien hält dem Bild vom kalten Libertarismus etwas entgegen, denn er lädt jeden ein, seine Vorstellung vom guten Leben mit Gleichgesinnten zu verwirklichen, solange er sie niemandem aufzwingt. Und schließlich hat Nozick gezeigt, dass libertäre Argumente in der anspruchsvollsten akademischen Diskussion bestehen. Das Times Literary Supplement zählte sein Buch zu den hundert einflussreichsten Büchern seit dem Zweiten Weltkrieg, und auch Rothbards ausführliche Erwiderung von 1977, die den Minimalstaat aus anarchistischer Sicht angriff, zeugt davon, wie ernst man es in der Freiheitsbewegung selbst nahm.

Ein Denker, der weiterfragte

Nozick hat sein Hauptwerk nie fortgeschrieben, und 1989 schrieb er in The Examined Life, die libertäre Position, die er einst vertreten habe, erscheine ihm nun als ernsthaft unzureichend, weil sie menschliche Rücksichten und gemeinsames Handeln nicht eng genug in ihr Gefüge eingewoben habe (S. 286 f., eigene Übersetzung). Viele lasen das als Abkehr. In einem Interview mit dem Journalisten Julian Sanchez stellte er 2001 klar, er sei nur kein so strenger Libertärer mehr wie früher, die Gerüchte über seinen Abfall vom Libertarismus seien aber stark übertrieben. In Invariances, seinem letzten Buch, heißt es im selben Jahr, alles, was eine Gesellschaft mit Zwang verlangen dürfe, sei die Achtung einer Ethik des Respekts (S. 282).

Dass er weiterdachte, statt an einem Buch festzuhalten, passt zu einem Philosophen, der das selbst geführte Leben über jedes vorgegebene Muster stellte. Seine Frage steht bis heute im Raum, und jeder Plan zur Umverteilung muss sich ihr stellen: Mit welchem Recht nimmt man einem Menschen, was andere ihm freiwillig gegeben haben?

Zum Weiterlesen

  • Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopia, übersetzt von Hermann Vetter, Olzog, München 2011
  • Robert Nozick: Anarchy, State, and Utopia, Basic Books, New York 1974
  • Murray N. Rothbard: „Robert Nozick and the Immaculate Conception of the State“, in: Journal of Libertarian Studies 1 (1), 1977
  • Ralf M. Bader und John Meadowcroft (Hrsg.): The Cambridge Companion to Nozick’s Anarchy, State, and Utopia, Cambridge University Press, Cambridge 2011

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Nozick, Robert: Anarchy, State, and Utopia, Basic Books, New York 1974; deutsch: Anarchie, Staat, Utopia, übersetzt von Hermann Vetter, Moderne Verlags-Gesellschaft, München um 1976; Neuausgaben Olzog, München 2006 und 2011.
  • Nozick, Robert: Philosophical Explanations, Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1981.
  • Nozick, Robert: „Who Would Choose Socialism?“, Aufsatz, 1978 (zitiert nach Stanford Encyclopedia of Philosophy).
  • Nozick, Robert: The Examined Life. Philosophical Meditations, Simon & Schuster, New York 1989.
  • Nozick, Robert: The Nature of Rationality, Princeton University Press, Princeton 1993.
  • Nozick, Robert: Invariances. The Structure of the Objective World, Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 2001.
  • Sanchez, Julian: Interview mit Robert Nozick, Juli 2001 (zitiert nach Mises Wiki und Stanford Encyclopedia of Philosophy).
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: Robert Nozick’s Political Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/nozick-political/
  • Harvard Gazette: Philosopher Robert Nozick dies at 63, Januar 2002, https://news.harvard.edu/gazette/story/2002/01/philosopher-nozick-dies-at-63/
  • Columbia College Today: Nachruf „Robert Nozick ’59“, Mai 2002, https://www.college.columbia.edu/cct_archive/may02/may02_obituaries1.html
  • Gordon, David: Rothbard and Nozick, Mises Wire, 7. Januar 2017, https://mises.org/wire/rothbard-and-nozick
  • Rothbard, Murray N.: Robert Nozick and the Immaculate Conception of the State, in: Journal of Libertarian Studies 1 (1), 1977, S. 45–57, https://mises.org/journal-libertarian-studies/robert-nozick-and-immaculate-conception-state
  • Bader, Ralf M.; Meadowcroft, John (Hrsg.): The Cambridge Companion to Nozick’s Anarchy, State, and Utopia, Cambridge University Press, Cambridge 2011.
  • Schmidtz, David (Hrsg.): Robert Nozick, Cambridge University Press, Cambridge 2002.
  • Mises Wiki: Robert Nozick, https://wiki.mises.org/wiki/Robert_Nozick.html
  • Wikipedia (en): Robert Nozick, https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Nozick (Lebenslauf, Einstieg)

Beitragsbild: Robert Nozick (KI-Illustration)

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