Zhuangzi angelte am Fluss Pu, als zwei hohe Beamte des Königs von Chu zu ihm kamen. Ihr Herr wolle ihn mit der Ordnung seines Reiches betrauen, ließ der König ausrichten. Zhuangzi behielt die Angelrute in der Hand und fragte, ohne sich umzusehen, nach der heiligen Schildkröte, die seit dreitausend Jahren tot sei und die der König in einem Schrein mit seidenen Tüchern im Tempel verwahre. Ob dieses Tier wohl lieber geehrte Knochen hinterlasse oder lieber lebe und den Schwanz durch den Schlamm ziehe? Lieber leben, meinten die Beamten. In der Übersetzung von Richard Wilhelm antwortet Zhuangzi: „Geht hin! Auch ich will lieber meinen Schwanz im Schlamme nach mir ziehen.“
Die Szene steht im 17. Kapitel des Buches Zhuangzi, und ob sie sich so zugetragen hat, weiß niemand. Der Geschichtsschreiber Sima Qian erzählt dieselbe Weigerung um 100 v. Chr. mit einem anderen Bild. In dem Punkt, auf den es ankommt, stimmen beide Fassungen überein: Ein Gelehrter schlägt die Macht aus, die man ihm anträgt.
Steckbrief
- Lebensdaten: 4. Jahrhundert v. Chr.; oft genannte Jahreszahlen wie 369 bis 286 v. Chr. sind Schätzungen
- Herkunft: Meng, vermutlich im Staat Song im heutigen Henan
- Wirken: nach Sima Qian kleiner Beamter im „Lackgarten“ von Meng, lehnte das Amt eines Kanzlers ab
- Werk: Zhuangzi, seit 742 n. Chr. auch Nanhua zhenjing („Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“), 33 Kapitel in der Ausgabe des Guo Xiang; als sein eigener Text gelten am ehesten die sieben „inneren“ Kapitel
- In einem Satz: Er stellte das freie Leben über jedes Amt und beschrieb, wie gut gemeinte Ordnung zerstört, was sie ordnen will.
Ein Name und ein Buch aus vielen Händen
Über den Menschen Zhuang Zhou ist fast nichts gesichert. Die einzige frühe Nachricht stammt von Sima Qian, der rund zwei Jahrhunderte nach ihm schrieb. Danach kam Zhou aus Meng und war dort einmal Beamter im Lackgarten, wobei offen ist, ob damit ein Ort oder eine Pflanzung von Lackbäumen gemeint ist. Er lebte zur Zeit der Könige Hui von Liang und Xuan von Qi, also in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr., der Epoche der Streitenden Reiche.
Schwieriger ist die Frage, wer das Buch geschrieben hat. Der Gelehrte Guo Xiang, gestorben 312 n. Chr., kürzte die 52 Abschnitte, die eine Bibliografie der Han-Zeit verzeichnet, und ordnete den Rest zu sieben „inneren“, fünfzehn „äußeren“ und elf „vermischten“ Kapiteln, auf denen alle heutigen Fassungen beruhen. Die inneren Kapitel gelten als ältester Kern, doch selbst ihre Herkunft von Zhuang Zhou bleibt nach dem Urteil der Stanford Encyclopedia of Philosophy eine Annahme.
Der britische Sinologe A. C. Graham hat in den übrigen Kapiteln mehrere Verfasserkreise unterschieden. Die Kapitel 8 bis 10 und den Anfang von Kapitel 11 schrieb er einem Autor zu, den er den „Primitivisten“ nannte und in die Jahre zwischen dem Sturz der Qin und dem Aufstieg der Han datierte, etwa 209 bis 202 v. Chr. Der Philosoph Liu Xiaogan zählt sie mit den Kapiteln 28 bis 31 zu einer Schule „ohne Fürsten“ aus der späten Zeit der Streitenden Reiche, deren Verfasser er für Schüler Zhuangzis hält. Sima Qian wiederum sah im 10. Kapitel noch ein Werk des Meisters selbst.
Wer „Zhuangzi sagt“ schreibt, meint also oft ein Buch und eine Schule, weshalb dieser Artikel jeweils das Kapitel nennt. Wörtlich zitiert wird nur Richard Wilhelms Übersetzung von 1912; alle anderen Stellen sind deutsche Wiedergaben der Redaktion nach der vollständigen englischen Übersetzung von Burton Watson.
Das Opferrind und der eine Zweig
Bei Sima Qian schickt König Wei von Chu Boten mit reichen Geschenken und bietet Zhuangzi das Amt des Kanzlers an. Zhuangzi lacht und erinnert an das Rind, das für das große Opfer jahrelang gemästet und in bestickte Tücher gekleidet wird, bis man es in den Tempel führt; in diesem Augenblick wünschte es sich vergeblich, ein einsames Ferkel zu sein. Lieber wolle er sich in einem schmutzigen Graben vergnügen, als sich von einem Landesherrn zügeln zu lassen, und zeit seines Lebens kein Amt annehmen.
Dieselbe Haltung findet sich in den inneren Kapiteln. Im ersten, das Xiaoyao you heißt, bei Watson „Free and Easy Wandering“, also unbeschwertes Umherschweifen, will der legendäre Herrscher Yao sein Reich an den Einsiedler Xu You abtreten. Xu You lehnt ab: Der Schneidervogel, der im tiefen Wald sein Nest baut, brauche nur einen einzigen Zweig, und für die Herrschaft über die Welt habe er keine Verwendung.
Die Welt gewähren lassen
Das 11. Kapitel trägt den Titel Zai you, bei Watson „Let It Be, Leave It Alone“, sinngemäß also „Gewähren lassen, in Ruhe lassen“. Sein erster Satz, der bekannteste politische Satz des Buches, lautet nach Watson, ins Deutsche übertragen: Ich habe davon gehört, die Welt sein zu lassen und sie in Ruhe zu lassen; davon, die Welt zu regieren, habe ich nie gehört. Man lasse sie in Ruhe, damit ihre angeborene Natur nicht verdorben werde, und wenn diese Natur unverdorben bleibe, wozu brauche es dann ein Regieren?
Auch der gute Herrscher Yao habe die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht, weil er die Menschen in Freude versetzte, so wie der Tyrann Jie sie in Kummer stürzte. Das Lenken selbst ist hier der Fehler, ganz gleich, mit welcher Absicht es geschieht, und auch Lohn und Strafe können die Welt nicht ordnen, weil sie dafür nie ausreichen.
Zum Bild gehört auch, wie das Kapitel fortfährt. Wenn der Edle keine andere Wahl habe, als die Welt zu lenken, sei Nichthandeln, wu wei, der beste Weg, und wer den eigenen Leib höher schätze als die Verwaltung der Welt, dem könne man sie anvertrauen. Das Kapitel verlangt also von dem, der herrscht, sich zurückzunehmen, und entwirft keine Ordnung ganz ohne Herrscher. Da sein Anfang zu dem Teil gehört, den Graham dem Primitivisten zuschreibt, spricht in Zai you zudem eher eine frühe Schule, die sich auf Zhuangzi berief, als der Meister selbst.
Pferde, Enten und ein Seevogel
Aus den Kapiteln 8 und 9, ebenfalls dem Primitivisten zugeschrieben, stammen zwei bekannte Gleichnisse. Die Beine der Ente sind kurz, die des Kranichs lang, und wer die einen streckt oder die anderen kürzt, bringt beiden nur Kummer. Im 9. Kapitel tritt Bo Le auf, in der Überlieferung der Meister der Pferdedressur. Er sengt, schert und brennt die Tiere, sperrt sie in Ställe und drillt sie mit Gebiss und Peitsche, bis mehr als die Hälfte von ihnen tot ist. Denselben Fehler, so der Text, begehen jene, die die Angelegenheiten der Welt verwalten.
Im 18. Kapitel, einem äußeren, lässt sich vor der Hauptstadt des Staates Lu ein Seevogel nieder. Der Fürst führt ihn in den Ahnentempel, lässt feierliche Musik spielen und setzt ihm Fleisch und Wein vor. Der Vogel rührt nichts an und ist nach drei Tagen tot, weil der Fürst ihn mit dem ernährt hat, was ihn selbst nährt, statt mit dem, was einen Vogel nährt.
Dass der Gedanke schon im ältesten Kern des Buches steht, zeigt das 7. und letzte der inneren Kapitel. Ein Narr nennt dort den Plan, ein Herrscher solle eigene Vorschriften erlassen und alle zum Gehorsam bringen, falsche Tugend. Am Ende des Kapitels steht Hundun, der Herrscher der Mitte, der keine Körperöffnungen hat. Seine dankbaren Gäste bohren ihm jeden Tag eine, damit er sehen, hören und essen kann wie alle Menschen, und am siebten Tag stirbt er.
Was Rothbard in ihm fand
Murray Rothbard hat Zhuangzi für die Geschichte der Freiheitsidee in Anspruch genommen, zuerst 1990 in einem Aufsatz, dann 1995 in Economic Thought Before Adam Smith. Zhuangzi habe Laozis Lehre vom Gewährenlassen zu ihrem logischen Schluss geführt, dem individualistischen Anarchismus, und sei der erste Anarchist der Geistesgeschichte gewesen. Er habe als Erster den Gedanken der spontanen Ordnung entwickelt, den später Proudhon und Hayek ausbauten, und vielleicht als Erster den Staat als Räuber im großen Maßstab erkannt. Das 10. Kapitel sagt es so: Wer eine Gürtelschnalle stiehlt, bezahlt mit dem Leben, wer einen Staat stiehlt, wird Fürst, und an den Toren der Fürsten finden sich dann auch Güte und Gerechtigkeit ein. Die Weigerung gegenüber König Wei, die Rothbard in der Fassung mit dem Opferrind zitiert, nennt er eine der großen Erklärungen der Geschichte.
Diese Lesart trifft etwas Wirkliches, denn die Ablehnung des Amtes, der Satz vom Gewährenlassen und das Bild vom Staat als Dieb gehören zu den frühesten Zeugnissen herrschaftskritischen Denkens. Rothbard las das Buch in älteren englischen Übersetzungen und als Werk eines einzigen Autors, sodass seine stärksten Belege aus den späteren Kapiteln stammen, von denen oben die Rede war. Eine Zeile über die spontane Ordnung, die er als Zitat anführt, lässt sich in den gängigen Übersetzungen nicht wörtlich finden und wird deshalb hier nicht wiederholt. Das Wort Anarchismus selbst stammt aus dem Europa des 19. Jahrhunderts. Die Kapitel über Pferde und Enten preisen eine Urzeit ohne Weise und Erfindungen, in der die Menschen schlicht mit Vögeln und Tieren zusammenlebten, und eine Lehre von Eigentum, Vertrag und Handel entwickelt das Buch nirgends. Was es mit Rothbard teilt, ist das Misstrauen gegen jede Macht, die Menschen nach ihrem Plan formen will.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Zuerst ist da die Weigerung selbst. Zhuangzi, oder die Gestalt, die das Buch aus ihm macht, nimmt die Ehren der Macht ernst und lehnt sie trotzdem ab, weil er weiß, was sie kosten: Das Opferrind wird gut gefüttert, bevor man es in den Tempel führt.
Dann die gut gemeinte Herrschaft. Der Fürst von Lu will dem Seevogel nur Gutes tun, Bo Le versteht sein Handwerk, und Hundun stirbt an der Dankbarkeit seiner Freunde. Lange vor Hayeks Warnung vor der Anmaßung von Wissen zeigen diese Gleichnisse, dass großer Schaden oft aus dem Eifer entsteht, andere nach eigenem Maß zu verbessern.
Und schließlich die Achtung vor der Verschiedenheit: Wer weiß, dass Enten kurze und Kraniche lange Beine haben, wird mit Einheitsregeln für alle vorsichtig sein. Wie freie Menschen ihr Zusammenleben im Einzelnen regeln, beantwortet das Buch nicht. Warum man überhaupt so wenig wie möglich regeln sollte, hat es dagegen früh und in sehr einprägsamen Bildern gezeigt.
Die Schildkröte im Schlamm
Am Ende bleibt der Mann am Fluss, der die Angelrute nicht aus der Hand legt. Ob er ein Anarchist war, ein Weiser auf dem Rückzug oder die literarische Gestalt einer Schule, lässt sich nicht mehr entscheiden. Seine Antwort an die Boten des Königs stellt aber jedem, dem die Macht ein ehrenvolles Angebot macht, die Frage, ob er lieber im Tempel verwahrt werden oder im Schlamm lebendig sein will.
Zum Weiterlesen
- Burton Watson (Übers.): The Complete Works of Zhuangzi, Columbia University Press, New York 2013
- Richard Wilhelm (Übers.): Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Diederichs, Jena 1912 (zahlreiche Neuausgaben)
- A. C. Graham: Chuang-tzŭ. The Inner Chapters, Allen & Unwin, London 1981
- Murray N. Rothbard: Economic Thought Before Adam Smith, Edward Elgar, Aldershot 1995
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Zhuangzi: The Complete Works of Zhuangzi, übers. von Burton Watson, Columbia University Press, New York 2013 (Kap. 1, 2, 7, 8, 9, 10, 11, 17, 18, 32; Einleitung S. vii–xix).
- Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, übers. von Richard Wilhelm, Diederichs, Jena 1912; Auszug mit der Schildkröten-Szene bei Projekt Gutenberg: https://projekt-gutenberg.org/authors/richard-wilhelm/books/dschuang-dsi/chapter/2
- Sima Qian: Shiji (Aufzeichnungen des Historikers), Kap. 63, Abschnitt über Zhuangzi, chinesischer Text: https://zh.wikisource.org/wiki/史記/卷063
- Chuang Tzŭ: Mystic, Moralist, and Social Reformer, übers. von Herbert A. Giles, Bernard Quaritch, London 1889, Kap. 11 „On Letting Alone“: https://gutenberg.org/files/59709/59709-h/59709-h.htm
- Rothbard, Murray N.: Economic Thought Before Adam Smith (An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Bd. 1), Edward Elgar, Aldershot 1995; Auszug „Libertarianism in Ancient China“: https://mises.org/mises-daily/libertarianism-ancient-china
- Rothbard, Murray N.: „Concepts of the Role of Intellectuals in Social Change toward Laissez Faire“, Journal of Libertarian Studies 9, Nr. 2, 1990; Auszug „The Ancient Chinese Libertarian Tradition“: https://mises.org/mises-daily/ancient-chinese-libertarian-tradition
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: „Zhuangzi“, erstveröffentlicht 2014, überarbeitet 2024, https://plato.stanford.edu/entries/zhuangzi/
- Coutinho, Steve: „Zhuangzi (Chuang-Tzu, 369—298 B.C.E.)“, Internet Encyclopedia of Philosophy, https://iep.utm.edu/zhuangzi/
- Graham, A. C.: Chuang-tzŭ. The Inner Chapters, Allen & Unwin, London 1981.
- Graham, A. C.: Disputers of the Tao. Philosophical Argument in Ancient China, Open Court, La Salle 1989.
- Liu Xiaogan: Classifying the Zhuangzi Chapters, übers. von William E. Savage, Center for Chinese Studies, University of Michigan, Ann Arbor 1994; Open Access: https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/41839
- Rapp, John A.: Daoism and Anarchism. Critiques of State Autonomy in Ancient and Modern China, Continuum, London/New York 2012, https://theanarchistlibrary.org/library/john-a-rapp-daoism-and-anarchism
Beitragsbild: Zhuangzi (KI-Illustration, freie Darstellung)

