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Thomas Paine: Der Staat als notwendiges Übel

Thomas Paine

Am 30. November 1774 trugen Helfer in Philadelphia einen Passagier von Bord, den auf der Überfahrt aus England ein schweres Fieber gepackt hatte, sodass er das Schiff nicht aus eigener Kraft verlassen konnte. In der Tasche trug er ein Empfehlungsschreiben Benjamin Franklins, sonst hatte der Siebenunddreißigjährige wenig vorzuweisen: zwei Entlassungen aus dem Dienst der britischen Steuerbehörde und eine Reihe von Anfängen, aus denen nichts geworden war.

Gut dreizehn Monate später, am 10. Januar 1776, erschien in Philadelphia eine Flugschrift mit dem Titel Common Sense, unterzeichnet nur mit „von einem Engländer“. Sie wurde die meistgelesene Flugschrift der Amerikanischen Revolution, und ihre ersten Seiten enthalten einen Gedanken, auf den sich Freiheitsfreunde bis heute berufen: Gesellschaft und Regierung sind zwei verschiedene Dinge, und man sollte sie nicht verwechseln. Der Verfasser hieß Thomas Paine.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 29. Januar 1737 in Thetford, Norfolk, bis 8. Juni 1809 in New York
  • Wirken: Publizist der Amerikanischen Revolution, 1777 bis 1779 Sekretär des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im Kontinentalkongress, ab 1792 Abgeordneter des französischen Nationalkonvents, 1793 bis 1794 in Paris inhaftiert
  • Hauptwerke: Common Sense (1776), The American Crisis (1776 bis 1783), Rights of Man (1791 und 1792), The Age of Reason (1794 und 1795), Agrarian Justice (1797)
  • In einem Satz: Er schrieb für ein breites Publikum, was zuvor vor allem in gelehrten Abhandlungen stand: dass Rechte dem Menschen gehören und Regierungen sich vor der Gesellschaft rechtfertigen müssen.

Ein Korsettmacher aus Thetford

Paines Vater Joseph war Korsettmacher und Quäker, seine Mutter Anglikanerin. Der Sohn besuchte die Lateinschule in Thetford, ging mit dreizehn beim Vater in die Lehre und fuhr mit neunzehn eine Weile auf einem Kaperschiff zur See. Später wurde er Steuerbeamter, 1765 entlassen und bald wieder eingestellt. 1772 verfasste er für seine Kollegen eine Schrift über ihre kärglichen Löhne, The Case of the Officers of Excise, und ließ rund 4.000 Exemplare an Abgeordnete verteilen. Im Frühjahr 1774 verlor er die Stelle endgültig, weil er seinen Posten ohne Erlaubnis verlassen hatte, um in London für die Sache zu werben.

In London lernte er Franklin kennen, der ihm ein Empfehlungsschreiben für Amerika mitgab. In Philadelphia wurde Paine Redakteur des Pennsylvania Magazine, und nach Common Sense folgte am 19. Dezember 1776, wenige Tage bevor George Washington mit seiner Armee den Delaware überquerte, die erste Nummer von The American Crisis. Ihr Anfang wird in Amerika bis heute zitiert: „Dies sind die Zeiten, die die Seelen der Menschen prüfen.“ (Übersetzung der Redaktion) Sein Amt als Sekretär des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten gab er 1779 auf, nachdem er den Diplomaten Silas Deane öffentlich der Kriegsgewinnlerei bezichtigt hatte.

Was Menschen zusammenhält

Common Sense beginnt mit einer Klarstellung. Manche Schriftsteller, schreibt Paine, hätten Gesellschaft und Regierung so vermengt, dass kaum ein Unterschied bleibe, obwohl beide verschiedenen Ursprungs seien. Die Gesellschaft entstehe aus unseren Bedürfnissen, die Regierung aus unserer Schlechtigkeit. Daraus folgt der Satz, der dem Beitrag seinen Titel gibt: „Die Gesellschaft ist in jedem Zustand ein Segen, die Regierung aber selbst in ihrem besten Zustand nur ein notwendiges Übel, in ihrem schlechtesten ein unerträgliches.“ (Übersetzung der Redaktion)

Sechzehn Jahre später hat Paine diesen Gedanken im zweiten Teil von Rights of Man ausgebaut, und das Kapitel liest sich wie eine frühe Beschreibung dessen, was Friedrich August von Hayek später spontane Ordnung nannte. Ein großer Teil der Ordnung unter den Menschen, so Paine, sei nicht das Werk der Regierung. Sie habe ihren Ursprung in der Natur des Menschen und in den Grundsätzen der Gesellschaft, habe vor jeder Regierung bestanden und würde fortbestehen, wenn man die Förmlichkeiten der Regierung abschaffte. Die Gesellschaft, schreibt er, leistet fast alles selbst, was man der Regierung zuschreibt.

Regierung ist nach Paine nur für die wenigen Fälle nötig, denen die Gesellschaft nicht gewachsen ist, und je vollkommener eine Zivilisation werde, desto weniger brauche sie davon. Für die Steuerpraxis seiner Zeit fand er ein Bild, das wenig von seiner Kraft verloren hat. Selbst in den fortgeschrittensten Ländern sehe man die gierige Hand der Regierung, die sich in jeden Winkel und jede Ritze des Gewerbefleißes schiebe und die Beute der Vielen an sich reiße.

Ein Esel statt eines Löwen

Der zweite große Gedanke von Common Sense richtet sich gegen die Erbmonarchie. Weil alle Menschen ursprünglich gleich seien, könne niemand durch Geburt das Recht erwerben, seine Familie für alle Zeit über andere zu stellen. Die Natur selbst mache sich über das Erbrecht der Könige lustig, indem sie der Menschheit so oft einen Esel statt eines Löwen beschere. Die Flugschrift warb damit offen für den Bruch mit der Krone, und rund ein halbes Jahr nach ihrem Erscheinen erklärten die Kolonien ihre Unabhängigkeit.

1790 griff der Whig-Politiker Edmund Burke in seinen Reflections on the Revolution in France die Französische Revolution an. Er verstand die Gesellschaft als Bund zwischen den Lebenden, den Toten und den noch nicht Geborenen und verteidigte die überlieferten Einrichtungen Englands. Paine antwortete 1791 und 1792 mit den beiden Teilen von Rights of Man. Keine Generation habe das Recht, die folgenden zu binden: „Jedes Zeitalter und jede Generation muss in allen Fällen ebenso frei sein, für sich selbst zu handeln, wie die Zeitalter und Generationen, die ihr vorausgingen.“ (Übersetzung der Redaktion) Über das Grab hinaus regieren zu wollen, nannte er die lächerlichste und anmaßendste aller Tyranneien, und er fügte einen Satz hinzu, der weit über den Streit mit Burke hinausreicht: Der Mensch hat kein Eigentum am Menschen. Die Rechte des Einzelnen gehen nach seiner Überzeugung jeder Regierung voraus, und die Regierung entsteht aus der Gesellschaft, nicht umgekehrt.

Das Buch wurde in Großbritannien zur meistgelesenen Schrift der Reformbewegung der 1790er-Jahre. Die Regierung leitete im Mai 1792 ein Verfahren wegen aufrührerischer Schriften gegen ihn ein, und im Dezember wurde er in Abwesenheit verurteilt. Paine war da bereits in Frankreich.

Handel als Friedensordnung

Im fünften Kapitel des zweiten Teils von Rights of Man wendet sich Paine dem Handel zu. Er sei in allen seinen Schriften ein Fürsprecher des Handels gewesen, schreibt er, weil er ein Freund seiner Wirkungen sei. Der Handel sei ein friedliches System, das die Menschen einander freundlich stimme, indem er Nationen wie Einzelne einander nützlich mache. Könnte er sich in vollem Umfang entfalten, würde er das System des Krieges ausrotten. Damit steht er in einer Reihe mit Montesquieu vor ihm und mit Richard Cobden und Frédéric Bastiat nach ihm, die im freien Tausch den verlässlichsten Weg zum Frieden sahen.

Freiheit auch für den Gegner

In Frankreich wurde der Ehrenbürger im September 1792 in den Nationalkonvent gewählt, obwohl er kein Französisch sprach. Als der Konvent über das Schicksal Ludwigs XVI. beriet, stimmte Paine für die Republik, wandte sich aber gegen die Hinrichtung des Königs. Er schlug vor, Ludwig in die Vereinigten Staaten ins Exil zu schicken, und erinnerte daran, dass Frankreich unter diesem König den Amerikanern im Unabhängigkeitskrieg geholfen hatte. Das trug ihm die Feindschaft Marats und der Jakobiner ein. Ende Dezember 1793 erging der Haftbefehl, und Paine verbrachte elf Monate im Pariser Gefängnis Luxembourg, bis ihn nach dem Sturz Robespierres der amerikanische Gesandte James Monroe freibekam.

Im Juli 1795, ein gutes halbes Jahr nach seiner Freilassung, schrieb er einen Satz, der zu den klügsten seines Werkes gehört: „Wer seine eigene Freiheit sichern will, muss sogar seinen Feind vor Unterdrückung schützen, denn wer diese Pflicht verletzt, schafft einen Präzedenzfall, der ihn selbst erreichen wird.“ (Dissertation on First Principles of Government, Übersetzung der Redaktion)

Dieselbe Unabhängigkeit zeigte er in Glaubensfragen. Den ersten Teil von The Age of Reason übergab er bei seiner Verhaftung einem Freund. Das Buch ist ein deistisches Werk, keine Absage an Gott: Paine glaubte an einen Schöpfer, bestritt aber jeder Kirche das Recht, im Namen einer Offenbarung über das Gewissen anderer zu verfügen. Diese Haltung hat ihn viel gekostet. Als er 1802 auf Einladung Thomas Jeffersons nach Amerika zurückkehrte, mieden ihn viele seiner früheren Bewunderer, und zu seiner Beerdigung im Juni 1809 kamen nur sechs Menschen.

Ein Fonds für jeden Erwachsenen

In seiner späten Schrift Agrarian Justice, 1797 in Paris erschienen, ging Paine einen Schritt, über den Freunde der Freiheit bis heute verschieden urteilen. Die Erde sei im Naturzustand gemeinsames Eigentum der Menschheit gewesen, und das System des Grundeigentums habe diejenigen nicht entschädigt, die dadurch ihren Anteil verloren. Er schlug deshalb einen Nationalfonds vor, der jedem mit 21 Jahren 15 Pfund und jedem ab 50 Jahren jährlich 10 Pfund auszahlen sollte, ausdrücklich an Arme wie Reiche, gespeist aus einem Abzug von Erbschaften und ausdrücklich ohne das Eigentum der heutigen Besitzer zu schmälern. Es gehe ihm nicht um Wohltätigkeit, sondern um ein Recht, schrieb er. Befürworter eines Grundeinkommens berufen sich heute auf diese Schrift, während andere Leser darin eine Spannung zu den freiheitlichen Gedanken sehen, mit denen der zweite Teil von Rights of Man beginnt.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Die erste und wichtigste Lehre ist die Unterscheidung, mit der Common Sense beginnt. Wer Gesellschaft und Staat gleichsetzt, hält jede Begrenzung staatlicher Aufgaben für einen Angriff auf das Zusammenleben. Wer sie auseinanderhält, sieht, wie viel Ordnung Menschen ohne Befehl schaffen, durch Tausch, Nachbarschaft, Vereine und Familien.

Ebenso viel lässt sich von seiner Sprache lernen. In der Einleitung zu Common Sense verspricht er nichts als „einfache Tatsachen, klare Argumente und gesunden Menschenverstand“ (Übersetzung der Redaktion), und daran hielt er sich. Die Gedanken von John Locke über natürliche Rechte und die Grenzen der Regierung waren in Gelehrtenkreisen längst bekannt. Paine machte sie für Leser verständlich, die nie eine philosophische Abhandlung aufgeschlagen hätten.

Schließlich zeigt sein Leben, dass Grundsätze dann etwas wert sind, wenn sie auch für den Gegner gelten. Paine griff den König von England an und verteidigte wenige Jahre später das Leben des Königs von Frankreich, obwohl ihm das die Feindschaft der Jakobiner und elf Monate Haft eintrug.

Die Welt als Vaterland

Thomas Paine hat Ämter und am Ende auch die Gunst des Publikums verloren, weil er schrieb, was er für richtig hielt. Im zweiten Teil von Rights of Man beschrieb er seine Haltung selbst: Unabhängigkeit sei sein Glück, und er sehe die Dinge, wie sie sind, ohne Rücksicht auf Stellung oder Person. „Mein Vaterland ist die Welt, und meine Religion ist es, Gutes zu tun.“ (Übersetzung der Redaktion) Aus dem gescheiterten Steuerbeamten, den man 1774 krank an Land getragen hatte, war der Mann geworden, dessen Unterscheidung von Gesellschaft und Regierung bis heute viele Debatten über die Grenzen des Staates prägt. Wie klein ein notwendiges Übel bleiben kann, hängt nach seiner Überzeugung davon ab, wie viel die Gesellschaft sich selbst zutraut.

Zum Weiterlesen

  • Thomas Paine: Common Sense, Philadelphia 1776 (frei verfügbar bei Project Gutenberg)
  • Thomas Paine: Rights of Man, Teil I und II, London 1791 und 1792
  • Thomas Paine: Agrarian Justice, Paris und London 1797
  • Mark Philp: „Thomas Paine“, Stanford Encyclopedia of Philosophy

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Paine, Thomas: Common Sense, Robert Bell, Philadelphia 1776; Text: Project Gutenberg Nr. 147, https://www.gutenberg.org/ebooks/147
  • Paine, Thomas: The American Crisis, Nr. 1, Styner & Cist, Philadelphia, 19. Dezember 1776; in: The Writings of Thomas Paine, hg. von Moncure Daniel Conway, Project Gutenberg Nr. 31270, https://www.gutenberg.org/ebooks/31270
  • Paine, Thomas: Rights of Man, Teil I (London 1791) und Teil II (London 1792); in: The Writings of Thomas Paine, Bd. 2, hg. von Moncure Daniel Conway, Project Gutenberg Nr. 3742, https://www.gutenberg.org/ebooks/3742
  • Paine, Thomas: The Age of Reason, Teil I (1794) und Teil II (1795); Project Gutenberg Nr. 3743, https://www.gutenberg.org/ebooks/3743
  • Paine, Thomas: Dissertation on First Principles of Government, Paris, Juli 1795; in: Conway (Hg.), Project Gutenberg Nr. 31270
  • Paine, Thomas: Agrarian Justice, W. Adlard, Paris, und T. Williams, London 1797; in: Conway (Hg.), Project Gutenberg Nr. 31270
  • Burke, Edmund: Reflections on the Revolution in France, J. Dodsley, London 1790
  • Montesquieu: De l’esprit des lois, Genf 1748, Buch XX, Kap. 2
  • Philp, Mark: „Thomas Paine“, Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2013, überarbeitet 2025, https://plato.stanford.edu/entries/paine/
  • Aldridge, Alfred Owen: „Paine, Thomas (1737–1809)“, Encyclopedia of Philosophy, 1967, https://www.encyclopedia.com/humanities/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/paine-thomas-1737-1809
  • Conner, Jett: „The American Crisis Before Crossing the Delaware?“, Journal of the American Revolution, 25.02.2015, https://allthingsliberty.com/2015/02/american-crisis-before-crossing-the-delaware/
  • Conner, Jett: „A Brief Publication History of the ‚Times That Try Men’s Souls‘“, Journal of the American Revolution, 04.01.2016, https://allthingsliberty.com/2016/01/a-brief-publication-history-of-the-times-that-try-mens-souls/
  • Thomas Paine National Historical Association: Major Milestones, https://thomaspaine.org/major-milestones
  • Wikipedia (en): Thomas Paine, https://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Paine (Lebensdaten im Detail, mit SEP abgeglichen)

Beitragsbild: Thomas Paine (KI-Illustration)

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