Am 24. August 1774 ernannte Ludwig XVI., erst wenige Monate auf dem Thron, einen langjährigen Provinzbeamten zum Generalkontrolleur der Finanzen. Noch am selben Tag schrieb Anne Robert Jacques Turgot dem König aus Compiègne einen Brief, der mit drei Zusagen begann: kein Staatsbankrott, keine Steuererhöhung, keine neuen Anleihen. Um alle drei zu halten, gebe es nur ein Mittel, erklärte er. Man müsse die Ausgaben unter die Einnahmen senken, und zwar so weit, dass jedes Jahr rund zwanzig Millionen Livres für die Tilgung der alten Schulden übrig blieben.
Ein Finanzminister, der seinem Herrn gleich am ersten Tag das Sparen empfiehlt, ist zu jeder Zeit eine Seltenheit. Turgot blieb nicht einmal zwei Jahre im Amt, doch in dieser Zeit befreite er den Getreidehandel, schaffte die Fronarbeit beim Straßenbau ab und löste die Zünfte auf. Als Denker hatte er schon vorher erklärt, woher Kapital kommt, warum der Zins berechtigt ist und warum beim freiwilligen Tausch beide Seiten gewinnen. Ökonomen der Österreichischen Schule sehen in ihm einen ihrer frühesten Vorläufer.
Steckbrief
- Lebensdaten: 10. Mai 1727 in Paris bis 18. März 1781 in Paris
- Ämter: Intendant der Provinz Limoges (1761 bis 1774), Marineminister (Juli 1774), Generalkontrolleur der Finanzen (August 1774 bis Mai 1776)
- Hauptwerke: Réflexions sur la formation et la distribution des richesses (geschrieben 1766, gedruckt 1769/70), Mémoire sur les prêts d’argent (1770), Valeurs et monnaies (unvollendet), Edikt über die Aufhebung der Zünfte (1776)
- In einem Satz: Er verstand die Marktwirtschaft früher als fast alle seine Zeitgenossen und versuchte als Minister, sie gegen die Privilegien des Ancien Régime durchzusetzen.
Ein Abbé, der keine Maske tragen wollte
Turgot stammte aus einer alten Beamtenfamilie. Sein Vater Michel Étienne Turgot war prévôt des marchands, also Vorsteher der Pariser Kaufmannschaft und damit so etwas wie das Oberhaupt der Hauptstadt. Der jüngste Sohn sollte Geistlicher werden, studierte Theologie an der Sorbonne und wurde 1749 zu deren Prior gewählt, einem Ehrenamt unter den Studenten. Am 11. Dezember 1750 hielt er dort eine Rede über die aufeinanderfolgenden Fortschritte des menschlichen Geistes, die bis heute als frühe Geschichtsphilosophie des Fortschritts gelesen wird.
Priester wurde er trotzdem nicht. Sein Freund Pierre Samuel Du Pont de Nemours überlieferte als Grund, Turgot habe nicht sein Leben lang eine Maske tragen wollen. Er wechselte in den Justizdienst und wurde 1753 maître des requêtes, ein Amt im königlichen Verwaltungsdienst. Im selben Jahr plädierte er in Briefen für religiöse Toleranz.
Prägend wurde die Bekanntschaft mit Vincent de Gournay, dem Intendanten für den Handel, den er Mitte der 1750er Jahre auf Inspektionsreisen durch die Provinzen begleitete. Nach Gournays Tod schrieb er 1759 eine Lobrede, in der er dessen Überzeugungen zusammenfasste. Für Diderots Encyclopédie verfasste er fünf Artikel, darunter einen über Messen und Märkte, und 1760 besuchte er Voltaire, der ihm seitdem als Freund und Unterstützer verbunden blieb.
Dreizehn Jahre in Limoges
Im August 1761 übernahm Turgot die Intendanz von Limoges, zu der einige der ärmsten und am stärksten besteuerten Gegenden Frankreichs gehörten. Als höchster Vertreter des Königs vor Ort erprobte er dort, was er später im ganzen Land versuchen sollte. Er ließ ein Kataster anlegen, um die wichtigste direkte Steuer, die taille, gerechter zu veranlagen. Die corvée, die unbezahlte Pflichtarbeit der Bauern beim Straßenbau, ersetzte er durch eine Geldabgabe der ganzen Provinz und vergab die Arbeiten an Unternehmer. Wer Geld zahlt, statt Tage seines Lebens abzuleisten, bleibt Herr über seine Zeit, und gebaut wurde trotzdem, vor allem Straßen und Kanäle für den Getreidetransport.
Als 1770 eine Hungersnot die Provinz traf, richtete er Notstandsarbeiten ein, sodass Arbeitsfähige für Lohn arbeiten konnten, und verpflichtete die Grundbesitzer zur Hilfe für die Armen. Im selben Jahr warb er in Briefen an den Generalkontrolleur Terray für die Freiheit des Getreidehandels.
Woher das Kapital kommt
Sein ökonomisches Hauptwerk schrieb Turgot 1766, nämlich die Réflexions sur la formation et la distribution des richesses, die Betrachtungen über die Bildung und Verteilung der Reichtümer, für zwei junge chinesische Studenten, die in Paris ausgebildet worden waren. Gedruckt wurde die schmale Schrift 1769 und 1770 in Du Ponts Zeitschrift Éphémérides du citoyen, Jahre vor Adam Smiths Wohlstand der Nationen (1776).
Turgot beschreibt darin, wie Kapital entsteht: Menschen verbrauchen nicht alles, was sie erzeugen, und legen das Ersparte als Vorschuss in Werkzeuge, Rohstoffe und Löhne an. Wer so vorschießt, organisiert die Produktion und trägt das Risiko, wenn sie misslingt. Turgot zeichnet damit die Figur des Unternehmers, die nach Murray Rothbards Urteil von den britischen Klassikern vernachlässigt wurde. Joseph Schumpeter nannte Turgots Lehre von Sparen und Kapital in seiner Geschichte der ökonomischen Analyse die erste ernsthafte Untersuchung dieser Fragen.
Auch den Zins hat Turgot ohne moralische Verlegenheit erklärt. Er ergibt sich für ihn aus Angebot und Nachfrage nach Kapital. In seiner Denkschrift über das Geldverleihen von 1770 begründet er ihn mit einer Beobachtung, die jeder aus dem Alltag kennt: Eine Summe, die man heute besitzt, ist mehr wert als das Versprechen derselben Summe in einem Jahr. Der Zins gleicht diesen Unterschied aus. Ökonomen sprechen heute von Zeitpräferenz, und Rothbard sah hier die Kapital- und Zinstheorie Eugen von Böhm-Bawerks rund ein Jahrhundert früher fast vollständig ausgearbeitet. Gesetzliche Höchstzinsen, so Turgot, schneiden gerade die riskanten Unternehmungen vom Kredit ab.
Schon 1767 hatte er in einem Gutachten für die Landwirtschaftsgesellschaft von Limoges das Gesetz der abnehmenden Erträge formuliert. Wer auf demselben Acker den Einsatz von Arbeit und Kapital verdoppelt, verdoppelt damit nicht die Ernte, und ab einem gewissen Punkt bringt jeder weitere Einsatz immer weniger und schließlich gar nichts mehr.
Warum beim Tausch beide gewinnen
In der unvollendeten Schrift Valeurs et monnaies (Werte und Geld) setzt Turgot zwei Menschen auf eine einsame Insel. Der eine hat mehr Fisch, als er essen kann, der andere mehr Häute, als er braucht. Jeder gibt etwas, das er geringer schätzt, für etwas, das er höher schätzt, und beide gehen reicher aus dem Handel hervor. Keiner würde tauschen, so Turgot sinngemäß, wenn er darin nicht einen eigenen Vorteil fände.
Wert ist in diesem Bild ein Urteil der Menschen darüber, was die Dinge für ihre Bedürfnisse bedeuten. Rothbard fand Turgots Analyse des Tauschs zwischen zwei Menschen nahezu so, wie Carl Menger, der Begründer der Österreichischen Schule, sie ein Jahrhundert später entwickeln sollte. Schumpeter fand Turgots Preistheorie, abgesehen von der ausdrücklichen Formulierung des Grenzprinzips, nahezu fehlerfrei und meinte, die Ökonomie habe ein Jahrhundert gebraucht, um dorthin zu gelangen, wohin sie mit ihm in zwanzig Jahren hätte kommen können.
Turgot stand den Physiokraten um François Quesnay nahe, die den Boden für die einzige Quelle des Reinertrags hielten und deshalb eine einzige Grundsteuer forderten. Diese Lehre teilte er, doch seine eigenen Gedanken über Kapital, Zins und Wert gehen weit über sie hinaus.
Zwanzig Monate gegen die Privilegien
Im Sommer 1774 holte Ludwig XVI. Turgot zuerst im Juli als Marineminister und im August an die Spitze der Finanzen. Schon am 13. September 1774 gab ein Erlass den Getreidehandel im Inneren des Königreichs frei, denn Turgot war überzeugt, dass Kaufleute das Getreide dorthin bringen, wo es knapp und deshalb teuer ist, wenn man sie nur lässt. Im Haushalt hielt er Wort: 1775 sank das Defizit, und der Kredit des Staates erholte sich.
Nach einer schlechten Ernte stiegen im Frühjahr 1775 die Brotpreise, und im sogenannten Mehlkrieg stürmten Menschenmengen Märkte und Bäckereien. Turgot ließ die Unruhen entschlossen beenden und hielt an der Handelsfreiheit fest, doch seine Gegner hatten nun ein Argument.
Im Januar 1776 legte er dem König sechs Edikte vor. Das berühmteste hob die Zünfte auf, die bestimmten, wer welches Handwerk ausüben durfte. In der Präambel wird aufgezählt, wen die Zunftordnungen ausschlossen: Gesellen ohne Geld für die teure Meisterprüfung, Zugezogene aus anderen Städten, Verheiratete und Frauen, denen selbst die Stickerei auf eigene Rechnung verwehrt war. Die Meinung, das Recht zu arbeiten sei ein königliches Recht, das der Fürst verkaufen könne, weist das Edikt ausdrücklich zurück. Dann folgt der Satz, der Turgot in die Geschichte der Freiheit eingeschrieben hat: „Gott hat, indem er dem Menschen Bedürfnisse gab und ihm die Arbeit als Mittel zum Leben notwendig machte, das Recht zu arbeiten zum Eigentum jedes Menschen gemacht, und dieses Eigentum ist das erste, das heiligste und das unverjährbarste von allen.“ (Edikt vom Februar 1776, eigene Übersetzung)
Ein zweites Edikt schaffte die Fronarbeit der Bauern ab und ersetzte sie durch eine Abgabe der Grundbesitzer, von der auch der Adel nicht ausgenommen sein sollte. Den Klerus nahm man auf Drängen des einflussreichen Ministers Maurepas wieder aus. Das Parlement von Paris verweigerte die Eintragung der Edikte, worauf der König sie am 12. März 1776 in einer feierlichen Sitzung erzwang. Am Hof aber wuchs der Widerstand der Privilegierten, und Maurepas wie Königin Marie Antoinette arbeiteten auf seine Ablösung hin. Am 12. Mai 1776 musste Turgot seinen Rücktritt einreichen. Im August desselben Jahres kehrte die Fron zurück, und in Paris wurden die Zünfte in veränderter, verkleinerter Form neu errichtet.
Turgot widmete sich danach der Wissenschaft und Literatur, wurde 1777 Vizepräsident der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres und starb im März 1781, acht Jahre vor dem Beginn der Revolution.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Der Satz über das Recht zu arbeiten gehört zu den klarsten Formulierungen des Selbsteigentums im 18. Jahrhundert. Wer heute über Meisterpflichten, Berufszulassungen und Lizenzen streitet, die Menschen den Zugang zu einem Gewerbe versperren, findet bei Turgot das Argument in seiner reinsten Form: Die Erlaubnis, für sich selbst zu sorgen, ist kein Geschenk der Obrigkeit, das man ihr abkaufen müsste.
Ebenso lehrreich ist sein Sturz. Die Vorteile seiner Reformen verteilten sich auf viele, die sie kaum bemerkten, während die Verluste wenige trafen, die genau wussten, was sie verloren. Die Public-Choice-Ökonomie hat diesen Mechanismus zwei Jahrhunderte später beschrieben. Turgot zeigt außerdem, wie verletzlich eine Freiheit ist, die allein auf dem Wohlwollen eines Herrschers ruht, denn derselbe König, der seine Edikte erzwang, ließ sie wenige Monate später wieder fallen.
Sein Brief vom August 1774 schließlich hat nichts von seiner Gültigkeit verloren: Ein Staat, der weder Bankrott noch höhere Steuern noch neue Schulden will, muss seine Ausgaben senken.
Ein Minister, der zu früh kam
Turgot verstand den Markt genauer als die meisten seiner Zeitgenossen und hatte in einer armen Provinz gezeigt, dass sich seine Ideen umsetzen lassen. Seine Theorie von Kapital, Zins und Wert hat die Jahrhunderte überdauert, seine Reformen hielten keinen Sommer. Wer heute Zunftschranken im modernen Gewand, wachsende Staatsschulden oder Preisvorschriften bekämpft, hat es leichter als er, denn er muss nicht mehr einen König überzeugen, sondern kann sich an eine Öffentlichkeit wenden. Turgots offene Frage bleibt trotzdem dieselbe: Wie gewinnt man die vielen, die von einer Reform profitieren, bevor die wenigen, die verlieren, sie zu Fall bringen?
Zum Weiterlesen
- Anne Robert Jacques Turgot: Réflexions sur la formation et la distribution des richesses, zuerst in: Éphémérides du citoyen, Paris 1769/70
- Peter D. Groenewegen (Hg.): The Economics of A. R. J. Turgot, Martinus Nijhoff, Den Haag 1977
- Murray N. Rothbard: Economic Thought Before Adam Smith, Kapitel 14 „The brilliance of Turgot“, Edward Elgar, Aldershot 1995
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Turgot, Anne Robert Jacques: Tableau philosophique des progrès successifs de l’esprit humain, Rede an der Sorbonne, 11. Dezember 1750; engl.: https://www.cooperative-individualism.org/turgot-anne-r-j_on-the-successive-advances-of-the-human-mind-1750-dec-11.pdf
- Turgot, Anne Robert Jacques: Éloge de Vincent de Gournay, 1759.
- Turgot, Anne Robert Jacques: Réflexions sur la formation et la distribution des richesses, geschrieben 1766, in: Éphémérides du citoyen, Paris 1769–1770.
- Turgot, Anne Robert Jacques: Observations sur le mémoire de M. de Saint-Péravy, 1767.
- Turgot, Anne Robert Jacques: Valeurs et monnaies, unvollendet (um 1769).
- Turgot, Anne Robert Jacques: Mémoire sur les prêts d’argent, 1770.
- Turgot, Anne Robert Jacques: Brief an Ludwig XVI., Compiègne, 24. August 1774; Text: https://www.herodote.net/articles/article.php?ID=1393 und https://www.revolution.chnm.org/d/252
- Édit du Roi portant suppression des jurandes, Versailles, Februar 1776, registriert im Lit de justice am 12. März 1776; Text: https://www.coppetinstitute.org/EL/Turgot-Corporations.pdf
- Groenewegen, Peter D. (Hg.): The Economics of A. R. J. Turgot, Martinus Nijhoff, Den Haag 1977.
- Encyclopaedia Britannica (1911): „Turgot, Anne Robert Jacques“, https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Turgot,_Anne_Robert_Jacques
- Vyverberg, Henry: „Turgot, Anne Robert Jacques, Baron de L’Aulne“, in: Encyclopedia of Philosophy, 1967/2005, https://encyclopedia.com/humanities/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/turgot-anne-robert-jacques-baron-de-laulne
- Econlib, Concise Encyclopedia of Economics: Anne-Robert-Jacques Turgot, https://www.econlib.org/library/Enc/bios/Turgot.html
- Château de Versailles: Turgot, https://en.chateauversailles.fr/discover/history/great-characters/turgot
- Rothbard, Murray N.: Economic Thought Before Adam Smith. An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Bd. 1, Edward Elgar, Aldershot 1995, Kap. 14 „The brilliance of Turgot“, https://mises.org/library/brilliance-turgot
- Schumpeter, Joseph A.: History of Economic Analysis, Oxford University Press, New York 1954 (zitiert nach Rothbard).
- Larousse: „corvée“, https://www.larousse.fr/encyclopedie/divers/corv%C3%A9e/37552
- Kaplan, Steven L.: „La fin des corporations“, Encyclopaedia Universalis, https://www.universalis.fr/encyclopedie/la-fin-des-corporations/
- Wikipedia (fr): Anne Robert Jacques Turgot, https://fr.wikipedia.org/wiki/Anne_Robert_Jacques_Turgot (Einstieg)
- Wikipedia (en): Edict of Turgot, https://en.wikipedia.org/wiki/Edict_of_Turgot (Einstieg)
Beitragsbild: Anne Robert Jacques Turgot (KI-Illustration)


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