Ein Mann, so berichtet der Geschichtsschreiber Sima Qian um 100 v. Chr., diente lange als Archivar am Hof der Zhou. Als er sah, wie das Königshaus verfiel, ging er fort. An einem Grenzpass hielt ihn der Passhüter Yin Xi an und bat ihn, vor seinem Rückzug aus der Welt ein Buch zu schreiben. Der Mann schrieb zwei Teile mit etwas mehr als fünftausend Schriftzeichen über das Dao und das De, den Weg und seine Wirkkraft, und zog weiter. Wo er sein Leben beendete, so schließt Sima Qian, weiß niemand.
Seiner Sache sicher ist der Historiker allerdings nicht. Er nennt zwei weitere Männer, die man für Laozi gehalten habe, erwähnt Angaben, der alte Meister sei 160 oder gar 200 Jahre alt geworden, und gesteht, niemand wisse, was davon stimme. Geblieben ist das Buch, das Daodejing. Es ist kurz, oft rätselhaft und enthält einige der ältesten Sätze über die Frage, wie viel Herrschaft ein Land eigentlich verträgt.
Steckbrief
- Lebensdaten: unbekannt; Sima Qian macht ihn zu einem älteren Zeitgenossen des Konfuzius, der Text wuchs nach heutiger Forschung zwischen dem späten fünften und dem dritten Jahrhundert vor Christus
- Überlieferung: nach dem Shiji Li Er aus dem Staat Chu, Archivar am Hof der Zhou; ob es ihn gab, ist offen
- Werk: Daodejing (Tao te king), 81 kurze Kapitel in zwei Teilen
- Leitbegriffe: Dao (der Weg), wu wei (Handeln ohne Eingreifen), ziran (das Von-selbst-so-Sein)
- In einem Satz: Ein Buch, das Herrschern rät, die Menschen in Ruhe zu lassen, weil Ordnung dort am besten gedeiht, wo man sie nicht erzwingt.
Ein Verfasser, den vielleicht niemand kannte
Sima Qian schrieb Jahrhunderte nach der Zeit, in der Laozi gelebt haben soll, und die Forschung folgt ihm nur mit Vorbehalt. Alan Chan hält in der Stanford Encyclopedia of Philosophy fest, dass außerhalb Chinas kaum ein Gelehrter den Bericht ganz übernehmen würde, und der britische Sinologe A. C. Graham sah darin mehrere Legenden, die zu einer Geschichte verschmolzen sind. Das Daodejing gilt heute überwiegend als gewachsene Sammlung von Sprüchen, die über Generationen geordnet und bearbeitet wurde. Der Name Laozi, wörtlich „alter Meister“, steht für diese Überlieferung.
Archäologische Funde haben dieses Bild geschärft. In einem Grab bei Guodian in der Provinz Hubei, das um 300 v. Chr. angelegt wurde, entdeckten Archäologen Ende 1993 Bambusstreifen mit etwa zweitausend Zeichen aus dem Daodejing, die ältesten erhaltenen Zeugnisse des Buches. Die Seidenhandschriften von Mawangdui, 1973 in einem 168 v. Chr. verschlossenen Grab gefunden, bieten die beiden Hälften in umgekehrter Reihenfolge, den Teil über das De zuerst. Der Text, den wir heute lesen, geht auf die Ausgabe des Gelehrten Wang Bi zurück, der im dritten Jahrhundert nach Christus lebte.
Welche Worte, welche Übersetzung?
Wer das Daodejing auf Deutsch zitiert, zitiert immer auch einen Übersetzer, denn das klassische Chinesisch des Buches ist knapp und viele Zeichen tragen mehrere Bedeutungen. Die Zitate in diesem Artikel folgen Richard Wilhelm, dessen Übersetzung 1911 bei Eugen Diederichs in Jena erschien und bis heute zu den bekanntesten deutschen Fassungen gehört. Wilhelm gab das Dao mit „SINN“ wieder und das De mit „Leben“. Wo seine Wortwahl eine Deutung enthält, wird das im Folgenden vermerkt; die Kapitelzählung folgt dem überlieferten Text.
Wu wei: Wirken, ohne zu erzwingen
Im Mittelpunkt steht das Dao, der Weg, aus dem alle Dinge hervorgehen, ohne dass jemand sie lenkt. Wer ihm folgt, übt wu wei, wörtlich „nicht handeln“. Völliges Untätigsein ist damit nicht gemeint, wie Alan Chan betont. Es geht um eine Haltung der Einfachheit und Ruhe, die nichts gegen die Natur der Dinge durchsetzen will. Wilhelm fasst das in Kapitel 3 in eine paradoxe Formel: „Er macht das Nichtmachen, so kommt alles in Ordnung.“
Das Buch empfiehlt diese Haltung vor allem dem Herrscher, am deutlichsten in Kapitel 57. Dort heißt es bei Wilhelm: „je mehr es Dinge in der Welt gibt, die man nicht tun darf, / desto mehr verarmt das Volk.“ Und wenige Zeilen später: „je mehr die Gesetze und Befehle prangen, / desto mehr gibt es Diebe und Räuber.“ Der Weise zieht daraus den Schluss, sich zurückzuhalten: „Wenn wir nichts machen, / so wandelt sich von selbst das Volk.“ Und schließlich: „Wenn wir nichts unternehmen, / so wird das Volk von selber reich.“
Im Original steht an dieser letzten Stelle wu shi, „keine Geschäfte betreiben“, also keine Unternehmungen von oben anstoßen. Das Wort „selbst“ (zi) kehrt in diesen Zeilen viermal wieder: Das Volk wandelt sich selbst, richtet sich selbst aus, wird selbst wohlhabend und selbst schlicht. Das Gute entsteht in diesem Bild aus dem eigenen Antrieb der Menschen, und der Herrscher trägt am meisten bei, indem er sich zurückhält.
Kleine Fische und hohe Steuern
Kapitel 60 bringt diese Lehre in das bekannteste Bild des ganzen Buches: „Ein großes Land muß man leiten, / wie man kleine Fischlein brät.“ Wer zarte Fische in der Pfanne ständig wendet, hat am Ende nur noch Brei, und je größer das Land, desto behutsamer muss die Hand sein, die es führt.
Andere Kapitel nennen die Kosten der Unruhe beim Namen. In Kapitel 75 schreibt Wilhelm: „Daß das Volk hungert, / kommt davon her, / daß seine Oberen zu viele Steuern fressen; / darum hungert es.“ Unmittelbar folgt der Satz, das Volk sei schwer zu leiten, weil „seine Oberen zu viel machen“. Steuerlast und Regierungseifer erscheinen hier als Ursachen der Not. Kapitel 30 rät einem Berater des Fürsten, die Welt nicht mit Waffengewalt zu bezwingen, denn wo Heere gelagert haben, wachsen Dornen, und „Hinter den Kämpfen her kommen immer Hungerjahre.“
Der Herrscher, den man kaum bemerkt
In Kapitel 17 ordnet das Buch die Herrscher nach ihrem Rang. Am Anfang steht bei Wilhelm: „Herrscht ein ganz Großer, / so weiß das Volk kaum, daß er da ist. / Mindere werden geliebt und gelobt,“ danach kommen jene, die man fürchtet, und zuletzt die, die man verachtet. Ist das Werk des besten Herrschers getan, so endet das Kapitel, denken die Leute alle: „»Wir sind frei.«“
Diese Zeile ist Wilhelms Deutung. Im Chinesischen sagen die Leute wo ziran, „wir sind von selbst so“. Ziran, das Von-selbst-so-Sein, wurde zu einem Grundbegriff des Daoismus und beschreibt, wie das Dao wirkt: ohne äußeren Antrieb, aus sich heraus. Wilhelm hat diesen Gedanken in das Wort Freiheit übersetzt, eine Brücke, die der Text nahelegt, aber nicht selbst schlägt.
Gerade diese Nähe macht das Buch für Freiheitsfreunde so anregend. Was Adam Ferguson und Friedrich August von Hayek viel später als spontane Ordnung beschrieben, also eine Ordnung, die aus dem Handeln vieler entsteht, ohne dass jemand sie entworfen hat, klingt hier in einer sehr frühen Form an.
Man muss allerdings sehen, an wen das Buch sich wendet. Es spricht, wie Alan Chan festhält, zum Herrscher oder zur herrschenden Schicht, nicht zu Bürgern, die Rechte geltend machen. Seine Zurückhaltung ist ein Rat an die Macht, einen Anspruch, den der Einzelne gegen sie erheben könnte, kennt es nicht. Damit hängen Stellen zusammen, die heutige Leser befremden. In Kapitel 3 leert der Weise den Menschen „ihre Herzen“, füllt „ihren Leib“, schwächt ihren Willen und sorgt dafür, „daß das Volk ohne Wissen / und ohne Wünsche bleibt“. Kapitel 65 lobt die Alten, die das Volk „töricht hielten“, denn: „Daß das Volk schwer zu leiten ist, kommt daher, daß es zuviel weiß.“ Kapitel 80 schließlich malt ein kleines Land mit wenigen Bewohnern, die zur Knotenschnur statt zur Schrift zurückkehren und bis ans Lebensende das Nachbarland nicht besuchen, obwohl sie dort die Hähne krähen und die Hunde bellen hören.
Man kann diese Bilder als Lob der Genügsamkeit lesen, denn Ehrgeiz und Gier hält das Buch für Quellen von Streit. Mit dem Bild mündiger Menschen, die Neues suchen und miteinander handeln, wie es die Ökonomen seit Adam Smith zeichnen, hat es wenig gemein. Beides steht im selben Buch, und seine Einsichten über Verbote und Steuern verlieren dadurch nichts von ihrer Kraft.
Ein Versuch in der Geschichte
Ganz ohne Folgen blieb die Lehre nicht, denn in der frühen Han-Zeit, im 2. Jahrhundert v. Chr., war am Hof die sogenannte Huang-Lao-Lehre einflussreich, eine Verbindung von Gedanken des Laozi mit Regierungspraxis, die sich auf den mythischen Gelben Kaiser berief. Sima Qian zählt die Kaiser Wen und Jing und die Kaiserinwitwe Dou zu ihren Anhängern. Unter Kaiser Jing wurde die Grundsteuer auf ein Dreißigstel der Ernte halbiert, wobei offen bleibt, wie viel davon der Lehre zu verdanken war. Unter Kaiser Wu, der ab 141 v. Chr. regierte, endete diese Phase: Der Konfuzianismus wurde zur Staatslehre, und der Staat übernahm in den folgenden Jahrzehnten den Handel mit Salz und Eisen als Monopol.
Rothbards erster Libertärer
Unter den Libertären hat sich vor allem Murray N. Rothbard auf Laozi berufen. In einem Aufsatz im Journal of Libertarian Studies schrieb er 1990 ohne Einschränkung: „The first libertarian intellectual was Lao-tzu, the founder of Taoism“, der erste libertäre Intellektuelle sei Lao-tzu gewesen, der Begründer des Daoismus. Er zitierte dazu die Zeilen aus Kapitel 57 über Verbote, Armut und Räuber. Im ersten Band seiner Geschichte des ökonomischen Denkens, Economic Thought Before Adam Smith (1995), kam er darauf zurück und fasste zusammen, als schlimmste Eingriffe der Regierung hätten für Laozi hohe Steuern und Krieg gegolten.
Rothbard fragte auch, warum das Buch zum Rückzug aus der Welt rät statt zum Widerstand. Er hielt es für gut möglich, dass Laozi den Rückzug nicht aus Prinzip empfahl, sondern weil ihm in einer Welt ohne jedes Beispiel gelungener Befreiung kein anderer Weg offen schien. Den Gedanken bis zur Herrschaftslosigkeit weitergeführt habe erst Zhuangzi, in dem Rothbard „perhaps the world’s first anarchist“ sah, vielleicht den ersten Anarchisten der Welt.
Sogar Ronald Reagan zitierte in seiner Rede zur Lage der Nation am 25. Januar 1988 unter Nennung Lao-tzus das Bild aus Kapitel 60: Man solle eine große Nation regieren, wie man einen kleinen Fisch zubereitet, und es dabei nicht übertreiben.
Was bleibt
Was das Daodejing zur Freiheitsidee beigetragen hat, lässt sich klar benennen. Es hat sehr früh beobachtet, dass Verbote ihre eigenen Übertretungen erzeugen, dass Abgaben den Wohlstand aufzehren, aus dem sie bezahlt werden, und dass Kriege Hunger hinterlassen. Und es hat die Hoffnung formuliert, dass Menschen sich selbst ordnen, wenn man ihnen Raum dafür lässt. Eine Lehre von Rechten, Eigentum und Verträgen enthält es nicht. Libertär im heutigen Sinn ist das Buch deshalb nicht, und von seinem Verfasser, wer immer er war, lässt sich das erst recht nicht sagen. Ein Vorläufer, auf den sich Freunde der Freiheit mit gutem Grund berufen, ist es trotzdem.
Seine schlichteste Frage hat nichts von ihrer Schärfe verloren, und jede Regierung, die eine neue Vorschrift plant, könnte sie sich stellen: Wird das Volk dadurch reicher, oder nur die Zahl der Diebe und Räuber größer?
Zum Weiterlesen
- Laotse: Tao te king. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben, übersetzt von Richard Wilhelm, Eugen Diederichs, Jena 1911 (zahlreiche Neuausgaben)
- Murray N. Rothbard: „Concepts of the Role of Intellectuals in Social Change Toward Laissez Faire“, in: Journal of Libertarian Studies 9 (1990), Nr. 2
- Murray N. Rothbard: Economic Thought Before Adam Smith, Edward Elgar, Aldershot 1995
- Alan Chan: „Laozi“, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Laotse: Tao te king. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben, übersetzt von Richard Wilhelm, Eugen Diederichs, Jena 1911; zitiert nach der Ausgabe Jena 1919, Projekt Gutenberg: https://projekt-gutenberg.org/authors/richard-wilhelm/books/tao-te-king/chapter/2 (Kap. 3, 17, 30, 57, 60, 65, 75, 80)
- Daodejing, chinesischer Text nach Wang Bi: https://zh.wikisource.org/wiki/道德經_(王弼本) (Kap. 17, 57, 60, 65, 75)
- Sima Qian: Shiji, Kap. 63 (Biografien von Laozi und Han Fei), chinesischer Text: https://zh.wikisource.org/wiki/史記/卷063
- Rothbard, Murray N.: „Concepts of the Role of Intellectuals in Social Change Toward Laissez Faire“, in: Journal of Libertarian Studies 9 (1990), Nr. 2, S. 43 ff., hier S. 44–46: https://cdn.mises.org/9_2_3_0.pdf
- Rothbard, Murray N.: Economic Thought Before Adam Smith. An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Bd. 1, Edward Elgar, Aldershot 1995; Auszug „Libertarianism in Ancient China“, Mises Daily, 23.12.2009: https://mises.org/mises-daily/libertarianism-ancient-china
- Reagan, Ronald: Address Before a Joint Session of Congress on the State of the Union, 25. Januar 1988, American Presidency Project: https://www.presidency.ucsb.edu/documents/address-before-joint-session-congress-the-state-the-union-0
- Chan, Alan: „Laozi“, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, überarbeitete Fassung vom 22.10.2025: https://plato.stanford.edu/entries/laozi/
- Littlejohn, Ronnie: „Laozi (Lao-tzu, fl. 6th cn. B.C.E.)“, in: Internet Encyclopedia of Philosophy: https://iep.utm.edu/laozi/
- Peerenboom, Randall P.: Law and Morality in Ancient China. The Silk Manuscripts of Huang-Lao, SUNY Press, Albany 1993 (über Wikipedia „Huang–Lao“: https://en.wikipedia.org/wiki/Huang%E2%80%93Lao)
- Hucker, Charles O.: China’s Imperial Past, Stanford University Press, Stanford 1975, S. 123 (über Wikipedia „Emperor Jing of Han“: https://en.wikipedia.org/wiki/Emperor_Jing_of_Han)
- Wikipedia (en): Discourses on Salt and Iron: https://en.wikipedia.org/wiki/Discourses_on_Salt_and_Iron
- Ferguson, Adam: An Essay on the History of Civil Society, 1767; Hayek, Friedrich A.: „The Results of Human Action but not of Human Design“, in: Studies in Philosophy, Politics and Economics, University of Chicago Press, Chicago 1967
- Deist, Jeff: „Murray Rothbard on Lao-Tzu, the First Libertarian“, Mises Wire, 17.11.2014: https://mises.org/wire/murray-rothbard-lao-tzu-first-libertarian
- Boaz, David: „Govern a Great Country as You Would Cook a Small Fish“, Cato at Liberty, 11.09.2015: https://www.cato.org/blog/govern-great-country-you-would-cook-small-fish
Beitragsbild: Laozi (KI-Illustration nach traditionellen Darstellungen)

