Im Februar 1849 druckte das Journal des Économistes, die führende Zeitschrift der liberalen Ökonomen in Paris, einen Aufsatz mit dem nüchternen Titel „De la production de la sécurité“, über die Produktion von Sicherheit. Die Redaktion stellte ihm eine Anmerkung voran, die man selten in einer Fachzeitschrift liest: Obwohl der Artikel in seinen Schlussfolgerungen utopisch erscheinen möge, halte man es für geboten, ihn zu veröffentlichen. Es sei nützlich geworden, genau zu bestimmen, wo das Eingreifen der Obrigkeit aufhöre, schützend zu sein, und anfange, tyrannisch zu werden.
Der Verfasser war noch keine dreißig Jahre alt und hieß Gustave de Molinari. Seine These lautete, dass Schutz von Person und Eigentum eine Leistung ist wie jede andere und deshalb besser von konkurrierenden Anbietern erbracht wird als von einem Monopol. Damit dachte er einen Schritt weiter als seine Freunde, die den Staat auf die Rolle des Nachtwächters beschränken wollten, und er stellte eine Frage, die seither nicht mehr verschwunden ist.
Steckbrief
- Lebensdaten: 3. März 1819 in Lüttich bis 28. Januar 1912 in Adinkerke (Belgien)
- Wirken: Journalist und Ökonom in Paris, Professor in Brüssel, Chefredakteur des Journal des Débats (1871 bis 1876) und des Journal des Économistes (1881 bis 1909)
- Hauptwerke: „De la production de la sécurité“ (1849), Les Soirées de la rue Saint-Lazare (1849), Cours d’économie politique (1855), L’Évolution économique du dix-neuvième siècle (1880), Grandeur et décadence de la guerre (1898), Ultima Verba (1911)
- In einem Satz: Er wandte das Prinzip der freien Konkurrenz konsequent auch auf den Schutz von Leben und Eigentum an.
Vom Lütticher Arztsohn zum Pariser Freihändler
Molinari kam 1819 in Lüttich zur Welt, das damals zum Vereinigten Königreich der Niederlande gehörte. Sein Vater war Arzt und hatte als Offizier in der Armee Napoleons gedient. Mit 21 Jahren zog der Sohn 1840 nach Paris, um als Journalist zu arbeiten, und 1842 trat er der Société d’économie politique bei, dem Gesprächskreis der liberalen Ökonomen.
Dort fand er seine geistige Heimat. Er wurde stellvertretender Sekretär der Association pour la liberté des échanges, des französischen Freihandelsvereins, und schrieb an dessen Zeitschrift Le Libre-Échange mit, die Frédéric Bastiat herausgab. Als die Februarrevolution von 1848 den sozialistischen Strömungen Auftrieb gab, versuchte er gemeinsam mit Charles Coquelin, mit dem Straßenblatt Jacques Bonhomme die einfachen Leute zu erreichen. Der Versuch scheiterte, doch er zeigt, dass Molinari mit seinen Ideen über den Kreis der Gelehrten hinaus wirken wollte.
Sicherheit als Ware
Der Aufsatz von 1849 beginnt mit einem Grundsatz, den jeder Freihändler unterschrieben hätte. In allen Dingen solle der Konsument frei wählen können, und sein Interesse müsse dem des Produzenten vorgehen. Molinari zog daraus einen Schluss, vor dem seine Kollegen zurückschreckten: „Que la production de la sécurité doit, dans l’intérêt des consommateurs de cette denrée immatérielle, demeurer soumise à la loi de la libre concurrence.“ Auf Deutsch heißt das, dass die Produktion von Sicherheit im Interesse der Konsumenten dieser immateriellen Ware dem Gesetz der freien Konkurrenz unterworfen bleiben muss.
Wie das aussehen könnte, skizzierte er in den späteren Abschnitten. Ein Produzent von Sicherheit würde von seinen Kunden eine regelmäßige Prämie verlangen, abgestuft nach ihrer Lage, ihren Tätigkeiten und dem Wert ihres Eigentums, und im Schadensfall Ersatz leisten. Ein solcher Anbieter erinnert an einen Versicherer. Entscheidend ist für ihn die Freiheit des Käufers, Sicherheit dort zu erwerben, wo es ihm am besten erscheint. Dahinter steht die gewöhnliche Logik des Wettbewerbs: Ein Anbieter, der schlecht schützt oder zu teuer ist, verliert seine Kunden, während ein Monopolist beides tun kann, ohne Folgen zu fürchten.
Der Gedanke ist von schlichter Folgerichtigkeit. Wer glaubt, dass Wettbewerb bei Brot, Tuch und Transport bessere und billigere Leistungen hervorbringt, muss begründen, warum das beim wichtigsten aller Güter anders sein soll. Molinari fand keine solche Begründung und zog die Konsequenz.
Abende in der Rue Saint-Lazare
Im selben Jahr erschien Les Soirées de la rue Saint-Lazare, im Untertitel „Gespräche über die ökonomischen Gesetze und Verteidigung des Eigentums“. Der Titel erinnert an die Straße, in der sich Molinari zwischen 1844 und Anfang 1848 regelmäßig mit liberalen Freunden traf, darunter Bastiat, Joseph Garnier, Alcide Fonteyraud und Coquelin. In den Abendgesprächen streiten ein Konservativer, der Schutzzölle und Staatsmonopole verteidigt, ein Sozialist und ein Ökonom.
Das Buch verteidigt das Eigentum nach zwei Seiten: gegen die Sozialisten, die es abschaffen wollten, und gegen die Konservativen, die es mit Privilegien und Zöllen schlecht verteidigten. In der elften Soirée trägt der Ökonom die Idee vor, dass auch Polizei und Verteidigung freiwillig über den Markt bereitgestellt werden könnten. Die Dialogform macht das Buch bis heute gut lesbar, denn jede Gegenposition kommt zu Wort, bevor sie beantwortet wird.
Widerspruch unter Freunden
Im Herbst 1849 widmete die Société d’économie politique eine Sitzung Molinaris Thesen, und das Protokoll erschien im Journal des Économistes vom 15. Oktober. Murray Rothbard hat die Reaktionen später zusammengefasst. Coquelin meinte, Gerechtigkeit brauche eine oberste Autorität, und Bastiat erklärte, Gerechtigkeit und Sicherheit ließen sich nur durch Gewalt garantieren. Allein Charles Dunoyer setzte sich mit den Argumenten auseinander und kam zu dem Urteil, Molinari sei von den „Illusionen der Logik“ fortgerissen worden.
Ein Bruch folgte daraus nicht. Molinari schrieb 1852 und 1853 Artikel für das Dictionnaire de l’économie politique des Pariser Kreises und übernahm Jahrzehnte später die Leitung eben jenes Journals, das die kritische Debatte abgedruckt hatte. Die französischen Liberalen konnten einem Freund widersprechen, ohne ihn auszuschließen. Rothbard nannte den Aufsatz 1977 im Vorwort zur englischen Übersetzung „the first presentation anywhere in human history“ dessen, was heute Anarchokapitalismus oder Marktanarchismus heißt, und fügte hinzu, Molinari hätte sich mit diesem Namen vermutlich schwergetan.
Brüssel, Antwerpen und zurück nach Paris
Nach dem Staatsstreich Louis Napoléons im Dezember 1851 verließ Molinari Frankreich und ging nach Belgien. In Brüssel lehrte er politische Ökonomie am Musée royal de l’industrie, außerdem unterrichtete er am Institut supérieur de commerce in Antwerpen. 1855 gründete er die Zeitschrift L’Économiste belge, im selben Jahr erschien sein Cours d’économie politique, in dem er nach der Darstellung von Dries Van Thielen weiter für private Anbieter von Sicherheit eintrat.
In seiner belgischen Zeitschrift schlug er einen gemäßigteren Ton an. Van Thielen erklärt das mit der Rücksicht auf ein Publikum, dessen liberale Elite den radikalen Ideen misstraute, und verweist auf einen Brief Molinaris an Pierre-Joseph Proudhon vom Februar 1859, in dem er um einen Beitrag bat, der zum gemäßigten Ton seiner Leser passe. Im selben Jahr verlor er eine Wahl in Belgien.
In den 1860er Jahren kehrte er nach Paris zurück und arbeitete für das Journal des Débats, das er von 1871 bis 1876 als Chefredakteur leitete. 1881 folgte er dem verstorbenen Joseph Garnier an der Spitze des Journal des Économistes nach und führte es bis 1909, also bis er rund neunzig Jahre alt war. Danach übergab er es Yves Guyot.
Gegen Zölle, Sklaverei und Krieg
Wer Molinari nur als Theoretiker privater Schutzagenturen kennt, übersieht den größten Teil seines Werks. Schon 1846 trug eine Schrift von ihm den Untertitel L’organisation de la liberté industrielle et l’abolition de l’esclavage, verband also die Freiheit der Arbeit ausdrücklich mit der Abschaffung der Sklaverei. Sein Leben lang schrieb er gegen Schutzzölle, Imperialismus, Militarismus und Sozialismus.
In großen historischen Entwürfen wie L’Évolution économique du dix-neuvième siècle (1880) und L’Évolution politique et la révolution (1884) beschrieb er den Aufstieg der freien Industriegesellschaft als Antwort auf ältere Ordnungen, die auf Klassenschranken und Ausbeutung beruhten. Den Krieg betrachtete er als frühen Antrieb der gesellschaftlichen Entwicklung, der mit der Zeit schädlich geworden sei und vom friedlichen wirtschaftlichen Wettbewerb abgelöst werden könne. Folgerichtig suchte er nach Bündnissen und Systemen gemeinsamer Verteidigung, die den Kriegszustand beenden sollten, weil dieser, so sein Argument, die Freiheit des Einzelnen untergrabe. Grandeur et décadence de la guerre von 1898 fasst diese Überlegungen zusammen. Sein letztes Buch, Ultima Verba, erschien 1911, als er über neunzig war.
Blieb er bei seiner Idee?
Ob Molinari im Alter von der Konkurrenz der Sicherheitsanbieter abrückte, wird bis heute diskutiert. Rothbard sah in Les Lois naturelles de l’économie politique (1887) noch einen festen Anhänger privater, miteinander konkurrierender Polizeigesellschaften, in der Esquisse de l’organisation politique et économique de la société future (1899) dagegen einen teilweisen Rückzug auf eine einzige private Schutzgesellschaft.
Neuere Forschung zeichnet ein anderes Bild. Der Historiker David M. Hart untersuchte 2019 in einem Vortrag fünfzehn Texte Molinaris zu dieser Frage und kam zu dem Schluss, Rothbards Annahme einer Abschwächung müsse revidiert werden. Dries Van Thielen hat dazu Briefe und Erinnerungen ausgewertet. In einem Brief an Arthur Mangin schrieb Molinari 1885 sinngemäß, er sei ein radikaler Liberaler, wenn man so wolle, aber kein Anarchist. Der Journalist Charles Benoist hielt in einem Porträt fest, für Molinari sei der Staat gewiss ein Übel gewesen, aber kein notwendiges. Nach dieser Lesart lehnte Molinari das Etikett ab, die Sache selbst aber nicht.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Methode. Molinari nahm einen Grundsatz, den alle Liberalen seiner Zeit teilten, und prüfte, ob er auch dort gilt, wo man ihn gewöhnlich nicht anwendet. Diese Bereitschaft, eine Überzeugung zu Ende zu denken, auch wenn die Freunde widersprechen, ist selten und wertvoll.
Die zweite Lehre betrifft den Blickwinkel. Molinari betrachtete Sicherheit aus der Sicht dessen, der sie bezahlt und braucht, und fragte, welche Ordnung ihm am besten dient. Wer heute über Polizei, Justiz oder Verteidigung spricht, kann von dieser Perspektive profitieren, ganz gleich, wie weit er Molinari folgen möchte. Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe haben im 20. Jahrhundert an seine Frage angeknüpft, und Benjamin Tucker und sein Kreis um die Zeitschrift Liberty lasen ihn schon zu Lebzeiten.
Die dritte Lehre ist die Geduld. Molinari schrieb sieben Jahrzehnte lang für Freihandel und Frieden, nach dem Weggang aus Paris in Brüssel ebenso wie später an der Spitze einer angesehenen Pariser Zeitschrift, und an seinen Grundsätzen hielt er dabei fest.
Die Frage von 1849
Gustave de Molinari starb am 28. Januar 1912 in Adinkerke an der belgischen Küste und wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris beigesetzt, in der Stadt, in der er über Jahrzehnte gewirkt hatte. Mit ihm verlor die klassisch-liberale Bewegung in Frankreich eine ihrer prägenden Stimmen, und nur wenige Weggefährten wie Yves Guyot und Frédéric Passy blieben übrig.
Seine Frage aber ist geblieben. Warum sollte gerade der Schutz unserer Freiheit einem Anbieter überlassen sein, den niemand abwählen kann, wenn er seine Aufgabe schlecht erfüllt? Molinari hat darauf eine kühne Antwort gegeben. Man muss sie nicht in allen Einzelheiten übernehmen, um zu erkennen, dass er die Beweislast dorthin gelegt hat, wo sie hingehört: zu denen, die ein Monopol verlangen.
Zum Weiterlesen
- Gustave de Molinari: „De la production de la sécurité“, Journal des Économistes 22 (1849), S. 277–290; englisch: The Production of Security, übers. von J. Huston McCulloch, mit einem Vorwort von Murray N. Rothbard, Center for Libertarian Studies, New York 1977
- Gustave de Molinari: Les Soirées de la rue Saint-Lazare. Entretiens sur les lois économiques et défense de la propriété, Paris 1849
- David M. Hart: „Gustave de Molinari and the Anti-Statist Liberal Tradition“, Journal of Libertarian Studies (1981/82)
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Molinari, Gustave de: „De la production de la sécurité“, Journal des Économistes 22 (Februar 1849), S. 277–290, Wikisource: https://fr.wikisource.org/wiki/De_la_production_de_la_s%C3%A9curit%C3%A9
- Molinari, Gustave de: The Production of Security, übers. von J. Huston McCulloch, Occasional Papers Series #2, Center for Libertarian Studies, New York 1977, https://mises.org/library/book/production-security
- Molinari, Gustave de: Les Soirées de la rue Saint-Lazare. Entretiens sur les lois économiques et défense de la propriété, Paris 1849, https://oll.libertyfund.org/titles/molinari-les-soirees-de-la-rue-saint-lazare-1849
- Molinari, Gustave de: Études économiques. L’organisation de la liberté industrielle et l’abolition de l’esclavage, Paris 1846.
- Molinari, Gustave de: Cours d’économie politique, Brüssel 1855 (2. Aufl. 1863).
- Molinari, Gustave de: L’Évolution économique du dix-neuvième siècle, Paris 1880; L’Évolution politique et la révolution, Paris 1884.
- Molinari, Gustave de: Les Lois naturelles de l’économie politique, Paris 1887.
- Molinari, Gustave de: Grandeur et décadence de la guerre, Paris 1898.
- Molinari, Gustave de: Esquisse de l’organisation politique et économique de la société future, Paris 1899.
- Molinari, Gustave de: Ultima Verba. Mon dernier ouvrage, Paris 1911.
- Rothbard, Murray N.: Preface (1977) zu Molinari, The Production of Security, https://praxeology.net/MR-GM-PS.htm
- Hart, David M.: Life and Works of Gustave de Molinari, Econlib, https://www.econlib.org/library/Molinari/MolinariBio.html
- Hart, David M.: „Gustave de Molinari and the Anti-Statist Liberal Tradition“, Journal of Libertarian Studies (1981/82)
- Van Thielen, Dries: Was Gustave de Molinari an Anarchist until the Very End?, Mises Wire, 9. Dezember 2020, https://mises.org/mises-wire/was-gustave-de-molinari-anarchist-until-very-end
- History of Economic Thought Website: Gustave de Molinari, https://hetwebsite.net/het/profiles/molinari.htm
- Online Library of Liberty: Molinari defends the right to property against the socialists … and the conservatives (1849), https://oll.libertyfund.org/quotes/molinari-defends-the-right-to-property-against-the-socialists-who-want-to-overthrow-it-and-the-conservatives-who-defend-it-poorly-1849
- Institut Coppet: Best of Molinari, https://www.institutcoppet.org/wp-content/uploads/2012/12/Best-of-Molinari-Gustave-de-Molinari.pdf
- Wikipédia (fr): Gustave de Molinari, https://fr.wikipedia.org/wiki/Gustave_de_Molinari (Lebensdaten, Werkliste)
- Wikipedia (en): Gustave de Molinari, https://en.wikipedia.org/wiki/Gustave_de_Molinari (Wirkungsgeschichte)


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