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Frédéric Bastiat: Was man sieht und was man nicht sieht

Frédéric Bastiat

Ein Junge wirft eine Fensterscheibe ein, und sofort trösten die Nachbarn den Vater: Irgendwer müsse ja auch vom Unglück leben, und was würde aus den Glasern, wenn nie eine Scheibe zu Bruch ginge? Der Glaser kommt, repariert den Schaden für sechs Francs und reibt sich die Hände. So beginnt eine kleine Erzählung, die Frédéric Bastiat im Juli 1850 veröffentlichte, wenige Monate vor seinem Tod. Dann stellt er die Frage, die bis heute viele Debatten über Konjunkturprogramme und Subventionen begleitet: Was hätte der Vater mit den sechs Francs gemacht, wenn die Scheibe heil geblieben wäre?

Er hätte sich, so Bastiat, neue Schuhe gekauft oder ein weiteres Buch für seinen Schrank. Den Glaser sieht jeder, den Schuhmacher, der leer ausgeht, sieht niemand. Aus dieser einfachen Beobachtung hat Bastiat eine Methode des wirtschaftlichen Urteils gemacht, und er hat sie in einer Sprache aufgeschrieben, die man ohne Vorwissen versteht.

Steckbrief

  • Lebensdaten: geboren im Juni 1801 in Bayonne, gestorben am 24. Dezember 1850 in Rom
  • Wirken: Gutsbesitzer und Friedensrichter in Mugron (Landes), Mitgründer der ersten französischen Freihandelsvereinigung, Abgeordneter der Nationalversammlung 1848 bis 1850
  • Hauptwerke: Sophismes économiques (1845–1848), L’État (1848), La Loi (1850), Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas (1850), Harmonies économiques (1850)
  • In einem Satz: Er zeigte, dass jede staatliche Wohltat irgendwo bezahlt wird, und lehrte, auch dort hinzusehen.

Vom Kontor auf das Land

Claude-Frédéric Bastiat kam 1801 in der Hafenstadt Bayonne zur Welt, als Sohn eines Kaufmanns. Mit neun Jahren hatte er beide Eltern verloren und wuchs bei seinem Großvater und einer Tante auf. Die Handelsstadt litt in diesen Jahren unter Krieg und unter der Kontinentalsperre, mit der Napoleon den Handel mit England unterbinden wollte. Was Blockaden einem Hafen antun, konnte Bastiat dort aus der Nähe erleben.

Nach der Schulzeit in Saint-Sever und Sorèze trat er 1818 in das Kontor seines Onkels ein. Als 1825 der Großvater starb, erbte Bastiat ein Gut in Mugron in den Landes und zog sich dorthin zurück, um Landwirt zu sein und zu lesen. Seine Mitbürger wählten ihn 1831 zum Friedensrichter und 1832 in den Generalrat des Departements.

Die Sonne als unlauterer Wettbewerber

Die Wende brachte eine englische Zeitung. Über den Globe and Traveller erfuhr Bastiat von der Anti-Corn-Law-League, mit der Richard Cobden und John Bright in England gegen die Getreidezölle kämpften. Er beschloss, in Frankreich etwas Ähnliches zu versuchen. Im Oktober 1844 erschien im Journal des économistes sein Aufsatz über den Einfluss der französischen und englischen Zölle auf die Zukunft beider Völker, und er machte den Gutsbesitzer aus der Provinz unter den Pariser Ökonomen bekannt.

Es folgten die Sophismes économiques, kurze Stücke, in denen Bastiat die Argumente der Schutzzöllner eines nach dem anderen auseinandernimmt. Das berühmteste ist die Petition der Kerzenzieher vom Oktober 1845. Darin wenden sich die Hersteller von Kerzen, Lampen und Leuchtern an die Abgeordnetenkammer und klagen über die „unerträgliche Konkurrenz eines ausländischen Rivalen“, der Licht zu einem unschlagbar niedrigen Preis liefert. Dieser Rival sei niemand anderes als die Sonne. Die Bittsteller verlangen deshalb ein Gesetz, das alle Fenster, Dachluken und Vorhänge zu schließen befiehlt. Wer über den Text lacht, hat das Argument schon verstanden: Wenn Schutz vor billiger Einfuhr den Wohlstand mehrt, müsste man auch das kostenlose Sonnenlicht aussperren.

1845 reiste Bastiat nach London und Manchester und lernte Cobden persönlich kennen, mit dem er seit seinem Aufsatz von 1844 im Briefwechsel stand. Im folgenden Jahr half er in Bordeaux, die erste französische Freihandelsvereinigung zu gründen, und zog bald darauf nach Paris. Dort führte er als Sekretär das Zentralkomitee, gab die Wochenzeitung Le Libre-Échange heraus und sprach in Paris und in der Provinz. Die Februarrevolution von 1848 beendete diese Kampagne, ehe sie ihr Ziel erreichte.

Ein Abgeordneter, dem die Stimme fehlte

Im April 1848 wählten ihn die Landes in die Verfassunggebende Nationalversammlung, im Mai 1849 in die Gesetzgebende Versammlung. Eine schwere Erkrankung, die man meist als Tuberkulose beschreibt, hatte ihm da schon die Stimme genommen, sodass er selten von der Tribüne sprechen konnte. Im Finanzausschuss, dessen Vizepräsident er war, arbeitete er dennoch mit, und er trat dafür ein, dass Arbeiter sich zusammenschließen und gemeinsam die Arbeit niederlegen dürfen, was damals gesetzlich verboten war. Eine Mehrheit fand er dafür nicht.

Seine eigentliche Waffe blieb die Feder. In rascher Folge schrieb er Pamphlete gegen die sozialistischen Entwürfe jener Jahre, mit Titeln wie Eigentum und Gesetz, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit oder Verflixtes Geld. Mit Pierre-Joseph Proudhon stritt er öffentlich darüber, ob Zins gerecht sei. Die Encyclopaedia Britannica von 1911 hebt hervor, dass er den Sozialismus so nahm, wie ihn seine populärsten Vertreter vortrugen, und ihre Vorschläge geduldig prüfte, bevor er sie widerlegte.

Im September 1848 veröffentlichte er im Journal des Débats einen kurzen Text über den Staat. Er wünsche sich, schreibt er dort, einen Preis von einer Million Francs für eine gute, einfache und verständliche Definition dieses Wortes, und reicht dann seine eigene ein (hier wie im Folgenden in eigener Übersetzung): „Der Staat ist die große Fiktion, durch die jedermann sich bemüht, auf Kosten von jedermann zu leben.“ Gemeint ist kein Angriff auf Beamte. Bastiat beschreibt eine Erwartung, die viele Bürger zugleich hegen, nämlich vom Staat mehr zu bekommen, als sie selbst beitragen, und die sich rechnerisch nie für alle erfüllen kann.

Wenn das Gesetz zur Plünderung wird

Im Juni 1850 erschien La Loi, das Gesetz, sein bekanntester Text. Er beginnt mit einer Umkehrung, die den Kern des klassischen Liberalismus enthält: „Nicht weil die Menschen Gesetze erlassen haben, bestehen Person, Freiheit und Eigentum. Im Gegenteil, weil Person, Freiheit und Eigentum vorher bestehen, machen die Menschen Gesetze.“ Das Gesetz ist für Bastiat die gemeinsame Organisation jenes Rechts auf Notwehr, das jeder Einzelne ohnehin hat. Es darf deshalb nur tun, was auch der Einzelne zur Verteidigung seiner Person und seines Eigentums tun dürfte.

Wird es zu anderem benutzt, spricht Bastiat von spoliation légale, gesetzlicher Plünderung. Woran man sie erkennt, beschreibt er so: „Man muss prüfen, ob das Gesetz den einen nimmt, was ihnen gehört, um den anderen zu geben, was ihnen nicht gehört. Man muss prüfen, ob das Gesetz zugunsten eines Bürgers und zum Nachteil der anderen eine Handlung vollbringt, die dieser Bürger selbst nicht ohne Verbrechen vollbringen könnte.“ Als Beispiele zählt er Zölle, Prämien, Subventionen, die progressive Steuer, den unentgeltlichen Unterricht und die damals viel geforderten Rechte auf Arbeit, Gewinn und Lohn sowie den unentgeltlichen Kredit auf. Das Kriterium gilt für alle: für den Fabrikanten, der von Zöllen lebt, wie für jeden, dem man einen Anspruch auf fremdes Geld verspricht.

Ebenso deutlich wendet er sich gegen die Gesetzgeber, die die Gesellschaft nach einem eigenen Entwurf ordnen wollen. Sie behandelten die Menschen, so Bastiat sinngemäß, wie träge Materie, die eine äußere Hand in beliebige Formen bringt, so wie ein Gärtner seine Bäume beschneidet. Für ihn sind Menschen dagegen handelnde Wesen mit eigenem Urteil, und eine freie Gesellschaft entsteht aus ihrem Zusammenwirken, ohne dass einer sie entwerfen müsste.

Sechs Francs und ein Paar Schuhe

Einen Monat später folgte Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas, die Schrift mit der zerbrochenen Scheibe. In der Einleitung fasst Bastiat seine Methode in einem Satz zusammen: Zwischen einem schlechten und einem guten Ökonomen bestehe der ganze Unterschied darin, dass sich der eine an die sichtbare Wirkung hält, während der andere auch die Wirkungen berücksichtigt, die man voraussehen muss. Eine Maßnahme hat nie nur eine Folge, sondern eine ganze Reihe davon, und meist ist die erste angenehm und erst die späteren sind teuer.

In zwölf Kapiteln wendet er diesen Gedanken auf die Fragen seiner Zeit an: auf Steuern und Staatsaufträge, auf die Förderung von Theatern, auf Maschinen und Kredit. Im Kapitel über Algerien nimmt er die Redner aufs Korn, die fünfzig Millionen für Häfen, Straßen und Siedler in der neuen Kolonie fordern und dabei nur darauf schauen, wohin das Geld fließt, aber nie darauf, woher es kommt. Was Ökonomen heute Opportunitätskosten nennen, also den Nutzen, auf den man verzichtet, wenn man Mittel anders verwendet, steht hier der Sache nach schon im Kern da.

Harmonie statt Bauplan

Bastiat wollte mehr sein als ein Streiter gegen Irrtümer. In seinen letzten Jahren arbeitete er an den Harmonies économiques, deren erster Band Anfang 1850 erschien. Ihr Leitgedanke ist, dass die Interessen der Menschen, sich selbst überlassen, zu harmonischen Verbindungen und zu einem wachsenden Übergewicht des Gemeinwohls streben.

Diese Zuversicht hatte für ihn einen religiösen Grund. La Loi endet mit der Aufforderung, nach so vielen gescheiterten Systemen endlich die Freiheit zu erproben, die Freiheit, „die ein Akt des Glaubens an Gott und an sein Werk ist“. Den zweiten Band der Harmonies konnte er nicht mehr vollenden. Im Herbst 1850 zwang ihn die Krankheit zu einer Reise nach Italien, und er starb am 24. Dezember in Rom, wo er in San Luigi dei Francesi beigesetzt wurde.

Ein langes Nachleben

Joseph Schumpeter nannte ihn rund ein Jahrhundert später „the most brilliant economic journalist who ever lived“ und sprach ihm zugleich den Rang eines Theoretikers ab. Henry Hazlitt hielt dieses Urteil für ungerecht, so als tadle man einen Apfelbaum dafür, dass er keine Bananen trägt. Hazlitt selbst hatte 1946 mit Economics in One Lesson ein Buch vorgelegt, das ganz auf Bastiats Methode aufbaut und sie auf die Wirtschaftspolitik des 20. Jahrhunderts überträgt; das zweite Kapitel heißt schlicht „The Broken Window“.

In den Vereinigten Staaten ließ Leonard Read, der Gründer der Foundation for Economic Education, La Loi von Dean Russell neu übersetzen. Von der Ausgabe von 1950 wurden nach Angaben der Stiftung rund eine halbe Million Exemplare verkauft. Friedrich August von Hayek schrieb eine Einleitung zu einer Auswahl seiner Aufsätze und würdigte darin die Einsicht, dass man wirtschaftliche Politik nicht allein nach ihren unmittelbaren Wirkungen beurteilen darf.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Die erste Lehre ist methodisch. Wer eine neue Subvention, ein Förderprogramm oder einen Zoll beurteilen will, sollte nach den sechs Francs fragen: Woher kommt das Geld, und was wäre damit sonst geschehen? Dafür braucht es kein Studium, nur die Bereitschaft, auch zu bedenken, was nicht auf dem Foto der Eröffnungsfeier erscheint.

Die zweite Lehre betrifft das Recht. Bastiats Prüfstein für ein Gesetz ist einfach und streng zugleich: Darf der Staat etwas tun, das jedem Einzelnen als Unrecht verboten wäre? Mit dieser Frage lassen sich Privilegien für Unternehmen ebenso erkennen wie Versprechen auf Kosten Dritter, gleich aus welchem politischen Lager sie kommen.

Die dritte Lehre ist eine des Tons. Bastiat schrieb für Bürger, nicht für Fachkollegen, und er nahm seine Gegner ernst genug, um ihre Argumente genau wiederzugeben, bevor er sie widerlegte.

Ein Werk aus sechs Jahren

Zwischen seinem ersten Aufsatz im Journal des économistes und seinem Tod in Rom lagen kaum mehr als sechs Jahre, und in den letzten davon war er schwer krank. Was er in diesen Jahren schrieb, wird bis heute gelesen und neu aufgelegt, weil die Versuchungen, die er beschrieb, geblieben sind: der Wunsch nach Schutz vor Konkurrenz, die Hoffnung auf den Staat, der allen gibt und niemandem nimmt, und die Neigung, nur auf das zu schauen, was man sieht. Wer seine kurzen Texte einmal gelesen hat, sieht danach die Schuhe, die nicht gekauft wurden, bei vielen politischen Versprechen mit.

Zum Weiterlesen

  • Frédéric Bastiat: Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas (1850), in: Œuvres complètes, Bd. 5; englisch: What Is Seen and What Is Not Seen
  • Frédéric Bastiat: La Loi (1850), in: Œuvres complètes, Bd. 4; englisch: The Law, übersetzt von Dean Russell, Foundation for Economic Education 1950
  • Frédéric Bastiat: Sophismes économiques (1845–1848); englisch: Economic Sophisms, mit einer Einleitung von Henry Hazlitt, FEE 1962
  • Henry Hazlitt: Economics in One Lesson, 1946

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Bastiat, Frédéric: „De l’influence des tarifs français et anglais sur l’avenir des deux peuples“, Journal des économistes, Oktober 1844.
  • Bastiat, Frédéric: „Pétition des fabricants de chandelles …“, Journal des économistes, Oktober 1845; Sophismes économiques, 1. Reihe, Kap. VII; Œuvres complètes Bd. 4, S. 57, http://bastiat.org/fr/petition.html
  • Bastiat, Frédéric: „L’État“, Journal des Débats, 25. September 1848; Œuvres complètes Bd. 4, S. 327, http://bastiat.org/fr/l_etat.html
  • Bastiat, Frédéric: La Loi, Paris, Juni 1850; Œuvres complètes Bd. 4, S. 342, http://bastiat.org/fr/la_loi.html
  • Bastiat, Frédéric: Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas, Paris, Juli 1850; Œuvres complètes Bd. 5, S. 336, http://bastiat.org/fr/cqovecqonvp.html
  • Bastiat, Frédéric: Harmonies économiques, Paris 1850 (1. Band).
  • Bastiat, Frédéric: The Law, übersetzt von Dean Russell, Foundation for Economic Education, Irvington-on-Hudson 1950.
  • Bastiat, Frédéric: Economic Sophisms, mit einer Einleitung von Henry Hazlitt, Foundation for Economic Education 1962.
  • Encyclopaedia Britannica, 11. Auflage (1911), Bd. 3, Artikel „Bastiat, Frédéric“, https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Bastiat,_Fr%C3%A9d%C3%A9ric
  • Concise Encyclopedia of Economics (Econlib): „Frédéric Bastiat“, https://www.econlib.org/library/Enc/bios/Bastiat.html
  • Hazlitt, Henry: „Bastiat the Great“ (Einleitung zu Economic Sophisms, FEE 1962), Mises Institute, https://mises.org/library/bastiat-great
  • Hazlitt, Henry: Economics in One Lesson, Harper & Brothers, New York 1946.
  • Institut Coppet: Kurzbiografie Frédéric Bastiat, in: Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas, https://www.coppetinstitute.org/EL/Bastiat-Ce-qu-on-voit.pdf
  • Schumpeter, Joseph A.: History of Economic Analysis, Oxford University Press, New York 1954, S. 500 (zitiert nach Hazlitt und Econlib).
  • Wikipedia (en): Frédéric Bastiat, https://en.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A9d%C3%A9ric_Bastiat (Einstieg; Familiendaten nach Georges de Nouvion, Frédéric Bastiat. Sa vie, ses œuvres, ses doctrines, Paris 1905)
  • Foundation for Economic Education: The Law (Russell-Übersetzung), https://store.fee.org/products/the-law

Beitragsbild: Frédéric Bastiat

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