Wer auf dem Londoner Highgate Cemetery das Grab von Karl Marx besucht, steht einem anderen Denker gegenüber, ohne es zu ahnen. Auf der anderen Seite des Weges liegt Herbert Spencer, zu seinen Lebzeiten weit berühmter als sein Nachbar. Rund eine Million Exemplare seiner Bücher sollen verkauft worden sein, 1902 wurde er für den Nobelpreis für Literatur nominiert.
Der Vergleich mit dem Nachbarn liegt näher, als es scheint. Murray Rothbard schrieb, Spencer sei mehr als jeder andere „our Marx“ gewesen, der Marx der Freiheitsbewegung. Sein frühes Buch Social Statics hielt Rothbard für die beste systematische Darstellung des Libertarismus, die je geschrieben wurde. Heute kennen viele den Namen nur noch als Etikett, und meist ist es ein falsches.
Steckbrief
- Lebensdaten: 27. April 1820 in Derby bis 8. Dezember 1903 in Brighton
- Wirken: Eisenbahningenieur, Redakteur beim Economist (1848 bis 1853), danach freier Philosoph und Soziologe
- Hauptwerke: The Proper Sphere of Government (1842/43), Social Statics (1851), A System of Synthetic Philosophy (1862 bis 1893), The Man versus the State (1884)
- Bekannt für: das Gesetz der gleichen Freiheit, die Unterscheidung zwischen militanten und industriellen Gesellschaften, den Ausdruck „survival of the fittest“
- In einem Satz: Er leitete aus einem einzigen Grundsatz ein ganzes System von Rechten ab und verteidigte es gegen Eroberer ebenso wie gegen wohlmeinende Reformer.
Ein Ingenieur ohne Hochschulabschluss
Spencer hat nie eine Universität besucht. Sein Vater, ein Lehrer in Derby, unterrichtete ihn in den Naturwissenschaften, ein Onkel, der Pfarrer Thomas Spencer, brachte ihm etwas Mathematik, Physik und Latein bei. In den späten 1830er Jahren arbeitete der junge Mann als Bauingenieur beim Eisenbahnbau, der damals ganz England erfasste, und schrieb nebenher für radikale und nonkonformistische Blätter.
In der Zeitschrift The Nonconformist erschienen 1842 und 1843 seine zwölf Briefe unter dem Titel The Proper Sphere of Government, die Frage nach der richtigen Reichweite der Regierung. 1848 wechselte er als Unterredakteur zum Economist, dem Blatt der Freihandelsbewegung. Ein kleines Erbe erlaubte ihm 1853, die Stelle aufzugeben und fortan nur noch zu schreiben. Er war mit der Schriftstellerin George Eliot befreundet und gehörte zum X Club um den Naturforscher Thomas Henry Huxley. Von 1862 bis 1893 erschien Band um Band sein Lebenswerk, die Synthetic Philosophy, die Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethik aus einem gemeinsamen Gedanken der Entwicklung erklären sollte.
Ein einziger Grundsatz
Das Fundament legte er schon 1851 in Social Statics. Im sechsten Kapitel steht der Satz, der ihn bekannt machte: „Every man has freedom to do all that he wills, provided he infringes not the equal freedom of any other man.“ Auf Deutsch, in eigener Übersetzung: Jeder Mensch hat die Freiheit, alles zu tun, was er will, sofern er nicht die gleiche Freiheit eines anderen verletzt.
Bemerkenswert ist vor allem, was Spencer aus der Formel macht. Kapitel für Kapitel leitet er daraus Rechte ab: das Recht auf Leben und persönliche Freiheit, auf Eigentum, auf Eigentum an Ideen, auf freien Tausch, auf freie Rede. Jedes dieser Rechte folgt aus der gleichen Freiheit aller und hängt deshalb nicht von der Gnade einer Regierung ab.
Dieselbe Strenge wendet er auf die Aufgaben des Staates an. Schon in den Briefen von 1842 hatte er geschrieben, die Regierung sei da „not to regulate commerce; not to educate the people; not to teach religion; not to administer charity; not to make roads and railways; but simply to defend the natural rights of man“, also allein dazu, die natürlichen Rechte des Menschen zu schützen. In Social Statics führt er das in eigenen Kapiteln aus, über Handelsregulierung, Staatskirchen, Armengesetze, staatliche Schulen, staatliche Kolonisation, Gesundheitsaufsicht sowie Währung und Post.
Das Recht, den Staat zu ignorieren
Am weitesten ging Spencer im neunzehnten Kapitel. Wenn jeder die Freiheit hat, alles zu tun, was die gleiche Freiheit anderer nicht verletzt, dann ist er nach Spencers Worten auch „free to drop connection with the state“, darf also auf den Schutz des Staates verzichten und sich weigern, für ihn zu zahlen. Wer sich so verhält, greift niemanden an. Ihn aber zur Mitgliedschaft zu zwingen, hieße, ihm gegen seinen Willen Eigentum in Form von Steuern zu nehmen. Die Regierung erscheint hier als Schutzgemeinschaft auf Gegenseitigkeit, eine „mutual-safety confederation“, der jeder beitreten kann oder eben nicht.
Er selbst nahm den Gedanken später zurück, weil kein Bürger vermeiden könne, von der Ordnung zu profitieren, die eine Regierung aufrechterhält, und ließ das Kapitel in späteren Ausgaben fort. Ähnlich gab er in den Principles of Ethics seine frühe Forderung nach einem gleichen Anspruch aller auf den Boden auf, sehr zum Ärger des Bodenreformers Henry George. Gerade die erste Fassung von Social Statics aber wurde zum Klassiker, und auf sie bezog sich auch Rothbard.
Gleiche Freiheit kennt kein Geschlecht
Wie ernst Spencer seinen Grundsatz nahm, zeigt das Kapitel über die Rechte der Frauen. Es beginnt mit dem Satz „Equity knows no difference of sex“, Gerechtigkeit kennt keinen Unterschied des Geschlechts. Das Gesetz der gleichen Freiheit gelte für das ganze Menschengeschlecht, für Frauen wie für Männer. Unmittelbar darauf folgt ein Kapitel über die Rechte der Kinder.
Für einen Engländer des Jahres 1851 war das eine kühne Position. In seinen späteren Jahren wurde Spencer zurückhaltender und sprach sich gegen das Frauenwahlrecht aus, weil er von einem erweiterten Wahlrecht noch mehr Gesetze erwartete.
Händler statt Krieger
Zu Spencers wichtigsten Gedanken gehört die Unterscheidung zweier Gesellschaftstypen, die er in den Principles of Sociology ausarbeitete. In der militanten Gesellschaft herrscht eine starre Hierarchie, alles ist auf Befehl und Gehorsam und letztlich auf den Krieg ausgerichtet. In der industriellen Gesellschaft dagegen arbeiten die Menschen auf Grund freiwilliger Verträge zusammen, sie schätzen persönliche Freiheit und Rechte, und der Staat beschränkt sich darauf, sie vor Gewalt und Betrug zu schützen. Rothbard lobte, wie scharfsinnig Spencer diesen Gegensatz entwickelt habe.
Für Spencer folgte daraus eine lebenslange Gegnerschaft zu Eroberung und Militarismus. Schon in Social Statics spottete er über die Selbstgerechtigkeit seiner Landsleute: „we English justify our colonial aggressions by saying that the Creator intends the Anglo-Saxon race to people the world!“ Wir Engländer, heißt das, rechtfertigen unsere kolonialen Angriffe damit, dass der Schöpfer die angelsächsische Rasse zur Besiedlung der Welt bestimmt habe.
Als Großbritannien 1899 in den Krieg gegen die Burenrepubliken zog, stellte sich der alte Mann öffentlich dagegen, obwohl ihn das viel Ansehen kostete und man ihm mangelnden Patriotismus vorwarf. In seinem Essay „Patriotism“, 1902 im Band Facts and Comments erschienen, nannte er die Parole „our country, right or wrong“ verabscheuungswürdig. Verteidigt sich ein Land, sei Patriotismus berechtigt, greift es aber an, verlange die Parole, sich auf die Seite des Unrechts zu stellen.
Die neuen Tories
1884 sammelte Spencer vier Aufsätze aus der Contemporary Review in dem schmalen Band The Man versus the State, auf Deutsch etwa „Der Mensch gegen den Staat“. Er richtet sich gegen die Liberale Partei seiner Zeit, die mit immer neuen Gesetzen, von der Schulpflicht bis zur Fürsorge, das Leben der Bürger ordnen wollte. Gleich im ersten Essay steht die Diagnose, dass die meisten, die sich nun Liberale nennen, „Tories of a new type“ seien, Konservative neuer Art. Der alte Liberalismus, so sein Argument, hatte Zwang abgebaut, der neue führte ihn im Namen des Fortschritts wieder ein.
Im Essay „The Coming Slavery“ fragt Spencer, was einen Sklaven eigentlich ausmacht. Seine Antwort: „he labors under coercion to satisfy another’s desires“, er arbeitet unter Zwang für die Wünsche eines anderen. Wer so arbeitet, ist unfrei, ob der Zwang nun von einem Herrn ausgeht oder von einer Behörde, und so zieht Spencer den Schluss: „All socialism involves slavery.“ Am Ende des Buches formuliert er die Aufgabe, die er dem wahren Liberalismus stellt: Hatte dieser einst die Macht der Könige begrenzt, so müsse er künftig „a limit to the power of Parliaments“ setzen, also die Macht der Parlamente beschränken. Henry Hazlitt urteilte 1969, Spencer habe in der Hauptstoßrichtung seines Arguments recht behalten.
Das Etikett vom Sozialdarwinisten
Den Ausdruck „survival of the fittest“, das Überleben der Tauglichsten, prägte Spencer 1864 in den Principles of Biology, und Darwin übernahm ihn in späteren Auflagen seiner Entstehung der Arten. Spencer selbst verstand Entwicklung allerdings weitgehend im Sinne Lamarcks, der annahm, dass Lebewesen im Leben erworbene Eigenschaften vererben. Das Bild vom kaltherzigen „Sozialdarwinisten“, der die Schwachen ihrem Schicksal überlassen wollte, machte vor allem der amerikanische Historiker Richard Hofstadter mit seinem Buch Social Darwinism in American Thought (1944) populär. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy hält diese Lesart für überzeichnet.
Am Ende seiner Principles of Ethics stehen ausführliche Kapitel über die „positive Wohltätigkeit“, darunter eigene Abschnitte über die Hilfe für Arme. Spencer lehnte die staatliche Armenfürsorge ab, der freiwilligen Hilfe der Menschen untereinander widmete er dagegen viele Seiten seiner Ethik. Der Philosoph Matt Zwolinski hat 2015 ausführlich begründet, dass Spencer kein Sozialdarwinist war, karitative Hilfe nicht ablehnte und eine prinzipientreue libertäre Theorie der Gerechtigkeit vertrat.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Zuerst die Kraft eines klaren Grundsatzes. Spencer zeigte, wie weit man mit dem einen Gedanken der gleichen Freiheit kommt: bis zu Eigentum, freiem Handel und freier Rede, bis zu den Rechten von Frauen und Kindern und bis zu der Frage, ob ein Mensch überhaupt gezwungen werden darf, einem Staat anzugehören.
Ebenso lehrreich ist seine Beobachtung, dass Freiheit oft von denen bedroht wird, die sich auf ihre Fahnen schreiben, Gutes zu tun. Die neuen Tories, die er 1884 beschrieb, wollten helfen und schufen dabei neue Abhängigkeiten. Seine Bestimmung der Unfreiheit als Arbeit unter Zwang für die Wünsche anderer taugt auch heute als Maßstab, wenn über Steuern und Abgaben gestritten wird.
Schließlich verband Spencer die Verteidigung des Marktes mit einer entschiedenen Ablehnung des Krieges. Handel und Eroberung gehörten für ihn zu zwei verschiedenen Welten, und wer die industrielle Gesellschaft will, muss der militanten widerstehen, auch dann, wenn die eigene Regierung ins Feld zieht.
Ein Nachbar, der wiederzuentdecken ist
Als Spencer im Dezember 1903 starb, war sein Ruhm bereits verblasst. Der Liberalismus hatte sich dem eingreifenden Staat zugewandt, und das 20. Jahrhundert sollte seine Sorge um die militante Gesellschaft auf bittere Weise bestätigen. Sein Nachbar auf dem Friedhof von Highgate wurde zum Propheten ganzer Staaten, er selbst zu einer Fußnote.
Dabei hat Spencer früher und klarer als die meisten beschrieben, wovon eine freie Gesellschaft lebt: von Menschen, die einander gleiche Freiheit zugestehen und ihre Angelegenheiten durch Vertrag statt durch Befehl regeln. Wer heute nach den Wurzeln des Libertarismus sucht, findet sie bei diesem Autodidakten aus Derby, der seine Leser für fähig hielt, ohne Vormund zu leben.
Zum Weiterlesen
- Herbert Spencer: Social Statics, John Chapman, London 1851 (Volltext in der Online Library of Liberty)
- Herbert Spencer: The Man versus the State. With Six Essays on Government, Society, and Freedom, Liberty Fund, Indianapolis 1981
- Matt Zwolinski: Social Darwinism and Social Justice: Herbert Spencer on Our Duties to the Poor, 2015
- Henry Hazlitt: Man vs. the Welfare State, Arlington House, New Rochelle 1969
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Spencer, Herbert: The Proper Sphere of Government, Briefe in The Nonconformist 1842–43, als Broschüre W. Brittain, London 1843.
- Spencer, Herbert: Social Statics: or, The Conditions essential to Human Happiness specified, and the First of them Developed, John Chapman, London 1851 (Online Library of Liberty).
- Spencer, Herbert: The Principles of Biology, Bd. 1, Williams & Norgate, London 1864.
- Spencer, Herbert: The Principles of Sociology, 1876–1896.
- Spencer, Herbert: The Man versus the State, Williams & Norgate, London 1884; Neuausgabe The Man versus the State. With Six Essays on Government, Society, and Freedom, Liberty Fund, Indianapolis 1981.
- Spencer, Herbert: The Principles of Ethics, 1879–1893 (Teil „Positive Beneficence“).
- Spencer, Herbert: „Patriotism“, in: Facts and Comments, 1902, https://praxeology.net/HS-FC-20.htm
- Spencer, Herbert: An Autobiography, 1904.
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Herbert Spencer, https://plato.stanford.edu/entries/spencer/
- Internet Encyclopedia of Philosophy: Herbert Spencer, https://iep.utm.edu/spencer/
- Wikipedia (en): Herbert Spencer, https://en.wikipedia.org/wiki/Herbert_Spencer (Lebenslauf, Grablage)
- Wikipedia (en): The Man Versus the State, https://en.wikipedia.org/wiki/The_Man_Versus_the_State
- Rothbard, Murray N.: Herbert Spencer: Andreski & Peel (Rezension), https://www.libertarianism.org/essays/herbert-spencer-andreski-peel; Auszug bei Jorge Besada, Mises Wire, 31.05.2025, https://mises.org/mises-wire/our-marx-great-herbert-spencer
- Hazlitt, Henry: Spencer’s 1884 and Orwell’s 1984, in: Man vs. the Welfare State, Arlington House, New Rochelle 1969, Kap. 23; Mises Daily, https://mises.org/library/spencers-1884-orwells-1984
- Zwolinski, Matt: Social Darwinism and Social Justice: Herbert Spencer on Our Duties to the Poor, 2015, https://digital.sandiego.edu/law_philosophy_scholarship/188
- Hofstadter, Richard: Social Darwinism in American Thought, 1944 (überarbeitet 1955).
- Popular Science Monthly, Bd. 43, August 1893, Literary Notices (zu The Principles of Ethics), https://en.wikisource.org/wiki/Popular_Science_Monthly/Volume_43/August_1893/Literary_Notices

