An einem Sommertag des Jahres 1943 jätete Rose Wilder Lane in ihrem Garten in Danbury, Connecticut, als ein uniformierter Polizist des Bundesstaates auf sie zukam. Der Postmeister des Ortes hatte sie beim FBI gemeldet, weil sie einem New Yorker Radiomoderator auf eine Hörerumfrage hin eine Postkarte geschrieben hatte. Darin kritisierte sie die Sozialversicherung scharf und erinnerte daran, dass die Idee aus dem Deutschland Bismarcks stammte. Lane soll dem Beamten entgegengerufen haben: „What is this, THE GESTAPO?“ Wenig später machte sie aus dem Satz den Titel einer Broschüre.
Die Szene passt zu einer Frau, die im selben Jahr ein Buch über die Freiheit veröffentlicht hatte und ihre Überzeugungen auch im Alltag vertrat. The Discovery of Freedom gilt heute neben Isabel Patersons The God of the Machine und Ayn Rands The Fountainhead, beide ebenfalls 1943 erschienen, als eine der Gründungsschriften des amerikanischen Libertarismus. Stephen Cox, der Biograf Isabel Patersons, hat die drei Autorinnen die „Libertarians of ’43“ genannt.
Steckbrief
- Lebensdaten: 5. Dezember 1886 bei De Smet, Dakota Territory, bis 1968 in Danbury, Connecticut
- Herkunft: einziges überlebendes Kind von Laura Ingalls Wilder und Almanzo Wilder
- Wirken: Telegrafistin, Reporterin beim San Francisco Bulletin, Publizistin für das Amerikanische Rote Kreuz, Romanautorin, Kolumnistin des Pittsburgh Courier (1942 bis 1945)
- Hauptwerke: Give Me Liberty (1936), Free Land (Roman, 1938), The Discovery of Freedom: Man’s Struggle Against Authority (1943)
- In einem Satz: Sie erkannte in Europa, was Amerika besaß, und beschrieb die Freiheit als Tatsache der menschlichen Natur, die keine Regierung verleihen und keine wirklich nehmen kann.
Vom Prärie-Kind zur gefragten Reporterin
Rose Wilder kam 1886 auf dem Siedlerhof ihrer Eltern in Dakota zur Welt. 1894 zog die Familie nach Mansfield in Missouri, wo sie auf der Rocky Ridge Farm neu anfing. Nach dem Schulabschluss 1904 machte sich die Tochter als Telegrafistin früh unabhängig. 1909 heiratete sie Gillette Lane, von dem sie sich einige Jahre später wieder trennte.
Ab 1915 schrieb sie für den San Francisco Bulletin, wo der Chefredakteur Fremont Older ihr Handwerk schulte. Bald verfasste sie Lebensgeschichten von Prominenten, die als Fortsetzungsserien erschienen, darunter über Henry Ford, Charlie Chaplin und Jack London. 1920 folgte, gemeinsam mit Charles K. Field, The Making of Herbert Hoover über den späteren Präsidenten. Nicht jeder Porträtierte war mit ihr zufrieden, denn sie schmückte gern aus, aber ihr Ruf als Autorin wuchs. Zeitweise galt sie als eine der bestbezahlten Autorinnen der Vereinigten Staaten.
Eine Teestunde in Georgien
Im Juli 1919 reiste Lane für das Amerikanische Rote Kreuz nach Europa, und aus der Reise wurden viele Jahre im Ausland. Sie sah Paris und Budapest, Armenien und den Kaukasus, schrieb über Albanien das Reisebuch Peaks of Shala (1923) und lebte später rund fünfzehn Monate in Tirana.
Politisch war sie mit anderen Überzeugungen aufgebrochen. Ihr Buch Give Me Liberty beginnt mit dem Satz „In 1919 I was a communist“, also: 1919 war ich Kommunistin. In den Monaten vor der Abreise hatte sie in New York mit dem Kommunismus sympathisiert. Den ersten Riss bekam dieser Glaube in einem Dorf in Georgien, damals Teil des russischen Transkaukasiens. Bei Tee mit Kirschkonfitüre malte sie ihrem Gastgeber, einem Bauern, aus, wie die Gleichheit und der gerecht verteilte Wohlstand seines Dorfes einmal ganz Russland erfassen würden. Er nannte das Vorhaben zu groß und sagte nach ihrer Erinnerung: „Es wird nicht funktionieren. In Moskau gibt es nur Menschen, und der Mensch ist nicht Gott.“
Lane hielt das zunächst für bäuerliche Engstirnigkeit, aber der Satz ließ sie nicht los. Was immer der neue Staat für die Menschen in Russland tun werde, schrieb sie später, es werde nicht durch sie geschehen, sondern an ihnen. 1936 schilderte sie diesen Weg in dem Aufsatz „Credo“ in der Saturday Evening Post. Mehr als dreitausend Leser schrieben ihr daraufhin Briefe, und noch im selben Jahr erschien der Text erweitert als Buch.
Die kleinen Häuser auf der Prärie
Zwischen ihren Reisen lebte Lane immer wieder bei den Eltern in Missouri. Um 1930 drängte sie ihre Mutter, die eigenen Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Aus dem Manuskript Pioneer Girl von 1930 wurden zwischen 1932 und 1943 die acht Bände der Little-House-Reihe. Lane redigierte und tippte die Manuskripte, schlug Änderungen vor und verhandelte mit Agenten und Verlagen. Wie groß ihr Anteil am fertigen Text genau ist, beschäftigt die Forschung bis heute.
Aus demselben Familienstoff schrieb sie zwei eigene Romane, Let the Hurricane Roar und Free Land (1938). Free Land erzählt von Siedlern, die sich aus eigener Kraft durchkämpfen, wurde ein Bestseller und brachte Lane das Geld für ihr Haus in Danbury.
Freiheit ist keine Erlaubnis
1942 bat sie ein Lektor des New Yorker Verlags John Day um ein Buch über die Freiheit. Lane begann damit in einem Wohnwagenpark in Texas, und im Jahr darauf erschien The Discovery of Freedom. Das Buch erzählt die Menschheitsgeschichte als Ringen zwischen dem Glauben an eine lenkende Autorität und der Einsicht, dass jeder Mensch sich selbst lenkt.
Den Glauben an die Autorität nennt Lane heidnisch, ganz gleich, ob er sich auf Götter, Gottkönige oder einen allmächtigen Staat richtet. Ihm stellt sie eine einfache Beobachtung entgegen: Jeder erwachsene Mensch steuert seine Energie selbst, keine äußere Autorität tut das für ihn. „In der menschlichen Welt gibt es keine Wesenheit außer der einzelnen Person“, schreibt sie, „es gibt keine Kraft außer der Energie des Einzelnen.“ Wer von der Gesellschaft spricht, als sei sie ein Bienenschwarm mit eigenem Willen, flüchtet sich nach ihrem Urteil aus der Wirklichkeit ins Märchenland.
Aus dieser Sicht folgt ihre nüchterne Bestimmung der Regierung. Menschen in der Regierung haben keine größere Macht über andere als jeder andere Mensch auch, sie verfügen nur mit allgemeiner Zustimmung über die Mittel der Gewalt. Gewalt kann aber niemanden zum Handeln bringen, sie kann Handeln nur behindern, einschränken oder unterbinden. Der Kern des Buches steht im Kapitel über die englischen Freiheiten: „Freiheit ist keine Erlaubnis, die irgendeine Obrigkeit gewährt. Freiheit ist eine Tatsache.“ Wer eine Freiheit gewährt, so Lane, kann die Gewährung jederzeit zurücknehmen, und deshalb ist eine gewährte Freiheit keine. Weil niemand sein Leben auf einen anderen übertragen kann, ist auch die Freiheit unveräußerlich.
Drei Anläufe zur Freiheit
Im zweiten Teil verfolgt Lane, wo Menschen diese Tatsache erkannt und danach gelebt haben. Den ersten Versuch sieht sie bei Abraham, der lehrte, Gott kontrolliere keinen Menschen, jeder Mensch lenke sich selbst. Den zweiten findet sie in der sarazenischen Zivilisation. Der dritte Versuch ist die Amerikanische Revolution.
Ihr Blick auf die amerikanischen Verfassungstexte ist dabei eigenständig. Ein amerikanischer Bill of Rights ist für Lane in Wahrheit ein Katalog von Verboten, im Original „a Bill of Prohibitions“: eine Liste der Gewaltanwendungen, die die Bürger den Männern in der Regierung nicht erlauben. Daraus leitet sie auch ihre Vorstellung von Fortschritt ab. Der Weg zu einer reicheren Welt besteht für sie darin, die der Regierung erlaubte Gewalt vorsichtig und Schritt für Schritt zu verringern.
Eine Stimme in der größten schwarzen Zeitung Amerikas
Von Oktober 1942 bis September 1945 schrieb Lane jede Woche die Kolumne „Rose Lane Says“ für den Pittsburgh Courier, die damals meistgelesene schwarze Zeitung der Vereinigten Staaten mit einer Auflage von über 270.000 Exemplaren. Auf das Blatt aufmerksam gemacht hatte sie eine schwarze Frau, die für sie arbeitete. Sie schrieb über freie Märkte und über Frédéric Bastiat, und sie deutete die „Double V“-Kampagne der Zeitung, den doppelten Sieg über den Faschismus im Ausland und die Rassentrennung im Inland, als Teil des alten amerikanischen Kampfes um die Freiheit des Einzelnen.
Rasse und Klasse hielt Lane für kollektive Fiktionen, die den Menschen hinter einer Gruppe verschwinden lassen. Sie forderte schwarze wie weiße Amerikaner auf, ihre Rasse aufzugeben, im Original „renounce their race“. Ihre Definition der Freiheit fiel in einer dieser Kolumnen besonders knapp aus: „Freedom is self-control; no more, no less“, Freiheit ist Selbstbeherrschung, nicht mehr und nicht weniger. Die Historiker Linda Royster Beito und David T. Beito haben diese Kolumnen 2010 als Versuch beschrieben, einem schwarzen Massenpublikum einen Antirassismus auf der Grundlage des Laissez-faire nahezubringen. 2024 sind die Kolumnen gesammelt als Buch erschienen.
Ein Leben nach der eigenen Lehre
Lane ließ es nicht beim Schreiben. Im Krieg verweigerte sie die Lebensmittelkarte, versorgte sich mit Eingemachtem und eigenen Hühnern weitgehend selbst und senkte ihr Einkommen auf etwa sechzig Dollar im Monat, um keine Einkommensteuer zahlen zu müssen, die sie einer Agenturmeldung zufolge „the last straw“ nannte, den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Als Robert LeFevres Freedom School in Colorado 1958 vor dem Aus stand, zahlte sie 1.500 Dollar für die fällige Hypothek, bei einem Guthaben von 1.600 Dollar.
Ihr eigenes Buch beurteilte sie später erstaunlich streng. Sie ließ es nicht neu auflegen, weil sie es gründlich überarbeiten wollte, und an den Publizisten Frank Meyer schrieb sie 1953, es sei populär geschrieben und sie sei darauf alles andere als stolz. Ihre Gedanken fanden trotzdem ihren Weg. Henry Grady Weaver bearbeitete das Buch mit ihrer Erlaubnis zu The Mainspring of Human Progress (1947), das bei der Foundation for Economic Education über Jahrzehnte ein Dauerverkäufer wurde. Mit 78 Jahren reiste Lane 1965 noch als Reporterin für die Zeitschrift Woman’s Day nach Vietnam. Sie starb 1968 in Danbury, kurz vor einer geplanten Weltreise. Ihr Wahl-Enkel und Erbe Roger Lea MacBride trat 1976 als Präsidentschaftskandidat der Libertarian Party an.
Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können
Die wichtigste Lehre liegt in ihrer Grundunterscheidung zwischen Freiheit und Erlaubnis. Wer von der Regierung eine Freiheit erbittet, hat bereits zugestanden, dass sie ihm nicht gehört. Lane dreht diese Perspektive um: Die Freiheit ist zuerst da, und jede Einschränkung muss sich rechtfertigen.
Ebenso wertvoll ist ihr Blick auf den einzelnen Menschen. Statt von Kollektiven wie Klasse oder Rasse auszugehen, beginnt sie bei der Person, die handelt und für ihr Handeln einsteht. Gerade in ihren Courier-Kolumnen zeigt sich, wie weit dieser Gedanke reicht, wenn man ihn ernst nimmt, auch gegen die Vorurteile der eigenen Zeit.
Schließlich überzeugt die Übereinstimmung von Wort und Tat. Lane hat die Freiheit beschrieben und zugleich gelebt, mit der verweigerten Lebensmittelkarte und der Postkarte an den Radiomoderator ebenso wie mit dem Geld für eine kleine Schule in Colorado, deren Fortbestand sie fast ihr ganzes Erspartes kostete.
Eine Saat, die aufgeht
Große Verkaufszahlen hat Lane mit ihrem politischen Buch nie erreicht, und sie hat sie auch nicht erwartet. Im August 1943 schrieb sie einem Freund, sie habe nur gehofft, ein paar Exemplare unter die Leute zu bringen: „Eine Idee ist ein Samenkorn; irgendwann, irgendwo wird sie Früchte tragen, wenn sie wahr ist, und ich glaube, diese ist es.“ Über Weavers Bearbeitung, die Freedom School und die Neuausgaben ist ihr Gedanke weitergewachsen, dass niemand einem Menschen die Freiheit schenken muss, weil sie ihm von Anfang an gehört.
Zum Weiterlesen
- Rose Wilder Lane: The Discovery of Freedom: Man’s Struggle Against Authority, The John Day Company, New York 1943 (Neuausgabe Fox & Wilkes 1993)
- Rose Wilder Lane: Give Me Liberty, Longmans, Green, New York 1936 (erweiterte Ausgabe Caxton Printers, Caldwell 1954)
- Rose Wilder Lane: Rose Lane Says: Thoughts on Race, Liberty, and Equality, 1942–1945, herausgegeben von David T. Beito und Marcus Witcher, South Dakota Historical Society Press, Pierre 2024
- William Holtz: The Ghost in the Little House: A Life of Rose Wilder Lane, University of Missouri Press, Columbia 1993
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Lane, Rose Wilder: The Discovery of Freedom: Man’s Struggle Against Authority, The John Day Company, New York 1943; Neuausgabe mit Vorworten von Roger Lea MacBride und Hans F. Sennholz, Fox & Wilkes 1993. Scan der Erstausgabe: https://cdn.mises.org/The%20Discovery%20of%20Freedom_2.pdf
- Lane, Rose Wilder: Give Me Liberty, Longmans, Green, New York 1936; revidierte und erweiterte Ausgabe, Caxton Printers, Caldwell 1954: https://cdn.mises.org/Give%20Me%20Liberty_3.pdf
- Lane, Rose Wilder: „Credo“, The Saturday Evening Post, 1936.
- Lane, Rose Wilder: What Is This: The Gestapo?, National Economic Council, New York 1943.
- Lane, Rose Wilder: Free Land, Roman, 1938 (zuerst als Fortsetzung in der Saturday Evening Post).
- Lane, Rose Wilder: Rose Lane Says: Thoughts on Race, Liberty, and Equality, 1942–1945, hg. von David T. Beito und Marcus Witcher, South Dakota Historical Society Press 2024.
- Rose Wilder Lane Papers, Herbert Hoover Presidential Library, West Branch (Iowa): https://hoover.archives.gov/research/collections/lane (Briefe an Charlie Clark, 11.08.1943, und an Frank S. Meyer, 05.09.1953, zitiert nach Birzer)
- Birzer, Dedra McDonald: „Rose Wilder Lane (1886–1968)“, in: The Essential Women of Liberty, Fraser Institute, Vancouver, o. J. (online seit 2023), S. 51–66: https://www.essentialscholars.org/sites/default/files/2023-01/essential-women-of-liberty-ch5-rose-wilder-lane.pdf
- Fellman, Anita Clair: „Lane, Rose Wilder (1886–1968)“, in: Women in World History: A Biographical Encyclopedia, Gale; via Encyclopedia.com: https://encyclopedia.com/women/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/lane-rose-wilder-1886-1968
- Beito, Linda Royster; Beito, David T.: „Selling Laissez-faire Antiracism to the Black Masses: Rose Wilder Lane and the Pittsburgh Courier“, The Independent Review 15, Nr. 2 (2010): https://independent.org/PUBLICATIONS/TIR/article.asp?a=806
- Beito, David T.; Witcher, Marcus: „The Libertarian Pioneer Who Wrote for America’s Biggest Black Newspaper“, Reason, 21.09.2024: https://reason.com/2024/09/21/rose-wilder-lane-anti-racist/
- Riggenbach, Jeff: „The Libertarian Legacy of Rose Wilder Lane“, Mises Daily, 14.04.2010: https://mises.org/mises-daily/libertarian-legacy-rose-wilder-lane
- Mises Institute: Buchseite The Discovery of Freedom: https://mises.org/library/book/discovery-freedom
- Weaver, Henry Grady: The Mainspring of Human Progress, Talbot Books 1947; ab 1953 Foundation for Economic Education: https://fee.org/ebooks/the-mainspring-of-human-progress/
- Cox, Stephen: The Woman and the Dynamo: Isabel Paterson and the Idea of America, Transaction, New Brunswick 2004 (Begriff „Libertarians of ’43“, zitiert nach Birzer).
- Holtz, William: The Ghost in the Little House: A Life of Rose Wilder Lane, University of Missouri Press, Columbia 1993 (Standardbiografie, nicht eingesehen).
- Wikipedia (en): Rose Wilder Lane, https://en.wikipedia.org/wiki/Rose_Wilder_Lane (Einstieg und Abgleich)


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