Skip to content Skip to footer

John Stuart Mill: Souverän über sich selbst

John Stuart Mill

Am 20. Mai 1867, seinem 61. Geburtstag, beantragte der Abgeordnete John Stuart Mill im britischen Unterhaus, im neuen Wahlrechtsgesetz ein einziges Wort auszutauschen. Wo vom Wähler als „man“ die Rede war, sollte „person“ stehen, und damit hätten Frauen, die dieselben Bedingungen erfüllten wie Männer, das Stimmrecht erhalten. Der Antrag scheiterte deutlich, doch immerhin stimmten 73 Abgeordnete dafür, und Mill schrieb später in seiner Autobiografie, die Überraschung im Haus sei allgemein und die Ermutigung groß gewesen.

Der Mann, der diesen Antrag stellte, hatte acht Jahre zuvor On Liberty veröffentlicht, einen Grundtext des Liberalismus. Wer Mill heute liest, findet bei ihm die klarste Formel für die Grenzen staatlicher Macht, aber auch einen Ökonomen, der die Verteilung des Wohlstands für frei gestaltbar hielt, und einen Kolonialbeamten, der die Bevormundung „rückständiger“ Völker ausdrücklich rechtfertigte.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 20. Mai 1806 in Pentonville bei London bis 7. Mai 1873 in Avignon
  • Wirken: Beamter der East India Company (1823 bis 1858, zuletzt Examiner of India Correspondence), Abgeordneter für Westminster (1865 bis 1868), Rektor der Universität St Andrews (1865 bis 1868)
  • Hauptwerke: A System of Logic (1843), Principles of Political Economy (1848), On Liberty (1859), Considerations on Representative Government (1861), Utilitarianism (1861), The Subjection of Women (1869), Autobiography (1873)
  • In einem Satz: Er begründete die Freiheit des Einzelnen mit ihrem Nutzen für alle und zog daraus Folgerungen, die Liberale bis heute teils feiern und teils bestreiten.

Eine Kindheit nach Lehrplan

Der Vater James Mill, Philosoph und Ökonom, erzog den Sohn zu Hause nach eigenem Plan. Griechisch lernte der Junge, wie man ihm später erzählte, mit drei Jahren, Latein ab dem achten. Ungefähr mit zwölf begann er mit Logik, und 1819, mit dreizehn, nahm ihn der Vater durch einen vollständigen Kurs der politischen Ökonomie auf der Grundlage von David Ricardos gerade erschienenem Hauptwerk.

Im Mai 1823 trat er in die East India Company in London ein, die damals große Teile Indiens regierte. Mill blieb 35 Jahre und leitete ab 1856 die Abteilung, die den Schriftverkehr mit Indien entwarf. Im Herbst 1826 geriet er in eine schwere Krise, als er sich fragte, ob ihn die Verwirklichung aller Reformen, für die er arbeitete, glücklich machen würde, und die ehrliche Antwort nein lautete. Halt fand er später unter anderem bei William Wordsworth.

1830 lernte er Harriet Taylor kennen. Nach dem Tod ihres Mannes heirateten die beiden 1851, und Mill hat ihren Anteil an seinen Schriften hoch veranschlagt. Sie starb 1858 auf einer Reise in Avignon, wenige Monate bevor On Liberty erschien.

Der einzige Zweck

Der Kern von On Liberty passt in einen Satz, der im ersten Kapitel steht: Der einzige Zweck, zu dem Macht über ein Mitglied einer zivilisierten Gemeinschaft gegen dessen Willen rechtmäßig ausgeübt werden darf, besteht darin, Schaden von anderen abzuwenden (eigene Übersetzung). Das eigene Wohl des Betroffenen, ob körperlich oder moralisch, sei dafür keine ausreichende Rechtfertigung. Man darf einem Menschen Vorhaltungen machen, mit ihm argumentieren und ihn bitten, aber zwingen darf man ihn nicht, solange sein Handeln nur ihn selbst betrifft. Mill fasst das in die Formel: „Over himself, over his own body and mind, the individual is sovereign.“

Dieses Schadensprinzip richtet sich gegen zwei Gegner zugleich. Der eine ist der Staat mit seinen Gesetzen und Strafen. Der andere ist die Gesellschaft selbst, die über Sitte und öffentliche Meinung Druck ausübt. Gerade diesen zweiten Druck hielt Mill für besonders tückisch. Eine Gesellschaft, die sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen, übe eine soziale Tyrannei aus, die schwerer wiegen könne als manche politische Unterdrückung, weil sie weniger Auswege lasse und tiefer in die Einzelheiten des Lebens eindringe. Den Gedanken einer Tyrannei der Mehrheit kannte Mill aus Alexis de Tocquevilles Über die Demokratie in Amerika.

Als Motto stellte Mill dem Buch einen Satz Wilhelm von Humboldts voran, der die „absolute und wesentliche Bedeutung der menschlichen Entwicklung in ihrer reichsten Vielfalt“ betont (eigene Übersetzung). Menschen gedeihen nach Mill dann, wenn sie ihren Lebensplan selbst wählen und dabei auch „experiments of living“ wagen, die den Nachbarn seltsam vorkommen. Daraus folgt seine Warnung, eine allgemeine staatliche Erziehung sei ein bloßes Mittel, die Menschen einander gleich zu machen, und je erfolgreicher sie sei, desto eher errichte sie eine Despotie über den Geist. Der Staat solle Bildung verlangen und Armen das Schulgeld zahlen, die Schulen selbst aber nicht beherrschen.

Auch einer gegen alle

Am bekanntesten ist das zweite Kapitel über die Freiheit des Denkens und der Rede. Wären alle Menschen bis auf einen einer Meinung, so Mill, dann hätte die Menschheit nicht mehr Recht, diesen einen zum Schweigen zu bringen, als er, wenn er die Macht dazu hätte, die Menschheit zum Schweigen zu bringen.

Seine Begründung ist zweiteilig. Die unterdrückte Meinung kann wahr sein, und wer jede Diskussion unterbindet, nimmt nach Mill eine Unfehlbarkeit in Anspruch, die niemand besitzt. Ist sie dagegen falsch, verliert man trotzdem etwas, nämlich das lebendige Verständnis der Wahrheit, das erst im Streit mit dem Irrtum entsteht. Eine Überzeugung, die nie offen verteidigt werden musste, wird nach Mill als totes Dogma gehalten statt als lebendige Wahrheit. Wer heute über Gesetze gegen unerwünschte Meinungen oder über Löschregeln großer Plattformen streitet, findet bei ihm noch immer die Grundbegriffe dieses Streits.

Gleiches Recht für die Hälfte der Menschheit

1869 erschien The Subjection of Women. Mill vertrat darin den Grundsatz, dass die rechtliche Unterordnung des einen Geschlechts unter das andere an sich falsch sei und durch vollkommene Gleichheit ersetzt werden müsse, ohne Macht und Vorrecht auf der einen und ohne Benachteiligung auf der anderen Seite. Die Ehefrau sei, was die rechtlichen Pflichten angehe, die tatsächliche Leibeigene ihres Mannes, schrieb er, nicht weniger als Sklaven im gewöhnlichen Sinn. Damit wandte Mill den liberalen Gedanken gleicher Rechte auf eine Gruppe an, die das Recht seiner Zeit davon ausnahm.

Ähnlich handelte er bei der Sklaverei. Als Thomas Carlyle Ende 1849 forderte, die befreiten Sklaven Westindiens wieder zur Arbeit zu zwingen, antwortete Mill im Januar 1850 mit einer scharfen Erwiderung. Und als nach Unruhen in Jamaika Hunderte Menschen durch Soldaten und Standgerichte getötet worden waren, beteiligte er sich aktiv am Jamaica Committee, das den verantwortlichen Gouverneur Edward Eyre zur Rechenschaft ziehen wollte. Das trug ihm erbitterte Feindschaft ein.

Was Freiheitsfreunde von Mill lernen können

Die wichtigste Lehre ist die Frage, die das Schadensprinzip stellt: Wem wird eigentlich geschadet? Wer einem Erwachsenen etwas verbieten will, ob Drogen, riskante Sportarten oder eine ungewöhnliche Lebensform, muss diese Frage beantworten, und der Hinweis auf sein eigenes Bestes genügt nach Mill nicht.

Ebenso wertvoll ist die Einsicht, dass Freiheit auch ohne Polizei verloren gehen kann, wenn Menschen aus Furcht vor Ächtung schweigen. Gerade weil die öffentliche Meinung Exzentrik zum Vorwurf mache, so Mill, sei es wünschenswert, dass Menschen exzentrisch seien.

Auch der Ökonom Mill hat Freiheitsfreunden etwas zu sagen. In seinen Principles of Political Economy steht der Satz: „Laisser-faire, in short, should be the general practice: every departure from it, unless required by some great good, is a certain evil.“ Die Beweislast liegt demnach bei dem, der eingreifen will, auch wenn Mill im selben Kapitel zahlreiche Ausnahmen zulässt, etwa für Unmündige, Bildung und Armenfürsorge. Eine nach Einkommen gestaffelte Steuer lehnte er ab, weil sie bestrafe, wer mehr gearbeitet und gespart habe als sein Nachbar.

Wo es nicht passt

Die erste Spannung liegt in der Begründung. Mill verzichtet in On Liberty ausdrücklich auf die Idee eines abstrakten Rechts, das unabhängig vom Nutzen gälte, und erklärt den Nutzen zum letzten Maßstab aller ethischen Fragen, wenn auch im weitesten Sinn, bezogen auf den Menschen als ein sich entwickelndes Wesen. Damit hängt die Freiheit des Einzelnen an einer Rechnung über das Wohl aller. Wer die Freiheit naturrechtlich oder mit dem Selbsteigentum des Menschen begründet, steht auf anderem Boden und muss sich fragen, was geschieht, wenn jemand eine günstigere Rechnung vorlegt.

Die zweite Spannung betrifft das Eigentum. Im zweiten Buch der Principles trennt Mill die Gesetze der Produktion, die er für so fest wie Naturgesetze hielt, von der Verteilung des Wohlstands, die „eine Sache menschlicher Einrichtung allein“ sei (eigene Übersetzung). Jeder solle zwar frei über sein Vermögen verfügen dürfen, aber niemand solle durch Erbschaft oder Vermächtnis mehr erhalten als die Mittel für eine bescheidene Unabhängigkeit. Ohne Testament sollte das Vermögen an den Staat fallen, der die Nachkommen angemessen versorgt. Den Wertzuwachs von Grund und Boden, der Eigentümern nach seinen Worten gleichsam im Schlaf zuwächst, wollte er besteuern, und vorübergehende Schutzzölle für junge Industrien hielt er für vertretbar.

Am weitesten ging seine Annäherung an den Sozialismus. In der Autobiografie schreibt er, sein und Harriets Ideal einer künftigen Gesellschaft hätte sie „decidedly under the general designation of Socialists“ eingeordnet. Im selben Atemzug betont er, beide hätten die Tyrannei der Gesellschaft über den Einzelnen, die man den meisten sozialistischen Systemen zuschrieb, entschieden abgelehnt. Was ihm vorschwebte, waren Genossenschaften, in denen Arbeiter gemeinsam Unternehmen besitzen, die miteinander im Wettbewerb stehen. In den unvollendeten Chapters on Socialism, die 1879 nach seinem Tod erschienen, hielt er die zentrale Lenkung der gesamten Produktion eines Landes für etwas völlig anderes als solche kleinen Versuche, und davor warnte er. Mill wollte also keine Planwirtschaft, verteidigte das Privateigentum aber nur mit Vorbehalten.

Am schwersten wiegt seine Haltung zu Völkern, die er für rückständig hielt. Das Schadensprinzip gilt nach Mills eigener Formulierung nur für „zivilisierte“ Gemeinschaften, „backward states of society“ klammert er ausdrücklich aus. Kurz darauf heißt es: „Despotism is a legitimate mode of government in dealing with barbarians, provided the end be their improvement“. 1858, als das Parlament die Herrschaft über Indien von der Company auf die Krone übertrug, war Mill nach eigener Aussage der wichtigste Organisator ihres Widerstands und schrieb dafür Petitionen und eine Denkschrift über die Verbesserungen der Verwaltung. In den Considerations on Representative Government beschreibt er das Ideal einer Herrschaft eines freien Volkes über ein „barbarisches oder halbbarbarisches“ und erklärt, wer sich diesem Ideal nicht wenigstens annähere, verletze das höchste moralische Vertrauen, das einer Nation übertragen werden könne.

Mill verband diese Sicht mit der Forderung nach Rechenschaft der Herrschenden, wie sein Einsatz gegen Gouverneur Eyre zeigt. Aus heutiger freiheitlicher Sicht bleibt der Widerspruch trotzdem bestehen. Wer niemandem zugesteht, über einen Erwachsenen zu dessen eigenem Besten zu bestimmen, kann dieses Recht kaum einer fremden Regierung über ein ganzes Volk zusprechen.

Ein Buch, das größer ist als sein Autor

Mill hat der Freiheit ihre bekannteste Formel gegeben und sie im Parlament, für Frauen und gegen die Gewalt in Jamaika praktisch vertreten. Er hat zugleich die Verteilung des Wohlstands zur Sache menschlicher Einrichtung erklärt, Erbschaften begrenzen wollen und die Fremdherrschaft über Indien verteidigt. Beides gehört zum selben Denker und folgt aus derselben Begründung, die Freiheit an ihrem Nutzen misst und deshalb Ausnahmen zulässt, wo der Nutzen anders auszufallen scheint.

On Liberty lässt sich gegen seinen Autor wenden, und darin liegt vielleicht seine größte Stärke. Wer das Schadensprinzip ernst nimmt und auf alle Menschen anwendet, kommt zu Schlüssen, die über Mill hinausgehen. Die Frage, die er jeder Regierung stellt, lautet noch immer, mit welchem Recht sie in ein Leben eingreift, das niemandem schadet außer allenfalls dem, der es führt.

Zum Weiterlesen

  • John Stuart Mill: Über die Freiheit, Reclam, Stuttgart (englisch: On Liberty, London 1859)
  • John Stuart Mill: Autobiography, London 1873
  • John Stuart Mill: Die Hörigkeit der Frau (englisch: The Subjection of Women, London 1869)
  • Christopher Macleod: „John Stuart Mill“, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Mill, John Stuart: On Liberty, John W. Parker and Son, London 1859; Volltext: https://www.gutenberg.org/ebooks/34901; deutsch: Über die Freiheit, Reclam, Stuttgart.
  • Mill, John Stuart: Principles of Political Economy with some of their Applications to Social Philosophy, John W. Parker, London 1848; zitiert nach der 7. Auflage (hg. von W. J. Ashley, 1909), https://www.econlib.org/library/Mill/mlP.html (Buch II, Kap. 1 und 2; Buch V, Kap. 2, 9, 10, 11).
  • Mill, John Stuart: Considerations on Representative Government, Parker, Son and Bourn, London 1861, Kap. 18; Volltext: https://www.gutenberg.org/ebooks/5669
  • Mill, John Stuart: The Subjection of Women, Longmans, Green, Reader and Dyer, London 1869; Volltext: https://www.gutenberg.org/ebooks/27083
  • Mill, John Stuart: Autobiography, Longmans, Green, Reader and Dyer, London 1873; Volltext: https://www.gutenberg.org/ebooks/10378
  • Mill, John Stuart: Chapters on Socialism, in: Fortnightly Review, Februar bis April 1879, hg. von Helen Taylor; Volltext: https://laits.utexas.edu/poltheory/jsmill/cos/cos.int.html
  • Mill, John Stuart: „The Negro Question“, in: Fraser’s Magazine for Town and Country, Bd. 41, Januar 1850, S. 25 bis 31; Text: https://cruel.org/econthought/texts/carlyle/millnegro.html
  • Macleod, Christopher: „John Stuart Mill“, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/mill/
  • Cohen, Marshall: Mill’s parliamentary career, The Victorian Web, https://victorianweb.org/philosophy/mill/parliament.html
  • The Victorian Web: Mill und die Petition der East India Company 1858, https://victorianweb.org/philosophy/mill/petition.html
  • UK Parliament, Living Heritage: Women’s suffrage petition 1866 und Abstimmung vom 20. Mai 1867, https://webtest.parliament.uk/about/living-heritage/transformingsociety/electionsvoting/womenvote/parliamentary-collections/1866-suffrage-petition/presenting-the-petition
  • History of Parliament: „The first humble beginnings of an agitation“: the women’s suffrage petition of 7 June 1866, https://historyofparliament.com/2025/03/21/womens-suffrage-petition/
  • Wikipedia (en): John Stuart Mill, https://en.wikipedia.org/wiki/John_Stuart_Mill (Einstieg, Lebensdaten, Ämter)
  • Wikipedia (en): Occasional Discourse on the Negro Question, https://en.wikipedia.org/wiki/Occasional_Discourse_on_the_Negro_Question

Beitragsbild: John Stuart Mill

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Beliebt:

Tipp: Mit / oder Strg+K öffnen Sie die Suche von jeder Seite aus.