Am 2. Mai 2010 verständigten sich die Finanzminister der Eurozone und der Internationale Währungsfonds auf Hilfskredite für Griechenland über 110 Milliarden Euro. Es folgten weitere Rettungsprogramme, und in den Jahren danach kaufte die Europäische Zentralbank Staatsanleihen in großem Umfang.
Im selben Jahr legte ein junger Ökonom aus dem Münsterland, der in Madrid lehrte, eine Erklärung vor, die bis heute trägt. In The Tragedy of the Euro beschrieb Philipp Bagus die Währungsunion als gemeinsame Weide, auf der jeder seinen eigenen Vorteil sucht, während alle zusammen die Kosten tragen. Das Buch ist inzwischen in fünfzehn Sprachen erschienen, und sein Autor wurde zu einer der bekanntesten Stimmen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie im deutschsprachigen Raum, jener Denkrichtung um Carl Menger, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, die Geld, Preise und Konjunktur vom Handeln des Einzelnen her erklärt.
Steckbrief
- Geboren: 1980, aufgewachsen im Münsterland
- Wirken: Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid (Profesor titular seit 2020)
- Netzwerk: Fellow des Ludwig von Mises Institute, wissenschaftlicher Beirat des Ludwig von Mises Instituts Deutschland, Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und der Mont Pèlerin Society
- Auszeichnungen: Templeton Fellowship (2008), O. P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship (2011 und 2017), Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik (2016)
- Hauptwerke: The Tragedy of the Euro (2010, deutsch 2011), Deep Freeze (2011, mit David Howden), Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden (2014, mit Andreas Marquart), In Defense of Deflation (2015), Wir schaffen das – alleine! (2017, mit Andreas Marquart), Die Ära Milei (2024)
- In einem Satz: Er übersetzt die Geldtheorie der Österreichischen Schule in eine Sprache, die jeder Sparer versteht.
Vom Münsterland nach Madrid
Bagus machte sein Abitur am Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Mettingen und studierte Volkswirtschaftslehre in Münster. Ein Erasmus-Jahr 2003/2004 führte ihn an die Universidad Rey Juan Carlos in Madrid, wo er seinen akademischen Lehrer fand: Jesús Huerta de Soto, den bekanntesten Vertreter der Österreichischen Schule in Spanien. Nach dem Diplom in Münster 2006 wurde Bagus im Dezember 2007 bei Huerta de Soto mit einer Arbeit über die Deflation promoviert.
Seitdem lehrt er in Madrid, wo er Stufe um Stufe bis zur Professur aufstieg. Gastprofessuren und Lehraufträge führten ihn unter anderem nach Münster, Bayreuth, Prag und Angers. Neben Fachaufsätzen, etwa im Quarterly Journal of Austrian Economics, schreibt er Bücher für ein breites Publikum, zwei davon gemeinsam mit dem Finanzautor Andreas Marquart. Dass er wissenschaftlich genau und zugleich allgemein verständlich schreiben kann, erklärt einen guten Teil seiner Wirkung.
Eine Weide, die allen gehört
Ökonomen sprechen von der Tragik der Allmende, wenn ein Gut allen gemeinsam gehört und deshalb übernutzt wird. Auf einer Gemeindeweide hat jeder Bauer den vollen Nutzen seiner zusätzlichen Kuh, den Schaden durch die abgegraste Wiese aber teilt er mit allen anderen. Bagus übertrug dieses Bild auf die Währungsunion, und es passt erstaunlich gut.
Die Europäische Zentralbank nimmt Staatsanleihen der Mitgliedstaaten als Sicherheit an, wenn sie Banken Geld leiht. Eine Regierung, die neue Schulden macht, kann sie dadurch indirekt mit frisch geschaffenem Geld finanzieren lassen. Den Nutzen hat sie allein, in Form neuer Ausgaben und zufriedener Wähler. Die Kosten dagegen verteilen sich über den Kaufkraftverlust und über Rettungsprogramme auf alle, die Euro besitzen. Wer sich zurückhält, zahlt trotzdem mit, und so wächst die Verschuldung fast zwangsläufig.
Die Stärke dieser Analyse liegt in den Anreizen, die sie offenlegt, statt einen Zeitpunkt des Scheiterns vorherzusagen. Rettungsschirme, Anleihekäufe und lange Jahre mit Nullzinsen erscheinen in ihrem Licht als folgerichtige Ergebnisse einer Konstruktion, in der Verantwortung und Haftung auseinanderfallen. Für seine Beiträge über die Euro-Rettungspolitik am Beispiel Griechenlands erhielt Bagus 2016 in Berlin den Förderpreis der Ludwig-Erhard-Stiftung für Wirtschaftspublizistik, eine Auszeichnung, die nach dem Vater der Sozialen Marktwirtschaft benannt ist.
Wer das neue Geld zuerst bekommt
Gemeinsam mit Andreas Marquart erklärte Bagus 2014 in Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden, was in der Fachliteratur Cantillon-Effekt heißt, nach dem Bankier und Ökonomen Richard Cantillon, der ihn im 18. Jahrhundert beschrieb. Neues Geld erreicht nicht alle gleichzeitig. Wer es zuerst erhält, also der Staat, die Banken und große Schuldner, kauft noch zu den alten Preisen ein. Wer es zuletzt erhält, wie Rentner, Sparer und Arbeitnehmer mit festen Löhnen, zahlt bereits die gestiegenen Preise, bevor sein Einkommen nachzieht.
Inflation erscheint in dieser Sicht als stille Umverteilung, über die kein Parlament abstimmt. Wie spürbar das werden kann, haben viele Menschen erlebt, als die Teuerung in der Eurozone im Oktober 2022 auf 10,6 Prozent stieg. Auf Englisch erschien das Buch unter dem Titel Blind Robbery!, und es zeigt, dass ein scheinbar trockenes Thema jeden Haushalt betrifft.
Lob der sinkenden Preise
Sinkende Preise gelten in der herrschenden Lehre als Gefahr, weshalb die Notenbanken eine jährliche Teuerung von zwei Prozent anstreben. Bagus hat dieser Angst sein wissenschaftliches Hauptwerk gewidmet. In Defense of Deflation erschien 2015 bei Springer und beruht auf seiner Dissertation. Darin unterscheidet er verschiedene Arten der Deflation und zeigt, dass die wichtigste von ihnen eine gute Nachricht ist: Wenn Unternehmen produktiver werden, sinken die Preise, und jeder kann sich für sein Geld mehr leisten. Als historisches Beispiel untersucht er die Vereinigten Staaten zwischen 1865 und 1896, und dieselbe Erfahrung machen Käufer von Computern und Fernsehern bis heute.
Gefährlich sind sinkende Preise vor allem für jene, die hoch verschuldet sind, weil der reale Wert ihrer Schulden steigt. Das trifft in erster Linie Staaten und Banken. Für Menschen, die sparen und einkaufen, ist eine Welt, in der das Geld von Jahr zu Jahr mehr wert wird, dagegen eine freundliche Welt.
Kleine Staaten, große Möglichkeiten
Mit Wir schaffen das – alleine! wandten sich Bagus und Marquart 2017 einer Frage zu, die über das Geld hinausgeht. Der Untertitel fasst die These zusammen: Warum kleine Staaten einfach besser sind. Kleine Staaten, so argumentieren die Autoren, müssen um Bürger und Unternehmen werben, halten ihre Bürokratie leichter in Schach und neigen weniger zu großen Machtansprüchen nach außen. Wo die Regierung nah ist, lässt sie sich besser kontrollieren, und wer mit ihr unzufrieden ist, hat es nicht weit bis zu einer Alternative. Damit geben die beiden einem alten liberalen Gedanken eine zeitgemäße ökonomische Begründung.
Argentinien als Probe aufs Exempel
Seit Dezember 2023 regiert in Argentinien mit Javier Milei ein Präsident, der sich offen auf die Österreichische Schule beruft, und Bagus begleitet diesen Weg aus der Nähe. In Die Ära Milei. Argentiniens neuer Weg, 2024 bei Langen Müller erschienen, beschreibt er, wie ein Quereinsteiger ohne Partei und feste Strukturen die Wahl gewinnen konnte. Er schildert, wie Milei die Zahl der Ministerien stark verkleinerte und warum er vor allem für junge Argentinier zum Vorbild wurde. Das Vorwort schrieb Milei selbst, das Nachwort der Unternehmer Markus Krall. Auf Spanisch erschien das Buch als La era Milei, und Milei teilte die Ausgaben in mehreren Sprachen in den sozialen Medien.
Für Bagus ist Argentinien ein Testfall dafür, ob sich die Einsichten seiner Schule in praktische Politik übersetzen lassen. Die Bilanz des ersten Regierungsjahres spricht für diese Zuversicht: Die monatliche Inflationsrate, im Dezember 2023 noch bei 25,5 Prozent, lag im Dezember 2024 bei 2,7 Prozent, und der Staat schloss das Jahr 2024 zum ersten Mal seit 2010 mit einem Haushaltsüberschuss ab. So schnell kann sich ein Land fangen, das seine Ausgaben in den Griff bekommt und die Notenpresse anhält.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre ist so einfach wie folgenreich: Eine gemeinsame Kasse ohne klare Haftung lädt zur Plünderung ein. Das gilt für die Gemeindeweide ebenso wie für eine Währung, und wer die Eurozone verstehen will, kommt mit diesem einen Gedanken weiter als mit manchem Modell voller Gleichungen.
Ebenso wichtig ist die Einsicht, dass Inflation Umverteilung bedeutet. Sie nimmt den Sparern und gibt den Ersten in der Schlange, ohne dass jemand darüber abstimmen muss. Aus seiner Verteidigung der Deflation folgt zudem, dass sinkende Preise meist das Zeichen einer produktiven Wirtschaft sind und dass die Angst vor ihnen vor allem jenen dient, die viele Schulden haben.
Vielleicht am meisten lernen kann man von seinem Ton. Bagus schreibt ohne Bitterkeit, erklärt, wie Anreize wirken, und traut seinen Lesern zu, daraus selbst Schlüsse zu ziehen. So erreichen seine Bücher auch Menschen, die nie eine Fachzeitschrift aufschlagen würden.
Wem gehört das Geld?
Am Ende führen alle Bücher von Philipp Bagus zu derselben Frage zurück. Geld ist mehr als ein technisches Detail für Fachleute in Zentralbanken. Es ist gespeicherte Lebenszeit, die Arbeit von gestern, die Ihnen morgen ein Haus, eine Ausbildung oder einen ruhigen Lebensabend ermöglichen soll. Wer über den Wert des Geldes entscheidet, entscheidet deshalb auch über die Früchte dieser Arbeit. Dass diese Entscheidung so selten bei denen liegt, die das Geld verdient haben, ist der Ausgangspunkt seines Denkens, und dass es auch anders gehen kann, zeigt er mit einer Zuversicht, die ansteckt.
Zum Weiterlesen
- Philipp Bagus: Die Tragödie des Euro. Ein System zerstört sich selbst, FinanzBuch Verlag, München 2011
- Philipp Bagus und Andreas Marquart: Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden, FinanzBuch Verlag, München 2014
- Philipp Bagus: In Defense of Deflation, Springer, Cham 2015
- Philipp Bagus: Die Ära Milei. Argentiniens neuer Weg, Langen Müller, München 2024
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Bagus, Philipp: The Tragedy of the Euro, Terra Libertas / Ludwig von Mises Institute, 2010; deutsch: Die Tragödie des Euro. Ein System zerstört sich selbst, FinanzBuch Verlag, München 2011.
- Bagus, Philipp; Howden, David: Deep Freeze. Iceland’s Economic Collapse, Ludwig von Mises Institute, Auburn 2011.
- Bagus, Philipp; Marquart, Andreas: Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden, FinanzBuch Verlag, München 2014 (englisch: Blind Robbery!).
- Bagus, Philipp: In Defense of Deflation, Springer, Cham 2015.
- Bagus, Philipp; Marquart, Andreas: Wir schaffen das – alleine! Warum kleine Staaten einfach besser sind, FinanzBuch Verlag, München 2017.
- Bagus, Philipp: Die Ära Milei. Argentiniens neuer Weg, mit einem Vorwort von Javier Milei und einem Nachwort von Markus Krall, Langen Müller, München 2024.
- Ludwig von Mises Institute: Profil Philipp Bagus, https://mises.org/profile/philipp-bagus
- Ludwig-Erhard-Stiftung: Pressemitteilung zum Ludwig-Erhard-Preis 2016, https://www.ludwig-erhard.de/wp-content/uploads/2023/10/LEP-2016_PM.pdf
- Perlentaucher: Die Ära Milei, https://perlentaucher.de/buch/philipp-bagus/die-aera-milei.html
- Perlentaucher: Wir schaffen das – alleine!, https://perlentaucher.de/buch/philipp-bagus-andreas-marquart/wir-schaffen-das-alleine.html
- Wikipedia (en): Philipp Bagus, https://en.wikipedia.org/wiki/Philipp_Bagus (Lebenslauf, Werkliste)
- Internationaler Währungsfonds / Eurogruppe: Hilfsprogramm für Griechenland, 2. Mai 2010
- Eurostat: Inflation im Euroraum, Oktober 2022 (10,6 Prozent)
- INDEC Argentinien: Verbraucherpreisindex Dezember 2023 (25,5 Prozent) und Dezember 2024 (2,7 Prozent); Haushaltsergebnis 2024 (erster Überschuss seit 2010)


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