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Jean-Baptiste Say: Der Unternehmer der Ökonomie

Jean-Baptiste Say

Bald nachdem Jean-Baptiste Say 1803 sein Lehrbuch der politischen Ökonomie veröffentlicht hatte, empfing ihn der Erste Konsul. Napoleon Bonaparte wünschte sich eine Neuauflage, die seine Finanzpolitik ausdrücklich stützen sollte. Say, damals Mitglied des Tribunats, lehnte ab. 1804 verlor er seinen Sitz, eine angebotene Stelle als Direktor der indirekten Steuern in einem Departement schlug er aus, und die fertige zweite Auflage seines Buches konnte erst zehn Jahre später erscheinen, nach dem Sturz des Kaisers.

Statt sich mit der Macht zu arrangieren, ging Say in die Industrie. In einer ehemaligen Abtei in Nordfrankreich baute er eine Baumwollspinnerei auf, die bald rund vierhundert Menschen beschäftigte. Der Mann, der dem Unternehmer in der Wirtschaftswissenschaft einen festen Platz gab, kannte dessen Lage also aus eigener Erfahrung.

Steckbrief

  • Lebensdaten: geboren am 5. Januar 1767 in Lyon, gestorben im November 1832 in Paris
  • Wirken: Publizist, Mitglied des Tribunats (1799 bis 1804), Baumwollfabrikant, Professor am Conservatoire des arts et métiers (ab 1819) und am Collège de France (ab 1830)
  • Hauptwerke: Traité d’économie politique (1803), Catéchisme d’économie politique (1815), Lettres à M. Malthus (1820), Cours complet d’économie politique pratique (1828/29)
  • In einem Satz: Er erklärte Wohlstand aus dem Nutzen, den Menschen schaffen, und aus dem Unternehmer, der Wissen, Kapital und Arbeit zusammenführt.

Vom Seidenhandel zur Wissenschaft

Say stammte aus einer protestantischen Familie, deren Vorfahren nach der Aufhebung des Edikts von Nantes nach Genf geflohen waren. Der Vater kehrte nach Lyon zurück und wurde dort Kaufmann im Seidenhandel. 1785 ging Jean-Baptiste zusammen mit seinem Bruder Horace für rund zwei Jahre nach England, um den Handel und die Sprache zu lernen. Nach der Rückkehr arbeitete er für eine Lebensversicherung, deren Leiter Étienne Clavière ihm ein Buch lieh, das sein Leben bestimmen sollte: den Wohlstand der Nationen von Adam Smith.

Die Revolution erlebte Say aus nächster Nähe. Er schrieb für Mirabeaus Zeitung, diente 1792 als Freiwilliger im Feldzug in der Champagne und musste mit ansehen, wie die Papiergeldinflation der Revolutionsjahre den Großteil des Familienvermögens vernichtete. Von 1794 bis 1799 leitete er die Zeitschrift La Décade philosophique. Nach dem Staatsstreich Bonapartes im November 1799 wurde er ins Tribunat berufen, wo er in der Finanzsektion saß, bis der Konflikt um sein Buch diese Laufbahn beendete.

Nach dem Verkauf seiner Anteile an der Spinnerei kehrte Say 1813 nach Paris zurück. Im folgenden Jahr schickte ihn die Regierung nach England, um die Quellen des englischen Wohlstands zu studieren, und er lernte dort David Ricardo, James Mill und Jeremy Bentham kennen. Danach begann die Zeit des Lehrers: zunächst öffentliche Vorlesungen am Athénée, 1819 eine Professur für Industrieökonomie am Conservatoire des arts et métiers und 1830 der erste Lehrstuhl für politische Ökonomie am Collège de France.

Wert entsteht aus dem Nutzen

Gleich im ersten Kapitel seines Traité stellt Say eine Behauptung auf, die der späteren Wirtschaftswissenschaft viel Ärger erspart hätte, wäre sie ihr gefolgt. Produktion, schreibt er, sei die Erschaffung von Nutzen und nicht von Materie, und der Nutzen der Dinge sei die Grundlage ihres Wertes. Ein Stuhl ist wertvoll, weil man auf ihm sitzen kann, und nicht deshalb, weil in ihm eine bestimmte Menge Arbeit steckt.

Daraus zog Say eine Folgerung, mit der er seinem Vorbild Smith offen widersprach. Smith hatte die Arbeit des Arztes, des Musikers oder des Schauspielers als unproduktiv eingestuft, weil sie nichts hinterlasse, was man aufbewahren könne. Say nannte solche Leistungen „immaterielle Produkte“: Der Rat des Arztes wird im selben Augenblick hervorgebracht und verbraucht, aber er stiftet Nutzen, die Menschen zahlen dafür, und deshalb ist die Arbeit produktiv. Wer heute in einer Wirtschaft lebt, die überwiegend aus Dienstleistungen besteht, wird Say hier ohne Zögern zustimmen.

Murray Rothbard hat in seiner Geschichte des ökonomischen Denkens beschrieben, wie viel an dieser Weichenstellung hing. Während die britische Klassik mit Ricardo den Wert immer stärker aus den Kosten erklärte, begründete Say in Frankreich eine Tradition, die von der subjektiven Wertschätzung der Menschen ausging und zugleich konsequent für den freien Markt eintrat. Autoren aus dem Umkreis des Mises Institute ziehen deshalb eine Linie von Say zu Carl Menger und Ludwig von Mises, die den Wert ebenfalls aus der Wertschätzung der Handelnden erklärten.

Der Mann, der Wissen in Güter verwandelt

Die zweite große Leistung Says ist die Entdeckung des Unternehmers als eigenständiger Figur. In jeder Produktion unterscheidet er drei Tätigkeiten. Der Gelehrte erforscht die Gesetze der Natur, der Unternehmer, ob Landwirt, Fabrikant oder Händler, wendet dieses Wissen auf einen nützlichen Zweck an, und der Arbeiter führt unter der Leitung der beiden anderen aus. Der Unternehmer ist bei Say also derjenige, der aus Erkenntnis ein Produkt macht, und damit steht zwischen dem Wissen und dem fertigen Gut ein Mensch, der entscheiden muss, wofür sich der Aufwand lohnt.

Im englischsprachigen Raum wurde diese Sicht vor allem durch Peter Drucker bekannt. In seinem Buch Innovation and Entrepreneurship (1985) fasste Drucker Says Gedanken so zusammen, der Unternehmer verlagere wirtschaftliche Mittel aus Bereichen geringerer in Bereiche höherer Produktivität. Die Formel ist Druckers Zusammenfassung und lässt sich in Says Schriften nicht wörtlich nachweisen, sie trifft aber den Kern seiner Lehre. Wohlstand entsteht demnach aus der Leistung von Menschen, die bessere Verwendungen für vorhandene Mittel finden. Ideengeschichtlich steht Say damit in einer Linie mit Richard Cantillon und Turgot, die dem Unternehmer schon vor ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Produkte werden mit Produkten bezahlt

Am bekanntesten ist Say für das Kapitel „Des débouchés“, auf Deutsch etwa „Von den Absatzwegen“, im ersten Buch seines Traité. Darin heißt es, ein fertiges Produkt eröffne „dès cet instant“, also vom selben Augenblick an, anderen Produkten einen Absatzweg in Höhe seines ganzen Wertes (eigene Übersetzung). Wer etwas herstellt und verkauft, tut das, um mit dem Erlös etwas anderes zu kaufen. Das Geld erfüllt in diesem doppelten Tausch nach Says Worten nur eine vorübergehende Aufgabe.

Aus diesem schlichten Gedanken folgen bemerkenswerte Schlüsse. Wenn einige Waren keine Käufer finden, liegt das nach Say daran, dass bei anderen Waren zu wenig hergestellt wurde; er sah darin ein Missverhältnis zwischen einzelnen Gütern und keinen allgemeinen Überfluss. Jedes Land hat nach Say ein Interesse daran, dass seine Nachbarn wohlhabend werden, weil es von ihrem Reichtum profitiert, und so verstanden ist Handel zwischen Nationen kein Nullsummenspiel. Wer die Wirtschaft beleben will, so Say, sollte die Produktion fördern; die bloße Ermunterung zum Verbrauch nütze dem Handel nichts.

Die Lehre wurde rasch bekannt und ebenso rasch angegriffen. Thomas Robert Malthus griff sie an, und Say antwortete ihm 1820 in seinen Lettres à M. Malthus. Mehr als hundert Jahre später machte John Maynard Keynes in seiner Allgemeinen Theorie (1936) daraus den Satz, das Angebot schaffe sich seine eigene Nachfrage, und erklärte ihn für überholt, obwohl diese Formel bei Say so nicht steht. Thomas Sowell hat 1972 die Geschichte des Theorems in einer eigenen Studie nachgezeichnet, und Steven Kates hat 1998 dargelegt, dass Keynes die klassische Lehre in einer Weise wiedergab, die ihrem Sinn nicht gerecht wurde. Says eigene Fassung des Gedankens, dass man auf Dauer nur mit dem kaufen kann, was man selbst hervorgebracht hat, wird von dieser Kritik kaum berührt.

Die beste Steuer ist die leichteste

Wie nah Say an den praktischen Fragen seiner Zeit blieb, zeigt sich am deutlichsten in seinen Bemerkungen zu den Staatsfinanzen. Im dritten Buch des Traité findet sich der Satz, der in der englischen Übersetzung von Prinsep lautet: „The best scheme of finance is, to spend as little as possible; and the best tax is always the lightest.“ Der beste Finanzplan bestehe also darin, möglichst wenig auszugeben, und die beste Steuer sei stets die leichteste. Unmittelbar danach beschreibt er die Besteuerung nüchtern als Wegnahme eines Teils des Eigentums der Einzelnen.

Auch die Kolonialpolitik seiner Zeit betrachtete er mit dem Blick des Rechners. Am Beispiel der Île de France, des heutigen Mauritius, führte er aus, dass die Kolonie Frankreich große Summen gekostet und kaum etwas eingebracht habe. Über die Sklaverei referierte er die Auffassung von Steuart, Turgot und Smith, Sklavenarbeit sei teurer und weniger ergiebig als freie Arbeit, und fügte hinzu, Arbeit könne niemals geachtet sein, wo eine niedere Kaste sie verrichten müsse. Als Fabrikant hatte er selbst erlebt, wie die Kontinentalsperre seine Spinnerei behinderte, und die französische Politik aus Sperren, Lizenzen und steigenden Baumwollzöllen hielt er für industriefeindlich.

Ein Lehrbuch für zwei Kontinente

Say besaß eine Gabe, die vielen großen Denkern fehlt: Er konnte ordnen und erklären. Smith hatte seinen Stoff in einem weitläufigen, an Beispielen reichen Werk ausgebreitet, Say gliederte ihn klar nach Produktion, Verteilung und Verbrauch. Der Traité erlebte zu Lebzeiten des Autors mehrere, stetig erweiterte Auflagen und wurde, wie Rothbard festhält, in jedem großen europäischen Land übersetzt, ins Deutsche bereits 1807 durch Ludwig Heinrich von Jakob.

Besonders groß war der Erfolg in den Vereinigten Staaten. Nach Rothbard war der Treatise dort bis zum Bürgerkrieg das meistgelesene Lehrbuch der Ökonomie und wurde noch 1880 für Colleges nachgedruckt. Thomas Jefferson bewunderte Say, hielt sein Buch für kürzer, klarer und solider als Smiths Werk und hätte ihn gern als Professor an seine Universität von Virginia geholt.

Für Leser ohne Vorkenntnisse schrieb Say 1815 den Catéchisme d’économie politique, eine Einführung in Fragen und Antworten. Das Büchlein zeigt, wie sehr ihm daran lag, ökonomisches Wissen über den Kreis der Fachleute hinaus zu verbreiten. Diesen Faden nahm in der nächsten Generation Frédéric Bastiat auf, der nach Rothbards Urteil von keinem anderen Ökonomen so stark geprägt war wie von Say.

Was Freiheitsfreunde von Say lernen können

Die erste Lehre betrifft den Unternehmer. Eine Wirtschaftstheorie, die nur gegebene Mengen und Gleichgewichte kennt, kann nicht erklären, woher neue Produkte, Verfahren und Märkte kommen. Say hat den Menschen, der Wissen in Güter verwandelt und dafür das Risiko trägt, an den Anfang gestellt. Wer heute erlebt, wie Förderprogramme und Industriepolitik unternehmerische Entdeckung durch Planung ersetzen wollen, findet bei ihm ein bleibendes Gegenargument.

Die zweite Lehre betrifft die Nachfrage. Gekauft werden kann nur, was zuvor hergestellt wurde, und Kaufkraft, die nicht aus eigener Leistung stammt, kommt aus Schulden oder aus neu geschaffenem Geld. Say lehrt, beim Ruf nach mehr Konsum zuerst zu fragen, wer die Güter herstellen soll, die damit gekauft werden.

Die dritte Lehre ist eine menschliche. Say hätte es als Tribun und Steuerdirektor bequem haben können, wenn er sein Buch den Wünschen des mächtigsten Mannes Europas angepasst hätte. Er zog es vor, sein Brot als Fabrikant zu verdienen, und wartete zehn Jahre, bis er wieder frei veröffentlichen konnte.

Zuerst kommt die Produktion

Jean-Baptiste Say starb im November 1832 in Paris und wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Er hinterließ der Ökonomie zwei Gedanken, die immer wieder in Vergessenheit geraten und immer wieder neu entdeckt werden müssen: dass Werte aus dem Nutzen entstehen, den Menschen einander stiften, und dass am Anfang jedes Wohlstands jemand steht, der etwas herstellt. Dass er beides in klarer, auch für Laien lesbarer Sprache darlegte, macht seine Bücher bis heute zu einem guten Einstieg für alle, die verstehen wollen, wovon eine Gesellschaft lebt.

Zum Weiterlesen

  • Jean-Baptiste Say: Traité d’économie politique, Paris 1803 (englisch: A Treatise on Political Economy, frei lesbar bei Econlib)
  • Jean-Baptiste Say: Catéchisme d’économie politique, Paris 1815
  • Thomas Sowell: Say’s Law. An Historical Analysis, Princeton University Press, Princeton 1972
  • Murray N. Rothbard: Classical Economics. An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Band 2, Edward Elgar, Aldershot 1995

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Say, Jean-Baptiste: Traité d’économie politique, Deterville, Paris 1803; Buch I, Kap. 15 „Des débouchés“ nach Wikisource: https://fr.wikisource.org/wiki/Trait%C3%A9_d%E2%80%99%C3%A9conomie_politique/Livre_1/Chapitre_15
  • Say, Jean-Baptiste: A Treatise on Political Economy, übers. von C. R. Prinsep, hg. von Clement C. Biddle, Grigg & Elliot, Philadelphia 1855 (Buch I, Kap. 1, 6, 13, 15, 19; Buch III, Kap. 8), https://www.econlib.org/library/Say/sayT.html
  • Say, Jean-Baptiste: Catéchisme d’économie politique, Crapelet, Paris 1815.
  • Say, Jean-Baptiste: Lettres à M. Malthus, Bossange, Paris 1820.
  • Say, Jean-Baptiste: Cours complet d’économie politique pratique, Rapilly, Paris 1828–1829.
  • Keynes, John Maynard: The General Theory of Employment, Interest and Money, Macmillan, London 1936, Kap. 2, Abschn. VII.
  • Econlib: „Say’s Life (1767–1832)“, https://www.econlib.org/library/Say/SayBio.html
  • Econlib, Concise Encyclopedia of Economics: Jean-Baptiste Say, https://www.econlib.org/library/Enc/bios/Say.html
  • Fondation Napoléon: „SAY Jean-Baptiste (1767-1832), tribun, industriel et économiste lyonnais“, https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/biographies/say-jean-baptiste-1767-1832-tribun-industriel-et-economiste-lyonnais/
  • Rothbard, Murray N.: Classical Economics. An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Bd. 2, Edward Elgar, Aldershot 1995; daraus „The Influence of Say’s Traité“, https://mises.org/library/influence-says-traite, und Kap. 14.1 „The French laissez-faire school“, https://mises.org/online-book/austrian-perspective-history-economic-thought/141-french-laissez-faire-school
  • Sowell, Thomas: Say’s Law. An Historical Analysis, Princeton University Press, Princeton 1972.
  • Kates, Steven: Say’s Law and the Keynesian Revolution, Edward Elgar, Cheltenham 1998, https://www.e-elgar.com/shop/say-s-law-and-the-keynesian-revolution
  • Drucker, Peter F.: Innovation and Entrepreneurship, Harper & Row, New York 1985.
  • Mises Wire: „Was J.B. Say an Austrian Economist?“, https://mises.org/mises-wire/was-jb-say-austrian-economist
  • Wikipédia (fr): Jean-Baptiste Say, https://fr.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Say (Einstieg: Familie, Spinnerei, ESCP, Père-Lachaise)

Beitragsbild: Jean-Baptiste Say (KI-Illustration)

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