Im Winter 1400/1401 lag das Heer Timurs vor Damaskus. Der Eroberer aus Zentralasien hatte das ägyptische Entsatzheer geschlagen, und in der Stadt stritten die Notabeln darüber, ob man sich ergeben solle. Ein in Kairo lebender Gelehrter, Ende sechzig, der mit einer Delegation nach Syrien gekommen war, ließ sich schließlich an Seilen über die Stadtmauer hinab und ging in das Lager des Mannes, vor dem halb Asien zitterte. Timur empfing ihn, befragte ihn über die Länder des Westens und behielt ihn mehrere Wochen bei sich.
Abd ar-Rahman ibn Khaldun hat diese Begegnung in seiner Autobiografie selbst beschrieben, mit der Gelassenheit eines Mannes, der viele Herrscher hatte kommen und gehen sehen. Gut zwei Jahrzehnte zuvor hatte er in einer abgelegenen Burg in Nordafrika ein Buch geschrieben, das erklären wollte, warum Reiche aufsteigen und warum sie zerfallen. Eine seiner Antworten lautete, dass ihre Herrscher irgendwann zu viel nehmen.
Steckbrief
- Lebensdaten: 27. Mai 1332 in Tunis bis 17. März 1406 in Kairo
- Wirken: Sekretär, Gesandter und Minister an Höfen in Tunis, Fes, Granada und Bougie; ab 1384 mehrfach oberster Richter der malikitischen Rechtsschule in Kairo
- Hauptwerk: Muqaddima, die Einleitung zu seiner Weltgeschichte Kitab al-ʿIbar (erste Fassung 1377, später überarbeitet)
- Weitere Schrift: at-Taʿrif, seine Autobiografie mit dem Bericht über Timur
- In einem Satz: Er beschrieb schon im 14. Jahrhundert, wie Steuerlast, Staatshandel und Willkür gegen das Eigentum den Wohlstand einer Gesellschaft untergraben.
Ein Leben im Dienst wechselnder Herren
Die Familie der Banu Khaldun stammte aus Sevilla und hatte die Stadt verlassen, bevor sie 1248 an Kastilien fiel. Über Ceuta kam sie nach Tunis, wo sie Gelehrte und Beamte stellte. Als junger Mann verlor Ibn Khaldun durch die große Pest um die Mitte des Jahrhunderts seine Eltern und einen großen Teil seiner Verwandtschaft. Mit etwa zwanzig Jahren trat er in den Hofdienst und begann eine Laufbahn, die ihn quer durch den Maghreb und bis nach Andalusien führte.
In Fes schrieb er Erlasse für den Meriniden-Sultan Abu Inan, bis man ihn 1357 der Beteiligung an einer Verschwörung verdächtigte und für knapp zwei Jahre einsperrte. Später diente er Muhammad V. von Granada, der ihn 1364 als Gesandten zu König Pedro von Kastilien nach Sevilla schickte. Pedro bot ihm an, in seinen Diensten zu bleiben, und versprach ihm die alten Güter seiner Familie. Ibn Khaldun lehnte ab. In Bougie, dem heutigen Béjaïa, führte er als Minister die Geschäfte eines Hafsiden-Fürsten.
1375 zog er sich mit seiner Familie in die Burg Qalʿat Ibn Salama im heutigen Algerien zurück, wo ein Stamm ihn schützte. Dort schrieb er in wenigen Monaten die Muqaddima. Er verstand sie als Grundlegung einer neuen Wissenschaft, der Lehre vom ʿumran, also vom menschlichen Zusammenleben, seinen Formen und seiner Kultur. 1382 ging er nach Ägypten, lehrte in Kairo und wurde ab 1384 sechsmal zum obersten malikitischen Richter ernannt. Lange hielt er sich nie im Amt, auch weil er gegen Bestechlichkeit und Gefälligkeitsurteile vorging und sich damit Feinde machte. Im selben Jahr 1384 kamen seine Frau und seine Kinder ums Leben, als ihr Schiff vor Alexandria sank.
Niedrige Sätze, hohe Einnahmen
Das bekannteste wirtschaftliche Kapitel der Muqaddima beginnt mit zwei Sätzen, die hier nach der englischen Übersetzung von Franz Rosenthal (1958) ins Deutsche übertragen sind: „Man sollte wissen, dass die Besteuerung zu Beginn der Dynastie aus geringen Veranlagungen große Einnahmen erbringt. Am Ende der Dynastie erbringt die Besteuerung aus großen Veranlagungen geringe Einnahmen.“ (Muqaddima, Kap. III, Abschn. 36)
Ibn Khaldun erklärt den Vorgang genau. Eine junge Herrschaft lebt noch in der Einfachheit ihrer Herkunft und begnügt sich mit den Abgaben, die das religiöse Recht vorsieht. Wenn die Lasten niedrig sind, so schreibt er, haben die Untertanen die Kraft und den Wunsch, etwas zu unternehmen. Sie arbeiten und unternehmen mehr, und mit ihrem Wohlstand wachsen die Einnahmen.
Mit der Zeit wachsen Luxus und Aufwand des Hofes. Die Herrscher erhöhen die einzelnen Abgaben, und wenn das nicht reicht, so heißt es im folgenden Abschnitt, müssen sie neue Arten von Steuern erfinden; selbst Pilger wurden zur Kasse gebeten (Kap. III, Abschn. 37). Wer erlebt, dass ihm der Ertrag seiner Mühe genommen wird, verliert den Antrieb. Die Geschäfte schrumpfen, die Einnahmen sinken, und die Herrscher antworten mit noch höheren Sätzen. Die Folgerung zieht Ibn Khaldun selbst: Der stärkste Anreiz für das Gedeihen einer Kultur bestehe darin, die einzelnen Abgaben so weit wie möglich zu senken.
Ökonomen des 20. Jahrhunderts haben in dieser Stelle vorweggenommen gesehen, was man heute nach Arthur Laffer die Laffer-Kurve nennt. Der Name ist modern und das Bild einer Kurve ebenso, denn Ibn Khaldun dachte in der Lebensgeschichte von Dynastien und kannte keine Grenzsteuersätze. Die Grundeinsicht aber steht bei ihm klar da: Es gibt einen Punkt, an dem höhere Abgaben weniger einbringen, weil sie die Tätigkeit ersticken, von der sie leben.
Wenn der Herrscher Kaufmann wird
Ein eigener Abschnitt trägt die Überschrift, dass die Handelstätigkeit des Herrschers seinen Untertanen schadet und den Steuerertrag ruiniert (Kap. III, Abschn. 38). Ibn Khaldun beschreibt, wie ein Herrscher, dem das Geld knapp wird, auf den Gedanken kommt, selbst Geschäfte zu treiben, um seine Kasse zu füllen. Er hält das für einen großen Irrtum.
Seine Begründung ist bemerkenswert nüchtern. Der Herrscher verfügt über weit mehr Mittel als jeder Bauer und jeder Kaufmann, die schon untereinander scharf konkurrieren. Er kann Waren zum niedrigsten Preis an sich ziehen und den Verkäufer zum Nachlass zwingen. Beim Verkauf dagegen gibt er sich nur mit den höchsten Preisen zufrieden. Die Kaufleute geben auf, die Bauern verarmen, und mit ihnen versiegt die Quelle der Steuern. Wer dem Herrscher solche Geschäfte empfiehlt, dem soll er kein Gehör schenken.
Ibn Khaldun wusste auch, woher Wohlstand kommt. Im fünften Kapitel definiert er den Gewinn so: „Gewinn ist der Wert, der aus menschlicher Arbeit entsteht.“ (Kap. V, Abschn. 1, nach Rosenthal) Schon zu Beginn des Werkes hält er fest, dass der Einzelne nicht genug Kraft besitzt, um sich allein mit dem Nötigen zu versorgen, und dass Menschen deshalb auf Zusammenarbeit angewiesen sind (Kap. I, Erste Vorbemerkung). Wohlstand entsteht für ihn dort, wo viele Menschen arbeiten und einander mit ihren Erzeugnissen versorgen, und er verfällt dort, wo man ihnen die Früchte dieser Arbeit nimmt.
Unrecht ruiniert die Zivilisation
Der vielleicht wichtigste Abschnitt für Freiheitsfreunde steht kurz danach und trägt die Überschrift: „Unrecht führt zum Ruin der Zivilisation.“ (Kap. III, Abschn. 41) Ibn Khaldun beginnt mit einem Gedanken, der sich durch das ganze Buch zieht: Übergriffe auf das Eigentum der Menschen nehmen ihnen den Antrieb, Eigentum zu erwerben. Wer damit rechnen muss, dass man ihm wegnimmt, was er erarbeitet, hört auf zu arbeiten, und dann geht die Kultur eines Landes zurück.
Dann erweitert er den Begriff. Unrecht dürfe man nicht nur als Beschlagnahme von Geld oder Besitz verstehen. Unrecht tue auch, wer einen anderen zu Fronarbeit zwingt, unberechtigte Forderungen gegen ihn erhebt oder ihm Pflichten auferlegt, die das religiöse Gesetz nicht verlangt. Die Fronarbeit zählt er ausdrücklich zu den größten Ungerechtigkeiten, und wer sein fünftes Kapitel kennt, versteht den Grund: Die Arbeit ist für ihn die Quelle allen Gewinns.
Besonders klar ist eine Beobachtung über die Täter. Unrecht in diesem Sinne, so schreibt er, können nur Personen begehen, die unantastbar sind, also solche, die Macht und Autorität besitzen. Damit benennt ein Gelehrter, der selbst an vielen Höfen gedient hatte, ohne Umschweife, wo die gefährlichste Bedrohung des Eigentums liegt: bei denen, über die niemand richtet.
Ein Denker seiner Zeit, kein verkleideter Moderner
Wer Ibn Khaldun würdigt, sollte ihn nicht in moderne Kleider stecken. Er war kein Ökonom im heutigen Sinn und kein Soziologe; beide Fächer gab es noch nicht. Der Historiker Robert Irwin hat 2018 in seiner Biografie daran erinnert, dass er ein malikitischer Jurist war, der in den Kategorien seiner Welt dachte und auch das Übernatürliche ernst nahm.
Zu diesen Kategorien gehört, dass er Herrschaft für unvermeidlich hielt. Weil Menschen einander bedrängen, brauche jede Gemeinschaft eine zügelnde Kraft aus ihrer Mitte, und genau das sei die Bedeutung des Königtums (Kap. I, Erste Vorbemerkung). Seine Kritik galt der habgierigen, maßlosen Herrschaft, nicht der Herrschaft an sich. Sein zentraler Begriff ist die ʿasabiyya, der Zusammenhalt einer Gruppe, der einen Stamm an die Macht trägt und im Wohlleben der Städte nachlässt. Eine Dynastie überdauere deshalb in der Regel nicht mehr als drei Generationen, nach seiner Rechnung etwa 120 Jahre (Kap. III, Abschn. 12).
Gerade diese Nüchternheit gibt seinen Befunden Gewicht. Ibn Khaldun beschrieb die Folgen hoher Abgaben und staatlicher Geschäfte als jemand, der an vielen Höfen gesehen hatte, wie Herrscher mit dem Eigentum ihrer Untertanen umgingen, und er hielt fest, was daraus folgte.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft den Zusammenhang zwischen Steuerlast und Wohlstand. Lange vor Adam Smith sah Ibn Khaldun, dass hohe Abgaben die Quelle austrocknen, aus der sie fließen. Spätere Leser haben das erkannt: Der Ökonom Joseph Spengler würdigte ihn 1964 in einer Studie über das ökonomische Denken des Islam, Jean Boulakia nannte ihn 1971 im Journal of Political Economy einen Ökonomen des 14. Jahrhunderts, und Arthur Laffer führt ihn als frühen Zeugen an. Ronald Reagan berief sich am 1. Oktober 1981 auf einer Pressekonferenz auf seine Beobachtung über die Steuern am Anfang und am Ende einer Dynastie.
Die zweite Lehre betrifft den Staat als Unternehmer. Ein Herrscher, der Handel treibt, ist kein gewöhnlicher Wettbewerber, weil er die Regeln selbst setzt und Zwang ausüben kann. Was Ibn Khaldun über den Sultan schreibt, der Bauern und Kaufleute verdrängt, liest sich wie eine frühe Warnung vor Staatsbetrieben und Monopolen.
Die dritte Lehre ist die grundsätzlichste. Eigentumssicherheit ist für Ibn Khaldun die Voraussetzung jeder Kultur, und der Zugriff der Mächtigen auf das Eigentum der Untertanen ist für ihn Unrecht im vollen Sinne, auch wenn er sich als Abgabe, Dienstpflicht oder Zwangsankauf tarnt. Diese Einsicht stammt aus der islamischen Rechts- und Geschichtsgelehrsamkeit und zeigt, dass der Gedanke, Willkür gegen das Eigentum zerstöre den Wohlstand, keine europäische Sondererfindung ist.
Ein Rat, älter als jede Finanzpolitik
Der Historiker Arnold Toynbee nannte die Muqaddima 1934 sinngemäß das größte Werk seiner Art, das ein menschlicher Geist zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Ort geschaffen habe. Man muss diesem Superlativ nicht folgen, um zu sehen, was das Buch leistet. Ein Mann, der Sultanen gedient, im Gefängnis gesessen und mit einem Weltreichsgründer verhandelt hatte, beschrieb vor mehr als sechs Jahrhunderten, wie die Gier der Herrscher die Grundlagen ihrer eigenen Macht zerstört.
Seine Beobachtungen galten Dynastien des Maghreb, doch sie lassen sich auf jedes Gemeinwesen übertragen, das von der Arbeit seiner Bürger lebt. Sie stellen jeder Regierung, die ihre Einnahmen erhöhen will, eine Frage, die Ibn Khaldun in seiner Burg in Nordafrika durchdacht hat: Wie viel kann man den Menschen nehmen, bevor sie aufhören, etwas zu schaffen, das man ihnen nehmen könnte?
Zum Weiterlesen
- Ibn Khaldun: The Muqaddimah. An Introduction to History, übers. von Franz Rosenthal, 3 Bde., Princeton University Press, Princeton 1958
- Ibn Chaldun: Die Muqaddima. Betrachtungen zur Weltgeschichte, übers. von Alma Giese, C. H. Beck, München 2011
- Robert Irwin: Ibn Khaldun. An Intellectual Biography, Princeton University Press, Princeton 2018
- Walter J. Fischel: Ibn Khaldun and Tamerlane. Their Historic Meeting in Damascus, 1401 A.D., University of California Press, Berkeley 1952
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Ibn Khaldun: The Muqaddimah. An Introduction to History, übers. von Franz Rosenthal, 3 Bde., Princeton University Press (Bollingen Series XLIII), Princeton 1958; zitiert nach Kapitel und Abschnitt (I, Erste Vorbemerkung; III.12; III.36; III.37; III.38; III.41; V.1), Wortlaut geprüft an der Online-Ausgabe https://www.muslimphilosophy.com/ik/Muqaddimah/. Deutsche Fassungen im Artikel: Übertragung der Redaktion aus Rosenthals Englisch.
- Ibn Chaldun: Die Muqaddima. Betrachtungen zur Weltgeschichte, übers. von Alma Giese, C. H. Beck, München 2011.
- Ibn Khaldun: at-Taʿrif (Autobiografie), Bericht über Timur in: Walter J. Fischel, Ibn Khaldun and Tamerlane. Their Historic Meeting in Damascus, 1401 A.D. (803 A.H.), University of California Press, Berkeley 1952.
- Irwin, Robert: Ibn Khaldun. An Intellectual Biography, Princeton University Press, Princeton 2018 (Rezensionen: https://arabnews.com/node/1320681, https://www.meforum.org/middle-east-quarterly/book-reviews/robert-irwin)
- Toynbee, Arnold J.: A Study of History, Bd. III, Oxford University Press, London 1934, S. 321 bis 328
- Spengler, Joseph J.: „Economic Thought of Islam: Ibn Khaldun“, in: Comparative Studies in Society and History 6 (1964), Nr. 3
- Boulakia, Jean David C.: „Ibn Khaldun: A Fourteenth-Century Economist“, in: Journal of Political Economy 79 (1971), Nr. 5
- Laffer, Arthur B.: „The Laffer Curve: Past, Present, and Future“, Heritage Foundation Backgrounder Nr. 1765, 2004
- „Ibn Khaldûn“, in: Renaissance and Reformation Reference Library (Gale), https://www.encyclopedia.com/history/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/ibn-khaldun
- Encyclopaedia Britannica: Ibn Khaldūn, https://www.britannica.com/biography/Ibn-Khaldun
- Wikipedia (en): Ibn Khaldun, https://en.wikipedia.org/wiki/Ibn_Khaldun (Einstieg, Lebenslauf)
- Cato Institute: „The Muslim Thinker Who Inspired Reagan“, https://www.cato.org/commentary/muslim-thinker-who-inspired-reagan (Reagan-Pressekonferenz vom 1. Oktober 1981)
- Reagan Library: Daily Diary, Oktober 1981, https://reaganlibrary.archives.gov/public/digitallibrary/dailydiary/1981-10.pdf
Beitragsbild: Ibn Khaldun (KI-Illustration, freie Darstellung)

