Im Jahr 1517 schrieben die Bürger von Törbel, einem Bergdorf im Wallis, eine Regel für ihre gemeinsame Sommerweide nieder. Kein Bürger durfte mehr Kühe auf die Alp schicken, als er mit eigenem Heu über den Winter bringen konnte. Wer dagegen verstieß, zahlte eine empfindliche Buße an einen örtlichen Amtsträger, den Gewalthaber, der die Hälfte davon behalten durfte und deshalb gute Gründe hatte, genau hinzusehen. Als der Anthropologe Robert Netting das Dorf in den 1970er-Jahren untersuchte, galt die Regel noch immer.
Elinor Ostrom hat diesen Fall in ihrem Hauptwerk Governing the Commons von 1990 neben Bewässerungsgemeinschaften in Spanien und auf den Philippinen, Dorfwälder in Japan und Grundwasserbecken in Kalifornien gestellt. Aus solchen Beispielen erwuchs eine Einsicht, die das Nachdenken über gemeinsame Güter verändert hat: Menschen, die eine Ressource teilen, sind keineswegs dazu verurteilt, sie zu ruinieren, und sie brauchen dafür auch keinen Vormund. 2009 erhielt Ostrom als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis.
Steckbrief
- Lebensdaten: 7. August 1933 in Los Angeles bis 12. Juni 2012 in Bloomington, Indiana
- Wirken: Politikwissenschaftlerin an der Indiana University (ab 1965, Professorin seit 1974), 1973 mit Vincent Ostrom Gründerin des Workshop in Political Theory and Policy Analysis, Präsidentin der Public Choice Society (1982 bis 1984) und der American Political Science Association (1996 bis 1997)
- Auszeichnung: Wirtschaftsnobelpreis 2009, gemeinsam mit Oliver E. Williamson
- Hauptwerke: Governing the Commons (1990, deutsch Die Verfassung der Allmende, 1999), Understanding Institutional Diversity (2005), Nobelvortrag Beyond Markets and States (2009)
- In einem Satz: Sie zeigte mit Feldstudien und Experimenten, dass Menschen gemeinsame Güter aus eigener Kraft dauerhaft bewahren können.
Ein armes Kind an einer reichen Schule
Elinor Clair Awan wuchs als Einzelkind in einem armen Haushalt auf. Ihre Mutter setzte durch, dass sie die angesehene Beverly Hills High School besuchen konnte, und Ostrom erinnerte sich später, es sei eine Herausforderung gewesen, als armes Kind unter reichen Kindern zu lernen, habe ihr aber einen anderen Blick auf die Zukunft gegeben. Das Studium an der University of California in Los Angeles finanzierte sie mit Nebenjobs in der Bibliothek und im Buchladen, und sie schloss es nach drei Jahren mit Auszeichnung und ohne Schulden ab.
Weil man 1954 von berufstätigen Frauen Kurzschrift erwartete, lernte sie diese per Fernkurs, und später kam ihr die Fertigkeit bei den Feldnotizen zugute. Nach einigen Berufsjahren kehrte sie an die Universität zurück. Ihre ersten Gespräche über eine Promotion in Volkswirtschaftslehre nannte sie im Rückblick wenig ermutigend, und so promovierte sie in Politikwissenschaft, dem Fach, als dessen Vertreterin sie sich ihr Leben lang verstand.
Wasser unter Los Angeles
Für ihre Dissertation, die sie 1965 abschloss, untersuchte Ostrom das West Basin, ein Grundwasserbecken unter siebzehn Vororten von Los Angeles. Zu viele Brunnen hatten zu viel Wasser gefördert, und von der Küste drang Salzwasser ein. Eine große Zahl privater und öffentlicher Wasserproduzenten musste gemeinsam einen Weg finden, das Becken zu retten. Ohne es zu wissen, schrieb Ostrom später, habe sie damals bereits ein Allmendeproblem studiert.
Die Formel, die dieses Problem berühmt machte, gab es damals noch nicht. Erst 1968 veröffentlichte der Biologe Garrett Hardin in der Zeitschrift Science seinen Aufsatz über die Tragik der Allmende. Eine Weide, die allen offensteht, werde zwangsläufig übernutzt, weil jeder Hirte den Gewinn eines zusätzlichen Tieres allein einstreicht, den Schaden aber mit allen teilt. Als Ausweg sah Hardin nur zwei Wege: die Ressource aufteilen und privatisieren oder sie unter staatliche Aufsicht stellen.
Achtzig Großstädte und ihre Polizei
Inzwischen lebten die Ostroms in Bloomington. Vincent Ostrom hatte 1965 eine Professur an der Indiana University erhalten, Elinor begann dort als Gastdozentin und stieg bis zur Professorin auf. 1973 gründeten beide den Workshop in Political Theory and Policy Analysis. Den Namen wählten sie mit Absicht, denn Vincent hielt Wissenschaft für eine Art Handwerk.
Vincent Ostrom hatte 1961 mit Charles Tiebout und Robert Warren den Begriff der Polyzentrizität eingeführt. Gemeint ist eine Ordnung mit vielen Entscheidungszentren, die formal voneinander unabhängig sind und trotzdem ein funktionierendes Ganzes bilden können, weil sie miteinander konkurrieren, Verträge schließen und Streit beilegen. Die Lehrmeinung jener Jahre hielt die vielen Gemeinden, Zweckverbände und Behörden amerikanischer Großstadtregionen für Chaos und empfahl, sie zusammenzulegen.
Elinor Ostrom prüfte diese Annahme in den 1970er-Jahren mit ihren Kollegen an der Polizei. Sie untersuchten 80 Großstadtregionen und fanden kaum doppelte Zuständigkeiten. Die Vermutung, viele kleine Behörden arbeiteten schlechter, bestätigte sich nicht. Regionen mit zahlreichen eigenständigen Polizeibehörden für den Streifendienst arbeiteten sogar effizienter, während sich für Dienste im Hintergrund, etwa Funk und Kriminallabor, wenige große Anbieter bewährten. Kleine und mittlere Städte, so ihr Befund, können Leistung und Kosten besser im Blick behalten, und unzufriedene Bürger können mit den Füßen abstimmen.
Was Hirten tatsächlich tun
In Governing the Commons wandte sich Ostrom gegen beide Lager, die aus Hardins Aufsatz ihre Schlüsse gezogen hatten. Die einen setzten auf zentrale Kontrolle, die anderen auf Privatisierung, und beide gingen davon aus, dass die richtige Ordnung von außen eingeführt werden müsse. Ostrom hielt beide Antworten für zu pauschal. Statt einer einzigen Lösung für ein einziges Problem gebe es viele Lösungen für viele verschiedene Probleme, schrieb sie, und die passenden Regeln zu finden, sei mühsam, langwierig und verlange Wissen über Zeit und Ort.
Dann ließ sie die Fälle sprechen. In Valencia tagt seit Jahrhunderten jeden Donnerstagvormittag vor dem Apostelportal der Kathedrale das Tribunal de las Aguas, ein Wassergericht der Bauern, das ohne Anwälte und vor vielen Zuschauern über Streit um Bewässerungswasser entscheidet. In den japanischen Dörfern Hirano, Nagaike und Yamanoka regelten die Bewohner über Generationen die Nutzung ihres gemeinsamen Landes, und auf den Philippinen organisierten Bauern ihre Bewässerung in den Zanjera-Gemeinschaften.
Wer genau hinsieht, findet in diesen Allmenden keine offenen Weiden im Sinne Hardins. In Törbel reichen die Urkunden bis 1224 zurück. 1483 gründeten die Bewohner eine Vereinigung, um Alp, Wald und Ödland besser zu ordnen, die Grenzen der Gemeinländer hielt ein Inventar von 1507 fest, und ein Fremder, der im Dorf Land kaufte, erwarb damit kein Recht an der Alp. Über die Aufnahme entschieden die Berechtigten selbst. Wiesen, Gärten, Äcker und Weinberge gehörten einzelnen Familien. Die Törbeler kannten, wie Netting betonte, seit mindestens fünf Jahrhunderten die Vor- und Nachteile von Privat- und Gemeinbesitz und wählten für jede Art von Land die passende Form. Gemeinsam blieben vor allem Alp, Wald und Ödland, und das Land behielt über Jahrhunderte seine Ertragskraft.
Acht Regeln aus vielen Jahrhunderten
Aus ihren Fällen leitete Ostrom acht Gestaltungsprinzipien ab, die langlebige Gemeingüter auszeichnen. Am Anfang stehen klare Grenzen, sowohl der Ressource als auch des Kreises derer, die sie nutzen dürfen. Die Regeln passen zu den örtlichen Bedingungen, und wer von ihnen betroffen ist, kann bei ihrer Änderung mitreden. Die Überwachung übernehmen die Nutzer selbst oder Aufseher, die ihnen Rechenschaft schulden. Verstöße werden abgestuft bestraft, Streit lässt sich schnell und billig vor Ort schlichten, und größere Systeme sind in mehreren ineinandergreifenden Ebenen organisiert.
Das siebte Prinzip formulierte Ostrom so, dass das Recht der Nutzer, ihre eigenen Institutionen zu schaffen, von äußeren staatlichen Stellen nicht angefochten wird. Selbstverwaltung gedeiht also dort, wo der Staat sie gewähren lässt. Ostrom selbst nannte ihre Liste vorläufig. Zwanzig Jahre später werteten Michael Cox und zwei Kollegen 91 Studien aus, die ihre Prinzipien geprüft hatten, und fanden sie empirisch gut gestützt.
Reden hilft
Ostrom misstraute bequemen Modellen, und deshalb prüfte sie ihre Befunde auch im Labor. In Experimenten mit ihren Kollegen Roy Gardner und James Walker übernutzten anonyme Teilnehmer, die nicht miteinander sprechen durften, eine gemeinsame Ressource deutlich. Sobald sie sich aber beraten durften, sank die Übernutzung und die gemeinsamen Erträge stiegen, obwohl niemand ihre Versprechen erzwingen konnte und die Spieltheorie das Gegenteil vorhersagte. Teilnehmer gaben sogar eigenes Geld aus, um Regelbrecher zu bestrafen.
Großangelegte Studien zu Bewässerungsanlagen in Nepal und zu Wäldern in vielen Ländern stellten zudem die Annahme in Frage, Regierungen könnten Ressourcen grundsätzlich besser organisieren und schützen als ihre Nutzer. Sie wusste allerdings, dass viele Gruppen gescheitert sind, und warnte vor jedem einfachen Rezept, ob es nun Verstaatlichung, Privatisierung oder Dezentralisierung hieß.
Ein Preis für eine Politikwissenschaftlerin
2009 erhielt sie den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Analyse wirtschaftlicher Ordnung, besonders der Gemeingüter. Damit wurde eine Forscherin ausgezeichnet, die sich als Politikwissenschaftlerin verstand und mit Feldstudien, Fallsammlungen und Experimenten arbeitete. Ihren Anteil am Preisgeld gab sie an eine Stiftung der Universität, die den Workshop unterstützt. Als Vorsitzende ihres Fachbereichs hatte sie zwischen 1980 und 1984, wie sie später erzählte, ihr eigenes Gehalt bewusst bei null gehalten, damit die jungen Kollegen besser bezahlt werden konnten.
In ihrem Nobelvortrag zog sie die Summe eines halben Jahrhunderts Forschung. Menschen hätten eine vielschichtigere Motivation und mehr Fähigkeit, soziale Dilemmata zu lösen, als die ältere Theorie vom rationalen Einzelnen annahm. Daraus folgerte sie: „a core goal of public policy should be to facilitate the development of institutions that bring out the best in humans.“ Elinor Ostrom starb im Juni 2012 in Bloomington, ihr Mann Vincent folgte ihr siebzehn Tage später.
Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können
Die wichtigste Lehre betrifft die spontane Ordnung. Ostrom hat an vielen Fällen gezeigt, dass Menschen ohne Plan von oben tragfähige Regeln finden, wenn man sie lässt, und dass diese Regeln oft besser funktionieren als die Vorschriften ferner Behörden, weil sie auf dem Wissen derer beruhen, die vor Ort leben. Die Herausgeber eines Sammelbandes über die Österreichische Schule und die Bloomington School, Paul Dragoș Aligica, Paul Lewis und Virgil Storr, sehen hier die große Gemeinsamkeit beider Richtungen: die Einsicht in die Grenzen der Zentralisierung und in die Fähigkeit vielgestaltiger Ordnungen, örtliches Wissen zu nutzen. Wer Friedrich August von Hayek gelesen hat, erkennt den Gedanken wieder.
Ebenso lehrreich ist ihr Blick auf das Eigentum. Ostrom zitierte in ihrem Hauptwerk Aristoteles, der im zweiten Buch der Politik beobachtet hatte, dass dem, was den meisten gemeinsam gehört, die geringste Sorgfalt zuteilwird. Ihre erfolgreichen Allmenden zeigen, wie Menschen diese Warnung beherzigen. Sie haben feste Grenzen, einen bestimmten Kreis von Berechtigten, das Recht, Fremde auszuschließen, und Strafen für Regelbrecher. Ostrom beschrieb Eigentum als Bündel einzelner Rechte, vom Zutritt über die Nutzung bis zum Ausschluss und zum Verkauf. Gemeinschaftliches Eigentum ist in diesem Licht eine Form des Eigentums, die freie Menschen wählen, wenn sie besser passt als die Aufteilung.
Die Leute im Dorf
Elinor Ostrom hat ihr Leben lang Wirklichkeit gesammelt, Fall um Fall, und ihre Schlüsse eher aus Beobachtungen als aus Modellen gezogen. Sie hat gezeigt, dass Bauern im Wallis, Bewässerungsbauern in Valencia und Wassernutzer in Kalifornien klüger mit ihren gemeinsamen Gütern umgehen können, als die Lehrbücher ihnen zutrauten, und dass sie dafür das Recht brauchen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Wer heute über Wälder, Fischgründe oder Wasser entscheiden will, findet bei ihr die Frage, die in Törbel seit 1517 beantwortet ist: Wer weiß besser, wie viele Kühe eine Alp verträgt, die Leute im Dorf oder eine Behörde in der fernen Hauptstadt?
Zum Weiterlesen
- Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt, Mohr Siebeck, Tübingen 1999 (englisch: Governing the Commons, Cambridge University Press 1990)
- Elinor Ostrom: Beyond Markets and States. Polycentric Governance of Complex Economic Systems, Nobelvortrag 2009, in: American Economic Review 100 (2010), S. 641 bis 672
- Paul Dragoș Aligica und Peter J. Boettke: Challenging Institutional Analysis and Development. The Bloomington School, Routledge, London 2009
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Ostrom, Elinor: Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge University Press, Cambridge 1990 (Volltext: https://archive.org/details/governing-the-commons); deutsch: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt, Mohr Siebeck, Tübingen 1999.
- Ostrom, Elinor: „Beyond Markets and States. Polycentric Governance of Complex Economic Systems“, Prize Lecture, Stockholm, 8. Dezember 2009, https://www.nobelprize.org/uploads/2018/06/ostrom_lecture.pdf; gedruckt in: American Economic Review 100 (2010), Nr. 3, S. 641–672.
- Ostrom, Elinor: Understanding Institutional Diversity, Princeton University Press, Princeton 2005.
- Ostrom, Elinor: „A Diagnostic Approach for Going beyond Panaceas“, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 104 (2007), Nr. 39, S. 15181–15187.
- Ostrom, Elinor; Gardner, Roy; Walker, James: Rules, Games, and Common-Pool Resources, University of Michigan Press, Ann Arbor 1994.
- Ostrom, Elinor: Autobiografie für die Nobelstiftung, 2009, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/2009/ostrom/biographical/
- McCay, Bonnie J.; Bennett, Joan: Elinor Ostrom 1933–2012. A Biographical Memoir, National Academy of Sciences, Washington 2014, https://www.nasonline.org/wp-content/uploads/2024/06/ostrom-elinor.pdf
- Netting, Robert McC.: „What Alpine Peasants Have in Common. Observations on Communal Tenure in a Swiss Village“, in: Human Ecology 4 (1976), S. 135–146 (zitiert nach Ostrom 1990); ders.: Balancing on an Alp, Cambridge University Press, Cambridge 1981.
- Hardin, Garrett: „The Tragedy of the Commons“, in: Science 162 (1968), S. 1243–1248.
- Cox, Michael; Arnold, Gwen; Villamayor Tomás, Sergio: „A Review of Design Principles for Community-based Natural Resource Management“, in: Ecology and Society 15 (2010), Nr. 4, Art. 38, https://www.ecologyandsociety.org/vol15/iss4/art38/
- Aligica, Paul Dragoș; Lewis, Paul; Storr, Virgil H. (Hg.): The Austrian and Bloomington Schools of Political Economy (Advances in Austrian Economics 22), Emerald, Bingley 2017.
- Aligica, Paul Dragoș; Boettke, Peter J.: Challenging Institutional Analysis and Development. The Bloomington School, Routledge, London 2009.
- Indiana Daily Student: „Ostrom accepts Nobel Prize in Stockholm“, Dezember 2009, https://www.idsnews.com/article/2009/12/ostrom-accepts-nobel-prize-in-stockholm (Spende des Preisgeldes)
- Wikipedia (en): Elinor Ostrom, https://en.wikipedia.org/wiki/Elinor_Ostrom (nur Einstieg; Sterbeort, Heiratsjahr, Tod Vincent Ostroms)
Beitragsbild: Elinor Ostrom (KI-Illustration)


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