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Jane Jacobs: Die Ordnung der Straße

Jane Jacobs

Am 10. April 1968 fand in der Aula der Seward Park High School in Manhattan eine Anhörung über die geplante Lower Manhattan Expressway statt. Die Schnellstraße sollte quer durch die Südspitze der Insel führen, durch SoHo, Little Italy und Chinatown. Als Protestierende die Bühne stürmten und das Stenogramm der Sitzung zerstört wurde, nahm ein Polizist in Zivil eine 51-jährige Frau fest.

Man warf ihr Anstiftung zum Aufruhr, Sachbeschädigung und Behinderung der Verwaltung vor, nach monatelangem Verfahren blieb davon nur der Vorwurf ordnungswidrigen Verhaltens. Die Frau hieß Jane Jacobs, und sie war zu diesem Zeitpunkt die bekannteste Kritikerin der amerikanischen Stadtplanung. Die Schnellstraße wurde nie gebaut. Wer heute durch SoHo geht, bewegt sich durch ein Viertel, das die Trasse zerschnitten hätte, und durch genau jenes Straßenleben, dem sie ihr wichtigstes Buch gewidmet hat.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 4. Mai 1916 in Scranton, Pennsylvania, bis 25. April 2006 in Toronto
  • Wirken: Journalistin, Redakteurin bei Architectural Forum (1952 bis 1962), Autorin und Bürgeraktivistin in New York und Toronto, seit 1974 kanadische Staatsbürgerin
  • Hauptwerke: The Death and Life of Great American Cities (1961, deutsch Tod und Leben großer amerikanischer Städte), The Economy of Cities (1969), Cities and the Wealth of Nations (1984), Systems of Survival (1992)
  • In einem Satz: Sie zeigte an der Straße vor ihrer Haustür, dass die lebendigste Ordnung einer Stadt diejenige ist, die niemand entworfen hat.

Eine Reporterin aus Scranton

Jane Butzner wuchs als Tochter eines Arztes und einer früheren Lehrerin und Krankenschwester in der Kohlestadt Scranton auf. Mitte der 1930er-Jahre, mitten in der Weltwirtschaftskrise, zog sie mit ihrer Schwester Betty nach New York, zunächst nach Brooklyn, bald darauf nach Greenwich Village. Sie belegte zwei Jahre lang Kurse an der School of General Studies der Columbia University, von Geologie bis Ökonomie, machte nie einen Abschluss und arbeitete später für Amerika, eine russischsprachige Zeitschrift des State Department. 1944 heiratete sie den Architekten Robert Hyde Jacobs. Das Paar bekam drei Kinder und lebte in einem Haus in der Hudson Street, deren Alltag zum Material ihres bekanntesten Buches wurde.

Ab 1952 schrieb sie als Redakteurin bei Architectural Forum über die großen Sanierungsprojekte der Nachkriegszeit. 1958 veröffentlichte sie in Fortune den Aufsatz „Downtown Is for People“, im selben Jahr erhielt sie ein Stipendium der Rockefeller Foundation. Etwa drei Jahre später lag The Death and Life of Great American Cities vor. Der erste Satz ließ keinen Zweifel an der Absicht: „This book is an attack on current city planning and rebuilding.“

Was die Straße weiß

Jacobs fragte zuerst, was in funktionierenden Vierteln tatsächlich geschieht, und erst danach, wie eine Stadt aussehen sollte. Ihre Antwort beginnt beim Gehsteig. Eine Straße ist sicher, wenn es dort „eyes upon the street“ gibt, Augen der Ladenbesitzer, Anwohner und Passanten, die das Geschehen beiläufig im Blick behalten. Unter der scheinbaren Unordnung der alten Stadt, schrieb sie, liege eine erstaunliche Ordnung, und die Hudson Street sei jeden Tag Schauplatz eines verwickelten „sidewalk ballet“.

Aus vielen kleinen Begegnungen wächst dabei Vertrauen. Jacobs zählt sie im dritten Kapitel liebevoll auf, vom Bier in der Bar über den Rat des Lebensmittelhändlers bis zum Gespräch am Zeitungskiosk. Niemand plant dieses Netz, es entsteht als Nebenprodukt von Menschen, die ihren eigenen Geschäften nachgehen.

Vier Bedingungen für lebendige Viertel

Was braucht ein Stadtteil, damit solches Leben entsteht? Jacobs nannte vier Bedingungen, die sie „generators of diversity“ taufte. Ein Viertel muss mehr als eine Hauptnutzung haben, damit Menschen zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gründen dort sind. Die Blocks müssen kurz sein, mit vielen Ecken und Wegen. Alte und neue Gebäude müssen gemischt sein, weil nur alte Häuser die niedrigen Mieten bieten, die ein junger Betrieb, eine Werkstatt oder ein kleines Lokal sich leisten kann. Und es braucht eine ausreichende Dichte von Menschen. Erst alle vier zusammen, betonte sie, erzeugen städtische Vielfalt.

Die Leitbilder der damaligen Planer liefen diesen Bedingungen fast genau zuwider: Hochhäuser in Grünflächen, säuberlich getrennte Zonen für Wohnen, Arbeit und Einkauf, breite Schneisen für den Autoverkehr. Jacobs hielt dem einen Satz entgegen, den Sanford Ikeda 2024 zum Titel seiner großen Studie über sie machte: „A city cannot be a work of art.“ Wer ein Viertel ordnen wolle wie ein Architekt sein Modell, setze Kunst an die Stelle des Lebens. Im Schlusskapitel nannte sie die Stadt mit einem Begriff des Mathematikers Warren Weaver ein Problem „organisierter Komplexität“, dem man nur gerecht werde, wenn man in Prozessen denke und vom Einzelfall ausgehe.

Gegen den Baumeister von New York

Ihr großer Gegenspieler war Robert Moses, der über Jahrzehnte Brücken, Parks, Schnellstraßen und Siedlungen in New York baute. Seine Macht beruhte auf ernannten Ämtern, die einzige Wahl, bei der er antrat, die zum Gouverneur 1934, verlor er. In den 1950er-Jahren griff er einen alten Plan wieder auf, die Fifth Avenue durch den Washington Square Park zu verlängern. Die Anwohner gründeten ein Komitee mit dem schönen Namen „Joint Emergency Committee to Close Washington Square Park to All but Emergency Traffic“, und 1958 sperrte die Stadt den Park für den Durchgangsverkehr.

1961 erklärte die Planungskommission den westlichen Teil von Greenwich Village zum Sanierungsgebiet, was in der Sprache der Zeit Abriss bedeutete. Jacobs organisierte das Committee to Save the West Village, das stattdessen vorschlug, den Bestand zu erneuern, und setzte sich durch. Gegen die Lower Manhattan Expressway führte sie eine Koalition von Nachbarschaftsgruppen an, bis die Pläne nach der Anhörung von 1968 aus den Planungen der Stadt verschwanden.

Im selben Jahr zog die Familie nach Toronto, auch weil die beiden Söhne im wehrpflichtigen Alter waren und Jacobs den Vietnamkrieg ablehnte. Dort lag das gemietete Haus ausgerechnet auf der Trasse einer weiteren geplanten Stadtautobahn. Jacobs half, den Widerstand gegen die Spadina Expressway zu organisieren, und am 3. Juni 1971 zog die Regierung der Provinz Ontario ihre Unterstützung für das Projekt zurück.

Wohlstand aus der Stadt

In The Economy of Cities und Cities and the Wealth of Nations wandte Jacobs ihren Blick vom Gehsteig auf die Wirtschaft. Als eigentliche Motoren des Wohlstands sah sie die Städte und nicht die Nationalstaaten. Eine Stadt wächst, wenn sie lernt, Güter selbst herzustellen, die sie bisher eingeführt hat, und Jacobs nannte das „import replacement“. Sie meinte damit ausdrücklich keine Abschottung durch Zölle und Subventionen. Die Ersetzung geschieht durch Unternehmer, die nachahmen und verbessern, und eine Stadt, die Importe ersetzt hat, kauft danach anderes ein, aber keineswegs weniger.

Mutig war ihre These, dass Städte älter seien als der Ackerbau. Sie entwarf dazu die erdachte Siedlung New Obsidian, einen frühen Handelsort für vulkanisches Glas, in dem der Austausch zwischen Jägern und Sammlern die Landwirtschaft erst hervorbringt. Archäologen haben diese Reihenfolge überwiegend nicht übernommen, einige halten aber ihren Kerngedanken für richtig, dass städtischer Austausch die Entwicklung des Landbaus befördert hat.

Händler und Wächter

In Systems of Survival von 1992, einem Buch in Dialogform, unterschied sie zwei Sittensysteme. Das kaufmännische umfasst Gebote wie „Shun force“, „Come to voluntary agreements“, „Respect contracts“ und „Be honest“. Das System der Wächter, zu dem sie Regierung, Militär und Polizei rechnete, verlangt dagegen Gehorsam, Loyalität, Achtung der Hierarchie und den Verzicht auf Handel. Beide hielt sie für notwendig. Gefährlich werde es, wenn sie sich vermischen, wenn also Wächter Geschäfte machen oder Händler Gewalt anwenden, und für solche Mischformen fand sie die Bezeichnung „monstrous moral hybrids“. Für Freiheitsfreunde ist bemerkenswert, wie klar sie den Markt als Sphäre freiwilliger Vereinbarungen und den Staat als Sphäre von Befehl und Gehorsam beschrieb.

Eine Verbündete eigener Art

Jacobs hat sich nie als Libertäre bezeichnet. In einem Interview von 1985 sprach sie sich für Hilfe für die Armen, gute Bildung für alle und eine öffentlich finanzierte Gesundheitsversorgung aus, und politische Fragen wollte sie pragmatisch behandeln, nach dem, was sich in der Praxis bewährt. In The Death and Life of Great American Cities schlug sie vor, den sozialen Wohnungsbau durch Mietgarantien und Zuschüsse zu ersetzen. Auch dabei sollten allerdings Tausende private Bauherren und Eigentümer bauen, Haus für Haus zwischen den bestehenden Häusern, statt dass, wie sie schrieb, eine Handvoll Behörden und Großbauherren über die Städte bestimmten.

Umso auffälliger ist die Nähe zu Friedrich August von Hayek. Die Ökonomen Gene Callahan und Sanford Ikeda haben gezeigt, wie sehr ihre Gedanken über spontane Ordnung, örtliches Wissen und die falsche Nachahmung der Naturwissenschaften denen Hayeks gleichen, obwohl sie seine Schriften beim Schreiben ihres ersten Buches nicht kannte. Hayek hatte 1945 in „The Use of Knowledge in Society“ begründet, warum das Wissen einer Gesellschaft auf unzählige Köpfe verteilt ist und sich von keiner Zentrale sammeln lässt. Jacobs fand denselben Befund auf dem Gehsteig.

Im Gespräch mit der Zeitschrift Reason kritisierte sie 2001 die Enteignungen zugunsten privater Bauprojekte, die Angst vor jeder Änderung der Bebauungspläne und das Monopol städtischer Verkehrsbetriebe. Zwei Jahre später nahm Reason sie in seine Liste von 35 Helden der Freiheit auf.

Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können

Die wichtigste Lehre betrifft das Wissen. Eine lebendige Ordnung beruht auf Kenntnissen, die über Ladenbesitzer, Mieter, Handwerker und Passanten verteilt sind und die kein Planer zusammentragen kann. Wer eine Stadt, einen Markt oder eine Gesellschaft verbessern will, tut deshalb gut daran, zuerst genau hinzusehen, was dort bereits funktioniert, statt es durch einen Entwurf zu ersetzen.

Ebenso lehrreich ist ihr Blick auf die kleinen Leute der Wirtschaft. Ihr Plädoyer für alte Häuser war im Kern eines für billige Flächen, auf denen neue Betriebe mit wenig Kapital anfangen können, und ihre Lehre von der Importersetzung handelt von Unternehmern, die nachahmen und verbessern.

Und schließlich zeigt ihr Leben, was Bürger ausrichten können. Eine Frau ohne Amt und ohne Diplom hat mit ihren Nachbarn Pläne gestoppt, hinter denen Behörden, Gesetze und viel Geld standen. Ihre Mittel waren genaues Hinsehen und das geduldige Gespräch mit den Nachbarn, und ihren Lesern traute sie stets zu, selbst zu sehen.

Von allen geschaffen

Am Ende eines Kapitels über die Mythen der Vielfalt steht in Jacobs‘ Hauptwerk ein Satz, der ihr Denken bündelt: „Cities have the capability of providing something for everybody, only because, and only when, they are created by everybody.“ Auf Deutsch (Kap. 12, Übersetzung der Redaktion): Städte können jedem etwas bieten, weil und solange alle an ihnen mitbauen. Das gilt auch für jede Stadt der Gegenwart, in der Bauvorschriften, Zonenpläne und Genehmigungsverfahren darüber entscheiden, wer wo wohnen, arbeiten und etwas Neues beginnen darf. Wer Jacobs ernst nimmt, wird bei jedem neuen Plan fragen, wie viel Raum er den Menschen lässt, die dort leben, und ob er ihnen erlaubt, die Stadt weiter selbst zu schaffen.

Zum Weiterlesen

  • Jane Jacobs: Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Bauwelt Fundamente 4, Birkhäuser, Basel 2015
  • Jane Jacobs: Cities and the Wealth of Nations. Principles of Economic Life, Random House, New York 1984
  • Sanford Ikeda: A City Cannot Be a Work of Art. Learning Economics and Social Theory From Jane Jacobs, Palgrave Macmillan, Singapur 2024
  • Robert Kanigel: Eyes on the Street. The Life of Jane Jacobs, Knopf, New York 2016

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Jacobs, Jane: The Death and Life of Great American Cities, Random House, New York 1961; zitiert nach der Vintage-Ausgabe, New York 1992 (Kap. 1, 2, 3, 7, 12, 17, 18, 19, 22). Deutsch: Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Bauwelt Fundamente 4 (deutsche Erstausgabe 1963), Neuausgabe Birkhäuser, Basel 2015.
  • Jacobs, Jane: „Downtown Is for People“, in: Fortune, 1958.
  • Jacobs, Jane: The Economy of Cities, Random House, New York 1969.
  • Jacobs, Jane: Cities and the Wealth of Nations. Principles of Economic Life, Random House, New York 1984.
  • Jacobs, Jane: Systems of Survival. A Dialogue on the Moral Foundations of Commerce and Politics, Random House, New York 1992.
  • Steigerwald, Bill: „City Views“ (Interview mit Jane Jacobs), in: Reason, Juni 2001, https://reason.com/?p=28053
  • Hayek, Friedrich August von: „The Use of Knowledge in Society“, in: American Economic Review 35 (1945), Nr. 4.
  • Ikeda, Sanford: A City Cannot Be a Work of Art. Learning Economics and Social Theory From Jane Jacobs, Palgrave Macmillan, Singapur 2024, https://link.springer.com/book/10.1007/978-981-99-5362-2
  • Kanigel, Robert: Eyes on the Street. The Life of Jane Jacobs, Knopf, New York 2016; dazu Interview „The Life That Shaped Jane Jacobs“, Bloomberg CityLab, 20.09.2016, https://www.bloomberg.com/news/articles/2016-09-20/the-life-that-shaped-jane-jacobs
  • Riggenbach, Jeff: „Jane Jacobs, Libertarian Outsider“, Mises Daily, 28.04.2011, https://mises.org/mises-daily/jane-jacobs-libertarian-outsider (referiert Callahan/Ikeda und das Interview von 1985)
  • Boston College, John J. Burns Library: Ausstellung „Jane Jacobs: Activist“, https://library.bc.edu/burns-exhibits/jane-jacobs/activist/
  • Reason: „Jane Jacobs, RIP“, 25.04.2006, https://reason.com/2006/04/25/jane-jacobs-rip
  • The Canadian Encyclopedia: „Toronto Feature: Spadina Expressway“, https://thecanadianencyclopedia.ca/en/article/toronto-feature-spadina-expressway
  • Planetizen: „Jane Jacobs, ‚Cities First,‘ and the Virtues of Being Wrong“, https://www.planetizen.com/node/88912
  • Market Urbanism: „Book Review: Cities and the Wealth of Nations“, 24.04.2017, https://marketurbanism.com/2017/04/24/market-urbanist-book-review-cities-and-the-wealth-of-nations-by-jane-jacobs
  • Caro, Robert A.: The Power Broker. Robert Moses and the Fall of New York, Knopf, New York 1974.
  • Wikipedia (en): Jane Jacobs, Systems of Survival, Robert Moses, Import replacement (Einstieg, Daten mit den übrigen Quellen abgeglichen)

Beitragsbild: Jane Jacobs (KI-Illustration)

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