Im Jahr 1999 veröffentlichte die Fachzeitschrift Sociology of Religion einen Aufsatz mit dem Titel „Secularization, R.I.P.“. Sein Verfasser erklärte darin eine der ältesten Gewissheiten seines Fachs für tot: die Annahme, dass Religion mit Bildung, Wohlstand und Wissenschaft von selbst verschwinde. Diese These, so schrieb er, habe nie zu den Daten gepasst. Das mittelalterliche Europa sei nicht frömmer gewesen als das heutige, und die Volksreligionen Asiens gingen mit der Modernisierung keineswegs zurück.
Der Verfasser hieß Rodney Stark, und er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahrzehnte lang an einer anderen Erklärung gearbeitet. Ob Menschen glauben, hängt danach weniger davon ab, wie modern sie sind, als davon, ob religiöse Gemeinschaften frei um sie werben dürfen. Ein Freiheitsdenker im politischen Sinn war Stark nicht, und eine Staatstheorie hat er nie geschrieben. Aber kaum ein Soziologe seiner Generation hat so beharrlich untersucht, was geschieht, wenn der Staat sich aus Glaubensfragen heraushält, und so entschieden nach den mittelalterlichen Wurzeln der europäischen Freiheit gesucht.
Steckbrief
- Lebensdaten: geboren am 8. Juli 1934 in Jamestown, North Dakota, gestorben am 21. Juli 2022 in Woodway, Texas
- Wirken: Zeitungsreporter, 32 Jahre Professor für Soziologie und vergleichende Religionswissenschaft an der University of Washington, ab 2004 an der Baylor University, zuletzt Distinguished Professor of the Social Sciences
- Hauptwerke: The Churching of America (1992, mit Roger Finke), The Rise of Christianity (1996), Acts of Faith (2000, mit Roger Finke), For the Glory of God (2003), The Victory of Reason (2005), How the West Won (2014)
- In einem Satz: Er übertrug den Gedanken des Wettbewerbs auf die Religion und las die Geschichte Europas als Geschichte begrenzter Macht.
Vom Lokalreporter zum Religionsforscher
Stark wuchs in einer lutherischen Familie in North Dakota auf, studierte Journalismus an der University of Denver und arbeitete von 1959 bis 1961 als Reporter beim Oakland Tribune. Dort schrieb er unter anderem über religiöse Kulte und Sekten. In Berkeley begann er ein Studium der Soziologie, forschte dort mit Charles Glock über christliche Glaubensinhalte und Antisemitismus und wurde 1971 promoviert.
Gemeinsam mit John Lofland untersuchte er Anfang der 1960er Jahre in San Francisco, wie Menschen zu einer neuen religiösen Bewegung finden. Das Ergebnis prägte seine weitere Arbeit: Menschen bekehren sich, wenn ihre Bindungen an Mitglieder der Gruppe stärker werden als die an Außenstehende, und weit weniger durch Werbung.
Über drei Jahrzehnte lehrte Stark in Seattle, bevor er 2004 an die Baylor University in Texas wechselte und dort das Institute for Studies of Religion mitleitete. Er schrieb mehr als 30 Bücher und mehr als 140 Fachaufsätze, seine Arbeiten erschienen in 18 Sprachen. Lange beschrieb er sich als Agnostiker, 2007 nannte er sich einen „unabhängigen Christen“. Seine Arbeitsweise beschrieb er mit den Worten „a dedicated, even reckless eclectic“, ein hingebungsvoller, ja rücksichtsloser Eklektiker.
Wenn Kirchen um ihre Gläubigen werben müssen
Mit William Sims Bainbridge und später mit Roger Finke entwickelte Stark das, was heute Religionsökonomie oder Theorie der religiösen Märkte heißt. Ihr Ausgangspunkt ist ein Menschenbild, das Ökonomen vertraut ist: Menschen wägen auch in Glaubensdingen Kosten und Nutzen ab, und sie tun es in Beziehungen zu anderen. Wer annehme, dass Menschen in religiösen Fragen vernünftig wählen, verstehe die Welt viel besser, sagte Stark einmal sinngemäß.
Daraus folgt eine Aussage über den Staat. Wo viele Gemeinschaften frei um Anhänger werben, müssen sie sich um ihre Mitglieder bemühen. Wo eine Kirche vom Staat privilegiert und versorgt wird, fehlt ihr dieser Antrieb. In The Churching of America errechneten Finke und Stark 1992, dass am Vorabend der Amerikanischen Revolution nur etwa 17 Prozent der Amerikaner einer Kirche angehörten, um 1850 etwa 34 und 1980 etwa 62 Prozent. Mit der Religionsfreiheit der jungen Republik begann ein lebhafter Wettbewerb um die Gläubigen, in dem die alten, etablierten Kirchen hinter neuen und eifrigen Gemeinschaften zurückfielen. Die Autoren fassten es in einen Satz: Je weniger eine religiöse Ökonomie reguliert ist, desto stärker gedeiht die Vielfalt.
Den Gedanken hatte schon Adam Smith im Wohlstand der Nationen vorbereitet. Geistliche, die von den freiwilligen Gaben ihrer Hörer leben, und solche, die aus Pfründen, Zehnten oder einem festen Gehalt versorgt werden, unterschied er scharf: „Their exertion, their zeal and industry, are likely to be much greater in the former situation than in the latter“ (Buch V, Kapitel 1; deutsch sinngemäß: Ihr Einsatz, ihr Eifer und ihr Fleiß dürften im ersten Fall viel größer sein als im zweiten). Der Ökonom Laurence Iannaccone hat diese Linie von Smith zur modernen Religionsökonomie 1991 ausdrücklich nachgezeichnet. Mit ihm erklärte Stark 1994 auch die schwache Kirchlichkeit Europas mit trägen Organisationen in stark regulierten religiösen Märkten statt mit einem Erlöschen des religiösen Bedürfnisses. Ob Vielfalt tatsächlich mehr Beteiligung bringt, ist bis heute umstritten; der britische Soziologe Steve Bruce etwa hielt daran fest, dass die Industrialisierung den Westen säkularisiert habe.
Wie eine kleine Bewegung das Römische Reich gewann
Eines seiner bekanntesten Bücher wandte das Modell auf die Antike an. In The Rise of Christianity fragte Stark 1996, wie aus einer kleinen Gruppe von Anhängern Jesu in drei Jahrhunderten die Religion des Römischen Reiches werden konnte. Seine Antwort setzte keine Massenbekehrungen voraus. Eine Wachstumsrate von etwa 40 Prozent pro Jahrzehnt, wie sie im 20. Jahrhundert auch die Mormonen erreichten, hätte genügt, um von rund tausend Christen um das Jahr 40 auf rund sechs Millionen um das Jahr 300 zu kommen.
Die Gründe suchte er im Alltag. Als in den Jahren 165 und 251 große Seuchen das Reich heimsuchten, pflegten Christen ihre Kranken, während viele Heiden die ihren verließen, und so überlebten mehr Christen. Weil Christen Abtreibung und Kindstötung ablehnten, hatten ihre Gemeinden mehr Frauen und mehr Kinder. Seine Zahlen sind eine Modellrechnung, deren Ausgangswert Fachleute für das frühe Christentum für unsicher halten, die Grundidee aber, dass ein Glaube sich über Netze von Freunden und Verwandten ausbreitet, hat viele Forscher angeregt.
Das Mittelalter als Werkstatt der Freiheit
Später wandte Stark sich der Frage zu, warum Wissenschaft, Kapitalismus und politische Freiheit gerade in Europa entstanden. In For the Glory of God vertrat er 2003 die These, dass das christliche Bild eines vernünftigen Schöpfers die Erforschung der Natur beflügelt habe. Die Wissenschaft des 16. Jahrhunderts erschien ihm als allmähliche Fortsetzung der mittelalterlichen Theologie und nicht als Bruch mit ihr. Bemerkenswert ist, dass er die Schattenseite gleich mitbehandelte: Dasselbe Gottesbild habe die europäischen Hexenverfolgungen angetrieben und zugleich Christen dazu gebracht, die Sklaverei als Gräuel zu verurteilen.
In The Victory of Reason führte er 2005 den Gedanken weiter und widersprach Max Weber, der den Geist des Kapitalismus aus der protestantischen Ethik abgeleitet hatte. Weber habe recht, dass Religion die Wirtschaft prägte, aber Orte, Zeiten und Konfessionen verwechselt. Die wichtigsten Einrichtungen des Kapitalismus hätten lange vor der Reformation bestanden: auf den großen Klostergütern, wo im 12. Jahrhundert fast jedes der 742 Zisterzienserklöster eigene Werkstätten betrieb, und in den Stadtrepubliken Norditaliens wie Venedig, Genua und Florenz.
Für Freiheitsfreunde ist der zweite Teil des Arguments der wichtigere. Kapitalismus gedieh nach Stark nur dort, wo Herrscher den Menschen die Früchte ihrer Arbeit nicht nach Belieben nehmen konnten. Als Gegenbeispiele dienten ihm das China des 11. Jahrhunderts, dessen Hof ein Eisenmonopol verhängte und die Betriebe an sich riss, sowie die Despotien Spaniens und Frankreichs, denen er ein eigenes Kapitel widmete.
Gerade dieses Buch stieß auf scharfen Widerspruch. Selbst wohlgesonnene Rezensenten wie Thomas E. Woods und Robert Royal, die die Korrektur alter Vorurteile über das Mittelalter begrüßten, fanden, Stark überziehe seinen Fall und lasse die Religion zu viel erklären.
Späte Bücher gegen alte Bilder
Im letzten Abschnitt seines Schaffens schrieb Stark zunehmend gegen verbreitete Geschichtsbilder an. God’s Battalions verteidigte 2009 die Kreuzzüge als Antwort auf muslimische Expansion, eine Deutung, die ihm unter Historikern viel Kritik einbrachte. How the West Won fasste 2014 seine These zusammen, dass die Moderne aus vernünftigen Wirtschaftsordnungen, politischen Freiheiten und wissenschaftlichem Wissen hervorging, und bestritt, dass Europa durch seine Kolonien reich geworden sei. In Bearing False Witness prüfte er 2016 zehn Vorwürfe gegen die katholische Kirche, vom „finsteren Mittelalter“ bis zur Inquisition, die er nach den Maßstäben ihrer Zeit für vergleichsweise mild hielt.
Stark war ein streitbarer Mensch. Kollegen beschrieben ihn als großzügig und loyal, manche empfanden seinen konfrontativen Stil aber als verletzend. Ein Forscher des Pew Research Center sagte nach seinem Tod, Tausende Artikel und Bücher hätten versucht, auf Starks kühnen Thesen aufzubauen oder sie anzufechten.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft das Verhältnis von Staat und Glauben. Wer möchte, dass Religion lebendig bleibt, tut ihr mit staatlicher Versorgung keinen Gefallen. Starks Daten aus Amerika und seine Deutung Europas sprechen dafür, dass Religionsfreiheit neben den Andersgläubigen auch die Gemeinschaften selbst schützt, weil sie sie wach hält. Für Leser in Deutschland, wo der Staat für die großen Kirchen die Kirchensteuer einzieht, ist das ein nachdenkenswerter Befund.
Die zweite Lehre betrifft die Geschichte. Stark erinnert daran, dass Märkte, Kreditwesen und städtische Selbstverwaltung in Europa älter sind als der moderne Staat und dort am besten gediehen, wo Macht geteilt und Eigentum geschützt war. Dafür muss man seine These über die Rolle des Christentums nicht in jedem Punkt teilen.
Schließlich zeigt sein Werdegang, dass man dem Konsens eines Fachs mit Zahlen widersprechen kann. Stark tat das laut und manchmal zu laut, aber er zwang seine Gegner, ihre Annahmen zu prüfen.
Wo die Freiheit Wurzeln schlug
Rodney Stark hat keine Philosophie der Freiheit hinterlassen, und wer ihn zum Libertären erklären wollte, täte ihm Unrecht. Sein Beitrag liegt anderswo: Er hat die alte Einsicht Adam Smiths, dass Wettbewerb auch Geistliche fleißig macht, mit modernen Daten geprüft, und er hat die Geschichte Europas als Geschichte von Menschen erzählt, die ihr Eigentum, ihre Städte und ihren Glauben gegen den Zugriff der Mächtigen verteidigten. Manche seiner Bögen waren zu weit gespannt. Die Frage, die er hinterlassen hat, bleibt trotzdem bestehen: wie viel von Europas Freiheit und Wohlstand wirklich dem modernen Staat zu verdanken ist, wenn beide älter sind als er.
Zum Weiterlesen
- Roger Finke und Rodney Stark: The Churching of America, 1776–2005. Winners and Losers in Our Religious Economy, Rutgers University Press, New Brunswick 2005
- Rodney Stark: The Rise of Christianity, Princeton University Press, Princeton 1996
- Rodney Stark: The Victory of Reason. How Christianity Led to Freedom, Capitalism, and Western Success, Random House, New York 2005
- Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, Buch V, Kapitel 1 (über die Besoldung der Geistlichen)
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Stark, Rodney; Glock, Charles Y.: Christian Beliefs and Anti-Semitism, 1966.
- Stark, Rodney; Bainbridge, William Sims: The Future of Religion. Secularization, Revival, and Cult Formation, University of California Press, Berkeley 1985.
- Finke, Roger; Stark, Rodney: The Churching of America, 1776–1990. Winners and Losers in Our Religious Economy, Rutgers University Press, New Brunswick 1992 (erweitert: 1776–2005, 2005).
- Stark, Rodney; Iannaccone, Laurence R.: „A Supply-Side Reinterpretation of the ‚Secularization‘ of Europe“, in: Journal for the Scientific Study of Religion 33 (3), 1994, S. 230–252.
- Stark, Rodney: The Rise of Christianity, Princeton University Press, Princeton 1996.
- Stark, Rodney: „Secularization, R.I.P.“, in: Sociology of Religion 60 (3), 1999, S. 249–273.
- Stark, Rodney; Finke, Roger: Acts of Faith. Explaining the Human Side of Religion, University of California Press, Berkeley 2000.
- Stark, Rodney: For the Glory of God. How Monotheism Led to Reformations, Science, Witch-Hunts, and the End of Slavery, Princeton University Press, Princeton 2003.
- Stark, Rodney: The Victory of Reason. How Christianity Led to Freedom, Capitalism, and Western Success, Random House, New York 2005.
- Stark, Rodney: God’s Battalions. The Case for the Crusades, HarperOne, New York 2009.
- Stark, Rodney: How the West Won. The Neglected Story of the Triumph of Modernity, ISI Books, Wilmington 2014.
- Stark, Rodney: Bearing False Witness. Debunking Centuries of Anti-Catholic History, Templeton Press, West Conshohocken 2016.
- Smith, Adam: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, London 1776, Buch V, Kap. 1, Teil III, Art. 3; Project Gutenberg Nr. 3300, https://www.gutenberg.org/cache/epub/3300/pg3300.txt
- Christianity Today: Nachruf auf Rodney Stark, August 2022, https://www.christianitytoday.com/2022/08/obit-rodney-stark-sociology-religion-rational-choice
- University of Washington, Department of Sociology: „Rodney Stark: A Reckless Eclectic Remembered“, 23.08.2022, https://soc.washington.edu/news/2022/08/23/rodney-stark-reckless-eclectic-remembered
- University of Washington Magazine: „UW professor hailed for his ‚masterpiece of historical sociology‘“, 01.12.1998, https://magazine.washington.edu/uw-professor-hailed-for-his-masterpiece-of-historical-sociology/
- Wikipedia (en): Rodney Stark, https://en.wikipedia.org/wiki/Rodney_Stark (Einstieg, Lebensdaten, Werkliste)
- Ingersoll, Julie: Rezension The Churching of America, Acton Institute, Religion & Liberty 4 (6), https://acton.org/pub/religion-liberty/volume-4-number-6/churching-america
- Princeton University Press: For the Glory of God, Verlagsseite, https://press.princeton.edu/books/paperback/9780691119502/for-the-glory-of-god
- Penguin Random House: The Victory of Reason, Verlagsseite, https://www.penguin.com.au/books/the-victory-of-reason-9781588365002
- Woods, Thomas E. Jr.: Rezension The Victory of Reason, in: The Independent Review, Frühjahr 2007, https://independent.org/PUBLICATIONS/TIR/article.asp?a=637
- Royal, Robert: Rezension The Victory of Reason, in: Claremont Review of Books VI (4), Herbst 2006, https://claremontreviewofbooks.com/?p=8735
- Wolfe, Alan: „The Reason for Everything“, in: The New Republic, 16.01.2006, https://newrepublic.com/article/65229/the-reason-everything
- Callahan, Gene: Rezension Bearing False Witness, Russell Kirk Center, https://kirkcenter.org/reviews/nobody-expects-the-spanish-inquisition-to-be-explained-fairly/
- Bruce, Steve: Choice and Religion. A Critique of Rational Choice Theory, Oxford University Press, Oxford 1999.
- Iannaccone, Laurence R.: „The Consequences of Religious Market Regulation: Adam Smith and the Economics of Religion“, in: Rationality and Society 3, 1991.
Beitragsbild: Rodney Stark (KI-Illustration)


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