Im Juli 1841 ließ Premierminister Lord Melbourne einer kranken Schriftstellerin eine staatliche Pension von 150 Pfund im Jahr anbieten. Harriet Martineau lag seit mehr als einem Jahr krank in einem Logierhaus im nordenglischen Tynemouth, sie war in Geldnot und auf die Hilfe von Verwandten angewiesen. Trotzdem lehnte sie ab. Solange die Steuern so ungleich erhoben würden und das Parlament über die Vergabe von Pensionen nicht mitbestimme, nehme sie notfalls lieber Unterstützung von ihrer Gemeinde an, so gibt ihre Biografin Florence Fenwick Miller den Brief an den Minister wieder. Wer den Autoren helfen wolle, solle lieber für ein besseres Urheberrecht sorgen.
Hinter dieser Antwort stand ein zweiter Gedanke: Wer Geld von einer Regierung nimmt, fühlt sich ihr verpflichtet und gilt in der Öffentlichkeit als gebunden. Für eine Frau, die vom freien Urteil über Politik lebte, kam das nicht in Frage. Zwei Jahre später sammelten Freunde für sie 1.400 Pfund, und diese Hilfe nahm sie an.
Steckbrief
- Lebensdaten: 12. Juni 1802 in Norwich bis 27. Juni 1876 in Ambleside (Lake District)
- Wirken: Schriftstellerin, Journalistin und Reisende; Leitartiklerin der Londoner Daily News von 1852 bis 1866
- Hauptwerke: Illustrations of Political Economy (1832 bis 1834), Society in America (1837), How to Observe. Morals and Manners (1838), Autobiography (postum 1877)
- Anliegen: Freihandel, Abschaffung der Sklaverei, Rechte der Frauen, Grenzen staatlicher Bevormundung
- In einem Satz: Sie brachte die klassische politische Ökonomie zu Lesern, die nie ein Lehrbuch aufgeschlagen hätten.
Eine Familie ohne Vermögen
Martineau war das sechste von acht Kindern eines Textilfabrikanten in Norwich. Die Familie war hugenottischer Herkunft und gehörte den Unitariern an, einer kleinen protestantischen Glaubensgemeinschaft. Schon als Schülerin begann sie schwerhörig zu werden, und später verständigte sie sich mit einem Hörrohr. Nach dem Tod des Vaters 1826 verlobte sie sich mit einem Studienfreund ihres Bruders James, doch der junge Mann erkrankte schwer und starb wenige Monate später. Sie blieb ihr Leben lang unverheiratet.
1829 brach das Bankhaus zusammen, in dem das Familienvermögen lag, und die Familie stand mittellos da. Martineau zog daraus den Schluss, vom Schreiben zu leben, zunächst von Rezensionen für das Monthly Repository, die ihr 15 Pfund im Jahr einbrachten.
Adam Smith für jedermann
Im Vorwort zu ihrem ersten großen Projekt schrieb sie, die politische Ökonomie handle davon, wie die Dinge des täglichen Bedarfs am besten von allen erworben und genossen werden, und doch studiere die große Masse der Menschen sie kaum. Smiths Wohlstand der Nationen sei ein großartiges Buch, aber nicht dafür gemacht, die Wissenschaft dem ganzen Volk zu lehren. Ihre Antwort war eine Reihe von Erzählungen, in denen jeweils ein Lehrsatz an handelnden Figuren sichtbar wird, mit einer knappen Zusammenfassung der Grundsätze am Ende.
Der Verleger Charles Fox wagte im Februar 1832 eine Erstauflage von 1.500 Exemplaren. James Mill, der Vater von John Stuart Mill, hatte ihm abgeraten und gab seinen Irrtum später zu. Bis Februar 1834 erschienen 25 Nummern, gesammelt in neun Bänden, und der Absatz stieg auf rund zehntausend Exemplare, ein Vielfaches dessen, was gewöhnliche Romane erreichten. Manche Kritiker schrieben die Hefte sogar Lord Brougham zu.
Die Geschichten beginnen beim Einfachen. Life in the Wilds spielt in einer Siedlung im südlichen Afrika, deren Werkzeuge und Vorräte bei einem Überfall vernichtet worden sind; die Überlebenden entdecken neu, was Arbeitsteilung und Tausch leisten. In Brooke and Brooke Farm verkommt eine Gemeindeweide, weil sich niemand für sie verantwortlich fühlt, bis sie in Privateigentum übergeht und die bisherigen Nutzer entschädigt werden. Was Ökonomen später die Tragik der Allmende nannten, steht hier als Dorfgeschichte vor dem Leser.
Der Handel als gemeinsamer Gewinn
Im Schlussband, The Moral of Many Fables (1834), fasste Martineau ihre Lehre zusammen. Handel sei wertvoll, weil der regelmäßige Austausch die Arbeitsteilung erweitere und Kapital spare, zum Vorteil beider Seiten. Die alten Handelsverträge nannte sie ein Kinderspiel allseitiger Übervorteilung, und sie hoffte, man werde künftig seltener Nationen sehen, die sich selbst arm halten, damit ihre Nachbarn nicht reich werden (eigene Übersetzung).
Für den großen Basar der Anti-Corn Law League schrieb sie 1845 die Erzählung Dawn Island, deren Erlös der Bewegung gegen die Kornzölle zufloss. Ihre Biografin berichtet außerdem, sie habe durch Briefe geholfen, Robert Peel und Richard Cobden persönlich zu versöhnen.
Kein Mensch als Eigentum
In der Nummer Demerara von 1833 und noch einmal im Schlussband verband Martineau die Ökonomie mit einem moralischen Grundsatz. Eigentum beruhe auf Übereinkunft; da der Sklave einer solchen Übereinkunft nie zugestimmt habe, gelte: „man has no right to hold man in property“, kein Mensch hat das Recht, einen Menschen als Eigentum zu halten. Sklavenarbeit verschwende zudem Arbeit und Kapital und überlebe nur dank staatlicher Zölle auf den Zucker freier Konkurrenten, die die Briten zu Hause bezahlten. Freier Handel mit Zucker, so folgerte sie, würde die Sklaverei ganz verdrängen.
Wie ernst es ihr war, zeigte sich in Amerika, das sie von 1834 bis 1836 bereiste. Sie traf in Boston am Tag ein, an dem ein Pöbelhaufen im Oktober 1835 eine Versammlung der Frauen-Antisklavereigesellschaft sprengte und William Lloyd Garrison auf offener Straße beinahe umbrachte. Einen Monat später ging sie trotzdem zur nächsten Versammlung, wurde unerwartet um ein Wort gebeten und erklärte, wie der Bericht festhielt, mit großer Würde und Schlichtheit ihre volle Zustimmung zu den Grundsätzen der Gesellschaft. Die Folgen waren ernst: Zeitungen im Süden nannten sie eine ausländische Brandstifterin, und eine Reise den Ohio hinab sagte sie ab, nachdem man sie vor einem Plan gewarnt hatte, sie in Louisville aufzuhängen.
Während des amerikanischen Bürgerkriegs schrieb sie in den Daily News so beharrlich für die Sache der Union, dass der Politiker William Edward Forster meinte, sie allein halte die englische Presse in dieser Frage auf der richtigen Seite.
Die Zustimmung der Regierten
In Society in America (1837) nahm Martineau die Republik beim Wort. Das Kapitel über die politische Nichtexistenz der Frauen beginnt mit dem Grundsatz der Unabhängigkeitserklärung, dass Regierungen ihre gerechte Macht aus der Zustimmung der Regierten ableiten. Wie passe dazu, dass Regierungen Frauen besteuern, über ihr Vermögen bei der Heirat verfügen und sie bestrafen, ohne dass eine Frau je einem Gesetz zugestimmt habe? Der Fall sei so klar, schrieb sie, dass sie hier schließen könnte.
Was sie forderte, lebte sie vor: unverheiratet, wirtschaftlich unabhängig, mit einer eigenen öffentlichen Stimme. 1856 unterschrieb sie die von Barbara Leigh Smith organisierte Petition für ein Eigentumsrecht verheirateter Frauen. Im Alter wandte sie sich gegen die Contagious Diseases Acts, die Polizei und Ärzten in Hafen- und Garnisonsstädten erlaubten, Frauen zwangsweise untersuchen und festhalten zu lassen. 1869 schrieb sie dagegen in den Daily News, und zum Jahreswechsel 1869/70 stand ihr Name unter dem Protest von Frauen, den dieselbe Zeitung abdruckte.
Gesellschaft an ihren Einrichtungen erkennen
Aus der Amerikareise entstand auch ein kleines Methodenbuch, How to Observe. Morals and Manners (1838). Sein Kernsatz lautet, das große Geheimnis klugen Fragens sei, mit dem Studium der Dinge zu beginnen und die Aussagen von Personen nur als Kommentar dazu zu nutzen. Gemeint sind Einrichtungen und Zeugnisse wie Register, Bauwerke und Grabinschriften, in denen sich das Handeln vieler Menschen niederschlägt.
Im Kapitel über die Vorstellung von Freiheit heißt es, blinder Gehorsam gegenüber einer Macht, an deren Einsetzung die Untertanen keinen Anteil hatten, sei die feudale Gesinnung, gleichgültig, ob man ihn einem Gutsherrn leiste oder dem Herrscher des Landes, vertreten durch seine Polizei oder seine Soldaten (eigene Übersetzung).
Vorsicht vor gut gemeinten Gesetzen
Gegenüber staatlicher Lenkung blieb Martineau misstrauisch. 1855 schrieb sie einen Aufsatz gegen die, wie sie es nannte, einmischende Gesetzgebung in den Fabriken. Die Westminster Review lehnte ihn ab, weil er die Befürworter der Fabrikgesetze zu offen angriff, darunter Charles Dickens und seine Zeitschrift Household Words. Als Flugschrift erschien er unter dem Titel The Factory Controversy und beeinflusste die Beratung eines Gesetzentwurfs. Kurz darauf warnte sie in einem weiteren Aufsatz, man sei mit dem Versuch, persönliche Laster durch Gesetz zu verhindern, hinter die Grundsätze von 1688 zurückgefallen.
Nicht jede ihrer Parteinahmen hat sich so gut gehalten. Für Lord Brougham schrieb sie 1833 und 1834 Erzählungen zugunsten der Armengesetzreform, die eine zentrale Kommission und abschreckende Arbeitshäuser einführte, und in der Nummer Weal and Woe in Garveloch vertrat sie die Bevölkerungslehre von Malthus, was ihr heftige Angriffe eintrug. Die Armengesetzreform selbst geriet schon in den 1840er Jahren wegen der Zustände in manchen Arbeitshäusern in Verruf.
Ein Leben von der eigenen Feder
1845 kaufte sie Land in Ambleside im Lake District und baute nach eigenem Entwurf das Haus The Knoll, in dem sie dreißig Jahre lebte. Sie übersetzte und kürzte die sechs Bände von Auguste Comtes Cours de philosophie positive auf zwei so klare Bände, dass Comte seinen Schülern ihre Fassung statt seines Originals empfahl. Für die Daily News schrieb sie von 1852 bis 1866 mehr als 1.600 Leitartikel. 1873 bot ihr Gladstone eine Pension an, und sie lehnte auch diese ab, aus den alten Gründen und weil sie Königin und Premierminister nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, eine Ungläubige zu begünstigen. Sie starb am 27. Juni 1876 in ihrem Haus in Ambleside.
Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können
Martineau hat gezeigt, dass gute Argumente Erzähler brauchen. Die Gründe für Arbeitsteilung, Freihandel und sicheres Eigentum standen längst bei Adam Smith, aber erst Geschichten über Siedler, Bauern und Plantagenarbeiter machten sie für ein breites Publikum lebendig. Wer heute für Freiheit wirbt, findet bei ihr ein Vorbild in konkreten Menschen und konkreten Folgen.
Sie zeigt außerdem, wie eng wirtschaftliche und persönliche Freiheit zusammenhängen. Dasselbe Prinzip, das den freien Tausch rechtfertigt, verbietet es, einen Menschen als Eigentum zu halten, und dieselbe Forderung nach Zustimmung der Regierten, die Amerika gegen den König erhob, galt für sie auch für die Frauen. Die Ökonomen David Levy und Sandra Peart sehen in ihr deshalb eine der großen Fürsprecherinnen jener natürlichen Gleichheit, auf der der klassische Liberalismus ruht: Es gibt keine von Natur aus überlegenen Menschen, die über die übrigen bestimmen dürften.
Und schließlich ist da ihr Leben selbst. Eine fast taube Frau ohne Vermögen und ohne Ehemann wurde im England des 19. Jahrhunderts zu einer der meistgelesenen Publizistinnen ihres Landes, und sie bewahrte ihre Unabhängigkeit, indem sie mehrfach eine Staatspension ausschlug, einmal mitten in eigener Geldnot. Wer heute eine ihrer kurzen Erzählungen liest, versteht schnell, warum so viele Leser auf die nächste Nummer warteten.
Zum Weiterlesen
- Harriet Martineau: Illustrations of Political Economy, 9 Bände, Charles Fox, London 1832 bis 1834 (bei Project Gutenberg frei verfügbar)
- Harriet Martineau: Society in America, Saunders and Otley, London 1837
- David M. Levy und Sandra J. Peart: „Harriet Martineau“, in: The Essential Women of Liberty, Fraser Institute, Vancouver 2023
- Florence Fenwick Miller: Harriet Martineau, Roberts Brothers, Boston 1887 (erstmals 1884)
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Martineau, Harriet: Illustrations of Political Economy, 9 Bde., Charles Fox, London 1832–1834; darin u. a. Life in the Wilds, Brooke and Brooke Farm, Demerara, Weal and Woe in Garveloch und The Moral of Many Fables (Bd. IX, 1834), https://www.gutenberg.org/ebooks/76102
- Martineau, Harriet: Poor Laws and Paupers Illustrated, Charles Fox, London 1833–1834.
- Martineau, Harriet: Society in America, 2 Bde., Saunders and Otley, New York/London 1837, https://www.gutenberg.org/ebooks/52621 und https://www.gutenberg.org/ebooks/52685
- Martineau, Harriet: How to Observe. Morals and Manners, Charles Knight, London 1838, https://www.gutenberg.org/ebooks/33944
- Martineau, Harriet: Dawn Island. A Tale, 1845 (für den Basar der Anti-Corn Law League).
- Martineau, Harriet (Übers.): The Positive Philosophy of Auguste Comte, 2 Bde., John Chapman, London 1853.
- Martineau, Harriet: The Factory Controversy. A Warning against Meddling Legislation, 1855 (laut Birminghamer Archivkatalog herausgegeben von der National Association of Factory Occupiers).
- Martineau, Harriet: Autobiography, mit Memorials von Maria Weston Chapman, Smith, Elder & Co., London 1877.
- Stephen, Leslie: „Martineau, Harriet“, in: Dictionary of National Biography, Bd. 36, London 1893, https://en.wikisource.org/wiki/Dictionary_of_National_Biography,_1885-1900/Martineau,_Harriet
- Fenwick Miller, Florence: Harriet Martineau (Eminent Women Series), Roberts Brothers, Boston 1887 (Copyright 1884), https://www.gutenberg.org/ebooks/36965
- Levy, David M.; Peart, Sandra J.: „Harriet Martineau (1802–1876)“, in: The Essential Women of Liberty, Fraser Institute, Vancouver 2023, S. 17–29, https://www.essentialscholars.org/sites/default/files/2023-01/essential-women-of-liberty-ch2-harriet-martineau.pdf
- Logan, Deborah Anna: The Hour and the Woman. Harriet Martineau’s „Somewhat Remarkable“ Life, Northern Illinois University Press, DeKalb 2002.
- Hill, Michael R.; Hoecker-Drysdale, Susan (Hrsg.): Harriet Martineau. Theoretical and Methodological Perspectives, Routledge, New York 2001.
- Reading Garrison’s Letters: „Harriet Martineau, and Moses Brown“ (Brief W. L. Garrisons vom 27.11.1835), https://www.readinggarrisonsletters.com/?p=63
- Dickens Journals Online: Harriet Martineau (Autorenseite) und „Our Wicked Mis-statements“ (Household Words, 1856), https://djo.org.uk/indexes/authors/harriet-martineau.html
- Wikipedia (en): Harriet Martineau, https://en.wikipedia.org/wiki/Harriet_Martineau (Abgleich Lebensdaten, Petition 1856, Auflagenzahlen)
- Wikipedia (en): Poor Law Amendment Act 1834, https://en.wikipedia.org/wiki/Poor_Law_Amendment_Act_1834
- Wikipedia (en): Ladies National Association for the Repeal of the Contagious Diseases Acts, https://en.wikipedia.org/wiki/Ladies_National_Association_for_the_Repeal_of_the_Contagious_Diseases_Acts
- Spartacus Educational: Harriet Martineau, https://spartacus-educational.com/Wmartineau.htm
Beitragsbild: Harriet Martineau (KI-Illustration)

