Am 3. Oktober 1810 schrieb der französische Polizeiminister Savary einer Schriftstellerin, die sich fern von Paris auf dem Land aufhielt, um den Druck ihres neuen Buches zu überwachen. „Ihr letztes Werk ist nicht französisch“, hieß es in dem Brief, und weiter, es scheine ihm, dass ihr die Luft dieses Landes nicht bekomme (eigene Übersetzung). Gendarmen beschlagnahmten die ganze erste Auflage von zehntausend Exemplaren und ließen sie zu Papierbrei verarbeiten. Die Verfasserin sollte Frankreich binnen vierundzwanzig Stunden verlassen und erhielt auf ihre Bitte hin etwa eine Woche.
Das Buch hieß De l’Allemagne, Über Deutschland, und es beschrieb Dichtung, Philosophie und Religion jenseits des Rheins. Was die Polizei daran störte, sagt Savarys Brief selbst: Frankreich sei noch nicht so weit, seine Vorbilder bei den Völkern zu suchen, die sie bewundere. Ein Buch, das einen anderen Geist lobte als den des Kaiserreichs, galt schon als Angriff. Germaine de Staël hat den Brief drei Jahre später im Vorwort der Londoner Ausgabe abdrucken lassen und so öffentlich gemacht.
Steckbrief
- Lebensdaten: 22. April 1766 in Paris bis 14. Juli 1817 in Paris
- Herkunft: Tochter des Genfer Bankiers und französischen Finanzministers Jacques Necker und der Salonnière Suzanne Curchod
- Wirken: Schriftstellerin, politische Denkerin, Mittelpunkt des Kreises von Coppet am Genfersee
- Hauptwerke: De la littérature (1800), Delphine (1802), Corinne ou l’Italie (1807), De l’Allemagne (1810 vernichtet, London 1813), Considérations sur les principaux événements de la Révolution française (1818), Dix années d’exil (1821)
- In einem Satz: Sie verteidigte Verfassung und freies Wort gegen den Terror wie gegen den Kaiser und bezahlte dafür mit mehr als zehn Jahren Verbannung.
Aufgewachsen zwischen Büchern und Gesprächen
Anne-Louise-Germaine Necker wuchs in einem Haus auf, in dem die Gelehrten und Schriftsteller von Paris verkehrten. Ihre Mutter Suzanne Curchod führte einen bekannten Salon, ihr Vater Jacques Necker war ein reicher Bankier aus Genf. Im Juni 1777 übernahm er als Generaldirektor die französischen Finanzen; weil er Protestant war, durfte er den Titel des Generalkontrolleurs nicht tragen. Am 11. Juli 1789, drei Tage vor dem Sturm auf die Bastille, entließ ihn der König, kurz darauf wurde er zurückgerufen.
Im Januar 1786, mit neunzehn Jahren, heiratete die Tochter den schwedischen Gesandten Erik Magnus von Staël-Holstein, der rund siebzehn Jahre älter war. Die Ehe machte sie zur Baronin. 1788 veröffentlichte sie Briefe über die Werke und den Charakter Jean-Jacques Rousseaus, und von da an schrieb sie unablässig: Essays, Erzählungen, Romane und politische Schriften.
Zwischen Terror und Kaiser
Die Revolution von 1789 begrüßte sie in der Hoffnung auf eine Verfassung, die Rechte schützt und die Macht begrenzt. Als im September 1792 die Gewalt in Paris eskalierte, floh sie in die Schweiz. Dort lernte sie 1794 Benjamin Constant kennen, mit dem sie für viele Jahre politisch und persönlich verbunden blieb. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft kehrte sie nach Paris zurück und machte ihren Salon wieder zu einem Ort, an dem über die Zukunft der Republik gestritten wurde.
Napoleon Bonaparte, der 1799 die Macht übernahm, duldete diese Form öffentlicher Meinung nicht lange. Im Oktober 1803 verbannte er Madame de Staël aus der Umgebung von Paris. Sie verbrachte die folgenden Jahre ihres Exils überwiegend in Coppet, dem Schloss ihres Vaters am Genfersee. Der Bann reichte bis zum Sturz des Kaisers 1814, und sie hat über diese Zeit ein eigenes Buch geschrieben, die erst nach ihrem Tod erschienenen Zehn Jahre Verbannung.
Ein Hof ohne Krone
Aus dem Ort der Verbannung wurde eines der lebendigsten geistigen Zentren Europas. In Coppet versammelten sich neben Constant der Genfer Historiker und Ökonom Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi, der Schriftsteller Amable de Barante, der Berner Karl Viktor von Bonstetten und der deutsche Übersetzer und Kritiker August Wilhelm Schlegel. Die Forschung spricht vom Kreis von Coppet, einem lockeren und oft reisenden Netzwerk, dessen fester Kern Staël, Constant und Sismondi bildeten. Man stritt über Verfassungen, Religion, Geschichte und Literatur, und man tat es in mehreren Sprachen.
Madame de Staël war selbst ständig unterwegs. Zwischen Dezember 1803 und April 1804 reiste sie durch Deutschland. In Weimar traf sie Goethe und Schiller, der seine Eindrücke von ihr in einem Brief vom 21. Dezember 1803 festhielt. In Berlin gewann sie Schlegel als Erzieher ihrer Kinder, und im Herbst 1804 brach sie mit ihm nach Italien auf. Aus dieser Reise ging der Roman Corinne ou l’Italie (1807) hervor, die Geschichte einer gefeierten Dichterin in Rom.
Als die Überwachung unerträglich wurde, verließ sie Coppet am 23. Mai 1812 heimlich. Weil ihr die französischen Häfen versperrt waren, nahm sie den weiten Weg über Wien und Polen nach Russland, reiste über Kiew, Moskau und Sankt Petersburg weiter und gelangte über Stockholm 1813 nach London. Dort erschien im selben Jahr endlich De l’Allemagne.
Die Freiheit ist das Alte
Ihr politisches Vermächtnis ist das Buch, an dem sie bis zuletzt arbeitete: die Betrachtungen über die wichtigsten Ereignisse der Französischen Revolution, die 1818, ein Jahr nach ihrem Tod, erschienen. Gleich im zweiten Kapitel des ersten Teils stellt sie eine These auf, die sich an die Verteidiger der alten Vorrechte richtet: „Man muss allen Anhängern der Rechte, die auf der Vergangenheit beruhen, immer wieder sagen, dass die Freiheit das Alte ist und der Despotismus das Moderne“ (Teil I, Kapitel II, eigene Übersetzung).
Sie begründet das historisch. In den mittelalterlichen Staaten Europas sei die Macht der Könige begrenzt gewesen, und über Jahrhunderte hätten die Franzosen ebenso wie die Engländer um die „gesetzliche Freiheit“ gerungen, „die allein einer Nation Ruhe, Wetteifer und Wohlstand schenken kann“ (ebenda). Der Absolutismus erscheint in dieser Deutung als Bruch mit einer älteren europäischen Tradition begrenzter Herrschaft. Wer die Freiheit verteidigt, muss sich deshalb nicht als Umstürzler fühlen, er knüpft an etwas an, das älter ist als die Allmacht der Krone.
Für die Zukunft setzte sie ihre Hoffnung auf eine Verfassung, die Rechte garantiert und die Regierung an Gesetze bindet. Ihr Vorbild war England. Im sechsten Teil der Betrachtungen widmet sie der englischen Geschichte, dem Wohlstand und der „Freiheit und dem Gemeinsinn bei den Engländern“ mehrere Kapitel; sie beschreibt dort ausführlich die Rechte, die ein Angeklagter vor einem Geschworenengericht genießt, und lobt die Pressefreiheit, weil sie den öffentlichen Geist wachsen lasse. Die Liberty-Fund-Ausgabe der Betrachtungen, 2008 von dem Politikwissenschaftler Aurelian Craiutu herausgegeben, hat dieses Werk in der englischsprachigen Welt wieder zugänglich gemacht.
Freie Institutionen, freie Literatur
Schon 1800 hatte sie in De la littérature einen Zusammenhang untersucht, den schon der vollständige Titel benennt: Die Literatur wird „in ihren Beziehungen zu den gesellschaftlichen Institutionen“ betrachtet. Religion, Sitten und Gesetze prägen, was eine Gesellschaft schreibt und liest, und eine freie Ordnung bringt eine andere Literatur hervor als eine Despotie. Die Routledge Encyclopedia of Philosophy hebt hervor, dass sie damit eine Geschichtsphilosophie verband, die auf die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen setzte.
Ein Kapitel dieses Buches widmete sie den Frauen, die schreiben, und den Widerständen, denen sie begegnen. Sie wünschte sich Gesetzgeber, die sich um die Bildung der Frauen kümmern. Bereits 1796 hatte sie in ihrer Schrift über den Einfluss der Leidenschaften sinngemäß festgehalten, Natur und Gesellschaft hätten die eine Hälfte der Menschheit benachteiligt. Sie selbst hat als Frau ihr Leben lang öffentlich geurteilt, in Büchern wie im Salon.
Gegen den Handel mit Menschen
Ihre Freiheitsliebe endete nicht an den Grenzen Europas. Die Erzählung Mirza, um 1786 entstanden und 1795 gedruckt, spielt im Senegal und erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Sklavenhandels. Ihre Hauptfiguren stammen aus zwei verfeindeten Völkern Senegambiens, und die Forschung liest die Erzählung als Versuch, die Leser für die Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei zu gewinnen. Auch die Histoire de Pauline, die in der Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, beginnt, gehört in diesen Zusammenhang.
In London lernte sie William Wilberforce kennen, den Vorkämpfer der britischen Abolitionsbewegung. 1814, als die Monarchen nach dem Sieg über Napoleon in Paris versammelt waren, wandte sie sich mit einem Appel aux souverains, einem Aufruf an die Herrscher, an die Unterzeichner des Pariser Friedens. Die Abschaffung des Sklavenhandels, so ihr Gedanke, könne das Denkmal dieser Herrscher werden. Außerdem schrieb sie ein Vorwort zu einer französischen Übersetzung einer Schrift von Wilberforce. Darin hält sie sinngemäß jenen entgegen, die ihre Missbräuche zum Schlussstein der gesellschaftlichen Ordnung erklären, es sei nur der Schlussstein ihrer eigenen Vorteile. Ihr Sohn Auguste de Staël setzte dieses Engagement fort und kämpfte bis zu seinem Tod 1827 für die Abschaffung der Sklaverei.
Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können
Die erste Lehre betrifft die Unabhängigkeit. Madame de Staël besaß kein Amt, keine Partei und keine Truppen. Sie hatte einen Namen, ein Vermögen, Freunde und ihre Feder, und mit diesen Mitteln blieb sie für einen Herrscher auf dem Gipfel seiner Macht ein Ärgernis, das er nicht zum Schweigen bringen konnte. Wer heute über Meinungsfreiheit nachdenkt, findet bei ihr ein Beispiel dafür, was ein einzelner Mensch ausrichten kann, der sich sein Urteil nicht nehmen lässt.
Ebenso aktuell ist ihre historische These. Dass Freiheit das Ursprüngliche und die Zentralgewalt das Spätere ist, verschiebt die Beweislast: Wer Macht ausdehnen will, muss sich rechtfertigen, und wer an begrenzte Herrschaft erinnert, verteidigt ein Erbe. Ein verwandter Gedanke trägt Alexis de Tocquevilles Buch über das Ancien Régime von 1856, das zeigt, wie die französische Monarchie die alten Freiheiten der Provinzen und Städte aushöhlte.
Schließlich zeigt der Kreis von Coppet, wie Ideen wachsen. Freiheitliches Denken entstand dort im Gespräch über Länder- und Sprachgrenzen hinweg, zwischen Menschen, die einander widersprachen, lasen und förderten. Benjamin Constant, der bekannteste Liberale dieses Kreises, gehörte über Jahre zu seinem festen Kern.
Eine Stimme, die blieb
Napoleon konnte eine Auflage einstampfen, eine Frau aus Paris verbannen und ihre Freunde überwachen lassen. Das Buch erschien trotzdem in London, und mit ihm der Brief seines Polizeiministers als Beleg dafür, wie ein Regime Bücher behandelt, deren Geist ihm fremd ist. Madame de Staël starb am 14. Juli 1817, dem Jahrestag des Bastillesturms, in Paris. Ihr Werk lädt Sie zu einer Frage ein, die sich jede Generation neu stellen muss: Wie viel Unabhängigkeit des Urteils ist man bereit zu verteidigen, wenn die Macht es lieber hätte, dass man schweigt?
Zum Weiterlesen
- Germaine de Staël: Considerations on the Principal Events of the French Revolution, hrsg. von Aurelian Craiutu, Liberty Fund, Indianapolis 2008
- Germaine de Staël: Über Deutschland, Insel, Frankfurt am Main 1985
- Biancamaria Fontana: Germaine de Staël. A Political Portrait, Princeton University Press, Princeton 2016
- Aurelian Craiutu: A Virtue for Courageous Minds. Moderation in French Political Thought, 1748–1830, Princeton University Press, Princeton 2012
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Staël, Germaine de: Lettres sur les ouvrages et le caractère de J.-J. Rousseau, Paris 1788.
- Staël, Germaine de: Mirza, Histoire de Pauline, in: Recueil de morceaux détachés, Lausanne/Paris 1795.
- Staël, Germaine de: De l’influence des passions sur le bonheur des individus et des nations, Lausanne 1796.
- Staël, Germaine de: De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales, Maradan, Paris 1800.
- Staël, Germaine de: Corinne ou l’Italie, Paris 1807.
- Staël, Germaine de: De l’Allemagne, John Murray, London 1813 (mit der Préface vom 1. Oktober 1813 und Savarys Brief vom 3. Oktober 1810), Project Gutenberg Nr. 66924, https://gutenberg.org/cache/epub/66924/pg66924-images.html; deutsch: Über Deutschland, Insel, Frankfurt am Main 1985.
- Staël, Germaine de: Appel aux souverains réunis à Paris pour en obtenir l’abolition de la traite des nègres, London 1814, https://ebooks.mpdl.mpg.de/ebooks/Record/EB000973264
- Staël, Germaine de: Considérations sur les principaux événements de la Révolution française, Delaunay, Paris 1818; Teil I, Kap. II und Teil VI, Kap. II bis VII nach Wikisource, https://fr.wikisource.org/wiki/Considérations_sur_…_la_Révolution_Française/Première_partie/II; englisch: Considerations on the Principal Events of the French Revolution, hrsg. von Aurelian Craiutu, Liberty Fund, Indianapolis 2008.
- Staël, Germaine de: Dix années d’exil, hrsg. von Auguste de Staël, Paris 1821.
- Encyclopaedia Britannica: Germaine de Staël, https://www.britannica.com/biography/Germaine-de-Stael (mit Abschnitt „Banishment from Paris“)
- Musée protestant: Germaine de Staël (1766-1817), https://museeprotestant.org/en/notice/germaine-de-stael-1766-1817-2/
- Encyclopedia.com: Staël, Germaine de, https://www.encyclopedia.com/social-sciences/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/stael-germaine-de-introduction
- Leopold, David: Staël-Holstein, Anne-Louise-Germaine, Mme de, in: Routledge Encyclopedia of Philosophy, https://www.rep.routledge.com/articles/biographical/stael-holstein-anne-louise-germaine-mme-de-1766-1817/v-1
- Historisches Lexikon der Schweiz: Groupe de Coppet, https://hls-dhs-dss.ch/fr/articles/016051
- Blog of the APA: Germaine de Staël’s Philosophy and Politics, 17. November 2022, https://blog.apaonline.org/2022/11/17/germaine-de-staels-philosophy-and-politics/
- Fabula: Madame de Staël, Dix années d’exil (Flucht 1812, Route, Erstausgabe 1821), https://www.fabula.org/actualites/122687/madame-de-stael-dix-annees-d-exil.html
- Online Library of Liberty: Madame de Staël on how liberty is ancient and despotism is modern, https://oll.libertyfund.org/quote/556
- Encyclopedia.com: Jacques Necker, https://www.encyclopedia.com/people/history/french-history-biographies/jacques-necker
- Fontana, Biancamaria: Germaine de Staël. A Political Portrait, Princeton University Press, Princeton 2016.
- Craiutu, Aurelian: A Virtue for Courageous Minds. Moderation in French Political Thought, 1748–1830, Princeton University Press, Princeton 2012.
Beitragsbild: Madame de Staël (KI-Illustration)

