Am 16. Dezember 2007, dem Jahrestag der Boston Tea Party, spendeten mehr als 58.000 Amerikaner innerhalb eines Tages rund sechs Millionen Dollar für einen Präsidentschaftsbewerber, der in den Umfragen weit hinten lag. Die Wahlkampfzentrale hatte die Aktion nicht geplant, Anhänger hatten sie im Internet verabredet, und der Radiosender NPR meldete am nächsten Tag einen Rekord für einen Präsidentschaftsbewerber.
Der Mann, dem dieses Geld galt, war 72 Jahre alt, Frauenarzt aus Texas und seit Jahrzehnten dafür bekannt, im Repräsentantenhaus gegen fast alles zu stimmen. Ron Paul forderte die Abschaffung der amerikanischen Notenbank, das Ende der Kriege im Nahen Osten und eine Rückkehr zu gedecktem Geld. Die Vorwahl der Republikaner gewann er nicht. Gewonnen hat er etwas Dauerhafteres, nämlich viele junge Menschen, die über ihn zum ersten Mal von Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Murray Rothbard hörten.
Steckbrief
- Geboren: 20. August 1935 in Pittsburgh, Pennsylvania
- Beruf: Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Fliegerarzt der US Air Force 1963 bis 1965
- Ämter: Abgeordneter im Repräsentantenhaus für Texas 1976 bis 1977, 1979 bis 1985 und 1997 bis 2013
- Kandidaturen: Präsidentschaftskandidat der Libertarian Party 1988, Bewerber in den Vorwahlen der Republikaner 2008 und 2012
- Hauptwerke: The Case for Gold (1982, mit Lewis Lehrman), The Revolution. A Manifesto (2008), End the Fed (2009), Liberty Defined (2011)
- Auszeichnung: Hayek-Medaille der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft (2026)
- In einem Satz: Er hat gezeigt, dass man mit Prinzipientreue und Geduld aus einer Außenseiterposition eine Bewegung machen kann.
Ein Landarzt aus Überzeugung
Paul wuchs in Pittsburgh auf, wo sein Vater eine kleine Molkerei betrieb. Er studierte Biologie am Gettysburg College und Medizin an der Duke University, die er 1961 mit dem Doktortitel abschloss. Von 1963 bis 1965 diente er als Fliegerarzt der Luftwaffe, danach bis 1968 in der Reserve der Air National Guard. Nach der Facharztausbildung in Pittsburgh ließ er sich mit seiner Frau Carol, die er 1957 geheiratet hatte, als Frauenarzt im Brazoria County an der texanischen Golfküste nieder.
Dort brachte er nach Angaben seiner Biografin Karen Kwiatkowski mehr als 4.000 Kinder zur Welt. Schon als Arzt lebte er nach dem, was er später im Kongress vertrat: Er nahm keine Zahlungen aus den staatlichen Gesundheitsprogrammen Medicare und Medicaid an, obwohl ärztliche Standesvertreter ihn dazu drängten, und behandelte viele arme Patienten des Bezirks trotzdem. Ein früherer Praxispartner berichtete sinngemäß, man habe solche Patienten einfach ohne Rechnung versorgt, statt Geld aus Washington anzunehmen.
Der Tag, an dem das Gold verschwand
Am 15. August 1971 kündigte Präsident Richard Nixon an, dass ausländische Notenbanken ihre Dollar nicht mehr in Gold eintauschen konnten. Damit fiel die letzte Verbindung zwischen der amerikanischen Währung und dem Gold. Paul, der die Ökonomen der Österreichischen Schule gelesen hatte, sah darin den Beginn einer Ära ungedeckten Geldes, in der Regierungen ihre Ausgaben über die Notenpresse finanzieren können. Nach eigener Darstellung war dieser Tag der Anlass, in die Politik zu gehen.
Im April 1976 gewann er eine Nachwahl zum Repräsentantenhaus, verlor den Sitz im November desselben Jahres mit weniger als 300 Stimmen Rückstand und holte ihn 1978 zurück. In diese Zeit fällt seine Arbeit in der Gold-Kommission, die der Kongress zur Rolle des Goldes im Geldsystem eingesetzt hatte. Gemeinsam mit dem Investor Lewis Lehrman verfasste Paul das Minderheitsvotum, das 1982 beim Cato Institute als The Case for Gold erschien und die Rückkehr zu gedecktem Geld begründete. Nach einer verlorenen Senatsvorwahl 1984 schied er aus dem Kongress aus und trat 1988 als Präsidentschaftskandidat der Libertarian Party an. Er stand in 46 Staaten auf dem Stimmzettel und erhielt gut 430.000 Stimmen. 1997 kehrte er als Republikaner ins Repräsentantenhaus zurück und blieb dort bis 2013.
Der Abgeordnete, der Nein sagte
Im Kongress nannten ihn Kollegen und Journalisten bald Dr. No. Der Spitzname spielte auf seinen Doktortitel an und auf seine Zusage, nur für Gesetze zu stimmen, die die Verfassung ausdrücklich erlaubt. Das führte ihn oft in die Minderheit, manchmal stand er mit seiner Stimme ganz allein.
Seine Ablehnung galt nicht nur fremden Ausgaben. Paul trat der Pensionskasse der Kongressmitglieder nicht bei und nannte sie unmoralisch. Jahr für Jahr schickte er ungenutzte Mittel seines Büroetats an das Finanzministerium zurück, nach Angaben seines Büros bis 2005 mehr als eine Million Dollar. Solche Beträge ändern am Bundeshaushalt wenig, aber sie erklären, warum ihm auch Wähler glaubten, die von Politikern sonst nichts mehr erwarteten.
Am deutlichsten wurde seine Haltung nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Den Patriot Act, der den Behörden weitreichende Überwachungsbefugnisse gab, lehnte er als einer von nur drei republikanischen Abgeordneten ab. Als das Repräsentantenhaus im Oktober 2002 den Präsidenten zum Krieg gegen den Irak ermächtigte, stimmte Paul mit fünf anderen Republikanern dagegen. Er warnte, dass militärische Eingriffe im Nahen Osten genau die Feindschaft hervorbringen, gegen die sie sich angeblich richten, und dass ein Land, das ständig Kriege führt, im Inneren unfreier wird.
Wer prüft die Notenbank?
Im Mittelpunkt seiner Politik blieb das Geld. Paul sah in der Federal Reserve die Ursache von Inflation und Konjunkturkrisen und das Mittel, mit dem der Staat Kriege und Sozialprogramme finanzieren kann, ohne die Bürger offen höher zu besteuern. Die Geldentwertung wirkt in dieser Sicht wie eine verdeckte Steuer, über die kein Parlament abstimmt. Seit 1999 brachte er immer wieder Gesetzentwürfe zur Abschaffung der Notenbank ein. In seiner Abschiedsrede fasste er die Grundlage dieses Denkens in einem Satz zusammen: „Freedom, private property, and enforceable voluntary contracts, generate wealth.“
Lange galt das als Liebhaberei eines Außenseiters. Nach der Finanzkrise von 2008 und den Rettungsaktionen für Banken änderte sich die Stimmung. Sein Buch End the Fed stieg im Herbst 2009 auf Platz sechs der Sachbuch-Bestsellerliste der New York Times ein. Am 25. Juli 2012 nahm das Repräsentantenhaus seinen Gesetzentwurf an, der die Notenbank einer umfassenden Prüfung durch den Rechnungshof des Kongresses unterwerfen sollte, mit 327 zu 98 Stimmen. Alle Republikaner bis auf einen und 89 Demokraten stimmten dafür. Der Senat brachte das Gesetz nie zur Abstimmung, doch die Forderung, die Notenbank wenigstens offenzulegen, war damit in der Mitte der Politik angekommen.
Eine Bewegung von unten
Die Wahlkämpfe von 2008 und 2012 waren vor allem Bildungsarbeit. Paul sprach im Wahlkampf über Geldtheorie und Außenpolitik und erreichte 2012 in Iowa 21 Prozent, in New Hampshire 23 Prozent und in Minnesota 27 Prozent der Stimmen. An den Hochschulen entstanden über 500 Gruppen unter dem Namen Students for Ron Paul, aus denen 2008 die Studentenorganisation Young Americans for Liberty hervorging.
Im Wahlkampf 2008 wurden auch Rundbriefe zum Thema, die über Jahre unter seinem Namen erschienen waren, darunter der Ron Paul Political Report und der Ron Paul Survival Report aus dem Verlag Ron Paul & Associates. Am 8. Januar 2008 veröffentlichte der Journalist James Kirchick in The New Republic Auszüge mit rassistischen und schwulenfeindlichen Passagen. Die schärfsten stammen nach der Auswertung der Zeitschrift Reason etwa aus den Jahren 1989 bis 1994. Für 1993 wies eine Steuerunterlage der Firma Einnahmen von 940.000 Dollar aus. 1996 hatte Paul einzelne Aussagen noch als aus dem Zusammenhang gerissen verteidigt, 2001 sagte er, er habe sie nicht geschrieben. 2008 erklärte er, die Äußerungen stammten nicht von ihm und gäben nicht wieder, was er glaube; er wisse nicht, wer sie verfasst habe. Zugleich übernahm er nach eigenen Worten die moralische Verantwortung dafür, nicht genauer darauf geachtet zu haben, was unter seinem Namen verschickt wurde. Sechs langjährige libertäre Aktivisten nannten gegenüber Reason Llewellyn Rockwell als wichtigsten Verfasser; Rockwell bestritt das.
Mit neunzig noch auf Sendung
Nach dem Abschied aus dem Kongress im Januar 2013 gründete Paul im April desselben Jahres das Ron Paul Institute for Peace and Prosperity, das sich einer Außenpolitik der Nichteinmischung widmet und Studenten zu einem eigenen Seminar einlädt. Seit 2015 spricht er mit Daniel McAdams in der Sendung Ron Paul Liberty Report über Geld, Krieg und Bürgerrechte. Im September 2020 kam er nach Sprachstörungen während einer Live-Sendung kurz ins Krankenhaus und meldete sich bald darauf zurück. Dem Ludwig von Mises Institute ist er als Distinguished Counselor verbunden.
Als Elon Musk ihn 2024 für eine Behörde zur Kürzung der Staatsausgaben ins Gespräch brachte, lehnte Paul ein offizielles Amt ab und blieb Kritiker von außen. Im Mai 2026 verlieh ihm die Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft auf ihren Hayek-Tagen in Münster ihre Hayek-Medaille, zwei Jahre nach Javier Milei. Der Neunzigjährige war per Video zugeschaltet und sprach zu den mehr als 200 Gästen. Im Juli 2026 kritisierte er in einem Essay die staatlichen Beteiligungen an Unternehmen, die die Regierung Trump eingegangen war, als Korporatismus.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Glaubwürdigkeit. Paul hat über Jahrzehnte dieselben Grundsätze vertreten, im Kongress wie in der Arztpraxis, und er hat von anderen nichts verlangt, was er selbst nicht zu tun bereit war. Gerade Menschen, die der Politik misstrauten, haben ihm deshalb zugehört.
Die zweite Lehre ist inhaltlich. Wer das Geld kontrolliert, bestimmt über Ersparnisse und Schulden und damit über einen großen Teil der Staatsmacht. Diese Einsicht der Österreichischen Schule hat Paul einem Millionenpublikum erklärt, lange bevor die Finanzkrise sie vielen Menschen nahebrachte. Dazu gehört der Gedanke, dass Geldordnung, Frieden und Bürgerrechte zusammenhängen, weil ein Staat, der dauerhaft Kriege führt, Schulden, Überwachung und eine willige Notenbank braucht.
Schließlich zeigt sein Weg, wie viel Geduld Ideen brauchen. Paul hat die meisten Abstimmungen verloren und keine Präsidentschaftswahl gewonnen. In seiner Abschiedsrede räumte er ein, das Verlangen nach Freiheit sei während seiner Zeit im Kongress „quite weak“ gewesen. Im selben Atemzug verwies er auf Zehntausende Jugendliche und Studenten, die die Botschaft der Freiheit begeistert aufnähmen.
Frieden und Wohlstand
Als Ron Paul im November 2012 vor dem Repräsentantenhaus Abschied nahm, beschrieb er sein Ziel mit Worten, die er ebenso 1976 hätte sagen können: „My goals in 1976 were the same as they are today: promote peace and prosperity by a strict adherence to the principles of individual liberty.“ An seinen Abstimmungen über diese 36 Jahre lässt sich der Satz überprüfen, und er hält dieser Prüfung weitgehend stand. Dass gedecktes Geld und eine zurückhaltende Außenpolitik heute wieder ernsthaft diskutiert werden, hat auch mit diesem beharrlichen Arzt aus Texas zu tun, der im Kongress so oft allein Nein gesagt hat.
Zum Weiterlesen
- Ron Paul: End the Fed, Grand Central Publishing, New York 2009
- Ron Paul und Lewis Lehrman: The Case for Gold. A Minority Report of the U.S. Gold Commission, Cato Institute, Washington 1982
- Ron Paul: Liberty Defined. 50 Essential Issues That Affect Our Freedom, Grand Central Publishing, New York 2011
- Ron Paul: Pursue the Cause of Liberty. A Farewell to Congress, Ludwig von Mises Institute, Auburn 2013
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Paul, Ron; Lehrman, Lewis E.: The Case for Gold. A Minority Report of the U.S. Gold Commission, Cato Institute, Washington 1982 (2. Aufl. Ludwig von Mises Institute).
- Paul, Ron: The Revolution. A Manifesto, Grand Central Publishing, New York 2008.
- Paul, Ron: End the Fed, Grand Central Publishing, New York 2009.
- Paul, Ron: Liberty Defined. 50 Essential Issues That Affect Our Freedom, Grand Central Publishing, New York 2011.
- Paul, Ron: Abschiedsrede vor dem Repräsentantenhaus, 14. November 2012; als Broschüre: Pursue the Cause of Liberty. A Farewell to Congress, Ludwig von Mises Institute, Auburn 2013, https://mises.org/library/book/pursue-cause-liberty-farewell-congress
- U.S. House of Representatives: Abstimmung über H.J.Res. 114 (Irak-Resolution), 10. Oktober 2002; Abstimmung über H.R. 459 (Federal Reserve Transparency Act), 25. Juli 2012.
- Büro Ron Paul: Pressemitteilung „Paul Returns Unused 2004 Office Funds“, 2005, https://webarchive.library.unt.edu/eot2008/20081010021321/http://www.house.gov/paul/press/press2005/pr012405.htm
- Ron Paul Institute for Peace and Prosperity: Essays und Veranstaltungen 2026, https://ronpaulinstitute.org/
- CNN: Ron Paul Fast Facts (Stand August 2024), https://abc17news.com/politics/national-politics/cnn-us-politics/2024/08/14/ron-paul-fast-facts-2/
- NPR: 5 Things You May Not Know About Ron Paul, 4. Dezember 2011, https://www.kunc.org/npr-news/2011-12-04/5-things-you-may-not-know-about-ron-paul
- NPR: Ron Paul’s $6 Million Haul Makes History, 17. Dezember 2007, https://www.npr.org/2007/12/17/17332414/ron-pauls-6-million-haul-makes-history
- Government Executive: House, Senate approve Iraq war resolution, Oktober 2002, https://govexec.com/federal-news/2002/10/house-senate-approve-iraq-war-resolution/12696
- Reason: Ron Paul’s Latest „Audit the Fed“ Bill Passes the House, 327-98, 25. Juli 2012, https://reason.com/2012/07/25/ron-pauls-latest-audit-the-fed-bill-pass/
- Sanchez, Julian; Weigel, David: Who Wrote Ron Paul’s Newsletters?, Reason, 16. Januar 2008, https://reason.com/2008/01/16/who-wrote-ron-pauls-newsletter/
- Kirchick, James: Angry White Man, The New Republic, 8. Januar 2008, https://newrepublic.com/article/61771/angry-white-man
- Christian Science Monitor: Ron Paul vs. the Federal Reserve: four epic moments, 2012, https://csmonitor.com/USA/Politics/2012/0718/Ron-Paul-vs.-the-Federal-Reserve-four-epic-moments/Paul-to-Bernanke-Is-gold-money
- Israel, Karl-Friedrich: Ron Paul Wins the Hayek Medal 2026, Mises Institute, 27. Mai 2026, https://mises.org/power-market/ron-paul-wins-hayek-medal-2026-message-moderate-classical-liberals-and-hardcore-libertarians
- Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft: Programm der Hayek-Tage 2026, https://hayek.de/wp-content/uploads/2026/05/Programm-Hayek-Tage-2026.pdf
- Ludwig von Mises Institute: Profil Ron Paul, https://mises.org/profile/ron-paul
- Wikipedia (en): Ron Paul, https://en.wikipedia.org/wiki/Ron_Paul (Einstieg, Wahlergebnisse); Young Americans for Liberty, https://en.wikipedia.org/wiki/Young_Americans_for_Liberty; End the Fed, https://en.wikipedia.org/wiki/End_the_Fed
Beitragsbild: Ron Paul (KI-Illustration)


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