Im Sommer 1960 arbeitete ein dreißigjähriger Ökonom als Praktikant im Arbeitsministerium in Washington. Er hatte gerade an der Columbia University seinen Master gemacht, seine Abschlussarbeit hatte er über die Konjunkturtheorie von Karl Marx geschrieben, und er hielt sich selbst für einen Marxisten. Seine Aufgabe war es, die Mindestlöhne in der Zuckerindustrie Puerto Ricos zu untersuchen. Mit jeder Erhöhung sank dort die Beschäftigung. Die einen erklärten das mit dem Mindestlohn selbst, der Arbeitskräfte aus dem Markt drängte, die anderen mit einer Reihe von Wirbelstürmen, die das Zuckerrohr auf den Feldern zerstört hatten. Die Gewerkschaften zogen die zweite Erklärung vor.
Der Praktikant schlug vor, einfach nachzusehen: Man müsse nur erheben, wie viel Zuckerrohr vor den Stürmen auf den Feldern gestanden habe. Er rechnete mit Lob. Stattdessen sah er, wie er sich 1999 in einem Interview mit dem Magazin Salon erinnerte, „looks of shock on people’s faces“. Rund ein Drittel des Budgets der Abteilung stammte damals aus der Verwaltung der Lohn- und Arbeitszeitgesetze. Thomas Sowell zog daraus eine Lehre, die er sechs Jahrzehnte lang beibehielt: Auch eine Behörde ist eine Organisation mit eigenen Interessen, und wer wissen will, was eine Politik bewirkt, sollte nicht diejenigen fragen, die von ihr leben.
Steckbrief
- Geboren: 30. Juni 1930 in Gastonia, North Carolina
- Wirken: Ökonom und Sozialwissenschaftler, Professor unter anderem an Cornell und an der University of California in Los Angeles, seit 1980 Senior Fellow der Hoover Institution in Stanford, heute dort Rose and Milton Friedman Senior Fellow Emeritus; Zeitungskolumnist bis 2016
- Auszeichnungen: Francis Boyer Award (1990), National Humanities Medal (2002), Bradley Prize
- Hauptwerke: Knowledge and Decisions (1980), A Conflict of Visions (1987), The Vision of the Anointed (1995), Basic Economics (2000), Affirmative Action Around the World (2004), Intellectuals and Society (2010), Social Justice Fallacies (2023)
- In einem Satz: Er misst gute Absichten an ihren Ergebnissen und erinnert daran, dass jede Entscheidung etwas kostet.
Aus Harlem nach Harvard
Sowells Herkunft hätte kaum bescheidener sein können. Sein Vater starb kurz vor seiner Geburt, die Mutter, ein Hausmädchen mit vier weiteren Kindern, gab ihn ab, und seine Großtante Molly zog ihn auf. Er erinnerte sich später an ein Holzhaus in Charlotte ohne Strom und fließendes Wasser und schrieb, es sei ihm nie in den Sinn gekommen, dass sie in Armut lebten. Als Kind zog er mit der Großfamilie nach Harlem. Er schaffte die Aufnahme an die angesehene Stuyvesant High School, musste sie aber als Jugendlicher verlassen, weil das Geld fehlte und die Familie zerstritten war. Er stellte Telegramme für Western Union zu und arbeitete in einer Maschinenwerkstatt.
1951 wurde er im Koreakrieg zum Marine Corps eingezogen. Den Krieg lehnte er ab, doch die Marines setzten ihn als Fotografen ein, und die Fotografie blieb seine Leidenschaft. Nach der Entlassung 1952 nahm er eine Stelle im öffentlichen Dienst in Washington an und besuchte abends Kurse an der Howard University. Von dort wechselte er nach Harvard, wo er 1958 mit Auszeichnung in Volkswirtschaft abschloss. Nach dem Master an der Columbia University folgte er seinem Lehrer George Stigler an die University of Chicago und wurde dort 1968 promoviert.
Er lehrte an Rutgers, Howard, Cornell, Brandeis, Amherst und an der UCLA, bevor er sich 1980 ganz der Hoover Institution in Stanford anschloss, an der er seit 1977 Fellow war. Daneben schrieb er über Jahrzehnte eine Zeitungskolumne, die landesweit gedruckt wurde. Als er sie im Dezember 2016 mit 86 Jahren beendete, schrieb er, die eigentliche Frage sei nicht, warum er aufhöre, sondern warum er so lange durchgehalten habe.
Was ein Markt weiß und ein Amt nicht
Sein theoretisches Hauptwerk Knowledge and Decisions erschien 1980. Den Anstoß gab Friedrich August von Hayeks Aufsatz „The Use of Knowledge in Society“ aus dem Jahr 1945. Er habe ihm, sagte Sowell im selben Jahr in einem Interview mit dem Magazin Reason, „a set of questions to ask“ gegeben. Hayeks Gedanke lautet, dass das Wissen, das eine Wirtschaft braucht, auf unzählige Menschen verteilt ist und größtenteils aus Kenntnis besonderer Umstände besteht, die keine Zentrale sammeln kann.
Sowell machte daraus eine Untersuchung von Institutionen. Er fragt, wer in einer Gesellschaft was entscheidet, welches Wissen dem Entscheider zur Verfügung steht und welche Rückmeldung er erhält, wenn er sich irrt. Ein Unternehmer, der am Bedarf vorbei produziert, sieht es an seinen Zahlen und muss umsteuern. Wer politisch entscheidet, bekommt solche Signale oft spät oder gar nicht und trägt die Kosten seiner Fehler selten selbst. Was nach trockener Theorie klingt, lässt sich als Fortsetzung jenes Sommers in Washington lesen, in dem es um die Frage ging, ob eine Einrichtung überhaupt erfahren will, was sie anrichtet.
Zwei Bilder vom Menschen
Weit über die Ökonomie hinaus wirkte A Conflict of Visions von 1987. Sowell beschreibt darin zwei Grundhaltungen, die hinter den großen politischen Streitfragen stehen und meist unausgesprochen bleiben. Die eingeschränkte Vision hält die menschliche Natur für im Kern unveränderlich und den Menschen für eigennützig. Sie vertraut deshalb auf Rechtsstaat, Tradition, Erfahrung und gegenseitige Kontrolle der Gewalten. Die uneingeschränkte Vision hält den Menschen im Kern für gut, misstraut dezentralen Prozessen und erwartet, dass sich für jedes Problem eine ideale Lösung finden lässt.
Aus der ersten Haltung stammt der Gedanke, der auch über diesem Beitrag steht und mit Sowells Namen verbunden bleibt: Es gibt keine Lösungen, es gibt nur Abwägungen. Zwei Beispiele machen ihn anschaulich. Wer eine Mietpreisgrenze einführt, verbilligt die Wohnungen derer, die schon eine haben, und erschwert es allen anderen, eine zu finden. Wer den Mindestlohn anhebt, erhöht das Einkommen der einen und kann andere ganz aus der Arbeit drängen. Gute Politik entsteht nach Sowell dort, wo man diese Preise offen benennt und gegeneinander abwägt.
In The Vision of the Anointed von 1995 wandte er die Unterscheidung auf die Gegenwart an. Die „Gesalbten“ sind bei ihm jene, die sich für moralisch berufen halten, an Stelle anderer zu entscheiden. Steven Pinker griff Sowells Begriffspaar 2002 in The Blank Slate auf, deutsch Das unbeschriebene Blatt, sprach von einer tragischen und einer utopischen Vision und nannte Sowells Erklärung die beste Theorie, die bis dahin vorgelegt worden sei.
Ideen ohne Haftung
Diesen Faden spann Sowell in Intellectuals and Society, Anfang 2010 erschienen, weiter. Intellektuelle versteht er als Menschen, deren Endprodukt Ideen sind, und gerade das macht sie in seinen Augen so einflussreich und zugleich so selten haftbar. Ihre Ideen werden danach beurteilt, ob sie Kollegen und Publikum überzeugen, und kaum danach, ob sie in der Wirklichkeit funktionieren. Ein militärischer Befehlshaber, der falsch entscheidet, bezahlt womöglich mit dem eigenen Leben und dem seiner Soldaten. Der Kommentator, der ihm vom Schreibtisch aus übertriebene Härte vorwirft, trägt kein solches Risiko. Damit übertrug Sowell die Frage nach Anreizen, die Ökonomen sonst an Unternehmen und Behörden richten, auf die Welt der Ideen selbst.
Was Gruppen voneinander unterscheidet
Ein großer Teil von Sowells Werk gilt der Frage, warum Volksgruppen, Einwanderer und Regionen wirtschaftlich so unterschiedlich abschneiden. Schon Ethnic America (1981) verglich die Wege verschiedener Einwanderergruppen. Wealth, Poverty and Politics (2015) beginnt bei der Geografie und geht dann zur Kultur über, zu Vertrauen, Bildung und der Haltung zur Arbeit. Discrimination and Disparities (2018) sammelt Belege gegen die Annahme, unterschiedliche wirtschaftliche Ergebnisse ließen sich mit einer einzigen Ursache erklären, sei es Diskriminierung, Ausbeutung oder Vererbung.
Besonders gründlich ist Affirmative Action Around the World, 2004 bei Yale University Press erschienen. Sowell verglich darin Programme zur Bevorzugung bestimmter Gruppen in den Vereinigten Staaten, Indien, Malaysia, Sri Lanka und Nigeria. Sie kämen, so sein Befund, vor allem den ohnehin Bessergestellten innerhalb der bevorzugten Gruppe zugute. Sie verleiteten andere dazu, sich selbst einer bevorzugten Gruppe zuzurechnen, und ein angeblich vorübergehendes Programm, das an ein nie erreichtes Ziel geknüpft ist, ließe sich nach seinen Worten treffender als „eternal“ bezeichnen. Ihn interessierte vor allem, ob solche Programme den Menschen, denen sie gelten sollen, tatsächlich nützen.
Eines seiner jüngsten Bücher, Social Justice Fallacies von 2023, führt diese Überlegungen fort. Mit über neunzig Jahren prüft er darin noch einmal verbreitete Annahmen der Debatte um soziale Gerechtigkeit.
Ökonomie für alle
Was Sowell von vielen Fachkollegen unterscheidet, ist seine Sprache. Basic Economics, im Untertitel ein Leitfaden für Bürger, erklärt in inzwischen fünf Auflagen allgemein verständlich, wie Preise, Knappheit und Anreize wirken, von der Mietpreisbindung bis zur Zahlungsbilanz. Seine Kolumnen erreichten über Jahrzehnte Leser, die nie ein Lehrbuch aufgeschlagen hätten. Der Dokumentarfilm Thomas Sowell: Common Sense in a Senseless World, 2021 vom Free to Choose Network veröffentlicht, und die im selben Jahr erschienene Biografie Maverick des Journalisten Jason L. Riley stellen ihn einer jüngeren Generation vor.
Auf ein politisches Etikett hat er sich nie gern festlegen lassen. Im Gespräch mit Salon sagte er 1999, „libertarian“ passe vermutlich besser zu ihm als viele andere Bezeichnungen, auch wenn er der libertären Bewegung in manchen Fragen widerspreche, etwa bei der militärischen Verteidigung. Schon 1980 hatte er Reason gesagt, er finde in den libertären Ideen „much to agree with“, habe aber Mühe mit der Vorstellung, Landesverteidigung über den Markt bereitzustellen.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre ist der Blick auf die Folgen. Eine Politik wird nicht dadurch gut, dass ihre Befürworter Gutes wollen, und wer sie beurteilen will, muss wissen, was sie tatsächlich bewirkt. Sowell hat dafür immer wieder drei schlichte Fragen empfohlen, die sinngemäß lauten: Verglichen womit? Zu welchen Kosten? Und welche harten Belege gibt es?
Ebenso wertvoll ist seine Aufmerksamkeit für Haftung und Rückmeldung. Entscheidungen fallen besser aus, wenn sie bei denen liegen, die ihre Folgen spüren, und deshalb verdienen Märkte und gewachsene Regeln oft mehr Vertrauen als der Plan einer Behörde. Darin trifft er sich mit Hayek und mit der Chicagoer Schule um Milton Friedman, dessen Namen auch seine Stelle an der Hoover Institution trägt.
Schließlich lehrt sein Leben selbst etwas. Ein Junge ohne Schulabschluss, der Telegramme austrug, wurde über Abendkurse, Harvard und Chicago zu einem viel gelesenen Ökonomen. Dass er Lesern ohne Fachstudium viel zumutet und gewöhnlichen Menschen zutraut, ihr Leben selbst zu ordnen, passt zu diesem Weg.
Verglichen womit?
Im Juni 2026 ist Thomas Sowell 96 Jahre alt geworden. Über mehr als sechs Jahrzehnte hat er sich die Geduld bewahrt, Zahlen sprechen zu lassen, wo andere lieber Absichten sprechen lassen. Sein Werk ist eine Einladung, bei jedem neuen Vorschlag zu fragen, was er kostet, wer die Kosten trägt und woran man später erkennen wird, ob er gewirkt hat. Wie anders würde Politik aussehen, wenn jede Behörde so neugierig auf die Wirkung ihrer eigenen Regeln wäre wie jener Praktikant im Sommer 1960?
Zum Weiterlesen
- Thomas Sowell: Basic Economics. A Citizen’s Guide to the Economy, Basic Books, New York 2000 (seither fünf Auflagen)
- Thomas Sowell: A Conflict of Visions. Ideological Origins of Political Struggles, überarbeitete Ausgabe, Basic Books, New York 2007
- Thomas Sowell: Knowledge and Decisions, Basic Books, New York 1980 (Neuausgabe 1996)
- Jason L. Riley: Maverick. A Biography of Thomas Sowell, Basic Books, New York 2021
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Sowell, Thomas: Knowledge and Decisions, Basic Books, New York 1980 (Neuausgabe 1996).
- Sowell, Thomas: Ethnic America. A History, Basic Books, New York 1981.
- Sowell, Thomas: A Conflict of Visions. Ideological Origins of Political Struggles, William Morrow, New York 1987; überarbeitete Ausgabe Basic Books, New York 2007.
- Sowell, Thomas: The Vision of the Anointed, Basic Books, New York 1995.
- Sowell, Thomas: Basic Economics. A Citizen’s Guide to the Economy, Basic Books, New York 2000 (fünf Auflagen).
- Sowell, Thomas: Affirmative Action Around the World. An Empirical Study, Yale University Press, New Haven 2004.
- Sowell, Thomas: Intellectuals and Society, Basic Books, New York 2010.
- Sowell, Thomas: Wealth, Poverty and Politics, Basic Books, New York 2015.
- Sowell, Thomas: Discrimination and Disparities, Basic Books, New York 2018.
- Sowell, Thomas: Social Justice Fallacies, Basic Books, New York 2023.
- Hazlett, Thomas W.; Klausner, Manuel: Interview with Thomas Sowell, in: Reason, Dezember 1980, https://reason.com/?p=225556
- Sawhill, Ray: „Black and right“, Interview mit Thomas Sowell, Salon, 10. November 1999, https://www.salon.com/1999/11/10/sowell_2/
- Hayek, Friedrich A. von: „The Use of Knowledge in Society“, in: American Economic Review 35 (1945), Nr. 4.
- Hoover Institution: Profil Thomas Sowell, https://www.hoover.org/profiles/thomas-sowell
- Hoover Institution: Black History Month Profile: Thomas Sowell, https://www.hoover.org/news/black-history-month-profile-thomas-sowell
- Wikipedia (en): Thomas Sowell, https://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Sowell (Lebenslauf, Auszeichnungen)
- Wikipedia (en): A Conflict of Visions, https://en.wikipedia.org/wiki/A_Conflict_of_Visions
- Wikipedia (en): Intellectuals and Society, https://en.wikipedia.org/wiki/Intellectuals_and_Society
- Wikipedia (en): Affirmative Action Around the World, https://en.wikipedia.org/wiki/Affirmative_Action_Around_the_World
- Wikipedia (en): Wealth, Poverty and Politics, https://en.wikipedia.org/wiki/Wealth,_Poverty_and_Politics
- Pinker, Steven: Das unbeschriebene Blatt, Berlin Verlag, Berlin 2003 (engl. The Blank Slate, 2002); dazu FEE: Sowell’s Visions, https://fee.org/articles/sowells-visions/
- Riley, Jason L.: Maverick. A Biography of Thomas Sowell, Basic Books, New York 2021.
- Free to Choose Network: Thomas Sowell: Common Sense in a Senseless World, Dokumentarfilm 2021, https://www.hoover.org/events/thomas-sowell-common-sense-senseless-world
- Quarterly Journal of Austrian Economics: Rezension Social Justice Fallacies, https://mises.org/quarterly-journal-austrian-economics/book-review-social-justice-fallacies
- Cato Institute: Beitrag zum 96. Geburtstag, 30. Juni 2026, https://www.cato.org/node/120953
Beitragsbild: Thomas Sowell (KI-Illustration)

