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Alexis de Tocqueville: Die Kunst, frei zu sein

Alexis de Toqueville

Am 27. Januar 1848 stand ein Abgeordneter von 42 Jahren in der französischen Kammer und sagte den Regierenden etwas, das sie nicht hören wollten. In den Arbeiterschichten, so warnte er, seien aus politischen Leidenschaften soziale geworden, man halte dort die Verteilung der Güter für ungerecht, und er glaube, „dass wir in diesem Augenblick auf einem Vulkan schlafen“. Das Protokoll verzeichnet Widerspruch im Saal. Rund vier Wochen später war König Louis-Philippe gestürzt.

Der Redner hieß Alexis de Tocqueville. Bekannt war er längst als Verfasser eines Werks über die Demokratie in Amerika, das bis heute zu den klügsten Büchern über die Freiheit in einer Gesellschaft der Gleichen zählt. Seine Leitfrage, wie Menschen frei bleiben, wenn keine Stände sie mehr trennen, zieht sich durch sein ganzes Werk.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 29. Juli 1805 in Paris bis 16. April 1859 in Cannes
  • Wirken: Richter in Versailles, Reise durch die Vereinigten Staaten 1831/32, Abgeordneter von 1839 bis 1851, Mitglied der Académie française seit 1841, Außenminister von Juni bis Oktober 1849
  • Hauptwerke: De la démocratie en Amérique (Band I 1835, Band II 1840), L’Ancien Régime et la Révolution (1856), Souvenirs (postum)
  • In einem Satz: Er zeigte, dass die Freiheit in der Demokratie weniger von Tyrannen bedroht wird als von einer fürsorglichen Verwaltung und von Bürgern, die das Selbstregieren verlernen.

Ein Adliger zwischen zwei Welten

Tocqueville stammte aus normannischem Adel, den die Revolution tief gezeichnet hatte. Sein Urgroßvater mütterlicherseits war Malesherbes, der aufgeklärte Minister, der Ludwig XVI. vor dem Konvent verteidigt hatte und 1794 selbst hingerichtet wurde. Die Eltern überlebten die Schreckenszeit im Gefängnis. Der Vater diente unter der Restauration als Präfekt, unter anderem in Metz, wo der Sohn die Schule abschloss.

Nach dem Jurastudium in Paris wurde Tocqueville 1827 Richter am Gericht in Versailles. Den Eid auf die Monarchie der Julirevolution von 1830 leistete er, wie sein Freund Gustave de Beaumont berichtet, mit Traurigkeit; wenige Monate später brachen die beiden nach Amerika auf.

1836 schrieb er seinem Freund Eugène Stoffels sinngemäß, er hoffe, so viel Achtung vor Gerechtigkeit, Ordnung und Gesetz, vor Moral und Religion zu zeigen, dass man in ihm einen Liberalen neuer Art erkennen werde, der mit den gewöhnlichen Demokraten seiner Zeit nicht zu verwechseln sei. Diese Verbindung von Freiheitsliebe und Sinn für die sittlichen Grundlagen einer Gesellschaft prägt sein ganzes Werk.

Neun Monate, die ein Werk ergaben

Offiziell sollten Tocqueville und Beaumont von Mai 1831 bis Februar 1832 das amerikanische Gefängniswesen studieren, und den Bericht darüber legten sie vor. Was Tocqueville eigentlich interessierte, war die Demokratie selbst. In Amerika sah er, wohin sich auch Europa bewegte: auf eine Gesellschaft der „Gleichheit der Bedingungen“, in der kein Geburtsstand mehr über dem anderen steht.

Der erste Band von De la démocratie en Amérique erschien 1835 und machte ihn berühmt, der zweite folgte 1840. 1839 zog Tocqueville in die Abgeordnetenkammer ein, 1841 wählte ihn die Académie française. Als Berichterstatter einer Kammerkommission trat er 1839 für die Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien ein. In der Algerienfrage dagegen stand er auf der Seite der Eroberung und Besiedlung; er bereiste das Land 1841 und 1846 und verfasste 1847 zwei Berichte dazu. Dieser Teil seines Wirkens ist bis heute umstritten.

Wenn die Gleichheit wichtiger wird als die Freiheit

Tocqueville hielt die Demokratie für unaufhaltsam und wollte verstehen, wie man in ihr frei bleibt. Demokratische Völker, schreibt er im zweiten Band, hätten einen natürlichen Sinn für die Freiheit, für die Gleichheit aber eine Leidenschaft, die er „glühend, unersättlich, ewig, unbesiegbar“ nennt: „Sie wollen die Gleichheit in der Freiheit, und wenn sie diese nicht erlangen können, wollen sie sie noch in der Knechtschaft.“

Die Gleichheit erzeugt nach seiner Beobachtung zwei Neigungen. Die eine treibt die Menschen zur Unabhängigkeit, und diese Neigung lobt er ausdrücklich, weil sie in jedem Menschen eine instinktive Neigung zur politischen Unabhängigkeit anlegt. Die andere führt „auf einem längeren, verborgeneren, aber sichereren Weg zur Knechtschaft“. Der ersten Neigung widersetzen sich die Menschen, weil sie sie sehen, der zweiten folgen sie, ohne sie zu bemerken, und darum hielt er es für besonders wichtig, sie zu zeigen.

Eine weitere Gefahr sah er in der Macht der Mehrheit über die Köpfe, die er Tyrannei der Mehrheit nannte. Er kenne kein Land, schrieb er über das Amerika der 1830er Jahre, in dem weniger geistige Unabhängigkeit und wirkliche Freiheit der Diskussion herrsche.

Gemeinde und Verein als Schule der Freiheit

Das Gegenmittel fand er ebenfalls in Amerika, zuerst in den sich selbst verwaltenden Gemeinden Neuenglands. „Die Gemeindeinstitutionen sind für die Freiheit, was die Grundschulen für die Wissenschaft sind“, heißt es im ersten Band; sie brächten die Freiheit in die Reichweite des Volkes und gewöhnten es an ihren Gebrauch. „Ohne Gemeindeinstitutionen kann sich eine Nation eine freie Regierung geben, aber sie hat nicht den Geist der Freiheit.“

Dabei unterschied er sorgfältig zwischen Regierungszentralisation, der einheitlichen Lenkung der Angelegenheiten, die alle betreffen, und Verwaltungszentralisation, bei der auch die örtlichen Dinge in der Hauptstadt entschieden werden. Die Vereinigten Staaten kannten in seinen Augen die erste in höchstem Maß und die zweite überhaupt nicht, und darin lag für ihn ein Grund ihrer Freiheit.

Das zweite Gegenmittel sind die freiwilligen Vereinigungen. „Die Amerikaner jeden Alters, jeden Standes, jeder Geistesart schließen sich unablässig zusammen“, notierte er, für Geschäfte ebenso wie für Feste, Kirchen oder Gasthöfe. Wo in Frankreich der Staat und in England ein großer Grundherr an der Spitze eines neuen Unternehmens stehe, finde man in den Vereinigten Staaten mit Sicherheit eine Vereinigung. Die Kunst, sich zusammenzuschließen, nannte er die „Mutterwissenschaft“ demokratischer Länder, von deren Fortschritt alle anderen abhängen.

Nötig sind sie, weil der Einzelne in demokratischen Zeiten allein zu schwach ist, seine Freiheit zu bewahren, und weil diese Zeiten eine eigene Versuchung kennen. Tocqueville nannte sie Individualismus: ein ruhiges, überlegtes Gefühl, das den Bürger dazu bringt, sich mit Familie und Freunden zurückzuziehen und die größere Gesellschaft sich selbst zu überlassen.

Eine Herrschaft, die nicht weh tut

Am Ende des zweiten Bandes zeichnet Tocqueville sein bekanntestes Bild, für das die alten Wörter Despotismus und Tyrannei nach seinen Worten nicht passen. Er sieht eine unzählbare Menge gleicher Menschen, die sich um kleine Vergnügungen drehen, jeder für sich und den anderen fremd. Über ihnen erhebt sich „eine ungeheure, vormundschaftliche Macht“, die allein dafür sorgt, ihr Wohlergehen zu sichern. „Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorausschauend und mild.“ Sie gliche der väterlichen Gewalt, wenn sie die Menschen auf das Erwachsenenalter vorbereiten wollte, doch sie sucht sie unwiderruflich in der Kindheit festzuhalten.

Sie zerstört nicht, sie verhindert das Entstehen; sie tyrannisiert nicht, sie behindert, drückt nieder, entkräftet, löscht aus und stumpft ab, bis jedes Volk nur noch eine Herde furchtsamer und fleißiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung ist. Eine solche Knechtschaft könne sich, so Tocqueville, sogar im Schatten der Volkssouveränität einrichten, also neben den äußeren Formen der Freiheit.

Gleichheit in Freiheit oder in Knechtschaft

Nach der Februarrevolution saß Tocqueville in der Verfassunggebenden Versammlung. Am 12. September 1848 sprach er dort gegen ein in der Verfassung garantiertes Recht auf Arbeit, in einer der klarsten Reden über Demokratie und Sozialismus. Was alle Sozialisten verbinde, sei vor allem „ein tiefes Misstrauen gegen die Freiheit, gegen die menschliche Vernunft“ und die Vorstellung, der Staat solle nicht nur die Gesellschaft lenken, sondern der Herr jedes Einzelnen sein, „was sage ich! sein Herr, sein Lehrer, sein Erzieher“. Wolle er den Sozialismus in eine Formel fassen, so nenne er ihn „eine neue Formel der Knechtschaft“.

Dann folgt die Unterscheidung, die Hayek knapp hundert Jahre später zitieren sollte: „Die Demokratie erweitert den Bereich der individuellen Unabhängigkeit, der Sozialismus verengt ihn. Die Demokratie gibt jedem Menschen seinen ganzen möglichen Wert, der Sozialismus macht aus jedem Menschen ein Werkzeug, eine Ziffer.“ Beide verbinde nur ein Wort, die Gleichheit, doch die Demokratie wolle die Gleichheit in der Freiheit, der Sozialismus die Gleichheit in Zwang und Knechtschaft. Die Versammlung lehnte das Recht auf Arbeit mit 396 zu 187 Stimmen ab.

1849 war Tocqueville einige Monate Außenminister. Beim Staatsstreich Louis-Napoléons am 2. Dezember 1851 wurde er kurz verhaftet und zog sich danach aus der Politik zurück.

Der alte Staat im neuen Gewand

In der Zurückgezogenheit entstand sein zweites großes Werk. In L’Ancien Régime et la Révolution (1856) zeigte er, dass die französische Verwaltungszentralisation kein Werk der Revolution und Napoleons war, wie man gern behauptete. Sie war eine Einrichtung der alten Monarchie, deren Intendanten in den Provinzen und deren Subdelegierte in jedem Kanton schon lange vor 1789 den Willen der Regierung ausführten. Die Revolution hatte den König beseitigt und die Bürokratie geerbt.

Aus diesem Buch stammt auch sein schönster Satz über die Freiheit. Wer an der Freiheit nur ihre materiellen Vorteile schätze, habe sie nie lange bewahrt; ihr eigentlicher Reiz liege in der Freude, „sprechen, handeln, atmen zu können ohne Zwang, unter der alleinigen Herrschaft Gottes und der Gesetze“. Und dann: „Wer in der Freiheit etwas anderes sucht als sie selbst, ist zum Dienen geschaffen.“

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Friedrich August von Hayek stellte seinem Buch The Road to Serfdom 1944 einen Satz Tocquevilles als Motto voran: „Ich hätte, glaube ich, die Freiheit zu allen Zeiten geliebt; aber in der Zeit, in der wir leben, bin ich geneigt, sie anzubeten.“ Im zweiten Kapitel zitiert Hayek die Rede von 1848 über Demokratie und Sozialismus, und nach Auskunft seines Biografen Alan Ebenstein geht auch der Buchtitel auf Tocquevilles Wendung vom Weg zur Knechtschaft zurück.

Von Tocqueville lässt sich zuerst lernen, dass Freiheit eingeübt werden muss. „Nichts ist reicher an Wundern als die Kunst, frei zu sein“, schreibt er, „aber nichts ist härter als die Lehrzeit der Freiheit.“ Wer seine Angelegenheiten in Gemeinde und Verein selbst regelt, lernt diese Kunst, und wer alles der Verwaltung überlässt, verlernt sie.

Die zweite Lehre betrifft die Form der Bedrohung. Sie kommt in Demokratien seltener mit Gewalt als mit Fürsorge, und wer sie erkennen will, achtet darauf, wie viele Entscheidungen den Bürgern abgenommen werden.

Schließlich zeigt er, dass Dezentralisierung mehr ist als eine Verwaltungstechnik, weil sie die Macht in der Nähe der Menschen hält und die Bürger bildet, die eine freie Ordnung braucht. Für alle, die Subsidiarität und Zivilgesellschaft hochhalten, bleibt er darum ein wichtiger Gewährsmann.

Ein Liberaler, der die Freiheit um ihrer selbst willen liebte

Tocqueville starb am 16. April 1859 in Cannes an der Tuberkulose, erst 53 Jahre alt. Seine Frage stellt sich jeder Generation neu: ob die Bürger einer Demokratie die Kunst der Freiheit noch üben oder sich von einer milden Macht in der Kindheit halten lassen. Er selbst hielt die Freiheit für möglich, sonst hätte er, wie er gegen Ende seines Amerikabuchs schreibt, dieses Werk nicht verfasst.

Zum Weiterlesen

  • Alexis de Tocqueville: De la démocratie en Amérique, Band I (1835) und Band II (1840), deutsch als Über die Demokratie in Amerika
  • Alexis de Tocqueville: L’Ancien Régime et la Révolution (1856), deutsch als Der alte Staat und die Revolution
  • Friedrich August von Hayek: The Road to Serfdom, Routledge, London 1944, deutsch als Der Weg zur Knechtschaft
  • Alan S. Kahan: Alexis de Tocqueville, Reihe Major Conservative and Libertarian Thinkers, Bloomsbury Academic, London 2010

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Tocqueville, Alexis de: De la démocratie en Amérique, Band I, Paris 1835; Band II, Paris 1840; zitiert nach der 12. Auflage, Paris: Pagnerre 1848, https://fr.wikisource.org/wiki/De_la_d%C3%A9mocratie_en_Am%C3%A9rique/%C3%89dition_1848 (deutsche Fassungen im Artikel: eigene Übersetzung)
  • Tocqueville, Alexis de: L’Ancien Régime et la Révolution, Paris 1856, Buch II und III, https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Ancien_R%C3%A9gime_et_la_R%C3%A9volution
  • Tocqueville, Alexis de: Rede in der Abgeordnetenkammer vom 27. Januar 1848, in: Œuvres complètes, Paris: Michel Lévy 1866, Bd. IX, https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_compl%C3%A8tes_d%E2%80%99Alexis_de_Tocqueville,_L%C3%A9vy/Discours_27_janvier_1848
  • Tocqueville, Alexis de: Discours à l’Assemblée constituante (12 septembre 1848) sur la question du droit au travail, in: Œuvres complètes, Paris: Michel Lévy 1866, Bd. IX, S. 536–552, https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_compl%C3%A8tes_d%E2%80%99Alexis_de_Tocqueville,_L%C3%A9vy/Discours_%C3%A0_l%E2%80%99Assembl%C3%A9e_constituante_sur_la_question_du_droit_au_travail
  • Tocqueville, Alexis de: Rapport fait au nom de la Commission chargée d’examiner la proposition de M. de Tracy, relative aux esclaves des colonies, 23. Juli 1839, https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_compl%C3%A8tes_d%E2%80%99Alexis_de_Tocqueville,_L%C3%A9vy/Rapport_sur_l%E2%80%99esclavage
  • Beaumont, Gustave de (Hg.): Memoir, Letters, and Remains of Alexis de Tocqueville, Bd. 1, Cambridge/London 1861/62 (Briefe an Eugène Stoffels, 24. Juli 1836, und an Louis de Kergorlay, 1836), https://archive.org/details/memoirlettersrem01tocquoft
  • Hayek, Friedrich August von: The Road to Serfdom, London: Routledge 1944 (Motto und Kap. 2 „The Great Utopia“), https://archive.org/stream/in.ernet.dli.2015.46585/2015.46585.Road-To-Serfdom_djvu.txt
  • Académie française: Alexis de Tocqueville (Lebensdaten, Wahl 1841), https://www.academie-francaise.fr/les-immortels/alexis-de-tocqueville
  • Encyclopedia of Modern Europe: „Tocqueville, Alexis Charles Henri Maurice Clérel de (1805–1859)“, über encyclopedia.com, https://encyclopedia.com/international/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/tocqueville-alexis-charles-henri-maurice-clerel-de-1805-1859
  • Ebenstein, Alan: Friedrich Hayek. A Biography, University of Chicago Press 2003, S. 116 (Herkunft des Titels The Road to Serfdom; zitiert nach https://en.wikipedia.org/wiki/The_Road_to_Serfdom)
  • Pitts, Jennifer (Hg.): Alexis de Tocqueville, Writings on Empire and Slavery, Johns Hopkins University Press, Baltimore 2001
  • Welch, Cheryl B.: „Colonial Violence and the Rhetoric of Evasion: Tocqueville on Algeria“, Political Theory 31 (2003), Nr. 2
  • Kahan, Alan S.: Alexis de Tocqueville, Major Conservative and Libertarian Thinkers, Bloomsbury Academic, London 2010
  • Wikipedia (de): Alexis de Tocqueville (Einstieg, Lebenslauf), https://de.wikipedia.org/wiki/Alexis_de_Tocqueville
  • Wikipedia (en): Guillaume-Chrétien de Lamoignon de Malesherbes, https://en.wikipedia.org/wiki/Guillaume-Chr%C3%A9tien_de_Lamoignon_de_Malesherbes

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