1887 bat Mandell Creighton, Kirchenhistoriker in Cambridge und Herausgeber der neu gegründeten English Historical Review, einen gelehrten Bekannten um eine Rezension. Creighton schrieb an einer mehrbändigen Geschichte des Papsttums im Zeitalter der Reformation und hatte die Päpste darin mit viel Nachsicht behandelt. Über den scharfen Entwurf entspann sich ein Briefwechsel, und am 5. April schrieb der Rezensent aus Cannes einen langen Brief an Creighton. Er könne Creightons Regel nicht annehmen, Papst und König anders als andere Menschen zu beurteilen, mit der günstigen Vermutung, sie hätten kein Unrecht getan. Wenn es überhaupt eine Vermutung gebe, dann gegen die Inhaber der Macht, und zwar umso stärker, je größer ihre Macht sei.
Wenige Zeilen später folgte der Satz, der den Brief berühmt gemacht hat: „Macht neigt dazu zu korrumpieren, und absolute Macht korrumpiert absolut“ (eigene Übersetzung). Der Verfasser war John Emerich Edward Dalberg-Acton, Lord Acton, und sein Satz wird heute in Parlamenten und Leitartikeln zitiert, oft verkürzt und meist ohne den Gedanken, aus dem er stammt, obwohl erst dieser Gedanke zeigt, was Acton mit dem Satz eigentlich verlangte.
Steckbrief
- Lebensdaten: 10. Januar 1834 in Neapel bis 19. Juni 1902 in Tegernsee
- Wirken: liberaler Unterhausabgeordneter 1859 bis 1866, ab 1869 Baron Acton und Mitglied des Oberhauses, ab 1895 Regius Professor für Neuere Geschichte in Cambridge
- Hauptwerke: Nationality (1862), die Vorträge The History of Freedom in Antiquity und The History of Freedom in Christianity (1877), der Brief an Mandell Creighton (1887), die Antrittsvorlesung The Study of History (1895)
- In einem Satz: Er schrieb die Geschichte Europas als Geschichte der Freiheit und verlangte, die Mächtigen strenger zu beurteilen als alle anderen.
Ein Europäer, dem Cambridge verschlossen blieb
Acton kam in Neapel zur Welt. Sein Großvater, ein englischer Baronet, war Admiral und Premierminister des Königreichs Neapel gewesen, seine Mutter entstammte der Familie Dalberg, und als der Vater früh starb, heiratete sie 1840 den liberalen Politiker Lord Granville. Der Junge ging bei Paris, im englischen Oscott und in Edinburgh zur Schule, und schon diese Stationen zeigen, wie selbstverständlich er sich zwischen den Ländern Europas bewegte.
Weil er Katholik war, wurde er in Cambridge nicht zum Studium zugelassen. Er ging stattdessen nach München und lebte von 1848 bis 1854 im Haus des Theologen und Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger, der ihm lebenslang ein Freund blieb. Zurück in England, saß Acton von 1859 bis 1866 für die Liberalen im Unterhaus und gab katholische Zeitschriften heraus, erst The Rambler, dann die Home and Foreign Review. Nach einer päpstlichen Erklärung über katholische Schriftsteller stellte er die Review 1864 lieber ein, als sie unter kirchlicher Aufsicht weiterzuführen.
1869 wurde Acton maßgeblich auf Betreiben William Gladstones zum Baron erhoben. Den folgenden Winter verbrachte er in Rom, wo das Erste Vatikanische Konzil über die Unfehlbarkeit des Papstes beriet, und arbeitete dort gegen das geplante Dogma. Er unterlag, sein Lehrer Döllinger wurde 1871 exkommuniziert. Acton, der mit demselben Schicksal rechnete, wurde nicht ausgeschlossen und blieb Katholik.
Spät kam die Anerkennung. 1895 wurde er auf Vorschlag des Premierministers Lord Rosebery Regius Professor für Neuere Geschichte, und zwar ausgerechnet in Cambridge, wo man ihn als Studenten abgewiesen hatte. Er entwarf die vielbändige Cambridge Modern History, deren Erscheinen er nicht mehr erlebte. Seine Bibliothek von rund 60.000 Bänden hatte der Industrielle Andrew Carnegie noch zu Actons Lebzeiten gekauft und ihm zur Nutzung überlassen; nach seinem Tod gelangte sie über John Morley an die Universität Cambridge.
Eine Beweislast für die Mächtigen
Der Brief an Creighton enthält mehr als ein Bonmot, denn Acton stellt darin eine Regel der Beweislast auf. Wer Macht über andere ausübt, verdient nach dieser Regel weniger Vertrauen, und das Misstrauen wächst mit dem Umfang der Macht. Weil Könige und Päpste zu Lebzeiten selten vor einem Gericht stehen, müsse das Urteil der Geschichte diese fehlende rechtliche Verantwortung ersetzen. Und dann der Satz, der vielleicht noch schärfer ist als der berühmte: Es gebe keine schlimmere Irrlehre als die, dass das Amt seinen Inhaber heilige (eigene Übersetzung).
Damit wendet sich Acton gegen eine Neigung, die in jeder Gesellschaft stark ist. Man unterstellt den Regierenden gern, sie hätten Gründe, die gewöhnliche Menschen nur nicht durchschauen, und entschuldigt deshalb bei ihnen, was man bei jedem Nachbarn verurteilen würde. Acton hielt diese Nachsicht für eine Verführung des Urteils. Einen Mann ohne Stellung würde Creighton hängen lassen, hält Acton ihm im selben Brief vor, die größten Namen aber, die mit den größten Verbrechen verbunden sind, aus rätselhaften Gründen schonen (sinngemäß).
In seiner Antrittsvorlesung in Cambridge am 11. Juni 1895 gab er diese Haltung an seine Studenten weiter. Er ermahnte sie, die moralische Währung niemals zu entwerten, andere nach derselben Richtschnur zu beurteilen, nach der sie ihr eigenes Leben führen, und keinen Menschen und keine Sache der Strafe entgehen zu lassen, die die Geschichte über Unrecht verhängen kann. Für das Freiheitsdenken ist diese Strenge ein Gewinn, weil sie keine Sonderethik für Staaten und Herrscher zulässt.
Freiheit als höchster Zweck
Seinen Ruf als Historiker der Freiheit begründeten zwei Vorträge, die Acton 1877 vor der Bridgnorth Institution in der Agricultural Hall von Bridgnorth hielt, der Kleinstadt, die er einst im Parlament vertreten hatte: am 26. Februar über die Geschichte der Freiheit in der Antike, am 28. Mai über die Geschichte der Freiheit im Christentum.
Darin steht der Satz, dass Freiheit kein Mittel zu einem höheren politischen Zweck sei, sondern selbst der höchste politische Zweck. Acton begründet das damit, dass man sie nicht um einer guten Verwaltung willen brauche, sondern um die höchsten Ziele des bürgerlichen und privaten Lebens in Sicherheit verfolgen zu können. Er räumt sogar ein, dass mehr Freiheit gelegentlich Mittelmaß fördern oder nützliche Gesetze verzögern könne, und hält trotzdem an ihr fest.
Seine Definition ist bis heute bemerkenswert: Unter Freiheit verstehe er die Gewissheit, dass jeder Mensch darin geschützt ist, das zu tun, was er für seine Pflicht hält, gegen den Einfluss von Autorität und Mehrheiten, Sitte und Meinung (eigene Übersetzung). Freiheit muss sich in dieser Fassung gegen Könige ebenso behaupten wie gegen die Mehrheit und den sozialen Druck. Der Staat, fügt Acton hinzu, sei nur in seiner unmittelbaren Sphäre befugt, Pflichten zuzuweisen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Daraus folgt sein bekanntester Prüfstein: Ob ein Land wirklich frei ist, erkennt man am sichersten an dem Maß an Sicherheit, das seine Minderheiten genießen.
Historisch fand Acton die Freiheit dort, wo Macht geteilt war. Den vierhundertjährigen Streit zwischen Kirche und Krone im Mittelalter hielt er für die Wiege der bürgerlichen Freiheit. Beide Seiten strebten nach absoluter Herrschaft, doch weil keine siegte, mussten sie die Völker um Hilfe bitten, und so gewannen die Städte Italiens und Deutschlands ihre Freiheitsrechte, Frankreich seine Generalstände und England sein Parlament. Freiheit verdankt sich in dieser Sicht weniger dem guten Willen der Herrschenden als dem Umstand, dass sich ihre Machtansprüche gegenseitig bremsen. Er wusste auch, wie selten ihre Verteidiger sind: Aufrichtige Freunde der Freiheit seien zu allen Zeiten selten gewesen, und ihre Siege hätten Minderheiten errungen.
Viele Völker unter einem Dach
Schon 1862 hatte Acton in seinem Essay Nationality eine These vertreten, die seinem Jahrhundert quer lag. Italien hatte sich gerade geeint, Deutschland strebte danach, und die Forderung, jede Nation solle ihren eigenen Staat haben, galt als liberal. Acton widersprach. Die Verbindung verschiedener Nationen in einem Staat sei eine ebenso notwendige Bedingung zivilisierten Lebens wie die Verbindung von Menschen in der Gesellschaft, und das Zusammenleben mehrerer Nationen unter einem Staat sei Prüfstein und beste Sicherung seiner Freiheit.
Der Grund liegt wieder in der Machtteilung. Ein Staat, der sich mit einer einzigen Nation gleichsetzt, kann andere Volksgruppen in seinen Grenzen nie als gleichberechtigt anerkennen, ohne seinen eigenen Grundsatz aufzugeben. Darum, so Acton, sei der größte Gegner der Rechte der Nationalitäten die moderne Theorie der Nationalität selbst. Wer an die Vertreibungen und Minderheitenverfolgungen denkt, die das zwanzigste Jahrhundert im Namen nationaler Einheit erlebte, liest diese Warnung von 1862 mit anderen Augen.
Dieselbe Vorliebe für geteilte Macht ließ Acton im amerikanischen Bürgerkrieg mit den Südstaaten sympathisieren. Im November 1866 schrieb er an Robert E. Lee, er habe in den Rechten der Einzelstaaten die einzige wirksame Schranke gegen eine absolute zentrale Gewalt gesehen. Dass die Verfassung der Konföderierten Staaten die Sklaverei ausdrücklich schützte, ging in dieser Rechnung unter, und hier führte ein richtiges Prinzip zu einem Urteil, das mit Actons eigenem Prüfstein, der Sicherheit der Minderheiten, kaum zu vereinbaren war.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre ist die Beweislastregel. Rechtfertigen muss sich die Macht, und je mehr Befugnisse jemand beansprucht, desto genauer muss man hinsehen. Friedrich August von Hayek hat das verstanden: Er stellte Actons Satz in Der Weg zur Knechtschaft (1944) dem zehnten Kapitel voran, in dem er erklärt, warum in einer gelenkten Wirtschaft die Skrupellosesten nach oben gelangen. Als Hayek 1947 Gelehrte aus Europa und Amerika zur Gründung einer liberalen Gesellschaft versammelte, schlug er vor, sie nach Acton und Tocqueville zu benennen. Der Vorschlag setzte sich nicht durch, und die Gesellschaft heißt bis heute nach ihrem Tagungsort Mont Pèlerin.
Zweitens zeigt Acton, dass Freiheit einen eigenen Rang besitzt. Wer sie nur verteidigt, weil sie Wohlstand bringt, wird sie aufgeben, sobald jemand mehr Wohlstand durch Lenkung verspricht. Wer sie dagegen als höchsten politischen Zweck begreift, hält auch dann an ihr fest, wenn sie unbequem wird.
Drittens lenkt er den Blick auf die Minderheiten und auf die Teilung der Macht. Seine Freiheitsdefinition schützt den Einzelnen ausdrücklich auch vor Mehrheiten und vor dem Druck der öffentlichen Meinung, und seine Geschichte Europas erzählt, wie Freiheit dort wuchs, wo keine Gewalt alle anderen verschlingen konnte. Das verbindet ihn mit Alexis de Tocqueville, dem die Sache der Freiheit nach Actons Vortrag über die Antike, zusammen mit Cicero, Seneca und Vinet, mehr verdankt als den Gesetzen Lykurgs, und mit allen, die Föderalismus und Dezentralisierung für Bedingungen der Freiheit halten.
Schließlich ist sein eigenes Leben ein Beispiel. Acton hat die Maßstäbe, die er an Könige anlegte, auch an seine eigene Kirche angelegt, deren Mitglied er bis zum Tod blieb. Er stellte lieber eine Zeitschrift ein, als sich zensieren zu lassen, und er stritt in Rom gegen die Ausweitung päpstlicher Autorität, obwohl ihm das selbst die Exkommunikation hätte eintragen können.
Ein Satz und das Denken dahinter
Acton hat kein großes systematisches Werk hinterlassen, seine Gedanken stecken in Vorträgen, Essays und Briefen, und doch werden sie bis heute gelesen und neu herausgegeben. Sein berühmter Satz ist nur die sichtbarste Stelle einer Haltung, die vom Inhaber der Macht mehr Rechenschaft verlangt als von jedem anderen und die Freiheit des Einzelnen über die Bequemlichkeit guter Verwaltung stellt. Wenn heute eine Regierung oder Behörde mehr Befugnisse verlangt, lohnt es sich, an den Brief aus Cannes zu denken. Die Vermutung spricht gegen sie, und zwar umso stärker, je mehr sie will.
Zum Weiterlesen
- Lord Acton: The History of Freedom and Other Essays, hrsg. von J. N. Figgis und R. V. Laurence, Macmillan, London 1907
- Lord Acton: A Lecture on the Study of History, Macmillan, London 1895
- Selected Writings of Lord Acton, hrsg. von J. Rufus Fears, 3 Bände, Liberty Fund, Indianapolis 1985 bis 1988
- Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, Kapitel 10
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Acton, Lord: „Nationality“, in: The Home and Foreign Review, Juli 1862; wieder in: The History of Freedom and Other Essays, Macmillan, London 1907.
- Acton, Lord: „The History of Freedom in Antiquity“ (Vortrag vor der Bridgnorth Institution, 26. Februar 1877) und „The History of Freedom in Christianity“ (ebd., 28. Mai 1877), in: The History of Freedom and Other Essays, hrsg. von J. N. Figgis und R. V. Laurence, Macmillan, London 1907, online: https://www.gutenberg.org/ebooks/31278
- Acton, Lord: Brief an Robert E. Lee, Bologna, 4. November 1866, abgedruckt in: Douglas Southall Freeman, R. E. Lee, Bd. 4, Anhang, online: https://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Gazetteer/People/Robert_E_Lee/FREREL/4/Appendices/4*.html
- Acton, Lord: Brief an Mandell Creighton, Cannes, 5. April 1887, Auszug nach der Online Library of Liberty: https://history.hanover.edu/courses/excerpts/165acton.html; vollständig: https://www.econlib.org/the-acton-creighton-correspondence
- Acton, Lord: A Lecture on the Study of History, delivered at Cambridge, June 11, 1895, Macmillan, London 1895, online: https://www.gutenberg.org/files/25720/25720-0.txt
- Acton, Lord: Selected Writings of Lord Acton, hrsg. von J. Rufus Fears, 3 Bde., Liberty Fund, Indianapolis 1985–1988, https://about.libertyfund.org/books/selected-writings-of-lord-acton
- Hayek, Friedrich August von: The Road to Serfdom, Routledge, London 1944, Kap. X „Why the Worst Get on Top“ (Motto), Scan: https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.46585
- Verfassung der Konföderierten Staaten von Amerika (1861), Art. I Abschn. 9, Avalon Project: https://avalon.law.yale.edu/19th_century/csa_csa.asp
- Figgis, J. N.; Laurence, R. V.: „Chronicle“ (Lebensdaten Actons), in: Acton, The History of Freedom and Other Essays, London 1907.
- Wikipedia (en): John Dalberg-Acton, 1st Baron Acton, https://en.wikipedia.org/wiki/John_Dalberg-Acton,_1st_Baron_Acton (Einstieg)
- Wikipedia (en): Mandell Creighton, https://en.wikipedia.org/wiki/Mandell_Creighton
- National Portrait Gallery, London: John Acton, 1st Baron Acton, https://www.npg.org.uk/collections/search/portrait/mw00026
- Encyclopedia.com: Döllinger, Johannes Joseph Ignaz von, https://encyclopedia.com/religion/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/dollinger-johannes-joseph-ignaz-von
- Mises Institute: Freedom and Power, Acton-Creighton Correspondence, https://mises.org/online-book/freedom-and-power/acton-creighton-correspondence
- Foundation for Economic Education: The Mont Pelerin Society, https://fee.org/articles/the-mont-pelerin-society/
- Wikipedia (en): Mont Pelerin Society, https://en.wikipedia.org/wiki/Mont_Pelerin_Society
Beitragsbild: Lord Acton (KI-Illustration)

