Im Jahr 1949 erschien in den Vereinigten Staaten ein dickes Buch eines emigrierten Wiener Ökonomen: Human Action von Ludwig von Mises. Im selben Jahr saß im Seminar, das Mises an der New York University hielt, ein 23-jähriger Doktorand der Columbia University. Er hieß Murray Rothbard, und bald darauf machte er sich daran, das Werk in einem Lehrbuch für Studenten verständlich aufzubereiten.
Aus dem Vorhaben wurde ein umfangreiches eigenes Werk, und aus dem Schüler wurde der Mann, den man in den 1970er-Jahren weithin „Mr. Libertarian“ nannte. Kaum ein anderer Denker hat die Frage, mit welchem Recht der Staat handelt, so beharrlich gestellt und so umfassend beantwortet: in der Ethik, in der Ökonomie und in der Geschichte.
Steckbrief
- Lebensdaten: 2. März 1926 in New York bis 7. Januar 1995 in Manhattan
- Wirken: Ökonom und politischer Philosoph; Dozent am Polytechnic Institute in Brooklyn, ab 1986 S. J. Hall Distinguished Professor of Economics an der University of Nevada in Las Vegas; Mitgründer des Cato Institute (1977), Academic Vice-President des Ludwig von Mises Institute (ab 1982)
- Hauptwerke: Man, Economy, and State (1962), America’s Great Depression (1963), What Has Government Done to Our Money? (1963), For a New Liberty (1973), Conceived in Liberty (1975 bis 1979), The Ethics of Liberty (1982), An Austrian Perspective on the History of Economic Thought (1995)
- In einem Satz: Er verband die Österreichische Schule mit einer Ethik des Selbsteigentums und wandte beide ohne Ausnahme auf den Staat an.
Ein Wunderkind aus New York
Rothbard wurde als Sohn jüdischer Einwanderer in New York geboren. An der Columbia University studierte er Mathematik und Ökonomie und schloss mit Auszeichnung ab. Von der Österreichischen Schule, jener Wiener Denkrichtung um Carl Menger und Ludwig von Mises, die wirtschaftliche Vorgänge aus dem Handeln einzelner Menschen erklärt, hörte er dort nichts. Den Weg zu Mises fand er über die Foundation for Economic Education, eine freiheitliche Bildungsstiftung, und von 1949 an gehörte er zum festen Kern des Seminars in New York.
Seine Doktorarbeit über die Wirtschaftskrise von 1819 schrieb er bei dem Wirtschaftshistoriker Joseph Dorfman. Die Promotion verzögerte sich um Jahre, weil der einflussreiche Ökonom Arthur Burns die Arbeit zunächst nicht annehmen wollte. Erst 1956 wurde sie angenommen, und als Buch gilt The Panic of 1819 bis heute als Standardwerk.
In diesen Jahren lebte Rothbard von Aufträgen des William Volker Fund, einer Stiftung, die freiheitliche Gelehrte förderte. Er las für sie sozialwissenschaftliche Neuerscheinungen und schrieb Gutachten. Mitte der 1950er-Jahre gründete er mit jungen Gleichgesinnten einen Gesprächskreis, den sie nach dem französischen Ökonomen Frédéric Bastiat „Circle Bastiat“ nannten. Mit seiner Frau JoAnn, genannt Joey, die er 1953 heiratete, führte er einen libertären Salon.
Ein Gelehrter, der Institutionen baute
Eine glanzvolle akademische Laufbahn blieb ihm lange verwehrt. Mehr als zwei Jahrzehnte unterrichtete er Ökonomie an einer Ingenieurhochschule in Brooklyn, für ein bescheidenes Gehalt und vor Studenten, die Techniker werden wollten. Erst 1986 erhielt er in Las Vegas einen eigenen Lehrstuhl, den er bis zu seinem Tod innehatte.
Was ihm die Universitäten nicht boten, schuf er sich selbst. Er gründete Zeitschriften, darunter Left and Right (1965 bis 1968), The Libertarian Forum, das Journal of Libertarian Studies (1977) und die Review of Austrian Economics (1987), aus der das heutige Quarterly Journal of Austrian Economics hervorging. 1977 half er beim Aufbau des Cato Institute, und 1982 gründete Llewellyn H. Rockwell das Ludwig von Mises Institute, dessen akademischer Kopf Rothbard bis zu seinem Tod blieb. Seine Verbündeten im Kampf gegen Krieg und Staatsmacht suchte er in wechselnden Lagern, in den 1960er-Jahren bei der Friedensbewegung der Neuen Linken, später bei Konservativen der alten Rechten.
Dieselbe Moral für alle
Im Mittelpunkt seines Denkens steht ein Grundsatz, den fast jeder Mensch im Alltag für selbstverständlich hält: Niemand darf gegen einen anderen Gewalt anwenden oder ihm Gewalt androhen, um ihm seine Person oder sein Eigentum zu nehmen. Libertäre nennen das heute Nichtaggressionsprinzip. In For a New Liberty (1973) und The Ethics of Liberty (1982) entwickelte Rothbard daraus eine vollständige Rechtsordnung, die er im Naturrecht verankerte.
Ausgangspunkt ist das Eigentum des Menschen an sich selbst. Wer sich selbst gehört, dem gehört auch, was er mit seiner Arbeit aus herrenlosen Dingen macht, so wie es John Locke für das erstmals bearbeitete Land beschrieben hatte. Alles weitere Eigentum entsteht durch Tausch, Schenkung oder Erbe. Eigentum ist in dieser Sicht ein Recht, das älter ist als jede Regierung und das sie folglich nicht nach Belieben zuteilen darf.
Der entscheidende Schritt besteht darin, diesen Maßstab auch an den Staat anzulegen. In seinem Essay Anatomy of the State von 1965 beschreibt Rothbard den Staat als jene Organisation, die in einem Gebiet ein Monopol auf Gewalt beansprucht und als einzige ihr Einkommen durch Zwang erzielt statt durch freiwillige Beiträge oder bezahlte Leistungen. Wenn ein Einzelner unter Androhung von Gewalt Geld fordert, sprechen wir von Erpressung. In The Ethics of Liberty zog Rothbard daraus den bekannten Schluss: „Besteuerung ist Diebstahl, schlicht und einfach, auch wenn es Diebstahl in einem gewaltigen und ungeheuren Ausmaß ist, mit dem kein anerkannter Verbrecher mithalten könnte“ (eigene Übersetzung).
Krisen, Notenbanken und das Geld der Bürger
Als Ökonom stand Rothbard fest in der Tradition von Mises. Man, Economy, and State (1962), das aus dem Lehrbuchauftrag hervorging, ist eine systematische Darstellung der österreichischen Wirtschaftstheorie, die Mises selbst in einer Rezension lobte. Ein Jahr später wandte Rothbard in America’s Great Depression die österreichische Konjunkturtheorie auf die Weltwirtschaftskrise an. Nach dieser Theorie entstehen Krisen, wenn Notenbanken und Banken Kredit über das Maß der Ersparnisse hinaus ausweiten und dadurch Investitionen auslösen, die sich später als Fehler erweisen. Rothbard legte dar, wie die Federal Reserve in den 1920er-Jahren genau das getan hatte, und er beschrieb, wie Präsident Herbert Hoover mit Konferenzen im Weißen Haus, dem Drängen auf billigen Kredit und öffentlichen Bauvorhaben die notwendige Bereinigung verhinderte und den Abschwung so zur langen Depression machte.
Für ein breites Publikum schrieb er What Has Government Done to Our Money? (1963), eine kurze Schrift darüber, wie Geld aus dem Tausch auf dem Markt entstand und wie Regierungen es Schritt für Schritt unter ihre Kontrolle brachten und entwerteten. In The Case Against the Fed (1994) fasste er zusammen, was er in Jahrzehnten über Notenbanken gelernt hatte: Inflation entsteht durch die Ausweitung der Geldmenge, und diese geht vom Bankensystem mitsamt der Zentralbank aus. Der texanische Abgeordnete Ron Paul, der die Forderung nach einem Ende der Federal Reserve später in die amerikanische Politik trug, nannte Rothbard den Ökonomen, der ihn am stärksten geprägt habe.
Krieg und die Hofgelehrten der Macht
In dem schmalen Essay Anatomy of the State fragt Rothbard, wie sich eine Minderheit, die von Zwangsabgaben lebt, dauerhaft halten kann. Seine Antwort richtet den Blick auf die Intellektuellen: Weil der Staat die Zustimmung der Mehrheit braucht, ist er auf jene angewiesen, die Meinungen bilden, und er belohnt sie dafür mit sicheren Stellen, Einkommen und Ansehen.
Noch stärker als durch Gelehrte wächst der Staat nach Rothbard durch Krieg. Im Krieg könne er unter Berufung auf Verteidigung und Notstand Lasten auferlegen, gegen die sich die Bürger im Frieden wehren würden, und jeder moderne Krieg habe den beteiligten Völkern dauerhaft höhere Staatslasten hinterlassen. Zustimmend zitiert er den Publizisten Randolph Bourne mit dem Satz, der Krieg sei die Gesundheit des Staates. Konsequent lehnte Rothbard deshalb die Kriege seiner Zeit ab, und eben diese Haltung kostete ihn 1960 die Mitarbeit an William F. Buckleys National Review, deren Herausgeber einen militärischen Antikommunismus vertrat.
Ordnung ohne Herrscher
Wer Steuern für Diebstahl hält, muss erklären, wie Recht und Sicherheit ohne Staat entstehen könnten. Rothbard griff dafür auf Gustave de Molinari zurück, einen belgisch-französischen Ökonomen, der 1849 vorgeschlagen hatte, auch Schutz und Sicherheit von Anbietern im Wettbewerb erbringen zu lassen. In seinem Vorwort zur englischen Ausgabe von 1977 würdigte Rothbard Molinaris Aufsatz als erste Darstellung dessen, was man heute Anarchokapitalismus nennt. In Power and Market (1970) und For a New Liberty beschrieb er selbst, wie private Schutzagenturen und Schiedsgerichte die Aufgaben übernehmen könnten, die heute Polizei und Justiz erfüllen.
Den Begriff Anarchokapitalismus hat Rothbard nicht als Erster verwendet, der Publizist Karl Hess benutzte ihn schon 1969. Bekannt gemacht hat ihn aber Rothbard, der ihn von Anfang der 1970er-Jahre an für seine eigene Position gebrauchte. Unter den großen Namen der freiheitlichen Bewegung, zu denen der Publizist Brian Doherty Mises, Hayek, Milton Friedman, Ayn Rand und Rothbard zählt, war er der einzige, der den Staat abschaffen und nicht nur begrenzen wollte.
Geschichte als Geschichte der Freiheit
Rothbard war auch Historiker. In den vier Bänden von Conceived in Liberty (1975 bis 1979) erzählte er die Geschichte der amerikanischen Kolonien bis zur Unabhängigkeitserklärung als Geschichte freiheitlicher Ideen und des Widerstands gegen Herrschaft. Einen fünften Band hinterließ er unveröffentlicht als Handschrift. Der Historiker Patrick Newman edierte ihn, und 2019 erschien er beim Mises Institute. Darin deutet Rothbard die amerikanische Verfassung als Gründungsurkunde einer neuen, zentralisierten Regierung.
Sein letztes großes Werk, die zweibändige Geschichte des ökonomischen Denkens, erschien kurz nach seinem Tod im Jahr 1995. Darin würdigt er unter anderem die spanischen Spätscholastiker der Schule von Salamanca, die schon im 16. Jahrhundert den Wert der Güter aus der Schätzung der Menschen erklärten, und er sieht in ihnen frühe Vorläufer der Österreichischen Schule. Am 7. Januar 1995 starb Rothbard in Manhattan an einem Herzinfarkt, 68 Jahre alt.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre Rothbards ist der gleiche Maßstab. Was einem Einzelnen verboten ist, wird nicht dadurch erlaubt, dass eine Behörde es tut oder eine Mehrheit es beschließt. Wer diesen Gedanken einmal ernst genommen hat, betrachtet Steuern, Wehrpflicht und Enteignung mit anderen Augen, auch wenn er Rothbard nicht bis zur Abschaffung des Staates folgen mag.
Ebenso fruchtbar ist seine Einsicht, dass Geld eine Machtfrage ist. Eine Regierung, die über das Geld verfügt, kann ihre Bürger über die Inflation belasten, ohne neue Steuern beschließen zu müssen, und sie kann Kriege und Wohltaten bezahlen, deren Kosten erst später sichtbar werden. Dazu kommt sein Blick auf den Krieg als stärksten Antrieb staatlicher Macht. Freiheit im Inneren und Frieden nach außen gehören für Rothbard deshalb untrennbar zusammen.
Schließlich hat Rothbard vorgelebt, dass Ideen Orte brauchen, an denen sie gepflegt werden. Ohne Lehrstuhl an einer großen Universität gründete er Kreise, Zeitschriften und Institute, von denen einige bis heute bestehen. Sein Schüler Hans-Hermann Hoppe hat sinngemäß gesagt, ohne Rothbard gäbe es keine nennenswerte anarchokapitalistische Bewegung, und das Mises Institute stellt seine Werke frei zugänglich ins Netz.
Mit welchem Recht?
Murray Rothbard hat dem Libertarismus ein Fundament gegeben, das von der Ethik über die Ökonomie bis zur Geschichte reicht, und er hat es mit einer Klarheit formuliert, die auch jene herausfordert, die ihm nicht folgen. Seine Bücher setzen beim Leser kein Fachstudium voraus, nur die Bereitschaft, gewöhnliche Moral ernst zu nehmen. Am Ende bleibt die Frage, die er ein Leben lang gestellt hat: Mit welchem Recht tut der Staat Dinge, die wir jedem anderen Menschen als Unrecht anrechnen würden?
Zum Weiterlesen
- Murray N. Rothbard: For a New Liberty. The Libertarian Manifesto, Macmillan, New York 1973
- Murray N. Rothbard: Anatomy of the State, Ludwig von Mises Institute, Auburn 2009 (zuerst 1965)
- Murray N. Rothbard: The Ethics of Liberty, Humanities Press, Atlantic Highlands 1982
- Justin Raimondo: An Enemy of the State. The Life of Murray N. Rothbard, Prometheus Books, Amherst 2000
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Rothbard, Murray N.: The Panic of 1819. Reactions and Policies, Columbia University Press, New York 1962.
- Rothbard, Murray N.: Man, Economy, and State, Van Nostrand, Princeton 1962.
- Rothbard, Murray N.: America’s Great Depression, Van Nostrand, Princeton 1963.
- Rothbard, Murray N.: What Has Government Done to Our Money?, 1963 (heute Ludwig von Mises Institute).
- Rothbard, Murray N.: „The Anatomy of the State“, in: Rampart Journal of Individualist Thought, Sommer 1965; Buchausgabe Ludwig von Mises Institute, Auburn 2009, https://cdn.mises.org/Anatomy%20of%20the%20State_3.pdf
- Rothbard, Murray N.: Power and Market, Institute for Humane Studies / Sheed Andrews and McMeel, 1970.
- Rothbard, Murray N.: For a New Liberty. The Libertarian Manifesto, Macmillan, New York 1973.
- Rothbard, Murray N.: Conceived in Liberty, Bd. 1 bis 4, Arlington House, New Rochelle 1975 bis 1979; Bd. 5 The New Republic: 1784–1791, hg. von Patrick Newman, Ludwig von Mises Institute, Auburn 2019.
- Rothbard, Murray N.: Preface (1977) zu Gustave de Molinari, The Production of Security, Center for Libertarian Studies, New York 1977, https://praxeology.net/MR-GM-PS.htm
- Rothbard, Murray N.: The Ethics of Liberty, Humanities Press, Atlantic Highlands 1982 (Kap. 22 „The Nature of the State“).
- Rothbard, Murray N.: The Case Against the Fed, Ludwig von Mises Institute, Auburn 1994.
- Rothbard, Murray N.: An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, 2 Bde., Edward Elgar, Aldershot 1995, Bd. 1 Kap. 4: https://mises.org/online-book/austrian-perspective-history-economic-thought/4-late-spanish-scholastics
- Ludwig von Mises Institute: Profil Murray N. Rothbard, https://mises.org/profile/murray-n-rothbard
- Ludwig von Mises Institute: „Chronology of the Life and Works of Murray Newton Rothbard“, in: Rothbard vs. the Philosophers, https://mises.org/online-book/rothbard-vs-philosophers/chronology-life-and-works-murray-newton-rothbard-0
- Rockwell, Llewellyn H. Jr.; Woods, Thomas E. Jr.: „Murray N. Rothbard: The Man and His Work“, Mises Daily, 9. Oktober 2014, https://mises.org/mises-daily/murray-n-rothbard-man-and-his-work
- Marcus, B. K.: „Happy Birthday, Mr. Libertarian“, Mises Wire, 2. März 2010, https://mises.org/mises-wire/happy-birthday-mr-libertarian
- Ludwig von Mises Institute: Conceived in Liberty, Vol. 5, https://mises.org/library/conceived-liberty-volume-5-new-republic-1784%E2%80%931791
- Ludwig von Mises Institute: The Essential Rothbard, Kap. 7 (zu America’s Great Depression), https://mises.org/online-book/essential-rothbard/7-austrian-economic-history
- Mises Daily: „A Rothbardian Analysis of the State“ (Wortlaut des Steuer-Zitats), https://mises.org/mises-daily/rothbardian-analysis-state
- Mises Daily: „A Clear Conclusion: End the Fed“ (Ron Paul über Rothbard), https://mises.org/mises-daily/clear-conclusion-end-fed
- Raimondo, Justin: An Enemy of the State. The Life of Murray N. Rothbard, Prometheus Books, Amherst 2000.
- Wikipedia (en): Murray Rothbard, https://en.wikipedia.org/wiki/Murray_Rothbard (Einstieg; Lebensdaten, Karl Hess 1969, Hoppe)
- The New York Times: Nachruf „Murray N. Rothbard, Economist And Free-Market Exponent, 68“, Januar 1995.
Beitragsbild: Murray Rothbard (KI-Illustration)


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