Als Michel de Montaigne seinem Freund ein Denkmal setzen wollte, fand er für ihre Freundschaft eine Begründung, die bis heute zitiert wird: „Par ce que c’estoit luy; par ce que c’estoit moy“, weil er es war, weil ich es war. So steht es im Kapitel über die Freundschaft, Buch I, Kapitel 28 seiner Essais. Weniger bekannt ist, wie diese Freundschaft begann. Montaigne kannte den Namen Étienne de La Boétie schon, bevor er ihm begegnete, und zwar aus einer Handschrift, die nach seinen Worten schon länger unter verständigen Lesern umlief. Ihr Verfasser hatte sie in jungen Jahren geschrieben, nach Montaignes Worten „à l’honneur de la liberté contre les tyrans“, zur Ehre der Freiheit gegen die Tyrannen.
Diese Schrift, der Discours de la servitude volontaire, die Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft, stellt eine Frage, die jeder Generation neu begegnet. Wie kann ein einzelner Mensch über Tausende und Millionen herrschen, obwohl er nicht mehr Kraft besitzt als jeder von ihnen? La Boéties Antwort ist so einfach, dass man sie leicht unterschätzt: Er herrscht, weil man ihm gehorcht.
Steckbrief
- Lebensdaten: 1. November 1530 in Sarlat im Périgord bis 18. August 1563 in Germignan bei Bordeaux
- Wirken: Jurist und Humanist, ab 1554 Rat am Parlement de Bordeaux, dem obersten Gerichtshof der Region, Vermittler in den Religionskonflikten seiner Zeit
- Hauptwerke: Discours de la servitude volontaire (auch Le Contr’un, entstanden in seiner Jugend, gedruckt 1574 und 1576), Denkschrift zum Januaredikt von 1562, Sonette, Übersetzungen aus Xenophon und Plutarch
- Bekannt durch: die Freundschaft mit Michel de Montaigne
- In einem Satz: Er erkannte, dass die Herrschaft eines Einzelnen auf dem Gehorsam der Beherrschten ruht und dass sie fällt, wenn dieser Gehorsam endet.
Ein Richter aus Sarlat
Sein Vater Antoine war als Stellvertreter des Seneschalls von Périgord ein königlicher Amtsträger und starb früh, sodass ein gleichnamiger Onkel, ein Priester, die Erziehung des Jungen übernahm. Er studierte die Rechte in Orléans, wo der Jurist Anne du Bourg lehrte und wo humanistische und reformatorische Gedanken lebhaft diskutiert wurden. Im September 1553 erwarb er dort sein Lizenziat. Noch im selben Jahr ernannte ihn Heinrich II. zum Rat, und im Mai 1554 wurde er am Parlement de Bordeaux aufgenommen, zwei Jahre vor dem gesetzlichen Mindestalter.
In Bordeaux begegnete er Ende der 1550er Jahre Montaigne, der wie er Richter war. Die Freundschaft dauerte nur wenige Jahre. La Boétie unterstützte die Politik des Kanzlers Michel de L’Hospital, der Katholiken und Protestanten miteinander versöhnen wollte, und wurde ab 1560 mit Vermittlungen in den Konflikten betraut, die Frankreich in die Religionskriege führten. In einer Denkschrift zum Januaredikt von 1562 trat er für eine einzige, innerlich erneuerte Kirche ein und nicht für das dauerhafte Nebeneinander zweier Bekenntnisse. Im August 1563 erkrankte er schwer, vermutlich an der Ruhr, und starb wenige Tage später mit 32 Jahren. Montaigne schilderte diese letzten Tage später in einem Brief an seinen Vater.
Ein Text ohne Datum
Wann genau La Boétie seine Abhandlung schrieb, weiß niemand. Montaigne nannte in den frühen Ausgaben der Essais ein Alter von achtzehn Jahren und korrigierte es in seinem Handexemplar zu sechzehn. Spätere Forscher, unter ihnen der Herausgeber Paul Bonnefon, und ihm folgend Murray Rothbard, halten die Studienzeit in Orléans um 1552 oder 1553 für wahrscheinlicher. Manche haben einen Zusammenhang mit dem Aufstand gegen die Salzsteuer gesehen, der 1548 in Bordeaux ausbrach und vom Connétable Anne de Montmorency blutig niedergeschlagen wurde. Belegen lässt sich das nicht, und schon im 19. Jahrhundert wurde dagegen eingewandt, dass der Text die französischen Könige ausdrücklich lobt.
Gedruckt wurde die Schrift erst nach dem Tod ihres Verfassers. 1574 erschienen Auszüge ohne Verfassernamen in einer hugenottischen Streitschrift, dem Réveille-matin des François, kurz darauf der vollständige Text in Simon Goularts Sammlung Mémoires de l’estat de France. Montaigne hatte vorgehabt, die Abhandlung in seine Essais aufzunehmen. Weil sie nun aber von Leuten veröffentlicht worden war, die nach seinen Worten die bestehende Ordnung stören und verändern wollten, ließ er es bleiben und setzte an ihre Stelle neunundzwanzig Sonette seines Freundes.
Woher der Herrscher seine Hände hat
Die Abhandlung beginnt mit einem Staunen. La Boétie sieht, wie unzählige Menschen einem Einzigen dienen, der nach seinen Worten meist zu den Feigsten und Weichlichsten im ganzen Volk gehört, und fragt, wie das möglich sein kann. Der Herrscher hat nur zwei Augen, zwei Hände und einen Körper, nicht mehr als der geringste seiner Untertanen. Alles Übrige leihen ihm die anderen. In der Übersetzung von Gustav Landauer lautet die entscheidende Frage: „Woher nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht leiht?“ Ebenso stammen die Hände, die zuschlagen, und die Füße, die Städte zertreten, von denen, die er beherrscht.
Daraus folgt der berühmteste Satz der Schrift: „Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei.“ La Boétie verlangt ausdrücklich nicht, den Herrscher zu stürzen oder anzugreifen. Es genügt, ihn nicht länger zu stützen. Dann werde er, so Landauers Übersetzung, „wie ein riesiger Koloß, dem man die Unterlage nimmt, in seiner eigenen Schwere zusammenbricht und in Stücke geht“. Der Gedanke ist von großer Tragweite, weil er die Machtfrage umkehrt. Die Beherrschten erscheinen nicht mehr als Opfer einer überlegenen Gewalt, denn sie selbst tragen diese Gewalt.
Gewohnheit, Spiele und die Kette der Günstlinge
Wenn Herrschaft auf Gehorsam beruht, bleibt zu erklären, warum die Menschen gehorchen. La Boétie hält die Freiheit für den natürlichen Zustand. Die Natur habe alle Menschen nach demselben Muster geformt, damit sie sich als Gefährten, ja als Brüder erkennen, und darum seien alle von Natur aus frei. Unter den Gründen, die er dafür nennt, dass sie trotzdem dienen, stechen drei hervor.
Die erste nennt er selbst beim Namen: „so ist die erste Ursache der freiwilligen Knechtschaft die Gewohnheit.“ Wer in Unfreiheit aufwächst, hält sie für selbstverständlich. Die Menschen sagen, sie seien immer Untertanen gewesen und schon ihre Väter hätten so gelebt, und eine Freiheit, die man nie gekannt hat, vermisst man kaum.
Die zweite Ursache ist die Ablenkung. Theater, Spiele, Possen, Gladiatoren, fremde Tiere, Medaillen und Bilder seien für die alten Völker die Köder der Knechtschaft gewesen, der Preis ihrer Freiheit und die Werkzeuge der Tyrannei. Ein Volk, das sich gut unterhalten fühlt, fragt seltener, was es dafür hergibt, und gewöhnt sich umso leichter an seine Lage.
Den dritten Grund nennt La Boétie das eigentliche Geheimnis der Herrschaft, und hier wird seine Analyse besonders scharf. Den Herrscher schützen, so schreibt er, weder Reiterei noch Fußvolk noch Waffen. Es seien stets vier oder fünf Vertraute, die ihm das Land in Knechtschaft halten. Diese haben sechshundert unter sich, die von ihnen profitieren, und die sechshundert wiederum sechstausend, denen sie Ämter, Provinzen oder die Verwaltung von Geldern verschaffen. Wer diesem Faden folgt, findet am Ende Hunderttausende und Millionen, die über diese Kette mit dem Herrscher verbunden sind und an seinem Fortbestand ein eigenes Interesse haben. Die Beschreibung erinnert an das, was die Ökonomie viel später über Interessengruppen und die Verteilung von Privilegien herausgearbeitet hat.
Ein Text auf Wanderschaft
Nach den ersten Drucken geriet die Abhandlung für lange Zeit weitgehend in Vergessenheit. Im 18. Jahrhundert nahm der Herausgeber Pierre Coste sie in seine Ausgaben der Essais auf, und in Zeiten politischer Umbrüche wurde sie immer wieder neu gedruckt: 1789 in einer modernisierten Fassung in Paris, 1835 von Félicité de Lamennais mit einem eigenen Vorwort und unter Napoleon III. in Brüssel als Schrift gegen dessen Herrschaft.
Besonders fruchtbar wurde sie für Denker, die auf Gewaltlosigkeit setzten. Murray Rothbard verweist auf Leo Tolstoi, der eine längere Passage aus ihr in seine Argumentation einbaute. Gustav Landauer gab La Boétie 1907 in seinem Buch Die Revolution einen zentralen Platz, und seine Übersetzung ist bis heute die verbreitete deutsche Fassung. Der Politikwissenschaftler Gene Sharp stützte seine Theorie der Macht, nach der jede Regierung auf die Mitwirkung der Regierten angewiesen ist, unter anderem auf La Boéties Einsicht und entwickelte in The Politics of Nonviolent Action (1973) eine umfassende Lehre vom gewaltfreien Widerstand.
Für die libertäre Tradition hat Murray Rothbard die Schrift erschlossen. 1975 schrieb er die Einleitung zu einer amerikanischen Ausgabe unter dem Titel The Politics of Obedience. Er nennt die Einsicht, dass jede Tyrannei auf allgemeiner Hinnahme beruht, den Kern von La Boéties Denken und sieht in ihm den ersten Theoretiker des massenhaften, gewaltfreien Ungehorsams. Zugleich hält er fest, dass La Boétie selbst kein Anarchist war, weil er seine Kritik nicht von der Tyrannei auf die Regierung überhaupt ausdehnte. Gerade die allgemeine Form seiner Überlegungen erlaubt es aber, sie weiterzudenken.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Natur der Macht. Kein Herrscher regiert allein, jeder braucht Beamte, Soldaten, Steuerzahler und eine Bevölkerung, die das alles hinnimmt. Wer das verstanden hat, betrachtet Herrschaft nicht mehr als Naturgewalt. Sie ist ein Verhältnis zwischen Menschen, das sich ändern lässt, wenn genug von ihnen ihr Verhalten ändern.
Die zweite Lehre gilt der Gewohnheit. La Boétie zeigt, dass Unfreiheit sich vor allem dadurch erhält, dass sie selbstverständlich wirkt. Freiheit muss deshalb auch erklärt und vorgelebt werden, damit Menschen eine Vorstellung davon gewinnen, was ihnen fehlt.
Die dritte Lehre ist vielleicht die nüchternste. Wer verstehen will, warum sich ein Machtgefüge hält, sollte nach denen fragen, die von ihm leben. Die Kette der Günstlinge, die La Boétie beschreibt, verbindet viele Menschen durch Vorteile mit der Macht, und jede Reform muss mit ihrem Widerstand rechnen.
Schließlich zeigt La Boétie einen Weg, der ohne Gewalt auskommt. Seine Forderung verlangt von niemandem, einem anderen Schaden zuzufügen, sie verlangt nur, die eigene Mitwirkung zurückzuziehen, und gerade darin berührt sie sich mit einem Denken, das Zwang ablehnt und auf freiwillige Zusammenarbeit setzt.
Wem leihen wir unsere Hände?
La Boétie hat kein Programm für eine freie Gesellschaft hinterlassen, und als Richter diente er der Krone seines Landes bis zu seinem frühen Tod. Seine Abhandlung reicht dennoch weiter als sein eigenes Leben, weil sie eine Frage stellt, die sich nicht mehr vergessen lässt. Wenn die Macht der Herrschenden aus den Augen, Händen und Mitteln der Beherrschten besteht, dann ist jeder Einzelne an ihr beteiligt, im Guten wie im Schlechten. Dass ein junger Mann im Frankreich des 16. Jahrhunderts das so klar gesehen hat, macht seine Schrift zu einem der Gründungstexte des freiheitlichen Denkens. Sie lädt Sie ein, sich selbst zu fragen, wem Sie Ihre Hände leihen.
Zum Weiterlesen
- Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen, übersetzt von Gustav Landauer, frei zugänglich bei Projekt Gutenberg-DE
- Étienne de La Boétie: The Politics of Obedience. The Discourse of Voluntary Servitude, übersetzt von Harry Kurz, mit einer Einleitung von Murray N. Rothbard, Free Life Editions, New York 1975
- Michel de Montaigne: Essais, Buch I, Kapitel 28 „Über die Freundschaft“
- Gustav Landauer: Die Revolution, Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1907
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- La Boétie, Étienne de: Discours de la servitude volontaire, Text nach der Handschrift in: J.-F. Payen, Notice bio-bibliographique sur La Boëtie, suivie de La Servitude volontaire, Paris 1853; Project Gutenberg Nr. 62051, https://www.gutenberg.org/ebooks/62051
- La Boétie, Étienne de: Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen, übersetzt von Gustav Landauer, Projekt Gutenberg-DE, https://www.projekt-gutenberg.org/boetie/knechtsc/knechtsc.html
- La Boétie, Étienne de: The Politics of Obedience. The Discourse of Voluntary Servitude, übersetzt von Harry Kurz, mit einer Einleitung von Murray N. Rothbard, Free Life Editions, New York 1975; Mises Institute, https://mises.org/library/book/politics-obedience-discourse-voluntary-servitude
- Le Réveille-matin des François et de leurs voisins, 1574, Internet Archive, https://archive.org/details/lereveillematind1574barn
- Montaigne, Michel de: Essais, Buch I, Kapitel 28 „De l’amitié“, Exemplar von Bordeaux, Wikisource, https://fr.wikisource.org/wiki/Essais/Livre_I/Chapitre_28
- Pouilloux, Jean-Yves: „La Boétie Étienne de (1530-1563)“, Encyclopædia Universalis, https://www.universalis.fr/encyclopedie/etienne-de-la-boetie/
- Rothbard, Murray N.: „The Political Thought of Étienne de La Boétie“, Einleitung zu The Politics of Obedience, 1975; Mises Institute, https://mises.org/articles-interest/political-thought-etienne-de-la-boetie
- Payen, J.-F.: Notice bio-bibliographique sur La Boëtie, Paris 1853 (Biografie, Überlieferungs- und Druckgeschichte), https://www.gutenberg.org/ebooks/62051
- Landauer, Gustav: Die Revolution, Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1907, https://openlibrary.org/books/OL38991786M
- Sharp, Gene: The Politics of Nonviolent Action, Porter Sargent, Boston 1973 (Bezug auf La Boétie nach https://en.wikipedia.org/wiki/Gene_Sharp)
- nonviolent-resistance.info: Ausstellung zu La Boétie, Zeittafel, https://nonviolent-resistance.info/exhibitions/eng/boetie/timeline.htm
- Wikipedia (fr): Étienne de La Boétie, https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne_de_La_Bo%C3%A9tie (Lebensdaten, Studium, Ernennung)
- Wikipedia (en): Étienne de La Boétie, https://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne_de_La_Bo%C3%A9tie (Denkschrift von 1562, Rezeption)
Beitragsbild: Étienne de La Boétie (KI-Illustration)

