Am 11. Januar 1844 schrieb ein Anwalt aus Massachusetts dem Generalpostmeister der Vereinigten Staaten einen Brief, in dem er ankündigte, er wolle demnächst eine Briefpost von Boston nach Baltimore einrichten. Zwei Wochen später fuhren seine Boten mit Eisenbahn und Dampfschiff täglich zwischen Boston, New York, Philadelphia und Baltimore. Die staatliche Post verlangte damals für einen Brief von Boston nach New York 18¾ Cent, die American Letter Mail Company warb mit 6¼ Cent und verkaufte zwanzig Marken für einen Dollar.
Das Unternehmen war nach geltendem Recht verboten, und sein Gründer legte in einer eigenen Schrift dar, dass die Gesetze gegen private Briefbeförderung mit der Verfassung unvereinbar seien. Der Mann hieß Lysander Spooner, und er sollte zwei Jahrzehnte später eine noch grundsätzlichere Frage stellen: mit welchem Recht eine Regierung überhaupt Gehorsam verlangt.
Steckbrief
- Lebensdaten: 19. Januar 1808 in Athol, Massachusetts, bis 14. Mai 1887 in Boston
- Wirken: Anwalt, Unternehmer und Publizist; Gründer der American Letter Mail Company (1844), Gegner der Sklaverei, später Autor in Benjamin Tuckers Zeitschrift Liberty
- Hauptwerke: The Unconstitutionality of Slavery (1845), An Essay on the Trial by Jury (1852), No Treason (1867 bis 1870), Vices Are Not Crimes (1875), Natural Law (1882)
- In einem Satz: Er nahm das Versprechen, dass Regierungen auf der Zustimmung der Regierten beruhen, beim Wort und prüfte nach, ob es eingelöst wird.
Ein Bauernsohn gegen die Zunft
Spooner wuchs als zweites von neun Kindern auf einer Farm in Athol auf. Mit 25 Jahren ging er nach Worcester, arbeitete als Schreiber im Grundbuchamt und lernte die Rechte bei John Davis, dem späteren Gouverneur und Senator, und bei Charles Allen. Ein Studium hatte er nicht. Das Gesetz von Massachusetts verlangte von Bewerbern ohne Hochschulabschluss eine um Jahre längere Lehrzeit bei einem Anwalt als von Akademikern, eine Regel, in der Spooner einen Schutz der Wohlhabenden vor den Armen sah.
Er eröffnete 1835 nach drei Lehrjahren trotzdem seine Kanzlei in Worcester und forderte in einer Petition, die er an den Worcester Republican schickte, die Abschaffung der Regel. Im folgenden Jahr hob das Parlament sie auf. Schon dieser frühe Streit zeigt, was ihn sein Leben lang antrieb: Er nahm Privilegien nicht hin, nur weil sie im Gesetzbuch standen.
Eine Landspekulation in Ohio scheiterte, und 1840 kehrte er auf die Farm seines Vaters zurück.
Briefe für sechs Cent
Die Bundesregierung reagierte schnell. Sechs Tage nach dem Start der Firma lag dem Kongress ein Antrag vor, private Postdienste zu untersuchen. Bis Ende März 1844 wurden Spooner und seine Boten in Maryland festgenommen, als sie Briefe mit der Eisenbahn beförderten, und jeder einzelne Brief galt als eigene Straftat.
Im März 1845 beschloss der Kongress ein Gesetz, das private Briefbeförderung mit hohen Strafen belegte und zugleich das Porto drastisch senkte: Ab Juli 1845 kostete ein Brief bis 300 Meilen nur noch fünf Cent, darüber zehn. Spooners Firma hielt dem Druck nicht stand. Seit Juli 1851 kostete ein vorausbezahlter Brief dann drei Cent. Spooner fragte im selben Jahr in einer Schrift, wem die Bürger die Senkung des Portos eigentlich verdankten, und spätere Darstellungen schreiben seinem Wettbewerb einen guten Teil davon zu.
Die Verfassung als Waffe gegen die Sklaverei
1845 erschien The Unconstitutionality of Slavery, zwei Jahre später ein zweiter Teil. William Lloyd Garrison und Wendell Phillips hielten die Verfassung der Vereinigten Staaten für einen Pakt mit den Sklavenhaltern, von dem sich ein anständiger Mensch lossagen müsse. Spooner hielt dagegen, dass die Klauseln, die man gewöhnlich als Duldung der Sklaverei las, sie gar nicht stützten. Wer den Text beim Wort nehme und im Zweifel zugunsten der Freiheit auslege, finde darin kein Recht eines Menschen, einen anderen zu besitzen.
Die Abolitionisten der Liberty Party nutzten seine Argumente für ihren politischen Kampf. Die wichtigste Wirkung aber hatte das Buch auf Frederick Douglass, den bekanntesten schwarzen Abolitionisten seiner Zeit. Im Mai 1851 erklärte Douglass öffentlich, dass er die Verfassung inzwischen für ein Dokument gegen die Sklaverei halte, und führte seinen Meinungswandel auf das Studium von Lysander Spooner, Gerrit Smith und William Goodell zurück.
Spooner kämpfte bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1861 gegen die Sklaverei. 1858 entwarf er einen Plan, der die Nichtsklavenhalter im Süden aufforderte, sich in Wachsamkeitskomitees zu organisieren und Sklaven beizustehen. Wie weit seine Schrift von 1845 reicht, zeigt ein spätes Echo: Richter Antonin Scalia zitierte sie 2008 am Obersten Gerichtshof im Urteil District of Columbia v. Heller.
Zwölf Bürger und das Gesetz
1852 legte Spooner An Essay on the Trial by Jury vor, dessen erster Satz bereits die These enthält. Seit der Magna Carta von 1215 sei es ein klarer Grundsatz des englischen und amerikanischen Verfassungsrechts, dass Geschworene in Strafsachen nicht allein über Tatsachen, Gesetz und Absicht des Angeklagten urteilen. Es sei auch ihr Recht und ihre vorrangige Pflicht, „über die Gerechtigkeit des Gesetzes zu urteilen und alle Gesetze für ungültig zu halten, die sie für ungerecht oder bedrückend halten“ (eigene Übersetzung).
Heute spricht man von jury nullification: Eine Jury spricht einen Angeklagten frei, weil sie das Gesetz, nach dem er angeklagt ist, nicht anwenden will. Für Spooner war das die letzte Sicherung der Bürger gegen den Gesetzgeber. Wie konkret das gemeint war, zeigt eine Fußnote des Buches: Das Gesetz über flüchtige Sklaven von 1850 sei einem großen Teil der Bevölkerung so verhasst, dass eine Verurteilung danach aussichtslos erscheine.
Wer hat den Vertrag unterschrieben?
Nach dem Bürgerkrieg antwortete Spooner, der die Sklaverei zwei Jahrzehnte lang bekämpft hatte, auf den Vorwurf des Verrats an die Südstaaten mit einer Gegenfrage. Verrat setzt eine Treuepflicht voraus, und eine Pflicht entsteht durch Zustimmung. Wer also hatte der Verfassung je zugestimmt? Unter dem Titel No Treason erschienen 1867 zwei Hefte, 1870 folgte das sechste mit dem Untertitel The Constitution of No Authority. Die Nummern drei bis fünf hat er nie veröffentlicht.
Das sechste Heft beginnt mit dem Satz: „The Constitution has no inherent authority or obligation.“ Die Verfassung habe aus sich heraus keine Autorität und begründe keine Pflicht. Sie gebe sich bestenfalls als ein Vertrag zwischen Menschen, die vor achtzig Jahren lebten, und die seien tot. Selbst unter ihnen sei nur ein kleiner Teil überhaupt gefragt worden. Auch das Wählen beweise keine Zustimmung. Wer zur Wahl geht, wehrt sich womöglich nur gegen eine Macht, der er ohnehin unterworfen ist, und mit dem geheimen Stimmzettel lässt sich nicht einmal feststellen, wer für die Regierung gestimmt hat.
Berühmt wurde der dritte Abschnitt. Darin heißt es, die Regierung sage dem Bürger wie ein Straßenräuber: „Your money, or your life.“ Der Vergleich fällt allerdings zugunsten des Räubers aus. Der Räuber trägt Verantwortung und Gefahr seiner Tat selbst, behauptet nicht, ein Recht auf Ihr Geld zu haben oder es zu Ihrem Besten zu verwenden, und er folgt Ihnen danach nicht, um sich als Ihr rechtmäßiger Herrscher aufzuspielen. So viel Unverfrorenheit, schreibt Spooner, habe er nicht, sich als bloßen „Beschützer“ auszugeben. Im Anhang zieht er die Summe: Ob die Verfassung nun dieses oder jenes bedeute, sie habe eine Regierung, wie man sie erlebt habe, entweder erlaubt oder nicht verhindern können, „In either case, it is unfit to exist.“ In beiden Fällen tauge sie nicht zum Fortbestehen.
Der Verfassungsjurist Randy Barnett hält diesen Einwand gegen die Lehre von der stillschweigenden Zustimmung für überzeugend. Sein Buch Restoring the Lost Constitution von 2004 setzt bei Spooner an und sucht deshalb eine andere Begründung dafür, wann eine Verfassung gelten darf.
Laster sind keine Verbrechen
1875 gab der Arzt Dio Lewis den Band Prohibition a Failure heraus, eine Streitschrift gegen das Alkoholverbot, das in Massachusetts seit rund zwanzig Jahren galt. Darin stand anonym ein Beitrag mit dem Titel Vices Are Not Crimes. Dass er von Spooner stammte, wurde erst in den 1970er Jahren wiederentdeckt.
Der Text beginnt mit einer Unterscheidung, die in der freiheitlichen Literatur bis heute nachwirkt: „Vices are those acts by which a man harms himself or his property. Crimes are those acts by which one man harms the person or property of another.“ Laster sind also Handlungen, mit denen ein Mensch sich selbst oder seinem Eigentum schadet, Verbrechen solche, mit denen er einem anderen schadet. Strafen darf das Recht nach Spooner nur die zweiten, weil bei den ersten niemand da ist, dessen Recht verletzt wurde. Über das, was ihm selbst schadet, urteilt jeder für sich.
Gerechtigkeit als Wissenschaft
Seine Rechtslehre fasste Spooner 1882 in Natural Law; or The Science of Justice zusammen, einer schmalen Schrift, die in drei Jahren drei Auflagen erlebte. Gerechtigkeit ist für ihn die Wissenschaft von Mein und Dein, und sie lasse sich wie jede andere Wissenschaft lernen. Ihren Kern fasst er in die alte Maxime des römischen Rechts: „To live honestly, to hurt no one, to give to every one his due“, ehrlich leben, niemanden verletzen, jedem das Seine geben. Gesetzgebung, die darüber hinaus Gebote erlässt, nennt er im zweiten Kapitel einen Übergriff und eine Anmaßung.
In diesen Jahren arbeitete der alte Mann Tag für Tag im Lesesaal des Boston Athenaeum. Ein enger Weggefährte dieser Jahre war der Anarchist Benjamin Tucker, mit dem er 1877 und 1878 an der Radical Review arbeitete und der später in seiner Zeitschrift Liberty Spooners offene Briefe an den Politiker Thomas F. Bayard und an Präsident Grover Cleveland druckte. Spooner starb am 14. Mai 1887 in seiner Wohnung in der Myrtle Street. In seinem Nachruf erinnerte sich Tucker an die gebeugte Gestalt eines alten Mannes über einem Pult voller staubiger Bände.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Zustimmung. Regierungen berufen sich gern auf einen Gesellschaftsvertrag, und Spooner hat gezeigt, wie wenig dahintersteht, wenn niemand ihn unterschrieben hat und niemand ihn kündigen kann.
Die zweite Lehre stammt aus seiner Post. Ein Monopol fürchtet nichts so sehr wie einen Konkurrenten, der zeigt, dass es billiger geht, und schon ein kleiner Herausforderer kann die Preise für alle senken. Die dritte führt zur Unterscheidung von Laster und Verbrechen, mit der sich bis heute jedes Verbot prüfen lässt, das Erwachsene vor ihren eigenen Entscheidungen bewahren soll.
Vielleicht am meisten beeindruckt seine Folgerichtigkeit. Spooner las die Verfassung gegen die Sklaverei, solange er hoffte, sie könne der Freiheit dienen, und er sprach ihr jede Autorität ab, als er erlebte, wofür sie benutzt wurde. Murray Rothbard stellte 1972 eine Auswahl seiner Schriften unter dem Titel Let’s Abolish Government zusammen und würdigte ihn zwei Jahre später als den einzigen Verfassungsjuristen, der zum individualistischen Anarchisten wurde.
Eine Frage, die bleibt
Lysander Spooner hat sich mit einem eigenen Unternehmen gegen ein Monopol gestellt, den Gegnern der Sklaverei ein Argument geliefert, das Frederick Douglass überzeugte, und den Bürgern auf der Geschworenenbank ihre stärkste Waffe gegen ungerechte Gesetze in Erinnerung gerufen. Seine wichtigste Hinterlassenschaft ist trotzdem eine Frage, die jeder für sich beantworten kann, der Steuern zahlt und Gesetze befolgt: Wann und wo habe ich dem eigentlich zugestimmt?
Zum Weiterlesen
- Lysander Spooner: No Treason. No. VI. The Constitution of No Authority, Boston 1870
- Lysander Spooner: Vices Are Not Crimes. A Vindication of Moral Liberty, Boston 1875
- Lysander Spooner: An Essay on the Trial by Jury, John P. Jewett, Boston 1852
- James J. Martin: Men Against the State. The Expositors of Individualist Anarchism in America, 1827–1908, Kapitel VII
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Spooner, Lysander: The Unconstitutionality of the Laws of Congress, Prohibiting Private Mails, New York 1844.
- Spooner, Lysander: The Unconstitutionality of Slavery, Bela Marsh, Boston 1845 (Teil 2: 1847).
- Spooner, Lysander: Who Caused the Reduction of Postage?, Boston 1851.
- Spooner, Lysander: An Essay on the Trial by Jury, John P. Jewett, Boston 1852, https://gutenberg.org/cache/epub/32984/pg32984-images.html
- Spooner, Lysander: A Plan for the Abolition of Slavery, and To the Non-Slaveholders of the South, 1858.
- Spooner, Lysander: No Treason. No. VI. The Constitution of No Authority, Selbstverlag, Boston 1870, https://www.gutenberg.org/cache/epub/36145/pg36145.txt
- Spooner, Lysander: Vices Are Not Crimes. A Vindication of Moral Liberty, in: Dio Lewis (Hg.): Prohibition a Failure, James R. Osgood, Boston 1875, https://oll.libertyfund.org/titles/2292
- Spooner, Lysander: Natural Law; or The Science of Justice, A. Williams & Co., Boston 1882, https://en.wikisource.org/wiki/Natural_Law;_or_The_Science_of_Justice/Chapter_1
- Spooner, Lysander: Let’s Abolish Government, ausgewählt von Murray N. Rothbard, Arno Press / The New York Times, New York 1972, https://mises.org/library/book/lets-abolish-government
- Douglass, Frederick: „Change of Opinion Announced“, The Liberator, 23. Mai 1851.
- Tucker, Benjamin R.: „Our Nestor Taken From Us“, Liberty, 28. Mai 1887 (Nachruf), wiedergegeben bei Barnett 2009 (s. u.).
- Martin, James J.: Men Against the State. The Expositors of Individualist Anarchism in America, 1827–1908, Kap. VII, https://mises.org/online-book/men-against-state/vii-lysander-spooner-dissident-among-dissidents
- Barnett, Randy E.: Restoring the Lost Constitution. The Presumption of Liberty, Princeton University Press, Princeton 2004.
- Barnett, Randy E.: „Remembering Lysander Spooner“, The Volokh Conspiracy, 14. Mai 2009, https://volokh.com/2009/05/14/remembering-lysander-spooner/
- Mathew, Naomi: „Lysander Spooner: The Anarchist Who Single-Handedly Took on the US Post Office“, FEE, 12. Januar 2019, https://fee.org/articles/lysander-spooner-the-anarchist-who-single-handedly-took-on-the-us-post-office/
- United States Postal Service: Domestic Letter Rates 1792–1863, https://about.usps.com/who/profile/history/domestic-letter-rates-1792-1863.htm
- Cato Institute: „Frederick Douglass: The US Constitution Is an Anti-Slavery Document“, https://www.cato.org/blog/frederick-douglass-us-constitution-anti-slavery-document
- Smith, George H.: „Dio Lewis, Lysander Spooner, and Prohibition“, libertarianism.org, https://www.libertarianism.org/columns/dio-lewis-lysander-spooner-prohibition
- Anarchy Archives (Pitzer College): Lysander Spooner, Biografie, https://pzacad.pitzer.edu/Anarchist_Archives/bright/Spooner/lspoonerbio.html
- Wikipedia (en): Lysander Spooner, https://en.wikipedia.org/wiki/Lysander_Spooner; American Letter Mail Company, https://en.wikipedia.org/wiki/American_Letter_Mail_Company (Einstieg)
- District of Columbia v. Heller, 554 U.S. 570 (2008).
Beitragsbild: Lysander Spooner (KI-Illustration)


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