In einer kleinen Manufaktur arbeiteten zehn Männer an Stecknadeln. Einer zog den Draht, ein anderer richtete ihn gerade, ein dritter schnitt ihn ab, und so ging es weiter, bis aus rund achtzehn Arbeitsgängen eine fertige Nadel wurde. Zusammen stellten die zehn an einem Tag mehr als 48.000 Stück her. Hätte jeder allein alle Schritte erledigt, so hätte er, wie Smith schreibt, gewiss keine zwanzig geschafft, vielleicht nicht einmal eine einzige.
Der Mann, der diese Werkstatt beschrieb, hatte sie nach eigenen Worten selbst gesehen. Adam Smith stellte sie 1776 an den Anfang seines Hauptwerks An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, auf Deutsch meist Der Wohlstand der Nationen, und erklärte an ihr, woher der Reichtum der Völker kommt. Er fand ihn in der Arbeit, die sich teilt, und im Tausch, der diese Teilung erst möglich macht. Das Buch gilt bis heute als Gründungswerk der Volkswirtschaftslehre und als eine der wirkungsvollsten Begründungen einer freien Wirtschaftsordnung.
Steckbrief
- Lebensdaten: getauft am 5. Juni 1723 in Kirkcaldy (Schottland), gestorben am 17. Juli 1790 in Edinburgh
- Wirken: Professor in Glasgow (1751 bis 1764), Reisebegleiter des Herzogs von Buccleuch in Frankreich und Genf (1764 bis 1766), Zollkommissar für Schottland in Edinburgh (ab 1778)
- Hauptwerke: The Theory of Moral Sentiments (1759, stark erweitert 1790), The Wealth of Nations (1776)
- Umfeld: Schottische Aufklärung, Schüler von Francis Hutcheson, enger Freund von David Hume
- In einem Satz: Er zeigte, dass Wohlstand aus freiem Tausch wächst und dass eine Gesellschaft gedeiht, wenn man die Menschen ihren eigenen Weg gehen lässt.
Vom Hörsaal in Glasgow zum Zollamt in Edinburgh
Smiths Vater, Zollkontrolleur in der Hafenstadt Kirkcaldy, starb wenige Monate vor der Geburt des Sohnes. Mit vierzehn Jahren kam Adam Smith an die Universität Glasgow und hörte dort den Moralphilosophen Francis Hutcheson. 1740 ging er mit einem Stipendium an das Balliol College in Oxford, wo er bis 1746 blieb.
Nach Vorlesungen in Edinburgh wurde Smith 1751 Professor für Logik in Glasgow und kurz darauf für Moralphilosophie, ein Fach, das damals auch Recht und Staatslehre umfasste. Mit David Hume verband ihn eine Freundschaft bis zu dessen Tod. 1759 erschien The Theory of Moral Sentiments, die Theorie der ethischen Gefühle, und machte ihn bekannt.
1764 gab er die Professur auf, um den jungen Herzog von Buccleuch auf einer Reise zu begleiten. Sie führte über Toulouse und Genf nach Paris, wo Smith die Ökonomen um François Quesnay und Anne Robert Jacques Turgot kennenlernte. Zurück in Schottland arbeitete er rund zehn Jahre lang, überwiegend im Haus seiner Mutter in Kirkcaldy, an dem Buch, das 1776 erschien. 1778 wurde er einer der Zollkommissare für Schottland und zog nach Edinburgh, wo er 1790 starb, nachdem er die meisten seiner Manuskripte hatte vernichten lassen.
Wie aus Stecknadeln Wohlstand wird
An der Stecknadelwerkstatt zeigt Smith, warum Spezialisierung die Produktivität vervielfacht: Jeder Arbeiter wird in seinem Handgriff geschickter, verliert keine Zeit beim Wechsel zwischen Tätigkeiten, und es entstehen Maschinen, mit denen einer die Arbeit vieler leistet. Daraus folgt eine zweite Einsicht, die er einem eigenen Kapitel als Überschrift gab: Die Arbeitsteilung ist durch die Größe des Marktes begrenzt. In den verstreuten Weilern der schottischen Highlands, so Smith, müsse jeder Bauer für seine Familie Metzger, Bäcker und Brauer zugleich sein.
Je weiter also der Kreis derer reicht, mit denen man frei tauschen darf, desto feiner kann sich die Arbeit teilen und desto wohlhabender werden alle Beteiligten. Jeder Zoll und jedes Handelsverbot verkleinert diesen Kreis, und darin liegt ein wesentlicher Teil seiner Begründung des Freihandels.
Metzger, Brauer und Bäcker
Der bekannteste Satz des Buches steht im zweiten Kapitel: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unser Abendessen, sondern davon, dass sie auf ihren eigenen Vorteil achten.“ (Buch I, Kapitel 2, eigene Übersetzung) Smith beschrieb damit eine Ordnung, in der Menschen einander dienen, ohne einander kennen oder lieben zu müssen.
Das Bild der unsichtbaren Hand, das mit seinem Namen verbunden ist, verwendet Smith im Wohlstand der Nationen nur ein einziges Mal. Es geht dort um einen Kaufmann, der sein Kapital lieber im eigenen Land anlegt, weil er es dort besser im Blick hat. Er denkt dabei nur an seine Sicherheit und seinen Gewinn und wird doch, so Smith, von einer unsichtbaren Hand geleitet, einen Zweck zu fördern, der nicht in seiner Absicht lag (Buch IV, Kapitel 2). Trocken fügt er hinzu, er habe noch nie erlebt, dass viel Gutes von denen ausgegangen sei, die vorgaben, für das Gemeinwohl Handel zu treiben.
Wer Smith für einen Prediger der Selbstsucht hält, übersieht sein erstes Buch. Die Theorie der ethischen Gefühle beginnt mit der Feststellung, es gebe, wie selbstsüchtig man den Menschen auch annehmen möge, offenbar Prinzipien in seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen lassen (Teil I, Abschnitt I, Kapitel 1, sinngemäß). Auch dort taucht die unsichtbare Hand auf: Die Reichen, die nur ihre eigenen Wünsche befriedigen wollen, verteilen durch ihren Bedarf an Arbeit die Lebensmittel fast so, als wäre die Erde in gleiche Teile aufgeteilt worden (Teil IV, Kapitel 1).
Der Verbraucher als Maßstab
Ein großer Teil des Wohlstands der Nationen gilt dem, was Smith das Merkantilsystem nannte. Dessen Anhänger glaubten, ein Land werde reich, wenn es mehr ausführt als einführt und Edelmetall anhäuft. „Der Verbrauch ist der einzige Zweck und Sinn aller Produktion“, schrieb er, und die Interessen der Erzeuger verdienten nur so weit Beachtung, wie sie denen der Verbraucher dienten (Buch IV, Kapitel 8, eigene Übersetzung). Im Merkantilsystem werde dagegen fast immer der Verbraucher dem Erzeuger geopfert.
Daraus erklärt sich sein Misstrauen gegenüber Kaufleuten, die sich mit der Politik verbünden. Leute desselben Gewerbes, bemerkte er, kämen selten zusammen, selbst zum Vergnügen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit ende oder in einem Plan, die Preise zu erhöhen. Verbieten könne man solche Treffen allerdings nicht, ohne Freiheit und Gerechtigkeit zu verletzen. Das Gesetz solle sie aber auch nicht erleichtern und erst recht nicht notwendig machen (Buch I, Kapitel 10). Smith verteidigte also den Wettbewerb, und gerade deshalb lehnte er Zunftordnungen, Handelsmonopole und Schutzzölle ab, mit denen der Staat einzelnen Gruppen Vorteile verschafft.
Auch das Kolonialsystem sah er nüchtern: Großbritannien ziehe aus seiner Herrschaft über die Kolonien nichts als Verlust, doch habe noch nie eine Nation freiwillig auf eine Provinz verzichtet. Über die Sklaverei urteilte er ökonomisch und moralisch. Wer kein Eigentum erwerben könne, habe kein anderes Interesse, als möglichst viel zu essen und möglichst wenig zu arbeiten, weshalb Sklavenarbeit am Ende die teuerste von allen sei (Buch III, Kapitel 2). In der Theorie der ethischen Gefühle nannte er die verschleppten Afrikaner Völker von Helden, die das Schicksal grausam dem Abschaum aus Europas Gefängnissen unterworfen habe (Teil V, Kapitel 2).
Die Figuren auf dem Schachbrett
Eine der wichtigsten Stellen für Freiheitsfreunde steht nicht im Wohlstand der Nationen, sondern in der letzten Ausgabe der Theorie der ethischen Gefühle. 1790, wenige Monate vor seinem Tod, fügte Smith dem Buch einen ganz neuen sechsten Teil hinzu. Darin beschreibt er den „Mann des Systems“, der in seinen idealen Regierungsplan so verliebt ist, dass er keine Abweichung duldet.
Dieser Mann, schreibt Smith, scheine zu glauben, er könne die Mitglieder einer großen Gesellschaft so leicht ordnen, wie die Hand die Figuren auf einem Schachbrett ordnet. Er bedenke nicht, dass die Figuren auf dem Brett kein anderes Bewegungsprinzip haben als das, was die Hand ihnen gibt, während auf dem großen Schachbrett der menschlichen Gesellschaft jede einzelne Figur ein eigenes Bewegungsprinzip besitzt, ganz verschieden von dem, das der Gesetzgeber ihr aufzwingen möchte (Teil VI, Abschnitt II, Kapitel 2, sinngemäß). Laufen beide Prinzipien in dieselbe Richtung, gehe das Spiel leicht voran, widersprechen sie einander, gerate die Gesellschaft in die größte Unordnung.
Fast zwei Jahrhunderte später sprach Friedrich August von Hayek in seiner Nobelpreisrede von 1974 von der Anmaßung von Wissen, und die Verwandtschaft der Gedanken ist offensichtlich: Kein Planer kennt die Absichten, Fähigkeiten und Umstände von Millionen Menschen.
Wenige Aufgaben, gut erfüllt
Am Ende des vierten Buches fasst Smith seine Vorstellung von einer freien Ordnung zusammen. Werden alle Systeme der Bevorzugung und der Beschränkung beseitigt, stelle sich das „einfache System der natürlichen Freiheit“ von selbst her. Jeder Mensch sei dann, solange er die Gesetze der Gerechtigkeit nicht verletzt, vollkommen frei, seinen eigenen Vorteil auf seine eigene Weise zu verfolgen (Buch IV, Kapitel 9, eigene Übersetzung). Der Herrscher sei dann von einer Pflicht befreit, für die keine menschliche Weisheit ausreiche: die Arbeit der Privatleute zu lenken.
Dem Staat bleiben bei Smith drei Aufgaben: der Schutz vor äußeren Angriffen, eine genaue Rechtspflege und bestimmte öffentliche Einrichtungen, die sich für Einzelne nicht lohnen, etwa Straßen, Brücken und Elementarschulen. Weil ihm Verteidigung wichtiger war als Wohlstand, hielt er sogar die englische Navigationsakte, die den Seehandel weitgehend englischen Schiffen vorbehielt, für eine kluge Regel. Smith wies dem Staat also bestimmte Aufgaben ausdrücklich zu; seine Forderung nach Zurückhaltung galt vor allem der Lenkung von Handel und Gewerbe.
Wie wenig er einem Staat abverlangte, zeigt eine Notiz aus dem Jahr 1755, die sein erster Biograf Dugald Stewart überliefert hat: Um einen Staat aus tiefster Barbarei zum höchsten Wohlstand zu führen, brauche es kaum mehr als „peace, easy taxes, and a tolerable administration of justice“, also Frieden, maßvolle Steuern und eine leidlich funktionierende Rechtspflege. Alles Übrige bringe der natürliche Gang der Dinge hervor.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Herkunft des Wohlstands: Er entsteht, wenn Menschen sich spezialisieren und frei tauschen dürfen, und wer Grenzen für Waren schließt, macht die Menschen auf beiden Seiten ärmer.
Smith lehrt außerdem, dass ein freier Markt etwas anderes ist als die Herrschaft der Unternehmer. Sein Maßstab war der Verbraucher, und sein Misstrauen galt jedem, der sich vom Staat Schutz vor Konkurrenz verschaffen wollte, eine Unterscheidung, die bei jedem Ruf nach Subventionen oder Schutzzöllen hilft.
Vielleicht die wichtigste Lehre ist die Bescheidenheit, die aus dem Bild vom Schachbrett spricht. Menschen haben ihre eigenen Ziele und ihr eigenes Wissen, und eine Ordnung, die das achtet, gelingt besser als jeder noch so kluge Plan. Dass derselbe Autor auch ein Buch über das Mitgefühl geschrieben hat, erinnert daran, dass bei ihm die Verteidigung des Marktes und die Achtung vor dem Nächsten zusammengehörten.
Warum ein Volk reich wird
Auf die Frage, woher der Wohlstand eines Landes kommt, gab Adam Smith eine bescheidene und zugleich anspruchsvolle Antwort. Er sah den Wohlstand in den Händen von Millionen Menschen entstehen, die arbeiten, tauschen und einander dienen, und er traute ihnen mehr zu als jedem Gesetzgeber, der sie wie Figuren auf einem Brett verschieben möchte. Mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod lohnt es sich, bei jedem neuen Zoll und jedem neuen Plan zu fragen, ob die Figuren auf dem Brett nicht längst wissen, wohin sie wollen.
Zum Weiterlesen
- Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, übersetzt von Horst Claus Recktenwald, dtv, München
- Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, herausgegeben von Walther Eckstein, Felix Meiner Verlag, Hamburg
- Ian Simpson Ross: The Life of Adam Smith, Clarendon Press, Oxford 1995
- Friedrich August von Hayek: Die Anmaßung von Wissen, Nobelpreisrede, Stockholm 1974
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Smith, Adam: The Theory of Moral Sentiments, Andrew Millar, London 1759; 6. Auflage mit neuem Teil VI, London 1790. Volltext (ältere Auflage): https://www.gutenberg.org/cache/epub/67363/pg67363.txt; 6. Auflage: https://www.econlib.org/library/Smith/smMS.html
- Smith, Adam: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, W. Strahan und T. Cadell, London 1776. Volltext: https://www.gutenberg.org/cache/epub/3300/pg3300.txt
- Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, übersetzt und herausgegeben von Horst Claus Recktenwald, dtv, München.
- Smith, Adam: Theorie der ethischen Gefühle, übersetzt und herausgegeben von Walther Eckstein, Felix Meiner Verlag, Hamburg.
- Stewart, Dugald: Account of the Life and Writings of Adam Smith, LL.D., 1793 (überliefert Smiths Notiz von 1755); Zitat nach Online Library of Liberty: https://oll.libertyfund.org/quote/adam-smith-on-the-need-for-peace-easy-taxes-and-a-tolerable-administration-of-justice-1755
- Hayek, Friedrich August von: The Pretence of Knowledge, Nobelpreisrede, Stockholm, 11. Dezember 1974, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1974/hayek/lecture/
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Adam Smith’s Moral and Political Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/smith-moral-political/
- Encyclopaedia Britannica, 11. Auflage 1911: Smith, Adam, https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Smith,_Adam
- University of Glasgow, World Changing: Adam Smith, https://worldchanging.glasgow.ac.uk/notable-people/?id=126
- Wikiquote: Adam Smith (Wortlaut der Schachbrett-Passage), https://en.wikiquote.org/wiki/Adam_Smith
- Wikipedia (en): Adam Smith, https://en.wikipedia.org/wiki/Adam_Smith (Einstieg, Lebensdaten)
- Levy, Jacob T.: „Very difficult, perhaps altogether impossible“, EconLog, https://www.econlib.org/econlog/very-difficult-perhaps-altogether-impossible-smiths-political-science-at-econlib
- Ross, Ian Simpson: The Life of Adam Smith, Clarendon Press, Oxford 1995.
Beitragsbild: Adam Smith (KI-Illustration)


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