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John Locke: Jeder Mensch gehört sich selbst

John Locke

Im Februar 1689 kehrte ein Mann von 56 Jahren aus den Niederlanden nach England zurück, in Begleitung der Prinzessin Maria, die kurz darauf mit ihrem Gemahl Wilhelm von Oranien den englischen Thron besteigen sollte. Er hatte gut fünf Jahre im Exil verbracht, zeitweise unter falschem Namen, weil er als Vertrauter eines Gegners des katholischen Thronfolgers selbst in Gefahr geraten war.

Bis zum Ende des Jahres erschienen ein Brief über die Toleranz und zwei Abhandlungen über die Regierung, beide ohne Namen des Verfassers, dazu unter seinem Namen ein umfangreicher Versuch über den menschlichen Verstand. Der Mann hieß John Locke, und der Grundgedanke seiner politischen Schrift, dass jeder Mensch zuerst sich selbst gehört, zählt bis heute zu den Fundamenten des Liberalismus.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 29. August 1632 in Wrington (Somerset) bis 28. Oktober 1704 in Oates (Essex)
  • Wirken: Gelehrter in Oxford, Arzt und Berater von Anthony Ashley Cooper, dem späteren Earl of Shaftesbury, 1683 bis 1689 im niederländischen Exil, 1696 bis 1700 Mitglied des Board of Trade
  • Hauptwerke: A Letter Concerning Toleration (1689), Two Treatises of Government (1689, datiert 1690), An Essay Concerning Human Understanding (1690), Some Thoughts Concerning Education (1693), Further Considerations Concerning Raising the Value of Money (1695)
  • In einem Satz: Er begründete, dass Leben, Freiheit und Besitz des Einzelnen älter sind als jede Regierung und dass eine Regierung nur so weit rechtmäßig ist, wie sie diese Rechte schützt.

Ein Arzt in unruhigen Zeiten

Locke wuchs in einer puritanischen Familie auf, sein Vater war Anwalt und diente im Bürgerkrieg als Hauptmann der Kavallerie auf der Seite des Parlaments. Der Sohn besuchte die Westminster School in London und ging 1652 nach Christ Church in Oxford, wo er lehrte und sich der Medizin zuwandte.

1667 zog er als Hausarzt und Berater zu Lord Ashley nach London. Im Jahr darauf organisierte er eine Operation, die Ashley von einer gefährlichen Zyste an der Leber befreite, und festigte damit eine Verbindung, die sein weiteres Leben bestimmte. In Ashleys Diensten wurde Locke auch Sekretär der Eigentümer der Kolonie Carolina und wirkte an deren Verfassung von 1669 mit, die jedem freien Siedler die absolute Gewalt über seine Sklaven zusprach. Wie viel davon aus seiner eigenen Feder stammt, ist unter Historikern umstritten. Zudem hielt er Anteile an einer englischen Afrikahandelsgesellschaft, die auch mit Menschen handelte. Diese Seite seines Lebens steht in auffälliger Spannung zu dem, was er später schrieb.

Als sich Ashley, inzwischen Earl of Shaftesbury, gegen die Thronfolge des katholischen Jakob stellte und schließlich fliehen musste, wurde auch Locke verdächtig. 1683 ging er in die Niederlande und lebte dort, teils unter dem Namen Dr. Van Linden, bis zur Glorreichen Revolution. Die Zwei Abhandlungen über die Regierung waren nach den Forschungen des Herausgebers Peter Laslett großenteils schon Jahre zuvor entstanden, in den Kämpfen um die Thronfolge um 1680. Im Vorwort stellte Locke sie dennoch als Rechtfertigung des Machtwechsels von 1688 vor.

Das Eigentum an der eigenen Person

Der berühmteste Satz der Zweiten Abhandlung steht in Paragraf 27 (hier wie bei allen Locke-Zitaten in eigener Übersetzung). Obwohl die Erde und alle niederen Geschöpfe den Menschen gemeinsam gegeben seien, schreibt Locke, „hat doch jeder Mensch ein Eigentum an seiner eigenen Person; auf diese hat niemand ein Recht außer ihm selbst. Die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände, so können wir sagen, sind im eigentlichen Sinne sein.“

Wer seine Arbeit mit etwas vermischt, das die Natur bereitgestellt hat, einen Acker bestellt oder Früchte sammelt, verbindet es mit etwas, das ihm gehört, und macht es so zu seinem Eigentum. Locke knüpfte das an einen Vorbehalt: Es müsse genug und ebenso Gutes für die anderen übrig bleiben, und niemand dürfe mehr an sich nehmen, als er nutzen kann, bevor es verdirbt.

Die Pointe dieser Lehre ist politisch. Eigentum entsteht im Naturzustand, durch das Handeln der Einzelnen, bevor es irgendeine Regierung gibt. Locke verwendet das Wort zudem in einem weiten Sinn und fasst darunter das Leben, die Freiheiten und das Vermögen der Menschen zusammen, „was ich mit dem allgemeinen Namen Eigentum bezeichne“ (§ 123). Wer vom Schutz des Eigentums spricht, meint bei ihm also den Schutz der ganzen Person.

Wozu es Regierungen gibt

Im Naturzustand sind die Menschen nach Locke frei und gleich, und das Gesetz der Vernunft lehrt, dass niemand einem anderen an Leben, Gesundheit, Freiheit oder Besitz schaden darf (§ 6). Es fehlen aber feste Gesetze und unparteiische Richter. Deshalb schließen sich Menschen zu Gemeinwesen zusammen, und der „große und hauptsächliche Zweck“ dieses Zusammenschlusses ist nach § 124 „die Erhaltung ihres Eigentums“.

Daraus folgen klare Grenzen. Die gesetzgebende Gewalt hat nur die Macht, die ihr die Einzelnen übertragen konnten, und niemand besitzt eine willkürliche Gewalt über das eigene Leben oder das eines anderen. Ihre Macht habe deshalb „keinen anderen Zweck als die Erhaltung“ und könne nie das Recht haben, die Untertanen zu vernichten, zu versklaven oder absichtlich arm zu machen (§ 135). Die höchste Gewalt, so heißt es in § 138, kann niemandem einen Teil seines Eigentums ohne seine Zustimmung nehmen, „denn ich habe in Wahrheit kein Eigentum an dem, was ein anderer mir nach Belieben gegen meine Zustimmung rechtmäßig nehmen kann.“ Steuern verlangen deshalb Zustimmung, die Locke allerdings schon dann für gegeben hielt, wenn die Mehrheit selbst oder durch ihre gewählten Vertreter zustimmt (§ 140). Ob eine solche Mehrheitszustimmung genügt, haben libertäre Leser Lockes wie Robert Nozick später bezweifelt.

Bemerkenswert ist auch Lockes Begriff des Gesetzes. Für ihn war das Recht eine Bedingung der Freiheit: Der Zweck des Gesetzes sei es, die Freiheit „zu bewahren und zu erweitern“, denn Freiheit heiße, frei zu sein von Zwang und Gewalt durch andere und nicht dem „willkürlichen Willen eines anderen“ unterworfen zu sein (§ 57).

Wenn die Regierung ihr Mandat bricht

Eine Regierung, die so begründet ist, kann ihren Anspruch auch verlieren. Wenn die Gesetzgeber versuchen, dem Volk sein Eigentum zu nehmen oder es unter willkürliche Gewalt zu zwingen, versetzen sie sich nach § 222 in einen Kriegszustand mit dem Volk. Dieses ist dann vom Gehorsam entbunden und darf eine neue Gesetzgebung einsetzen. Locke betonte, dass die Menschen viele Fehler ihrer Obrigkeit geduldig ertragen. Erst „eine lange Reihe von Missbräuchen, Ausflüchten und Kunstgriffen“, die alle in dieselbe Richtung weisen, rechtfertige den Widerstand (§ 225).

Diese Wendung kehrt in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 wieder, die von „a long train of abuses and usurpations“ spricht. Lockes Dreiklang von Leben, Freiheit und Eigentum übernahm Thomas Jefferson dagegen nicht, die Erklärung nennt Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. In einem Brief an Henry Lee schrieb Jefferson 1825 aber, die Erklärung stütze sich auf die übereinstimmenden Ansichten jener Zeit, wie sie in Gesprächen, Briefen und Schriften zum Ausdruck kamen, und nannte unter den grundlegenden Büchern des öffentlichen Rechts neben Aristoteles, Cicero und Algernon Sidney auch Locke.

Glauben lässt sich nicht erzwingen

Den Brief über die Toleranz schrieb Locke im Exil, 1689 erschien er zuerst lateinisch in Gouda und noch im selben Jahr in der englischen Übersetzung von William Popple. Sein Kernargument ist schlicht: Die Sorge um das Seelenheil sei dem Staat ebenso wenig übertragen wie jedem anderen Menschen, und die Macht der Obrigkeit bestehe nur in äußerem Zwang. Wahre Religion aber liege in der inneren Überzeugung, und der Verstand sei so beschaffen, dass er „durch äußere Gewalt zu keinem Glauben gezwungen werden kann“. Beschlagnahme, Gefängnis und Folter könnten das innere Urteil eines Menschen nicht ändern.

Locke zog daraus weitreichende Folgen. Weder Heiden noch Muslime noch Juden sollten wegen ihrer Religion von den bürgerlichen Rechten ausgeschlossen werden. Seine Toleranz hatte allerdings Grenzen, die er offen benannte: Nicht dulden wollte er Gemeinschaften, deren Mitglieder sich in allem einem fremden Fürsten unterordnen, was nach verbreiteter Lesart auch auf die Katholiken zielte, und ebenso wenig Atheisten, weil Versprechen, Verträge und Eide sie nicht binden könnten. Spätere Generationen haben sein Argument konsequenter angewandt, als er selbst es tat.

Vom unbeschriebenen Blatt

Im Versuch über den menschlichen Verstand fragte Locke, woher unser Wissen kommt. Seine Antwort: Man solle sich den Geist zunächst als „weißes Papier“ vorstellen, ohne alle Zeichen und ohne Ideen (Buch II, Kapitel 1, § 2), und alles, was später darauf steht, stamme aus der Erfahrung. Damit gilt er als einer der Begründer des britischen Empirismus.

Ein Schilling bleibt ein Schilling

Weniger bekannt ist, dass Locke sich auch in die Geldpolitik einmischte, und zwar mit Gründlichkeit. Schon 1668 hatte er für Ashley eine Denkschrift gegen die geplante gesetzliche Senkung des Höchstzinses von sechs auf vier Prozent verfasst, die er 1692 erweitert veröffentlichte. Ein erzwungen niedriger Zins, so sein Argument, mache Ersparnisse und Kredit nur knapper.

Mitte der 1690er-Jahre waren die englischen Silbermünzen durch Abschneiden und Abnutzung stark beschädigt. Der Schatzsekretär William Lowndes schlug 1695 vor, die Münzen neu zu prägen und dabei ihren Silbergehalt um rund ein Viertel zu senken. Locke widersprach in seinen Further Considerations. Der Wert einer Münze liege allein in der Menge Silber, die sie enthält, und wer weniger Silber unter demselben Namen ausgebe, schädige, so sinngemäß sein Einwand, alle, die Geld verliehen oder auf feste Verträge vertraut haben. Man könne ebenso gut hoffen, so Locke, einen Fuß zu verlängern, indem man ihn in fünfzehn statt zwölf Teile teilt und diese Zoll nennt. Das Parlament folgte 1696 seiner Linie und ließ die Münzen mit vollem Gewicht neu prägen. Ob diese große Neuprägung wirtschaftlich gelang, wird unter Historikern bis heute unterschiedlich beurteilt. Den Grundsatz dahinter, dass eine Regierung den Wert des Geldes nicht nach Belieben verändern darf, haben Verteidiger des Hartgeldes wie Murray Rothbard später ausdrücklich gewürdigt.

Was Freiheitsfreunde von Locke lernen können

Die erste Lehre liegt im Ausgangspunkt. Wer mit dem Eigentum des Menschen an sich selbst beginnt, muss jede Herrschaft vor dem Einzelnen rechtfertigen und nicht umgekehrt. Aus diesem Gedanken haben spätere Denker Folgerungen gezogen, die weit über Locke hinausgingen, bis hin zu Nozicks Frage nach den Grenzen des Staates, und dass sie dabei seine eigenen Ausnahmen hinter sich ließen, spricht für die Kraft seiner Grundsätze.

Ebenso wichtig ist sein Bild der Regierung als Treuhänder. Sie verwaltet eine Macht, die ihr zu einem bestimmten Zweck anvertraut wurde, und wer dieses Vertrauen bricht, verliert seinen Anspruch auf Gehorsam. Gesetze beschreibt Locke in § 222 als Schutzwehren und Zäune um das Eigentum aller Mitglieder der Gesellschaft, die zugleich die Macht jedes Einzelnen in ihr begrenzen sollen.

Schließlich zeigt sein Werk, wie eng die Freiheiten zusammenhängen: Wer die Arbeit des Einzelnen als dessen Eigentum versteht, wird auch nicht hinnehmen, dass eine Regierung den Wert seines ersparten Geldes heimlich mindert.

Ein Maßstab für jede Regierung

John Locke starb am 28. Oktober 1704 auf dem Landsitz Oates in Essex, im Haus der befreundeten Familie Masham. Seine politischen Schriften hatte er ohne seinen Namen erscheinen lassen, und doch wirken gerade sie fort. Sie geben bis heute einen Maßstab an die Hand, an dem sich jede Regierung messen lassen muss. Wer ihn anlegt, fragt bei jedem Gesetz, ob es Ihr Leben, Ihre Freiheit und Ihr Vermögen schützt oder darüber verfügt.

Zum Weiterlesen

  • John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung, hrsg. von Walter Euchner, Suhrkamp, Frankfurt am Main
  • John Locke: Ein Brief über Toleranz, englisch-deutsch, Meiner, Hamburg
  • John Locke: Two Treatises of Government, hrsg. von Peter Laslett, Cambridge University Press, Cambridge 1960
  • Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopia, Olzog, München 2006

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Locke, John: Two Treatises of Government, London 1690 (erschienen Dezember 1689), hier zitiert nach dem Text von 1690, Project Gutenberg, https://www.gutenberg.org/ebooks/7370 (Second Treatise §§ 4, 6, 27, 57, 119, 123, 124, 135, 138, 140, 222, 225).
  • Locke, John: Two Treatises of Government, hrsg. von Peter Laslett, Cambridge University Press, Cambridge 1960.
  • Locke, John: Epistola de Tolerantia, Gouda 1689; englisch: A Letter Concerning Toleration, übers. von William Popple, London 1689, https://www.constitution.org/jl/tolerati.htm
  • Locke, John: An Essay Concerning Human Understanding, London 1690, Buch II, Kap. 1, § 2, Project Gutenberg, https://www.gutenberg.org/ebooks/10615
  • Locke, John: Some Considerations of the Consequences of the Lowering of Interest and Raising the Value of Money, London 1692.
  • Locke, John: Further Considerations Concerning Raising the Value of Money, London 1695, Avalon Project, https://avalon.law.yale.edu/17th_century/locke01.asp
  • Locke, John: Zwei Abhandlungen über die Regierung, hrsg. von Walter Euchner, Suhrkamp, Frankfurt am Main.
  • Locke, John: Ein Brief über Toleranz, englisch-deutsch, Felix Meiner, Hamburg.
  • Jefferson, Thomas: Brief an Henry Lee, 8. Mai 1825, Founders Online, https://founders.archives.gov/documents/Jefferson/98-01-02-5212
  • Declaration of Independence, 4. Juli 1776, Transkript der National Archives, https://www.archives.gov/founding-docs/declaration-transcript
  • Uzgalis, William: John Locke, Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/locke/
  • Tuckness, Alex: Locke’s Political Philosophy, Stanford Encyclopedia of Philosophy (überarbeitet 2020), https://plato.stanford.edu/entries/locke-political/
  • Rothbard, Murray N.: John Locke vs. the Mercantilists and Inflationists, Mises Daily, 4. November 2010 (aus: Economic Thought Before Adam Smith, 1995), https://mises.org/mises-daily/john-locke-vs-mercantilists-and-inflationists
  • Locke versus Lowndes, Cambridge Historical Journal, https://resolve.cambridge.org/core/journals/cambridge-historical-journal/article/iii-locke-versus-lowndes/6DDCB6F809E074C03DF877F0314601DC
  • Nozick, Robert: Anarchy, State, and Utopia, Basic Books, New York 1974; deutsch: Anarchie, Staat, Utopia, Olzog, München 2006.
  • Wikipedia (en): John Locke, https://en.wikipedia.org/wiki/John_Locke (Einstieg, Lebensdaten und Ämter)
  • Wikipedia (en): Two Treatises of Government, https://en.wikipedia.org/wiki/Two_Treatises_of_Government (Einstieg, Datierung nach Laslett)
  • Wikipedia (en): Grand Model for the Province of Carolina, https://en.wikipedia.org/wiki/Grand_Model_for_the_Province_of_Carolina (Einstieg zu den Fundamental Constitutions)

Beitragsbild: John Locke (KI-Illustration)

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