Am 3. November 1646 sollte ein Gefangener in London zu Fuß ins Gefängnis Newgate gehen, und er tat es nicht. Richard Overton ließ die Beine hängen, wie er später schrieb, als gehörten sie ihm gar nicht, baumelnd wie zwei Kerzen für einen Farthing. Die Wärter mussten ihn tragen und schleiften ihn über das Pflaster. Overton hat die Szene selbst erzählt, in einer Flugschrift mit dem Titel The Commoners Complaint, und er fügte hinzu, er habe sich dabei heimlich ins Fäustchen gelacht.
Wenige Wochen zuvor hatte derselbe Mann in seiner Zelle einen Brief geschrieben, der weit über diesen Tag hinaus wirkte. An Arrow Against All Tyrants, ein Pfeil gegen alle Tyrannen, enthält die vielleicht erste klare Formulierung eines Gedankens, den Freiheitsdenker seither als ihren Ausgangspunkt betrachten: dass jeder Mensch sich selbst gehört.
Steckbrief
- Lebensdaten: Geburtsjahr unbekannt, zuletzt 1663 in den Quellen belegt
- Wirken: Drucker, Satiriker und Flugschriftenautor in London, neben John Lilburne und William Walwyn einer der Wortführer der Leveller
- Hauptwerke: Mans Mortalitie (1644), A Remonstrance of Many Thousand Citizens (1646, mit William Walwyn), An Arrow Against All Tyrants (1646), An Appeale from the Degenerate Representative Body (1647), An Agreement of the Free People of England (1649, mit Lilburne, Walwyn und Thomas Prince)
- In einem Satz: Er schrieb auf, dass jeder Mensch Eigentümer seiner selbst ist und dass jede Regierung nur die Macht hat, die ihr freie Menschen leihen können.
Ein Mann ohne Lebenslauf
Über Overtons Herkunft weiß man fast nichts Sicheres. Sein Geburtsjahr wird mal kurz vor 1600, mal etwa fünfzehn Jahre später angesetzt. Ein Richard Overton schrieb sich 1631 als Stipendiat, der sein Studium durch Dienste verdiente, am Queens‘ College in Cambridge ein, ob es derselbe war, ist offen. Manches deutet darauf hin, dass er einen Teil seiner Jugend in Holland verbrachte, und wahrscheinlich gehörte er zu den Baptisten, also zu jenen Gemeinden, die allein die Taufe bekennender Erwachsener gelten ließen.
Greifbar wird er erst durch seine Schriften. Um 1642 erschienen erste Flugschriften gegen die Kirchenpolitik des Erzbischofs Laud. 1644 folgte, anonym und mit dem falschen Druckort Amsterdam, Mans Mortalitie, ein theologischer Traktat, der lehrte, dass der ganze Mensch sterblich sei und Leib und Seele erst am Jüngsten Tag gemeinsam auferstünden. Das Unterhaus ließ im August 1644 nach Verfasser, Drucker und Verleger fahnden. Vorsichtiger wurde Overton dadurch nicht, wie seine nächsten Schriften zeigen.
Nach dem Sturz der Bischöfe wollten presbyterianische Geistliche eine neue, ebenso strenge Staatskirche errichten. Gegen sie schrieb Overton 1645 unter dem Namen Martin Marpriest eine Reihe von Satiren, gedruckt auf geheimen Pressen und in Anlehnung an die berühmten Marprelate-Traktate der elisabethanischen Zeit.
Auftraggeber und Beauftragte
Im Sommer 1646 saß John Lilburne im Gefängnis, und seine Freunde antworteten mit einer Schrift, die heute als Gründungsdokument der Leveller gilt. Die Remonstrance of Many Thousand Citizens vom 7. Juli 1646 stammt im Wesentlichen von Overton, unter Mitarbeit von William Walwyn. Sie erinnert das Unterhaus daran, wer es gewählt hat. Die Wahl sei nur eine treuhänderische Macht gewesen, die jederzeit widerrufen werden könne, und dann folgt ein Satz von großer Klarheit: „Wir sind eure Auftraggeber, und ihr seid unsere Beauftragten“ (eigene Übersetzung). Jede Gewalt, die sich nicht aus diesem Auftrag ableite, sei Anmaßung und Unterdrückung, gleich wer sie ausübe.
Die Schrift wird auch konkret. Sie fragt, warum die Lords für Schulden und Gewalttaten weniger haften sollten als andere Leute, und sie klagt die Schuldhaft an, die viele tausend Familien zugrunde richte.
Ein Pfeil aus Newgate
Im August 1646 verteidigte Overton Lilburne in einer weiteren Flugschrift gegen das Oberhaus. Am 11. August ließen die Lords ihn verhaften. Er weigerte sich, ihre Gerichtsbarkeit anzuerkennen, und wurde nach Newgate gebracht. Von dort schrieb er am 12. Oktober 1646 den Arrow, einen offenen Brief an Henry Marten, einen Abgeordneten des Unterhauses. Auf dem Titelblatt nennt er sich spöttisch den „Prerogative archer“ des Oberhauses, und als Druckort gibt er die Rückseite der Zyklopenberge an, was zeigt, dass ihm die Haft den Humor nicht genommen hatte.
Gleich zu Beginn steht der Kern seiner Lehre: „Jedem Einzelnen in der Natur ist von Natur ein eigenes Eigentum gegeben, das von niemandem verletzt oder an sich gerissen werden darf. Denn jeder hat, so wie er er selbst ist, ein Eigentum an sich selbst, sonst könnte er nicht er selbst sein“ (eigene Übersetzung). Overton nennt das self-propriety. Und er zieht sofort die Folgerung für alles andere Eigentum: Mein und Dein könne es nicht geben, wenn es dies nicht gebe.
Der Gedanke gilt in beide Richtungen. „Niemand hat Macht über meine Rechte und Freiheiten, und ich über die keines anderen“, schreibt Overton (eigene Übersetzung). Wer über sein eigenes Selbst hinausgreift, sei ein Eindringling in das Recht eines anderen. Die Begründung ist religiös und naturrechtlich zugleich: Gott habe jeden Menschen durch die Hand der Natur mit einer angeborenen Freiheit in die Welt gebracht, gleichsam in die Tafel jedes Herzens geschrieben. Alle Menschen seien von Geburt an gleich, mit gleichem Anspruch auf Eigentum und Freiheit.
Was niemand weggeben kann
Aus dem Selbsteigentum entwickelt Overton eine Lehre von der Regierung, die bis heute erstaunlich modern wirkt. Jeder Mensch sei von Natur „ein König, Priester und Prophet in seinem eigenen natürlichen Umkreis“ (eigene Übersetzung), und an diesem Umkreis habe niemand Anteil außer durch Auftrag und freie Zustimmung. Wenn Menschen eine Regierung einsetzen, übertragen sie ihr einen Teil ihrer natürlichen Befugnisse, damit sie Sicherheit und Freiheit besser schützen kann. Mehr als das dürfen sie nicht übertragen, und mehr darf die Regierung nicht nehmen.
Die Grenze ergibt sich aus einer einfachen Überlegung. Niemand darf sich selbst misshandeln oder quälen, also kann er auch niemandem die Befugnis geben, ihn zu misshandeln. Aus der Gesamtheit lasse sich nicht mehr ableiten, als in den Einzelnen enthalten sei, schreibt Overton. Wer mehr hergebe, versündige sich am eigenen Fleisch, und wer mehr nehme, sei ein Dieb und Räuber an seinesgleichen. Die Abgeordneten erscheinen bei ihm als Bevollmächtigte, die ihre Macht allein für das Wohl, die Sicherheit und die Freiheit ihrer Auftraggeber erhalten haben.
Damit hat Overton gut vier Jahrzehnte vor John Lockes Zwei Abhandlungen über die Regierung, die 1689 erschienen, die Grundzüge einer Regierung durch Zustimmung niedergeschrieben, auch wenn ein direkter Einfluss auf Locke nicht nachgewiesen ist.
Die Straße nach Bridewell
Das Oberhaus beließ es nicht bei Overton selbst. Im Januar 1647 wurden seine Frau Mary und ihr Bruder Thomas Johnson verhaftet, als sie Overtons Schriften herstellten. Mary verweigerte vor den Lords jede Aussage. Nach Overtons Schilderung wurde sie mit ihrem sechs Monate alten Kind im Arm kopfüber über das Pflaster durch Schmutz und Schlamm geschleift, und die Lords ordneten an, sie ins Zuchthaus Bridewell zu bringen. Im Juli 1647 kam sie frei.
Overton wandte sich unterdessen mit An Appeale from the Degenerate Representative Body über das Parlament hinweg an dessen Wähler und an die Armee unter Sir Thomas Fairfax. Die Armee nahm sich der Gefangenen an und verlangte, sie vor Gericht zu stellen oder freizulassen. Am 16. September 1647 verließ Overton Newgate ohne Bedingungen.
Eine Verfassung aus dem Tower
Die Freiheit währte nicht lange. Im März 1649, wenige Wochen nach der Hinrichtung des Königs, ließ der neue Staatsrat Overton gemeinsam mit Lilburne, Walwyn und Thomas Prince verhaften. Wieder weigerte er sich, die Fragen seiner Ankläger zu beantworten und sich selbst zu belasten. Aus dem Tower veröffentlichten die vier am 1. Mai 1649 die letzte Fassung ihres Verfassungsentwurfs, An Agreement of the Free People of England.
Dieser Text sollte über jedem Parlament stehen und bestimmte Rechte seinem Zugriff ganz entziehen. Niemand durfte in Glaubensfragen gezwungen oder zum Kriegsdienst gepresst werden. Niemand sollte dafür bestraft werden, dass er sich weigerte, gegen sich selbst auszusagen, und verurteilt werden sollte nur durch zwölf Geschworene aus der Nachbarschaft. Der Kirchenzehnt sollte auslaufen. Und Artikel XXX verbot es jedem künftigen Parlament ausdrücklich, die Vermögen einzuebnen, das Eigentum zu zerstören oder alle Dinge zu Gemeingut zu machen. Der Spottname Leveller, Gleichmacher, den ihnen ihre Gegner angehängt hatten, traf also das Gegenteil dessen, was sie wollten.
Nach Lilburnes Freispruch kam auch Overton im November 1649 frei. Seine späteren Jahre liegen weitgehend im Dunkeln. Die Quellen verbinden ihn mit Verschwörungen gegen Cromwells Protektorat, und im Oktober 1663 wurde er noch einmal gesucht, weil er Schriften gegen die Regierung Karls II. gedruckt haben soll. Danach verliert sich seine Spur.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre liegt in der Reihenfolge seiner Begründung. Am Anfang steht der einzelne Mensch, der sich selbst gehört. Eigentum an Dingen, Verträge und schließlich die Regierung kommen danach, und sie können nur so viel Recht haben, wie freie Menschen ihnen übertragen dürfen. Murray Rothbard hat den Levellern um Lilburne, Overton und Walwyn deshalb eine bemerkenswert geschlossene freiheitliche Lehre bescheinigt, die Selbsteigentum, Privateigentum, Religionsfreiheit und begrenzte Regierung verband.
Ebenso aktuell ist Overtons Einsicht, dass auch eine gewählte Versammlung ihre Grenzen hat. Er hatte erlebt, wie ein Parlament, das gegen die Willkür des Königs angetreten war, selbst Drucker verhaftete und Kritiker einsperrte. Seine Antwort war ein Grundgesetz, das jede Mehrheit bindet, weil auch eine Mehrheit nicht mehr Macht verleihen kann, als ihre Mitglieder selbst besitzen.
Und schließlich zeigt sein Leben, wie eng die Freiheit des Wortes mit allen anderen Freiheiten verbunden ist. Overtons Gedanken erreichten ihre Leser nur, weil es geheime Pressen gab und Menschen wie Mary Overton bereit waren, für das Drucken ins Gefängnis zu gehen.
Mein und Dein
Von Richard Overton ist kein Grab bekannt, kein Todesjahr und kaum ein gesicherter Lebensabschnitt außerhalb seiner Haftzeiten. Geblieben ist ein Brief aus Newgate, dessen Kerngedanke sich in einem Satz sagen lässt: Mein und Dein gibt es nur, wenn jeder Mensch zuerst sich selbst gehört. Wer heute fragt, mit welchem Recht eine Behörde in das Leben eines Menschen eingreift, stellt im Grunde Overtons Frage, ob ihr diese Befugnis von jemandem übertragen werden konnte, der sie selbst besaß.
Zum Weiterlesen
- Richard Overton: An Arrow Against All Tyrants (1646), in: Andrew Sharp (Hrsg.), The English Levellers, Cambridge University Press, Cambridge 1998
- Online Library of Liberty (Liberty Fund): Tracts on Liberty by the Levellers and their Critics, mit den Schriften Overtons im Volltext
- Rachel Foxley: The Levellers. Radical Political Thought in the English Revolution, Manchester University Press, Manchester 2013
- Murray N. Rothbard: Economic Thought Before Adam Smith, Edward Elgar, Aldershot 1995
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Overton, Richard: Mans Mortalitie, London (Impressum „Amsterdam“) 1644.
- Overton, Richard; Walwyn, William: A Remonstrance of Many Thousand Citizens, London, 7. Juli 1646; Transkription: https://constitution.org/1-History/lev/eng_lev_04.htm
- Overton, Richard: An Arrow Against All Tyrants and Tyranny, London, 12. Oktober 1646; Transkription: https://constitution.org/1-History/lev/eng_lev_05.htm
- Overton, Richard: The Commoners Complaint: or, A Dreadful Warning from Newgate, London 1647; Text: https://distantreader.org/stacks/earlyprint/txt/A90231.txt
- Overton, Richard: An Appeale from the Degenerate Representative Body, London 1647 (Katalog: https://explore.library.leeds.ac.uk/special-collections-explore/287170).
- Lilburne, John; Walwyn, William; Prince, Thomas; Overton, Richard: An Agreement of the Free People of England, London, 1. Mai 1649; Transkription: https://www.marxists.org/history/england/english-revolution/may-day.htm
- Sharp, Andrew (Hrsg.): The English Levellers, Cambridge University Press, Cambridge 1998.
- Online Library of Liberty (Liberty Fund): Tracts on Liberty by the Levellers and their Critics, https://oll.libertyfund.org/page/lt078
- Firth, C. H.: „Overton, Richard (fl. 1646)“, in: Dictionary of National Biography, Bd. 42, London 1895, S. 385–387.
- BCW Project: Richard Overton, Leveller, https://bcw-project.org.uk/biography/richard-overton
- Wikipedia (en): Richard Overton (Leveller), https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Overton_(Leveller) (Einstieg)
- Spartacus Educational: Mary Overton, https://spartacus-educational.com/Mary_Overton.htm (nach Pauline Gregg, Free-Born John, 1961, und Antonia Fraser, The Weaker Vessel, 1984)
- Rothbard, Murray N.: Economic Thought Before Adam Smith (An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Bd. 1), Edward Elgar, Aldershot 1995; Auszug: https://mises.org/mises-daily/liberty-and-property-levellers-and-locke
- Foxley, Rachel: The Levellers. Radical Political Thought in the English Revolution, Manchester University Press, Manchester 2013.
Beitragsbild: Richard Overton (KI-Illustration, freie Darstellung)


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