Im Jahr 399 v. Chr. stand in Athen ein Mann von siebzig Jahren vor einem Gericht aus Bürgern seiner Stadt. Die Anklage lautete auf Gottlosigkeit: Er verderbe die Jugend und erkenne die Götter der Stadt nicht an, sondern führe neue göttliche Wesen ein. Sokrates hätte um Milde bitten können, wie es üblich war. Stattdessen erklärte er den Richtern, was er antworten würde, wenn sie ihn unter der Bedingung freiließen, mit dem Philosophieren aufzuhören: „Ich bin euch, ihr Athener, zwar zugetan und Freund, gehorchen aber werde ich dem Gotte mehr als euch, und solange ich noch atme und es vermag, werde ich nicht aufhören, nach Weisheit zu suchen“ (Platon, Apologie 29d, übersetzt von Friedrich Schleiermacher).
Wenige Wochen später trank er den Schierlingsbecher. Seitdem gilt er als Urbild eines Menschen, der sein Urteil nicht der Mehrheit ausliefert. Ein Libertärer im heutigen Sinn war er nicht, eine Theorie von Eigentum, Markt oder Menschenrechten findet man bei ihm nicht. Was er der Freiheitsidee hinterlassen hat, ist etwas Grundlegenderes: die Überzeugung, dass jede Behauptung geprüft werden darf, auch die der Mächtigen, und dass das eigene Gewissen eine Grenze kennt, die keine Versammlung verschieben kann.
Steckbrief
- Lebensdaten: 469 bis 399 v. Chr., Athen (Demos Alopeke)
- Herkunft: Sohn des Steinmetzen Sophroniskos und der Hebamme Phainarete, verheiratet mit Xanthippe, drei Söhne
- Wirken: Philosoph im Gespräch auf den Straßen und Plätzen Athens, Hoplit bei Poteidaia, Delion und Amphipolis, 406 v. Chr. Mitglied des Rates
- Werke: keine eigenen Schriften; überliefert durch Platon, Xenophon und Aristophanes
- In einem Satz: Er lehrte, dass ein Leben ohne Prüfung nicht lebenswert ist, und bezahlte diese Lehre mit seinem Leben.
Ein Steinmetzsohn auf der Agora
Sokrates kam 469 v. Chr. in Athen als Sohn des Steinmetzen Sophroniskos zur Welt, seine Mutter Phainarete wurde später Hebamme. Als schwer bewaffneter Fußsoldat zog er im Peloponnesischen Krieg mehrmals ins Feld; bei Poteidaia rettete er den verwundeten Alkibiades, beim Rückzug von Delion wurde seine Haltung gerühmt. Ein Staatsamt bekleidete er nur ein einziges Mal, als Mitglied des Rates.
Den größten Teil seines Lebens verbrachte er im Gespräch, und Geld nahm er dafür nicht. In der Apologie nennt er seine Armut als Zeugen dafür, dass er nie Lohn gefordert habe (31b–c), und darin unterschied er sich bewusst von den Sophisten, den bezahlten Wanderlehrern seiner Zeit.
Was wir von ihm wissen können
Sokrates hat keine Zeile hinterlassen. Alles, was wir über ihn wissen, stammt von drei Zeitgenossen, und jeder von ihnen hatte eigene Absichten. Der Komödiendichter Aristophanes brachte ihn 423 v. Chr. in den Wolken auf die Bühne, als verschrobenen Leiter einer „Denkerei“, der Himmel und Unterwelt erforscht und seinen Schülern beibringt, Unrecht zu Recht zu machen. Platon lässt Sokrates vor Gericht selbst auf dieses Zerrbild verweisen (Apologie 19c). Der Offizier und Schriftsteller Xenophon zeichnete in seinen Erinnerungen an Sokrates einen frommen, praktisch klugen Ratgeber und verteidigte ihn ausdrücklich gegen die Anklage. Platon schließlich, sein bedeutendster Schüler, machte ihn zur Hauptfigur der meisten seiner Dialoge.
Platon ist die reichste Quelle und zugleich die schwierigste, denn in seinen späteren Werken spricht Sokrates erkennbar Platons eigene Lehren aus. Die Forschung hält sich deshalb vor allem an die frühen Dialoge, an die Apologie, die Verteidigungsrede vor Gericht, und an den Kriton, das Gespräch im Gefängnis. Aristoteles kam erst rund fünfzehn Jahre nach Sokrates‘ Tod zur Welt und stützte sich weitgehend auf Platon. Der Philosophiehistoriker William Guthrie hat daraus den Schluss gezogen, es werde immer ein „sokratisches Problem“ geben. Was folgt, ist vor allem der Sokrates der frühen Dialoge Platons, ergänzt durch Xenophon.
Die Kunst, Gewissheiten zu erschüttern
Am Anfang seiner Mission stand, so erzählt es die Apologie, ein Orakelspruch. Sein Freund Chairephon hatte in Delphi gefragt, ob jemand weiser sei als Sokrates, und die Antwort lautete: niemand (21a). Sokrates wollte das widerlegen und befragte Politiker, Dichter und Handwerker, die als weise galten. Er fand Menschen, die vieles zu wissen meinten, was sie nicht wussten. Weiser als sie sei er nur in einem Punkt, nämlich darin, dass er, „was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen“ (21d). Die bekannte Formel „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist eine spätere Zuspitzung dieses Satzes und steht so nicht bei Platon.
Seine Methode nannten die Griechen Elenchos, die prüfende Widerlegung. Sokrates fragte so lange nach, bis sich eine scheinbar sichere Definition von Tapferkeit, Frömmigkeit oder Gerechtigkeit in Widersprüche verwickelte. Er verglich sich mit einem Sporn, den der Gott der Stadt beigegeben habe wie einem großen, edlen Pferd, das gerade wegen seiner Größe zur Trägheit neigt (30e).
Daraus folgt der Satz, der wohl am stärksten nachgewirkt hat. Das tägliche Gespräch über die Tugend sei das größte Gut für den Menschen, „ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden“ (38a). Darin steckt ein Anspruch, den jeder Einzelne an sich selbst richten muss und den ihm keine Obrigkeit abnehmen kann.
Gegen die Versammlung und gegen die Dreißig
Zweimal hat Sokrates auch gehandelt, und beide Male gegen die jeweils Herrschenden. Im Jahr 406 v. Chr. hatte seine Phyle, der Bezirksverband, den Vorsitz im Rat, als die Volksversammlung die Feldherren der Seeschlacht bei den Arginusen in einem einzigen Verfahren verurteilen wollte, weil sie nach der Schlacht die Toten nicht geborgen hatten. Das war gegen das Gesetz, das ein Verfahren für jeden einzeln verlangte. Sokrates widersetzte sich als einziger der Vorsitzenden, obwohl Redner bereits drohten, ihn verhaften zu lassen (32b–c).
Zwei Jahre später, nach der Niederlage gegen Sparta, herrschten in Athen die Dreißig, eine Oligarchie unter Führung des Kritias. Sie befahlen Sokrates und vier anderen, einen gewissen Leon von Salamis zur Hinrichtung herbeizuschaffen. Die vier gingen, Sokrates ging nach Hause, und das hätte ihn, wie er sagt, wohl das Leben gekostet, wäre das Regime nicht bald darauf gestürzt (32c–d). Xenophon berichtet außerdem, die führenden Köpfe der Dreißig, Kritias und Charikles, hätten ihm verboten, mit jungen Männern zu sprechen, weil er sie mit einem Hirten verglichen hatte, der seine eigene Herde dezimiert (Erinnerungen I.2.31–38).
Aus diesen Erfahrungen zieht er in der Apologie eine bemerkenswerte Folgerung. Ein inneres göttliches Zeichen habe ihn immer davon abgehalten, Politik zu machen, und zu Recht: Niemand könne sich lange halten, der sich einer Volksmenge widersetzt, um Unrecht zu verhindern. Darum müsse, „wer in der Tat für die Gerechtigkeit streiten will, auch wenn er sich nur kurze Zeit erhalten soll, ein zurückgezogenes Leben führen, nicht ein öffentliches“ (31c–32a). Gerechtigkeit erscheint hier als Sache des Einzelnen, die sich in der Nähe der Macht kaum bewahren lässt.
Der Prozess
Nach dem Sturz der Dreißig erließen die zurückgekehrten Demokraten 403 v. Chr. eine Amnestie für politische Taten. Politische Vorwürfe waren damit verwehrt, und so erhoben der junge Dichter Meletos, unterstützt von Anytos und Lykon, eine religiöse Anklage. Dass Kritias und Alkibiades, die der Stadt schwer geschadet hatten, zu seinem Umfeld gehört hatten, schwang dennoch mit; Xenophon berichtet, der Ankläger habe ihm gerade das vorgehalten (Erinnerungen I.2.12 ff.).
Vor Gericht verzichtete Sokrates darauf, die Richter anzuflehen und Mitleid zu erregen (34c–35b). Nach dem knappen Schuldspruch durfte er, wie im athenischen Recht üblich, selbst eine Strafe vorschlagen. Er beantragte zunächst, was einem Wohltäter der Stadt gebühre, nämlich die „Speisung im Prytaneion“, eine Ehre, die er nach eigenen Worten eher verdiene als ein Sieger im Wagenrennen von Olympia (36d). Dann bot er eine Mine Silber an, schließlich auf Drängen von Platon, Kriton und anderen Freunden dreißig Minen, für die sie bürgen wollten (38b). Die Richter entschieden sich für den Tod. Weil während einer heiligen Gesandtschaftsfahrt nach Delos niemand hingerichtet werden durfte, blieb er noch rund dreißig Tage im Gefängnis.
Warum er nicht floh
In diese Zeit fällt der Kriton. Sein Freund Kriton hat Geld für die Flucht beschafft und bietet ihm eine sichere Zuflucht bei Gastfreunden in Thessalien an (45a–c). Sokrates lehnt ab und begründet das zunächst mit einem Grundsatz, den er schon oft vertreten habe: Man dürfe niemals vorsätzlich Unrecht tun, auch nicht als Vergeltung für erlittenes Unrecht (49a–d).
Dann lässt er die Gesetze Athens selbst sprechen. Sie hätten ihn hervorgebracht, erzogen und unterrichtet, und dem Vaterland schulde man mehr Ehrfurcht als den Eltern. Man müsse es „entweder […] überzeugen oder tun, was es befiehlt“ (51b–c). Zugleich erinnern die Gesetze daran, dass jeder Athener, dem sie nicht gefallen, „das Seinige nehmen und fortgehn dürfe, wohin er nur will“ (51d). Wer bleibt, habe durch sein Handeln zugestimmt. Sokrates habe siebzig Jahre Zeit gehabt, nach Sparta oder Kreta zu gehen, deren Ordnung er gern lobte, und habe es nie getan (52e). Wenn er jetzt sterbe, dann als einer, der Unrecht erlitten habe, „nicht zwar von uns Gesetzen, sondern von Menschen“ (54c).
Freiheitsfreunde lesen diesen Dialog oft mit Unbehagen, denn er scheint dem Staat einen Gehorsam zuzusprechen, den die Apologie gerade verweigert. Die Forschung ist sich uneins, wie weit der Widerspruch reicht. Der Philosoph Richard Kraut hat in Socrates and the State (1984) argumentiert, das „Überzeugen oder Gehorchen“ lasse Raum für Ungehorsam, solange man ihn mit Gründen vertritt. Andere halten den Kriton für strenger, wieder andere meinen, Sokrates lege den Gesetzen die Rede nur in den Mund, um den aufgewühlten Kriton zu beruhigen. Fest steht, dass Sokrates im Gefängnis nicht widerruft, was er vor Gericht gesagt hat. Er verweigert eine Tat, die er für unrecht hält, und nimmt die Folgen offen auf sich. Bemerkenswert bleibt auch, dass schon dieser frühe Text die Bindung an eine Ordnung mit der Freiheit begründet, sie zu verlassen, ein Gedanke, der an John Lockes spätere Lehre von der stillschweigenden Zustimmung erinnert.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Freiheit des Denkens. Im berühmten zweiten Kapitel von On Liberty (1859) mahnt John Stuart Mill, die Menschheit könne nicht oft genug daran erinnert werden, dass es einst einen Mann namens Sokrates gab, den Obrigkeit und öffentliche Meinung seiner Zeit wegen Gottlosigkeit zum Tod verurteilten. Für Mill war das der Beweis, dass auch die Überzeugung einer Mehrheit irren kann und dass, wer eine Meinung unterdrückt, womöglich die Wahrheit unterdrückt. Karl Popper hat Sokrates in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde aus ähnlichen Gründen als Vorbild der kritischen Haltung gezeichnet, die um die Grenzen des eigenen Wissens weiß.
Daneben steht der Vorrang des Gewissens. Sokrates verweigerte sich einer gesetzwidrigen Volksversammlung ebenso wie einer Tyrannei, und er tat es ohne Gewalt, mit offenem Visier und unter Einsatz seines Lebens. Die Leon-Episode ist ein frühes Beispiel dafür, dass staatliche Befehlsgewalt am Gewissen des Einzelnen eine Grenze findet, auch wenn manche Forscher darin eher die Treue zum ordentlichen Verfahren sehen als eine Auflehnung gegen die Ordnung selbst.
Unbequemer ist, dass das Prüfen nie aufhört und vor keiner Seite haltmacht. Ein Anhänger der athenischen Demokratie war Sokrates nicht ohne Weiteres: Nach Xenophon warf ihm der Ankläger vor, er habe die Besetzung der Ämter durch das Los verspottet, weil man ja auch keinen Steuermann oder Flötenspieler auslose (Erinnerungen I.2.9). Seine Achtung galt der Einsicht und nicht der Zahl, und er verlangte von jedem, auch von sich selbst, die eigenen Gewissheiten den Fragen anderer auszusetzen.
Ein Sporn für jede Zeit
Sokrates hat keine Verfassung entworfen und keine Ordnung der Freiheit beschrieben. Er hat etwas getan, das jeder solchen Ordnung vorausgeht: Er hat darauf bestanden, dass ein einzelner Mensch mit seinen Fragen und seinem Gewissen mehr Gewicht haben kann als der Beschluss einer Mehrheit. Am Ende seiner Verteidigungsrede verabschiedete er sich von den Richtern mit dem Satz, es sei Zeit zu gehen, für ihn zu sterben, für sie zu leben, und wer von beiden das Bessere erwarte, wisse nur der Gott (42a, sinngemäß). Ob eine Gesellschaft ihre unbequemen Frager erträgt, ist seither eine Probe, an der sich jede freie Ordnung messen lassen muss, und Athen hat sie im Jahr 399 nicht bestanden, obwohl es Sokrates zuvor jahrzehntelang hatte fragen lassen.
Zum Weiterlesen
- Platon: Apologie des Sokrates und Kriton, übersetzt von Friedrich Schleiermacher, frei zugänglich bei zeno.org; zweisprachig bei Reclam, Stuttgart
- Xenophon: Erinnerungen an Sokrates, übersetzt von Rudolf Preiswerk, Reclam, Stuttgart
- John Stuart Mill: Über die Freiheit, Kapitel 2, Reclam, Stuttgart
- Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, Mohr Siebeck, Tübingen 2003
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Platon: Des Sokrates Verteidigung (Apologie), übers. von Friedrich Schleiermacher (1805), nach: Platon: Sämtliche Werke, Bd. 1, Berlin [1940], S. 7–37; http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Des+Sokrates+Verteidigung (zitiert: 19b–c, 21a–d, 24b, 29d, 30e, 31b–32d, 34c–35b, 36a–d, 38a–b, 42a)
- Platon: Kriton, übers. von Friedrich Schleiermacher (1805), ebd.; http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Kriton (zitiert: 45a–c, 49a–d, 50a–54d)
- Xenophon: Memorabilia (Erinnerungen an Sokrates), engl. übers. von H. G. Dakyns, Project Gutenberg Nr. 1177, https://www.gutenberg.org/files/1177/1177-h/1177-h.htm (I.1.1; I.2.9–10; I.2.12 ff.; I.2.31–38); deutsch: Erinnerungen an Sokrates, übers. von Rudolf Preiswerk, Reclam, Stuttgart
- Aristophanes: Die Wolken (aufgeführt 423 v. Chr.)
- John Stuart Mill: On Liberty (1859), Kap. 2, Project Gutenberg Nr. 34901, https://www.gutenberg.org/files/34901/34901-h/34901-h.htm
- Debra Nails / Sara Ahbel-Rappe: „Socrates“, Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/socrates/
- „Socrates“, Internet Encyclopedia of Philosophy, https://iep.utm.edu/socrates/
- Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, Mohr Siebeck, Tübingen 2003 (engl. 1945)
- Richard Kraut: Socrates and the State, Princeton University Press, Princeton 1984
- Forschungsüberblick zur Spannung zwischen Apologie und Kriton: Peitho (Adam-Mickiewicz-Universität Posen), https://pressto.amu.edu.pl/index.php/peitho/article/download/7840/7842/15490; Isaac: „Socrates and the Public Laws of Athens“, Aporia (BYU), https://aporia.byu.edu/pdfs/isaac-socrates_and_the_public_laws_of_athens.pdf; Gary Young, PhilPapers, https://api.philpapers.org/rec/YONSTC
Beitragsbild: Sokrates (KI-Illustration)

