Im Januar 1961 rief John F. Kennedy seinen Landsleuten zu, sie sollten nicht fragen, was ihr Land für sie tun könne, sondern was sie für ihr Land tun könnten. Der Satz gehört bis heute zu den berühmtesten der amerikanischen Politik. Ein Jahr später antwortete ihm ein Wirtschaftsprofessor aus Chicago in der Einleitung eines schmalen Buches: „Der freie Mensch wird weder fragen, was sein Land für ihn tun kann, noch was er für sein Land tun kann“ (Capitalism and Freedom, 1962, in eigener Übersetzung). Beide Hälften von Kennedys Formel, so Milton Friedman, machten den Staat zum Vormund oder zum Herrn der Bürger, und keine passe zu Menschen, die ihr Leben selbst verantworten.
Friedman war ein strenger Fachökonom, der für seine Forschung den Nobelpreis erhielt, und zugleich ein Lehrer, der Millionen Menschen im Fernsehen erklärte, warum freiwilliger Tausch beiden Seiten nützt. Diese Verbindung macht ihn zu einem der wirksamsten Fürsprecher der Freiheit im 20. Jahrhundert.
Steckbrief
- Lebensdaten: 31. Juli 1912 in Brooklyn, New York, bis 16. November 2006 in San Francisco
- Wirken: Professor an der University of Chicago (1946 bis 1976), danach Senior Research Fellow der Hoover Institution in Stanford (1977 bis 2006), Präsident der American Economic Association und der Mont Pelerin Society
- Auszeichnungen: John Bates Clark Medal (1951), Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (1976), Presidential Medal of Freedom (1988)
- Hauptwerke: A Theory of the Consumption Function (1957), Capitalism and Freedom (1962), A Monetary History of the United States, 1867–1960 (1963, mit Anna J. Schwartz), Free to Choose (1980, mit Rose Friedman), Two Lucky People (1998, Memoiren mit Rose Friedman)
- In einem Satz: Er belegte mit Daten, was Freiheitsfreunde vermuteten, und erklärte es so, dass jeder es verstand.
Ein Stipendiat aus Rahway
Friedmans Eltern waren jüdische Einwanderer aus Beregszász, einer Kleinstadt im damaligen Ungarn, die heute in der Ukraine liegt. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Rahway in New Jersey, wo sie ein kleines Textilwarengeschäft betrieb. Mit einem Stipendium studierte der Sohn an der Rutgers University, schloss dort 1932 ab und ging für den Master nach Chicago. In Jacob Viners Kurs saß er neben Rose Director, einer jungen Ökonomin, die er 1938 heiratete. Die beiden blieben fast siebzig Jahre lang ein Paar und schrieben später ihre einflussreichsten Bücher gemeinsam.
Während des Krieges arbeitete er im Finanzministerium in Washington und wirkte 1942 an der Einführung des Lohnsteuerabzugs mit, durch den die Steuer direkt vom Gehalt einbehalten wird. In seinen Memoiren räumte er offen ein, dass man damals kaum über die langfristigen Folgen nachgedacht habe, und später wünschte er sich, man könne den Abzug wieder abschaffen.
1946 wurde er an der Columbia University promoviert und kehrte im selben Jahr als Professor nach Chicago zurück. Drei Jahrzehnte lang prägte er dort eine Schule, deren Name weltweit für Marktwirtschaft und empirische Strenge steht.
Die Notenbank auf der Anklagebank
Den Nobelpreis erhielt Friedman 1976 für seine Arbeiten zur Konsumtheorie, zur Geldgeschichte und Geldtheorie sowie für den Nachweis, wie schwierig staatliche Konjunktursteuerung ist. Die folgenreichste dieser Arbeiten ist die Monetary History of the United States, die er 1963 mit Anna J. Schwartz veröffentlichte. Lange galt die Große Depression als Beweis dafür, dass der Kapitalismus aus sich heraus zusammenbricht und der Staat ihn retten muss. Friedman und Schwartz zeigten anhand langer Datenreihen etwas anderes: Zwischen 1929 und 1933 schrumpfte die Geldmenge in den Vereinigten Staaten um rund ein Drittel, weil die Federal Reserve dem Zusammenbruch der Banken zusah. Ihre These hat sich weitgehend durchgesetzt. Auf einer Feier zu Friedmans 90. Geburtstag sagte Ben Bernanke, damals Mitglied des Fed-Vorstands, 2002 an die Adresse der beiden Autoren: „You’re right, we did it. We’re very sorry. But thanks to you, we won’t do it again.“
Aus derselben Forschung stammt der Satz, der wohl am häufigsten mit Friedman verbunden wird: Inflation sei „always and everywhere a monetary phenomenon“, also immer und überall eine Folge davon, dass die Geldmenge schneller wächst als die Gütermenge. Daraus zog er eine klare Folgerung. Statt nach Gutdünken zu steuern, sollte die Notenbank die Geldmenge nach einer festen Regel stetig wachsen lassen. In seiner Rede als Präsident der American Economic Association legte er 1967 zudem dar, dass sich mit höherer Inflation auf Dauer keine niedrigere Arbeitslosigkeit erkaufen lässt. Die Jahre der Stagflation in den 1970ern, als hohe Teuerung und hohe Arbeitslosigkeit zusammenkamen, gaben ihm recht.
Für Freiheitsfreunde liegt in diesen Arbeiten mehr als Technik. Sie zeigen, dass auch die schwersten Wirtschaftskrisen aus Fehlern jener Institutionen entstehen können, die den Markt lenken sollen, und dass eine Regierung, die Geld druckt, ihren Bürgern Kaufkraft nimmt, ohne darüber abstimmen zu lassen.
Freiheit, die man nicht aufteilen kann
Capitalism and Freedom erschien 1962 und beginnt mit einer klaren These. Wirtschaftliche Freiheit sei zum einen selbst ein Teil der Freiheit und zum anderen „ein unverzichtbares Mittel zur Erlangung politischer Freiheit“ (Kapitel 1, in eigener Übersetzung). Wer über Arbeit, Eigentum und Konsum nicht selbst entscheiden darf, dem helfen auch Wahlen wenig. Friedman behauptete dabei nicht, Märkte allein brächten Demokratie hervor. Er nannte den Kapitalismus ausdrücklich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung politischer Freiheit.
Dem Staat wies er im Buch eine klar umrissene Rolle zu. Er soll Regeln setzen und als Schiedsrichter über ihre Einhaltung wachen, aber nicht selbst mitspielen. Wie konsequent Friedman diesen Gedanken verfolgte, zeigt seine Kritik an der staatlichen Berufszulassung. Schon 1945 hatte er mit Simon Kuznets nachgewiesen, dass die Zugangsbeschränkungen zum Arztberuf die Honorare in die Höhe trieben. Er hielt solche Lizenzen für ein Mittel, mit dem sich Berufsgruppen vor Konkurrenz schützen, auf Kosten der Patienten und Kunden.
Vorschläge, die das Leben verändert haben
Am bekanntesten ist der Bildungsgutschein. Bereits 1955 schlug Friedman in dem Aufsatz „The Role of Government in Education“ vor, dass der Staat die Schulbildung zwar finanzieren, aber nicht selbst betreiben müsse. Eltern sollten einen Gutschein erhalten, den sie an jeder Schule einlösen können, die Mindeststandards erfüllt. So entscheiden die Familien, welche Schule ihr Kind besucht, und Schulen müssen um Schüler werben. 1996 gründeten Milton und Rose Friedman eine Stiftung für Schulwahl, die heute unter dem Namen EdChoice arbeitet und den Gedanken in vielen amerikanischen Bundesstaaten vorangebracht hat.
Ähnlich praktisch dachte er über Armut. Statt eines Geflechts aus Einzelprogrammen, jedes mit eigener Behörde, schlug er in Capitalism and Freedom eine negative Einkommensteuer vor: Wer unter einer bestimmten Einkommensgrenze bleibt, erhält eine Zahlung vom Finanzamt, über deren Verwendung er selbst entscheidet. Das Modell sollte helfen, ohne zu bevormunden, und den Anreiz zur Arbeit erhalten.
Seinen größten politischen Erfolg erzielte Friedman bei der Wehrpflicht. Präsident Nixon berief ihn 1969 in die Kommission für eine Freiwilligenarmee, die anfangs gespalten war und im Februar 1970 einstimmig empfahl, die Wehrpflicht abzuschaffen. Friedman galt als der Kopf, der die Mitglieder überzeugt hatte. Seit Juli 1973 stützen sich die amerikanischen Streitkräfte auf Freiwillige. Nach eigener Aussage war dies fast das einzige Anliegen, für das er je persönlich bei Abgeordneten des Kongresses geworben hat.
Dazu kamen Positionen, mit denen er seiner Zeit voraus war. Schon 1953 trat er für frei schwankende Wechselkurse ein, als fast alle Welt noch an festen Paritäten festhielt. Und 1989 schrieb er im Wall Street Journal einen offenen Brief an den Drogenbeauftragten William Bennett, in dem er das Drogenverbot für gescheitert erklärte: Der Schaden, den die Sucht anderer anrichte, entstehe fast vollständig aus der Illegalität selbst.
Der Lehrer einer ganzen Nation
Von 1966 bis 1983 schrieb Friedman regelmäßig Kolumnen für das Magazin Newsweek. Wirklich bekannt wurde er aber durch das Fernsehen. Von Januar bis März 1980 zeigte der öffentliche Sender PBS die zehnteilige Reihe Free to Choose, in der er erklärte, wie Märkte funktionieren und was staatliche Eingriffe anrichten. Das Begleitbuch, gemeinsam mit Rose Friedman geschrieben, wurde das meistverkaufte Sachbuch des Jahres in den Vereinigten Staaten.
Im Kapitel „Created Equal“ steht ein Gedanke, der oft verkürzt zitiert wird. Sinngemäß schreiben die Friedmans dort, eine Gesellschaft, die Gleichheit im Sinne gleicher Ergebnisse über die Freiheit stelle, werde am Ende weder Gleichheit noch Freiheit haben. Eine Gesellschaft dagegen, die der Freiheit den Vorrang gebe, erreiche als Nebenprodukt von beidem mehr. Dahinter steht die Beobachtung, dass erzwungene Gleichheit Macht in den Händen derer bündelt, die sie durchsetzen.
Friedman beriet Barry Goldwater, Richard Nixon und Ronald Reagan, doch seine Ratschläge waren nicht an Parteien gebunden. Als er 1975 auf Einladung seines Kollegen Arnold Harberger eine Woche lang in Chile Vorträge hielt und dabei einmal mit Augusto Pinochet sprach, empfahl er dasselbe, was er überall empfahl: Ausgaben und Inflation zu senken und den Handel zu öffnen. Kritik an der Unterdrückung findet sich in seinem Brief an den General nicht, was ihm bis heute vorgehalten wird. Im selben Jahr schrieb er jedoch, er billige keines der autoritären Regime, die er beraten habe, wozu auch das kommunistische Jugoslawien gehörte, und 1991 nannte er Pinochets Herrschaft ein „terrible political regime“. Er war überzeugt, dass wirtschaftliche Freiheit auf Dauer Druck zu politischer Freiheit erzeugt, und Chile kehrte nach dem Referendum von 1988 zur Demokratie zurück.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft das Geld. Wer verstehen will, warum Preise steigen, sollte zuerst auf die Notenbank schauen und erst danach auf Händler und Gewerkschaften. Friedman hat diesen Zusammenhang über fast ein Jahrhundert amerikanischer Geldgeschichte mit Daten untermauert.
Die zweite Lehre betrifft den Weg. Friedman war bereit, Schritte zu gehen, die nicht gleich das ganze Ziel erreichen, wenn sie in die richtige Richtung führten. Der Bildungsgutschein schafft die staatliche Schulfinanzierung nicht ab, gibt aber den Eltern die Entscheidung zurück. Die negative Einkommensteuer beendet nicht jede Umverteilung, nimmt den Behörden aber die Kontrolle über das Leben der Empfänger. Manchem radikalen Libertären ging das nicht weit genug, doch viele seiner Vorschläge haben Menschen tatsächlich mehr Freiheit gebracht.
Die dritte Lehre betrifft die Haltung. Friedman argumentierte freundlich, mit Daten und mit Geduld, auch vor feindseligem Publikum. Er gab Fehler zu, wie beim Lohnsteuerabzug, und er sprach über Freiheit in einer Sprache, die auch Zuschauer ohne ökonomische Vorbildung erreichte.
Frei zu wählen
Als Milton Friedman im November 2006 mit 94 Jahren in San Francisco starb, war vieles von dem, wofür er jahrzehntelang geworben hatte, selbstverständlich geworden: dass Inflation ein Geldproblem ist, dass eine Armee aus Freiwilligen bestehen kann, dass Eltern über die Schule ihrer Kinder mitentscheiden sollten. Der Titel seines bekanntesten Buches fasst sein Lebenswerk in drei Worten zusammen. Free to Choose meint die Freiheit, selbst zu wählen, welche Arbeit, welche Schule, welches Geld und welches Leben man für richtig hält. Ob Sie seinen Vorschlägen im Einzelnen folgen oder nicht, an dieser Frage führt kein ernsthaftes Nachdenken über Freiheit vorbei.
Zum Weiterlesen
- Milton Friedman: Capitalism and Freedom, University of Chicago Press, Chicago 1962 (deutsch: Kapitalismus und Freiheit)
- Milton und Rose Friedman: Free to Choose. A Personal Statement, Harcourt Brace Jovanovich, New York 1980
- Milton Friedman und Anna J. Schwartz: A Monetary History of the United States, 1867–1960, Princeton University Press, Princeton 1963
- Milton und Rose Friedman: Two Lucky People. Memoirs, University of Chicago Press, Chicago 1998
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Friedman, Milton; Kuznets, Simon: Income from Independent Professional Practice, National Bureau of Economic Research, New York 1945.
- Friedman, Milton: „The Case for Flexible Exchange Rates“, in: Essays in Positive Economics, University of Chicago Press, Chicago 1953.
- Friedman, Milton: „The Role of Government in Education“, in: Robert A. Solo (Hg.): Economics and the Public Interest, Rutgers University Press, New Brunswick 1955.
- Friedman, Milton: A Theory of the Consumption Function, Princeton University Press, Princeton 1957.
- Friedman, Milton (unter Mitarbeit von Rose D. Friedman): Capitalism and Freedom, University of Chicago Press, Chicago 1962 (deutsch: Kapitalismus und Freiheit).
- Friedman, Milton; Schwartz, Anna J.: A Monetary History of the United States, 1867–1960, Princeton University Press, Princeton 1963.
- Friedman, Milton: „The Role of Monetary Policy“, in: American Economic Review 58 (1968), Heft 1, S. 1–17.
- Friedman, Milton: The Counter-Revolution in Monetary Theory, Institute of Economic Affairs, Occasional Paper 33, London 1970.
- Friedman, Milton: „The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits“, in: The New York Times Magazine, 13. September 1970.
- Friedman, Milton; Friedman, Rose: Free to Choose. A Personal Statement, Harcourt Brace Jovanovich, New York 1980.
- Friedman, Milton: „An Open Letter to Bill Bennett“, in: The Wall Street Journal, 7. September 1989, https://druglibrary.drugsense.org/special/friedman/an_open_letter_to_bill_bennett.htm
- Friedman, Milton; Friedman, Rose: Two Lucky People. Memoirs, University of Chicago Press, Chicago 1998.
- Nobelprize.org: Milton Friedman, Biographical, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1976/friedman/biographical/
- Nobelprize.org: Pressemitteilung zum Preis 1976, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1976/press-release/
- Hoover Institution: Profil Milton Friedman, https://www.hoover.org/profiles/milton-friedman
- Concise Encyclopedia of Economics (Econlib): Milton Friedman, https://www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html
- Liberty Fund, Online Library of Liberty: Friedman on Capitalism and Freedom, https://oll.libertyfund.org/pages/friedman-on-capitalism-and-freedom
- Cato Institute: „Ask Not What Frankenstein Can Do for You“ (zur Einleitung von Capitalism and Freedom), https://www.cato.org/blog/ask-not-what-frankenstein-can-do-you
- David Henderson: „Milton and Rose Friedman on Inequality“, EconLog, 16. März 2014, https://www.econlib.org/archives/2014/03/milton_and_rose_1.html
- Bruegel: „Milton Friedman’s ‚The Role of Monetary Policy‘ – 50 years later“, https://bruegel.org/blog-post/milton-friedmans-role-monetary-policy-50-years-later
- Wikipedia (en): Great Contraction (mit Bernanke-Rede vom 8. November 2002), https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Contraction
- Britannica: All-volunteer force, https://www.britannica.com/topic/all-volunteer-force
- Richard Nixon Foundation: „45 Years Later: Nixon and the Gates Commission“, https://www.nixonfoundation.org/2015/02/45-years-later-nixon-gates-commission/
- EdChoice: „The Idea That Changed American Education“, https://www.edchoice.org/2026-the-idea-that-changed-american-education/
- EdChoice: Rose Friedman, Early Beginnings to 1945, https://www.edchoice.org/celebrating-the-life-and-legacy-of-rose-friedman-early-beginnings-to-1945/
- FEE: „Wartime Origins of Modern Income-Tax Withholding“, https://fee.org/articles/wartime-origins-of-modern-income-tax-withholding/
- Mises Wire: „Tax Withholding and Tax Consciousness“, https://mises.org/mises-wire/tax-withholding-and-tax-consciousness
- Brian Doherty: „The Economist and the Dictator“, Reason, 15. Dezember 2006, https://reason.com/2006/12/15/the-economist-and-the-dictator/
- Sebastian Edwards, Leonidas Montes: Milton Friedman in Chile (CEP Chile), https://static.cepchile.cl/uploads/cepchile/2022/09/20190708_paper_final_jhet.pdf


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