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Isabel Paterson: Der Mensch als Kraftwerk der Freiheit

Als Isabel Paterson im Ruhestand war, hätte sie Leistungen der staatlichen Sozialversicherung beziehen können. Sie lehnte sie ab. Ihre Versicherungskarte steckte sie in einen Umschlag, auf den sie die Worte „Social Security Swindle“ schrieb, also Schwindel mit der sozialen Sicherheit. Die Geste passt zu einer Frau, die von ihrem achtzehnten Lebensjahr an von eigener Arbeit gelebt hatte und die den Satz prägte, der eigene Gehaltsscheck sei einem Vater und Mutter (your paycheck is your mother and your father).

Paterson gehört zu den drei Frauen, die der Publizist Jim Powell als Wegbereiterinnen der modernen libertären Bewegung in Amerika beschrieben hat. Im Jahr 1943 erschienen drei Bücher, die bis heute als Grundsteine dieser Bewegung gelten: Ayn Rands Roman The Fountainhead, Rose Wilder Lanes The Discovery of Freedom und Patersons The God of the Machine. Ihr Biograf Stephen Cox hat den Unterschied so beschrieben, dass libertäre Leser sich für das Gefühl an Lane gewandt hätten und für die geistige Herausforderung an Paterson.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 22. Januar 1886 auf Manitoulin Island (Ontario, Kanada) bis 10. Januar 1961 in Montclair (New Jersey)
  • Geburtsname: Isabel Mary Bowler
  • Wirken: Romanautorin, Literaturkritikerin der New York Herald Tribune (Kolumne „Turns With a Bookworm“, 1924 bis 1949), politische Denkerin
  • Hauptwerk: The God of the Machine (1943)
  • Romane (Auswahl): The Shadow Riders (1916), The Magpie’s Nest (1917), The Golden Vanity (1934), If It Prove Fair Weather (1940)
  • In einem Satz: Sie beschrieb die freie Gesellschaft als Kreislauf menschlicher Energie, den der Staat schützen, aber nicht lenken kann.

Von der Ranch in die Redaktion

Isabel Bowler kam auf einer Insel im Huronsee zur Welt, als eines von neun Kindern einer armen Farmerfamilie, die später nach Michigan, Utah und Alberta zog. Eine Schule besuchte sie kaum, gebildet hat sie sich selbst, mit der Bibel, mit Shakespeare, Dickens und Dumas. Mit etwa achtzehn verließ sie das Elternhaus und arbeitete als Kellnerin, Stenografin und Buchhalterin.

In Spokane wurde sie Sekretärin beim Verleger des Inland Herald und schrieb bald dessen Leitartikel, später Theaterkritiken in Vancouver. 1910 heiratete sie Kenneth Birrell Paterson; die Ehe zerbrach bald, den Namen behielt sie. 1912 flog sie als Passagierin mit, als der Pilot Harry Bingham Brown einen Höhenrekord aufstellte, und sie nannte das später die größte Erfahrung ihres Lebens. 1916 und 1917 erschienen ihre ersten Romane, The Shadow Riders und The Magpie’s Nest.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging sie nach New York. Anfang der 1920er Jahre überredete sie Burton Rascoe, den Literaturredakteur der New York Tribune, sie einzustellen, und von 1924 an schrieb sie in der Literaturbeilage der Herald Tribune die Kolumne „Turns With a Bookworm“, gezeichnet mit ihren Initialen I.M.P. Ein Vierteljahrhundert lang nahm sie Bücher zum Anlass, auch über Politik zu schreiben. Sie verteidigte den amerikanischen Individualismus und kritisierte erst die Eingriffe Herbert Hoovers, dann den New Deal Franklin D. Roosevelts. 1928 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin.

Die Gesellschaft als Stromkreis

The God of the Machine erschien im Mai 1943 bei Putnam in New York. Paterson wählte für ihre politische Philosophie ein Bild aus der Technik ihrer Zeit: Eine Gesellschaft funktioniert wie ein Stromkreis. „In der gesellschaftlichen Ordnung ist der Mensch in seiner produktiven Fähigkeit der Dynamo“, schreibt sie (Kapitel IX, S. 83, eigene Übersetzung). Die Regierung dagegen sei ein Endgerät, das Energie verbraucht, aber keine erzeugt.

Je weiter sich Arbeitsteilung, Handel, Geld und Kredit ausdehnen, desto länger wird der Kreislauf, den Paterson den „long circuit“ nennt. Schon der einsame Pelzjäger an der Siedlungsgrenze ist, wie sie an einem Beispiel zeigt (Kapitel XVI, S. 167), über den Handel mit Menschen verbunden, die er nie sehen wird. Damit ein solcher Kreis über Zeit und Entfernung hält, müssen Verträge eingehalten werden und Eigentum sicher sein. Privateigentum nennt Paterson den „Induktor“, der den Strom erst in Gang setzt (Kapitel VI, S. 62).

Aus diesem Bild folgt ihr Verständnis des Staates. Er ist nach ihren Worten „ein Beauftragter, kein Wesen aus eigenem Recht“ (Government is an agent, not an entity, S. 89) und nur insoweit nötig, wie Menschen ihre Vereinbarungen und die gleiche Freiheit der anderen nicht von sich aus achten. Paterson war deshalb keine Anarchistin. Ein eigenes Kapitel trägt die Überschrift „The Fallacy of Anarchism“: Selbstregierung bestehe darin, Versprechen zu halten, und eine Regierung werde eingesetzt, um freiwillig geschlossene Verträge durchzusetzen. Den amerikanischen Gründervätern rechnete sie an, dass sie nach der Form einer möglichst geringen Regierung gesucht hatten.

Einen Plan, der das Leben von oben ordnet, hielt sie für aussichtslos, weil die schöpferischen Kräfte, wie sie schreibt, nicht auf Befehl arbeiten (S. 89). Der Rezensent Marcus Witcher hat in Reason darauf hingewiesen, dass sie damit Gedanken von Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek vorwegnahm, die in Amerika damals noch kaum jemand kannte. Hayeks Der Weg zur Knechtschaft erschien erst im folgenden Jahr.

Status oder Vertrag

Paterson las die Geschichte als Wettstreit zweier Ordnungen. Das Begriffspaar übernahm sie von dem englischen Rechtshistoriker Henry Sumner Maine: In der Gesellschaft des Status hat jeder seinen festen Platz und gehorcht, in der Gesellschaft des Vertrags handeln freie Menschen miteinander. „In der Gesellschaft des Status hat niemand Rechte“, heißt es lapidar (S. 42). Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus waren für sie, wie Jim Powell zusammenfasst, Spielarten desselben Kollektivismus.

Bemerkenswert klar ist sie in der Frage der Sklaverei, die sie eine ungeheuerliche Verbindung von Status und Vertrag nennt (S. 67). Ein ganzes Kapitel widmet sie ihr als dem „Fehler in der Struktur“ der amerikanischen Verfassung, die damit einen unauflösbaren Widerspruch enthalten habe (S. 135). Als „fatal“ bezeichnet sie im Buch zudem zwei Verfassungszusätze: den, der die Bundeseinkommensteuer erlaubte, und den, der die Wahl der Senatoren den Parlamenten der Einzelstaaten entzog.

Der Wohltäter mit der Guillotine

Das bekannteste Kapitel des Buches heißt „The Humanitarian with the Guillotine“. Es beginnt mit einem Satz, der oft zitiert wird: „Der größte Teil des Unheils in der Welt wird von guten Menschen angerichtet, und zwar nicht durch Zufall, Versehen oder Unterlassung“ (S. 235, eigene Übersetzung). Er sei die Folge ihres bewussten, lange beibehaltenen Handelns, das ihrer Überzeugung nach hohen Idealen dient.

Paterson richtet sich dabei ausdrücklich nicht gegen die Nächstenliebe. Die Wohltätigkeit der Kirchen und Orden würdigt sie, weil sie freiwillig ist und aus dem Überschuss der Produktion gegeben wird, denn ohne Produktion gäbe es nichts zu verteilen (S. 239). Ihr Einwand gilt dem Menschen, der das Helfen zu seinem Lebenszweck macht und dafür die Mittel anderer beansprucht. Wer so denke, brauche Bedürftige: Sein höchstes Gut verlange, „dass andere Mangel leiden“ (S. 241). Wer auf dieser Grundlage für andere festlegen will, was gut für sie ist, greift am Ende zum Zwang. „An diesem Punkt“, schreibt sie, „stellt der Menschenfreund die Guillotine auf.“

Schule, Wehrpflicht und Geld

Mit derselben Folgerichtigkeit wandte sich Paterson gegen staatliche Pflichtschulen. „Ein steuerfinanziertes Pflichtschulsystem ist das vollständige Modell des totalitären Staates“, heißt es im Kapitel über das Bildungswesen (S. 258). Der Satz zielt auf zwei Merkmale zugleich, die Steuerfinanzierung und den Zwang: Der Staat bestimmt, was Kinder lernen, und alle zahlen dafür, ob sie seine Schulen wollen oder nicht.

Ebenso entschieden lehnte sie die Wehrpflicht ab. Das Argument, sie sei gerecht, weil sie alle gleich treffe, würde nach ihren Worten auch die Folter rechtfertigen, wenn man sie nur gleichmäßig anwendete (S. 120). Dem Geld widmete sie ein Kapitel mit dem Titel „Why Real Money Is Indispensable“, warum echtes Geld unentbehrlich ist. Nach Jim Powell vertrat sie zudem die These, dass der New Deal die Weltwirtschaftskrise verlängert habe.

Mentorin einer Generation

Ende der 1930er Jahre sammelte Paterson einen Kreis jüngerer Autoren um sich, zu dem Ayn Rand gehörte. Rand saß bei ihr, wenn sie die Fahnen ihrer Kolumne Korrektur las, und Paterson vermittelte ihr Bücher und Kenntnisse zur amerikanischen Geschichte, zur Ökonomie und zur politischen Philosophie. Rands Nichte Mimi Sutton erinnerte sich an Paterson als „the guru and teacher“, als Guru und Lehrerin. Nach dem Erscheinen von The Fountainhead warb Paterson in mehreren Kolumnen für den Roman, und Rand lobte The God of the Machine in höchsten Tönen.

Auch der Journalist John Chamberlain fand mit ihrer Hilfe vom Sozialismus zu freiheitlichen Überzeugungen, und Paterson brachte ihn mit Leonard Read zusammen, dem Gründer der Foundation for Economic Education. In den 1940er Jahren schrieb sie sich mit dem jungen Russell Kirk, in den 1950ern mit William F. Buckley, und für dessen National Review schrieb sie eine Zeit lang selbst.

Paterson war eine streitbare Frau, und manche Freundschaft hielt das nicht aus. Mit Rose Wilder Lane brach sie 1946. Deren Gedanken von der Brüderlichkeit aller Menschen teilte sie nicht; „Stalin ist nicht mein Bruder“, hielt sie dagegen. Mit Rand überwarf sie sich 1948, und ein Dauerstreit zwischen beiden war die Religion. Paterson hielt einen Gottesbezug für nötig, um natürliche Rechte zu begründen, und schrieb, die christliche Idee sei für den Begriff der Freiheit notwendig gewesen (S. 70). Als die National Review später Rands Roman Atlas Shrugged verriss, widersprach Paterson der Besprechung.

1949 verlor sie ihre Kolumne bei der Herald Tribune, nach Powells Darstellung wegen ihrer politischen Ansichten. Sie lebte danach von einer kleinen Pension und von Ersparnissen, die sie in Immobilien angelegt hatte, und starb am 10. Januar 1961 in Montclair, New Jersey, im Haus von Muriel Hall.

Was Freiheitsfreunde von ihr lernen können

Patersons Bild vom Stromkreis lenkt den Blick auf eine Tatsache, die in politischen Debatten gern vergessen wird: Wohlstand entsteht dort, wo Menschen arbeiten, erfinden und tauschen, und jede Regel, die diesen Fluss unterbricht, hat Kosten, auch wenn man sie nicht sofort sieht. Der Staat kann den Kreis schützen, indem er Verträge und Eigentum sichert, aber er kann keine Energie hinzufügen, die nicht vorher jemand erzeugt hat.

Ihre Warnung vor dem Wohltäter mit der Guillotine richtet sich gegen eine Versuchung, die jede Zeit kennt. Hilfe bleibt bei ihr ausdrücklich eine Tugend, doch sie besteht auf der Frage, mit wessen Mitteln und mit welchem Recht geholfen wird. Wer diese Frage stellt, wird bei vielen gut gemeinten Programmen hellhörig, die über die Köpfe derer hinweg geplant werden, denen sie dienen sollen.

Schließlich zeigt ihr Leben, dass man für die Freiheit keine akademische Laufbahn braucht. Eine Frau, die als Kind kaum Unterricht hatte, las sich durch die Geschichte von Rom bis zur Gegenwart und schrieb ein Buch, das ernsthafte Denker bis heute herausfordert.

Eine vergessene Mutter

Dass Isabel Paterson weniger bekannt ist als Ayn Rand, liegt auch an ihrem Buch. The God of the Machine ist dicht, eigenwillig und voller technischer Bilder, und es verkaufte sich deutlich schlechter als The Fountainhead. Wer sich die Mühe macht, findet darin eine geschlossene Sicht auf Freiheit und Eigentum, entstanden in einer Zeit, in der fast alle auf Planung setzten. Das Mises Institute stellt das Buch heute frei zum Lesen bereit, und Stephen Cox hat ihr mit The Woman and the Dynamo eine gründliche Biografie gewidmet. Ihre größte Wirkung entfaltete sie vielleicht in den Gesprächen und Briefen, mit denen sie andere zum Nachdenken brachte, von Ayn Rand bis John Chamberlain.

Zum Weiterlesen

  • Isabel Paterson: The God of the Machine, G. P. Putnam’s Sons, New York 1943 (online beim Mises Institute)
  • Stephen Cox: The Woman and the Dynamo: Isabel Paterson and the Idea of America, Transaction Publishers, New Brunswick 2004
  • Timothy Sandefur: Freedom’s Furies: How Isabel Paterson, Rose Wilder Lane, and Ayn Rand Found Liberty in an Age of Darkness, Cato Institute, Washington 2022

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Paterson, Isabel: The God of the Machine, G. P. Putnam’s Sons, New York 1943; Faksimile beim Ludwig von Mises Institute, https://cdn.mises.org/God%20of%20the%20Machine_2.pdf (Katalog: https://mises.org/library/god-machine). Zitiert wurden u. a. Kap. VI (S. 62), VIII (S. 71 f.), IX (S. 83, 89), XII (S. 120, Fußnote), XIII (S. 135), XV (S. 157 ff.), XX (S. 235–241), XXI (S. 258).
  • Paterson, Isabel: Kolumne „Turns With a Bookworm“, New York Herald Tribune, Literaturbeilage Books, 1924–1949.
  • Isabel M. Paterson Papers, Herbert Hoover Presidential Library, West Branch (Iowa), Findbuch: https://hoover.archives.gov/research/manuscript-collections/paterson
  • Cox, Stephen: The Woman and the Dynamo: Isabel Paterson and the Idea of America, Transaction Publishers, New Brunswick 2004 (über die Rezension von French und Wikipedia ausgewertet).
  • French, Douglas E.: „Isabel Paterson’s Place in History“, Mises Daily, 20. Juni 2011, https://mises.org/library/isabel-patersons-place-history
  • Powell, Jim: „Rose Wilder Lane, Isabel Paterson, and Ayn Rand: Three Women Who Inspired the Modern Libertarian Movement“, Foundation for Economic Education, 1. Mai 1996, https://fee.org/articles/rose-wilder-lane-isabel-paterson-and-ayn-rand-three-women-who-inspired-the-modern-libertarian-movement
  • Witcher, Marcus: „The Founding Mothers of Libertarianism“ (Rezension von Timothy Sandefur, Freedom’s Furies), Reason, 11. Februar 2023, https://reason.com/2023/02/11/the-founding-mothers-of-libertarianism/
  • Sandefur, Timothy: Freedom’s Furies: How Isabel Paterson, Rose Wilder Lane, and Ayn Rand Found Liberty in an Age of Darkness, Cato Institute, Washington 2022, https://www.cato.org/books/freedoms-furies
  • Acton Institute: „Isabel Paterson (1886–1961)“, Religion & Liberty 25/2, 2015, https://acton.org/isabel-paterson-1886-1961
  • Wikipedia (en): Isabel Paterson, https://en.wikipedia.org/wiki/Isabel_Paterson (nur Einstieg)

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