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Giotto di Bondone: Der Maler, der den Menschen entdeckte

Giotto di Bondone

Ein Hirtenjunge hütet im Mugello, dem Hügelland nördlich von Florenz, die Schafe seines Vaters und zeichnet eines der Tiere auf eine glatte Steinplatte. Der Maler Cimabue kommt des Weges, staunt über das Bild und erbittet sich den Knaben vom armen Vater als Lehrling. So beginnt seit Jahrhunderten die Lebensgeschichte Giottos, und mit großer Wahrscheinlichkeit ist sie erfunden.

Sie steht zuerst in den Commentarii des Bildhauers Lorenzo Ghiberti, abgeschlossen um 1447/48 und damit mehr als hundert Jahre nach Giottos Tod, und Giorgio Vasari machte sie 1550 in seinen Künstlerviten berühmt. Die Kunsthistoriker Michael Viktor Schwarz und Pia Theis, die alle bekannten Urkunden zu Giottos Leben gesammelt und ediert haben, halten sie für eine Legende, nachgebildet einer älteren Wunderkind-Erzählung über einen anderen Maler. Auch dass Cimabue sein Lehrer war, ist nirgends belegt. Die Urkunden erzählen eine nüchternere Geschichte, die für eine Geschichte der Freiheit ergiebiger ist: Sie handelt von einem Handwerkersohn, der durch Können berühmt wurde, für Bankiers, Könige und seine Vaterstadt arbeitete und nebenher ein Haus und einen Webstuhl vermietete, Land kaufte und säumige Pächter verklagte. Ein politisches Programm enthalten seine Fresken nicht, wohl aber zeigt sein Leben, was in einer Bürgerstadt um 1300 möglich war, in der Handwerker und Kaufleute über ihre Zünfte mitregierten.

Steckbrief

  • Lebensdaten: um 1267 (unsicher) bis 8. Januar 1337 in Florenz
  • Wirken: Maler, Mosaizist und Baumeister in Florenz, Rom, Assisi, Padua, Neapel und Mailand; 1330 Familiare König Roberts von Neapel, 1334 leitender Baumeister von Dom und Stadtbefestigung in Florenz
  • Hauptwerke: Fresken der Arena-Kapelle in Padua (geweiht 1305), Navicella-Mosaik und Stefaneschi-Altar für Alt-St. Peter, Tafelkreuz von Santa Maria Novella, Ognissanti-Madonna, Bardi- und Peruzzi-Kapelle in Santa Croce, Campanile in Florenz (begonnen 1334)
  • In einem Satz: Er erzählte die heiligen Geschichten als Begebenheiten zwischen Menschen und brachte es als Sohn eines Schmieds zum gefeierten Bürger seiner Stadt.

Ein Schmiedesohn aus Santa Maria Novella

Nach den Urkunden war Giotto der Sohn des Schmieds Bondone, der spätestens 1295 in der Pfarrei von Santa Maria Novella in Florenz wohnte; sein Bruder Martino war ebenfalls Schmied und 1297 Amtsträger seiner Zunft. Die Schmiede gehörten zu den mittleren Zünften, die seit 1282 an der Regierung der Stadt beteiligt waren. Giotto stammte also nicht aus einem armen Bauernhaus, sondern aus einer städtischen Handwerkerfamilie, die in ihrer Zunft verankert war. Sein Geburtsjahr ist unsicher, eine gereimte Chronik aus dem späteren 14. Jahrhundert legt etwa 1267 nahe. Mit dem Mugello ist er erst ab 1315 sicher verbunden, und zwar als Grundbesitzer.

Ebenfalls Legende ist das berühmte „O“. Vasari erzählt, Giotto habe dem Boten eines Papstes als Probe seines Könnens nur einen freihändig gezogenen, vollkommenen Kreis mitgegeben. Die Anekdote ist vermutlich aus einer Redensart herausgesponnen, und den großen päpstlichen Auftrag, der darauf gefolgt sein soll, hat es so nachweislich nicht gegeben.

Berühmt schon zu Lebzeiten

Was Giotto tatsächlich galt, bezeugen Zeitgenossen. Der Chronist Riccobaldo von Ferrara zählte noch zu Lebzeiten des Malers seine Werke in Assisi, Rimini und Padua auf, und ein Florentiner Bürger nannte ihn 1312 in seinem Testament einen „egregium pictorem“, einen hervorragenden Maler. Dante lässt im elften Gesang des Purgatorio, entstanden in den 1310er-Jahren, einen Buchmaler sagen: „Credette Cimabue ne la pittura / tener lo campo, e ora ha Giotto il grido“, Cimabue glaubte das Feld der Malerei zu behaupten, und jetzt hat Giotto den Ruf. Die Stelle handelt von der Vergänglichkeit irdischen Ruhms und zeigt eben dadurch, wofür Giottos Name schon damals stand.

Welche Werke diesen Ruhm begründeten, ist teils umstritten. Gesichert sind etwa das Navicella-Mosaik und der Altar, die Kardinal Jacopo Stefaneschi für die alte Peterskirche bestellte. Dass Giotto in Assisi arbeitete, belegt eine Urkunde aus der Zeit vor 1309, doch ob der berühmte Franziskuszyklus in der Oberkirche von ihm stammt, ist offen. Seit Friedrich Rintelen 1912 Zweifel anmeldete, bestreiten viele Forscher vor allem außerhalb Italiens Giottos Urheberschaft, während die italienische Kunstgeschichte sie überwiegend verteidigt.

Ein Bankier, eine Kapelle und ein blauer Himmel

Die Arena-Kapelle in Padua ließ ein Privatmann bauen. Enrico Scrovegni, ein reicher Kaufmann und Bankier, kaufte im Februar 1300 das Gelände des antiken Amphitheaters und errichtete dort ein Familienoratorium mit Grablege, das am 25. März 1305 geweiht wurde. In Enricos Vater Reginaldo haben Dantes Kommentatoren jenen Paduaner Wucherer erkannt, dessen Geldbeutel im siebzehnten Gesang des Inferno eine blaue Sau ziert, das Wappentier der Familie. Ob der Sohn die Kapelle auch zur Sühne für das Geschäft des Vaters stiftete, wie oft zu lesen ist, oder vor allem seinen Rang in der Stadt zeigen wollte, bleibt eine Deutung, über die die Forschung streitet.

Giotto bedeckte die Wände mit dem Leben Marias und Christi in übereinanderlaufenden Bildfeldern, darüber ein tiefblaues Gewölbe mit goldenen Sternen, an der Eingangswand das Jüngste Gericht. Die Figuren haben Körpergewicht, wenden sich einander zu, und ihre Gesichter sprechen. In der Beweinung Christi beugen sich Trauernde über den Toten, zwei Gestalten sitzen mit dem Rücken zum Betrachter im Vordergrund, und in der Luft klagen Engel mit verzerrten Gesichtern. Viele haben darin einen neuen Blick auf den einzelnen Menschen gesehen, der Schmerz, Zweifel und Zärtlichkeit kennt; das ist eine Deutung aus späterer Sicht. Näher an Giottos eigener Aufgabe liegt es, in ihm einen Erzähler zu sehen, der die heiligen Geschichten eindringlich machte, indem er seinen Figuren Würde und ein Innenleben gab.

Bemerkenswert ist auch, wer bezahlte. Neben Kirchen, Orden und Fürsten arbeitete Giotto für Bürger: für Scrovegni in Padua, in Florenz für die Bankiers- und Handelsfamilien Bardi und Peruzzi, deren Kapellen in Santa Croce er ausmalte, und für die Laienbruderschaft von Santa Maria Novella, die als Stifterin seines großen Tafelkreuzes in Frage kommt.

Der Maler als Geschäftsmann

Giotto führte eine Werkstatt mit Gehilfen, darunter auf Dauer der Maler Taddeo Gaddi. Daneben legte er sein Geld an. 1301 besaß er ein Haus in Florenz, das er 1305 vermietete. 1311 bürgte er mit vier anderen Männern für eine Schuld von 500 Goldgulden, die sie übernahmen und selbst eintrieben. Dass von Zinsen nirgends die Rede ist, erklären Schwarz und Theis mit dem kirchlichen Zinsverbot, denn solche Absprachen schrieb man nicht auf. Ab 1315 erwarb Giotto Grundstücke im Mugello, verpachtete sie, stritt mit einem Notar um vier Parzellen und verklagte einen Pächter, der seine Abgaben schuldig blieb.

Die bekannteste Urkunde stammt vom 4. September 1312. Giotto vermietete einem Heimweber namens Bartolus Rinuccii für sechs Monate einen französischen Webstuhl im Wert von zehn Lire, gegen zwanzig Soldi im Monat. Der Historiker Robert Davidsohn errechnete daraus einen Jahresertrag von 120 Prozent des eingesetzten Kapitals. Schwarz und Theis geben zu bedenken, dass dies der früheste bekannte Beleg für die französische Webtechnik ist, mit der Florenz damals sein Tuch verbesserte, und dass die Idee vielleicht gut genug war, um auch dem Weber etwas einzubringen. Ein hoher Preis bleibt es gleichwohl.

Wirklich reich wurde Giotto mit solchen Geschäften nicht. Die Mitgift seiner Tochter Chiara lag 1326 kaum über der, die einst die Frau seines Bruders in die Schmiedsfamilie eingebracht hatte. Schwarz und Theis nennen ihn einen Kapitalisten „von kleinem bis mittlerem Zuschnitt“. Gesellschaftlich stieg er dennoch deutlich auf. Um 1315 traten die Florentiner Maler der Zunft der Ärzte und Apotheker bei, einer der sieben großen Zünfte, der auch Dante angehörte, und als diese 1320 eine neue Mitgliederliste anlegte, stand Giotto an der Spitze der Maler.

Ein Lied gegen das Lob der Armut

Unter Giottos Namen ist ein Gedicht überliefert, das selten gelesen wird. Es beginnt mit dem Vers „Molti son que‘ lodan povertate“, viele sind es, die die Armut loben, und widerspricht ihnen. Unfreiwillige Armut, heißt es, führe auf den Weg der Sünde, mache Richter ungerecht und bringe Gewalt, Diebstahl und Lüge hervor; „mancando roba par che manchi senno“, wo der Besitz fehlt, scheint auch der Verstand zu fehlen. Auch die freiwillig gewählte Armut verdiene nicht den Namen einer Tugend, und wo Christus die Armut lobe, wolle sein Wort sorgfältig ausgelegt werden. Die eifrigsten Prediger der Armut beschreibt das Lied als Heuchler, Wölfe, die sich als Lämmer ausgeben.

Ob Giotto der Verfasser ist, wird bezweifelt. Schwarz und Theis halten ihn dafür und datieren das Gedicht in die Zeit nach 1323, als Papst Johannes XXII. die radikalen Armutsforderungen eines Teils der Franziskaner verwarf. Sie lesen darin den Gedanken, dass maßvoller Besitz dem Menschen Freiheit der Entscheidung gibt. Es wäre das Bekenntnis eines Mannes, der Häuser und Felder besaß und sich dessen nicht schämte, obwohl er zwei seiner Kinder Francesco und Chiara nannte.

Die Stadt holt ihren Maler heim

1328 holte König Robert von Anjou Giotto nach Neapel. Dort leitete er die Ausmalung zweier Kapellen im Castel Nuovo, von denen fast nichts erhalten ist, wurde 1330 als Familiare in den königlichen Haushalt aufgenommen und erhielt 1332 eine lebenslange Pension.

Bald danach wollte ihn die Vaterstadt zurück. Am 12. April 1334 fassten die Zunftprioren von Florenz, der Gonfaloniere der Gerechtigkeit und der Zwölferrat einen Beschluss, der sich streckenweise wie eine Werbung liest. Die Bauten der Kommune sollten ehrenvoll vorangehen, und das gelinge nur, wenn ein erfahrener und berühmter Mann sie leite. Auf der ganzen Welt, so sage man, finde sich niemand, der dazu besser imstande sei als „magistro Giotto Bondonis de Florentia pittore“, und man müsse ihn in seiner Vaterstadt als großen Meister empfangen. Giotto wurde leitender Baumeister des Doms und der Stadtmauern. Am 18. Juli 1334 wurde der Grundstein des Campanile gelegt, den er entworfen hatte; vollendet wurde der Turm erst 1359 von seinen Nachfolgern, nicht ganz nach seinem Plan.

Im Auftrag der Kommune reiste Giotto noch zu Azzone Visconti, dem Herrn von Mailand. Er starb am 8. Januar 1337. Der Chronist Giovanni Villani, für den er der größte Meister der Malerei seiner Zeit war, berichtet, die Kommune habe ihn mit großer Ehre in Santa Reparata begraben, dem Vorgängerbau des heutigen Doms.

Was die Urkunden und die Bilder erzählen

Giotto zum Vorkämpfer individueller Rechte zu machen, wäre ein Anachronismus. Auch die „Entdeckung der Welt und des Menschen“, mit der Jacob Burckhardt 1860 die Renaissance beschrieb und die man gern auf Giotto zurückprojiziert, ist ein Blick aus dem 19. Jahrhundert. Was sein Leben zeigt, ist bescheidener und gerade deshalb glaubwürdig. Ein Schmiedesohn kam durch Können zu Ansehen, Kaufleute und Bankiers bezahlten große Kunst, und eine Regierung aus Zunftvertretern umwarb einen Maler, weil er ihrer Stadt Ehre brachte. Er selbst war Künstler und Unternehmer zugleich und bewegte sich in einer Welt des Austauschs mit ihren Härten, vom hohen Mietpreis bis zur Klage gegen den säumigen Pächter.

Seine Bilder fügen dem etwas hinzu, das in keiner Urkunde steht. Die beiden Trauernden, die in der Beweinung mit dem Rücken zum Betrachter am Boden sitzen, zeigen kein Gesicht, und doch lenken gerade sie den Blick auf den Toten, so als säße man selbst mit ihnen dort. Wer heute unter dem blauen Gewölbe in Padua steht, muss vom theologischen Programm der Kapelle wenig wissen, um zu sehen, dass hier jede Figur auf ihre eigene Weise trauert, staunt oder zweifelt. Bezahlt hat diese Bilder der Sohn jenes Paduaners, den Dantes Kommentatoren unter den Wucherern der Hölle wiedererkannten.

Zum Weiterlesen

  • Michael Viktor Schwarz, Pia Theis: Giottus Pictor. Band 1: Giottos Leben. Mit einer Sammlung der Urkunden und Texte bis Vasari, Böhlau, Wien 2004 (frei zugänglich über den FWF)
  • Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Purgatorio, Gesang XI
  • Max Imdahl: Giotto. Arenafresken. Ikonographie, Ikonologie, Ikonik, Fink, München 1980

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Urkunden zu Giottos Leben (Notariatsprotokolle, Neapler Kanzleiregister, Ratsbeschluss vom 12. April 1334, Webstuhlvertrag vom 4. September 1312), ediert in: Schwarz/Theis, Giottus Pictor, Bd. 1 (siehe unten), Quellensammlung I a–I f.
  • Giotto (zugeschrieben): Chancon giotti pintori de florentia („Molti son que‘ lodan povertate“), Text in Schwarz/Theis, Bd. 1, Quelle I f 1.
  • Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio XI, 94–96; Inferno XVII, 64–75, Text: https://it.wikisource.org/wiki/Divina_Commedia
  • Giovanni Villani: Nuova Cronica (Grundsteinlegung des Campanile, Giottos Tod und Begräbnis), nach Schwarz/Theis, Quelle II a 1.
  • Giovanni Boccaccio: Decameron, VI, 5.
  • Cennino Cennini: Il libro dell’arte, Kap. 1.
  • Lorenzo Ghiberti: I Commentarii, Buch II (um 1447/48).
  • Giorgio Vasari: Le vite de‘ più eccellenti pittori, scultori e architettori, Florenz 1550 und 1568, Vita des Giotto.
  • Schwarz, Michael Viktor; Theis, Pia: Giottus Pictor. Band 1: Giottos Leben. Mit einer Sammlung der Urkunden und Texte bis Vasari, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2004, Open Access: https://e-book.fwf.ac.at/o:148 (englisch: Giotto the Painter. Volume 1: Life, Böhlau 2023)
  • Boskovits, Miklós: Giotto di Bondone, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 55, Rom 2001, https://www.treccani.it/enciclopedia/giotto-di-bondone_(Dizionario-Biografico)/
  • Davidsohn, Robert: Geschichte von Florenz, Bd. I–IV, Berlin 1896–1927, hier Bd. IV, 2, S. 94 f. (Webstuhlvertrag, nach Schwarz/Theis)
  • Imdahl, Max: Giotto. Arenafresken. Ikonographie, Ikonologie, Ikonik, Fink, München 1980
  • Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien, Basel 1860
  • Wikipedia (en): Giotto, https://en.wikipedia.org/wiki/Giotto (Forschungsüberblick Assisi, nur Einstieg)
  • Wikipedia (en): Scrovegni Chapel, https://en.wikipedia.org/wiki/Scrovegni_Chapel (Bau- und Weihedaten, Forschungsstand zur Stiftung, nur Einstieg)
  • Italy Heritage: Cappella degli Scrovegni, https://www.italyheritage.com/learn-italian/movies/giotto-cappella-scrovegni.htm (Sühne-These und Gegenposition)
  • Rossetti, Dante Gabriel (Übers.): Giotto, Canzone „Of the Doctrine of Voluntary Poverty“, in: The Early Italian Poets, London 1861, S. 431–433, https://rossettiarchive.iath.virginia.edu/docs/1-1861.rad.html

Beitragsbild: Giotto di Bondone (KI-Illustration, freie Darstellung)

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