Im Jahr 1948 durchsuchte ein junger Ökonom an der University of Chicago die Bestände der Bibliothek. In den staubigen Regalen der alten Harper Library stieß er auf eine deutschsprachige Schrift, die in Amerika kaum jemand kannte und die nie übersetzt worden war: die Finanztheoretischen Untersuchungen des Schweden Knut Wicksell aus dem Jahr 1896. Wicksell verlangte darin, dass jede Steuer zusammen mit der Ausgabe beschlossen werde, die sie finanzieren soll, und dass ein solcher Beschluss die Zustimmung nahezu aller brauche. Nur dann könne niemand auf Kosten anderer bedient werden.
Der junge Mann hieß James McGill Buchanan, und er nannte diesen Fund später einen der aufregendsten Momente seiner Laufbahn. Wicksells Grundsatz einer gerechten Besteuerung habe ihm, so sagte er in seiner Nobelvorlesung, einen gewaltigen Schub an Selbstvertrauen gegeben. Er begann sofort, den Text ins Englische zu übertragen, und machte aus Wicksells Anregung in den folgenden Jahrzehnten ein eigenes Forschungsprogramm. Die Schwedische Akademie zeichnete ihn dafür 1986 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften aus.
Steckbrief
- Lebensdaten: 3. Oktober 1919 in Murfreesboro, Tennessee, bis 9. Januar 2013 in Blacksburg, Virginia
- Wirken: Professor an der University of Virginia, am Virginia Polytechnic Institute und an der George Mason University; Mitbegründer der Public-Choice-Theorie; Präsident der Mont Pèlerin Society 1984 bis 1986
- Auszeichnung: Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 1986
- Hauptwerke: The Calculus of Consent (1962, mit Gordon Tullock), The Limits of Liberty (1975, deutsch Die Grenzen der Freiheit, 1984), Democracy in Deficit (1977, mit Richard E. Wagner), The Power to Tax (1980, mit Geoffrey Brennan)
- In einem Satz: Er bestand darauf, dass Politiker und Beamte Menschen mit eigenen Interessen sind, und suchte deshalb nach Regeln, die Macht begrenzen.
Vom Farmhaus in die Hörsäle von Chicago
Buchanan wuchs als ältestes von drei Kindern auf einer Farm in Tennessee auf. Die Familie lebte in dem, was er später eine vornehme Armut nannte, ohne fließendes Wasser und ohne Strom, aber mit der Bibliothek seines Großvaters John Price Buchanan, der von 1891 bis 1893 Gouverneur von Tennessee gewesen war und seine Kandidatur der Bauernbewegung der Farmers‘ Alliance verdankte. Der Enkel studierte am Lehrerkolleg in Murfreesboro und an der University of Tennessee. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Marineoffizier im Planungsstab von Admiral Chester W. Nimitz in Honolulu.
Nach dem Krieg ging er mit Hilfe der Studienförderung für Veteranen nach Chicago. Er kam dort, wie der Ökonom David R. Henderson schreibt, als libertärer Sozialist an. Sechs Wochen bei Frank Knight genügten, und er war, wie er in seinen Erinnerungen schrieb, ein eifriger Anhänger der Marktordnung geworden. 1948 schloss er seine Dissertation über Steuergerechtigkeit in einem Bundesstaat ab. Fotos von Knight und Wicksell hingen fortan in seinem Büro.
Nach Stationen in Tennessee und Florida kam Buchanan 1956 an die University of Virginia. Gemeinsam mit G. Warren Nutter regte er dort ein Zentrum für politische Ökonomie an, das im folgenden Jahr als Thomas Jefferson Center gegründet wurde. 1969 baute er mit Gordon Tullock und Charles Goetz am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg das Center for Study of Public Choice auf, das 1983 geschlossen an die George Mason University bei Washington wechselte. Mit Tullock gründete er auch die Zeitschrift, die heute Public Choice heißt. Den Namen der Denkrichtung, Virginia School, prägte nach Buchanans Erinnerung der Ökonom Mancur Olson.
Dieselben Menschen auf einer anderen Bühne
Die Ökonomen seiner Zeit hatten eine ausgefeilte Theorie darüber, wie Käufer und Unternehmer entscheiden. Wenn es um den Staat ging, nahmen viele von ihnen dagegen stillschweigend an, die Behörden würden Marktversagen gewissermaßen mechanisch beheben und dabei allein das Gemeinwohl im Blick haben. Das Nobelkomitee fasste Buchanans Einwand 1986 in einem Satz zusammen: Wer sich auf Märkten eigennützig verhalte, werde sich in der Politik kaum völlig selbstlos verhalten.
In einem Vortrag in Wien brachte Buchanan diese Haltung 1978 auf die Formel, die seither für die ganze Denkrichtung steht: Politik ohne Romantik. Wähler, Abgeordnete und Beamte sind dieselben Menschen, die morgens beim Bäcker ihren Vorteil suchen. Parteien werben um möglichst viele Stimmen, Behörden um größere Budgets, und wer das berücksichtigt, wundert sich weniger darüber, dass staatliche Programme selten kleiner werden.
Sein Kollege Gordon Tullock schärfte diesen Blick 1967 mit einem Aufsatz über die Wohlfahrtsverluste durch Zölle, Monopole und Diebstahl. Die Ökonomin Anne Krueger gab dem Phänomen 1974 den Namen Rent-Seeking. Gemeint ist der Aufwand, den Unternehmen und Verbände treiben, um vom Staat Privilegien, Lizenzen oder Subventionen zu erhalten. Dieser Aufwand schafft nichts Neues, er dient nur der Verteilung, und so ist der Schaden für alle größer als die Summe, die am Ende von einer Gruppe zur anderen wandert. Buchanan gab 1980 gemeinsam mit Tullock und Robert Tollison einen Band heraus, der diese Forschung bündelte.
Politik als Tausch
Buchanan wollte Politik allerdings nicht nur entzaubern. Sein eigentliches Anliegen war eine Vorstellung davon, wie sie gelingen kann. In seiner Nobelvorlesung nannte er drei Bausteine seines Ansatzes: Ausgangspunkt ist der einzelne Mensch, dieser Mensch verfolgt eigene Ziele, und Politik ist ein Tausch zwischen solchen Menschen. Wie auf dem Markt sollen sich die Beteiligten durch Zusammenarbeit besserstellen, und der Maßstab dafür ist ihre Zustimmung.
Daraus folgt Wicksells Einstimmigkeit, die Buchanan und Tullock 1962 in The Calculus of Consent weiterdachten. Völlige Einstimmigkeit ist im Alltag nicht durchzuhalten, weil jede Einigung Zeit und Verhandlung kostet. Diese Entscheidungskosten muss man gegen die Kosten abwägen, die ein Einzelner trägt, wenn eine Mehrheit über ihn hinweg beschließt. Je größer die Gefahr, dass eine Mehrheit eine Minderheit belastet, desto höher sollte nach dieser Überlegung die erforderliche Zustimmung liegen.
Besonders folgenreich war die Unterscheidung zweier Ebenen. Auf der einen werden die Regeln gewählt, auf der anderen wird innerhalb dieser Regeln entschieden, so wie man zuerst die Spielregeln festlegt und danach spielt. Wer bessere Ergebnisse will, sollte sich nach Buchanan vor allem um die erste Ebene kümmern. Die Akademie nannte in ihrer Begründung ein anschauliches Beispiel: Wer einzelne Zölle korrigieren möchte, richtet mehr aus, wenn er bei den Grundregeln des Welthandels ansetzt. Wicksells Botschaft, so fasste Buchanan sie in Stockholm sinngemäß zusammen, lautete, Ökonomen sollten aufhören, Ratschläge zu erteilen, als stünden sie im Dienst eines wohlwollenden Despoten, und stattdessen auf die Ordnung achten, in der politische Entscheidungen fallen.
Eine Verfassung für die Staatskasse
Besonders deutlich wurde dieser Ansatz in der Finanzpolitik. In Democracy in Deficit argumentierten Buchanan und Richard E. Wagner 1977, wie die keynesianische Lehre eine ungeschriebene Regel auflöste, die lange gegolten hatte: dass ein Staat wie ein ordentlicher Haushalt nicht dauerhaft mehr ausgibt, als er einnimmt. Ist diese Regel einmal gefallen, haben Politiker allen Grund, heute Wohltaten zu verteilen und die Rechnung späteren Steuerzahlern zu überlassen. Disziplin lasse sich dann nur durch förmliche Grenzen in der Verfassung zurückgewinnen, und Buchanan setzte sich lange für einen Verfassungszusatz ein, der ausgeglichene Haushalte vorschreibt.
In The Power to Tax gingen er und Geoffrey Brennan 1980 einen Schritt weiter. Sie beschrieben den Staat als Leviathan, der seine Einnahmen ausdehnt, soweit man ihn lässt, und fragten, wie eine Finanzverfassung aussehen müsste, die seine Steuergewalt von vornherein begrenzt. Wer an die Schuldenbremse denkt, die 2009 ins deutsche Grundgesetz aufgenommen wurde, erkennt den Grundgedanken wieder, auch wenn sie nicht unmittelbar auf Buchanan zurückgeht.
Zwischen Anarchie und Leviathan
In The Limits of Liberty von 1975, auf Deutsch 1984 als Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan erschienen, stellte Buchanan die grundsätzliche Frage, wie aus einem Zustand ohne Regeln eine Ordnung mit durchsetzbaren Rechten entstehen kann. Er beginnt bei einer Welt, wie Thomas Hobbes sie beschrieb, und rekonstruiert Rechte und Staat als Ergebnis eines Vertrags. Die ideale Gesellschaft war für ihn sinngemäß eine Anarchie, in der niemand einen anderen zwingt. Für Menschen, wie sie wirklich sind, hielt er einen Staat dennoch für nötig, und ein großer Teil seiner Arbeit galt der Frage, wie man ihn so bindet, dass er schützt, ohne zu beherrschen. Ob er der Anarchie näherstand, als er zugab, oder sie nur als Gedankenexperiment nutzte, darüber streiten seine Interpreten bis heute.
Auch in anderen Fragen folgte er keinem fertigen Programm. Ein gewisses Maß an Chancengleichheit gehörte für ihn zu einer freien Gesellschaft, und aus diesem Grund befürwortete er eine Besteuerung von Erbschaften, was ihm unter Libertären Widerspruch eintrug, etwa von Walter Block. In seinen späten Jahren beschäftigte ihn eine andere Sorge. In dem Aufsatz „Afraid to Be Free“ beschrieb er 2005, wie viele Menschen die Abhängigkeit vom Staat suchen, weil ihnen die Verantwortung der Freiheit Angst macht.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre ist eine Frage, die man jedem Ruf nach dem Staat entgegenhalten kann. Wer auf ein Versagen des Marktes verweist, muss zeigen, dass die Politik es besser macht, und zwar mit den Menschen und Anreizen, die es dort tatsächlich gibt. Seit Buchanan gehört neben dem Marktversagen auch das Staatsversagen zum Grundvokabular der Ökonomie.
Ebenso wertvoll ist sein Vertrauen in Regeln. Gute Absichten der Regierenden sind kein verlässlicher Schutz, eine Verfassung, die Schulden und Steuern begrenzt, dagegen schon. Wer Freiheit sichern will, sollte deshalb weniger Kraft darauf verwenden, die richtigen Leute an die Macht zu bringen, und mehr darauf, die Macht selbst zu begrenzen.
Schließlich stellte Buchanan die Zustimmung des Einzelnen in den Mittelpunkt. Wicksells Gedanke, dass eine Steuer nur gerechtfertigt ist, wenn die Betroffenen ihr zustimmen könnten, ist ein stiller, aber radikaler Maßstab, weil er den Staat verpflichtet, sich vor jedem Bürger zu rechtfertigen.
Regeln statt Retter
James M. Buchanan starb im Januar 2013 im Alter von 93 Jahren. Er hinterließ ein Werk, das in zwanzig Bänden gesammelt vorliegt, und eine Denkschule, die Politik so behandelt, wie Ökonomen den Markt behandeln: ohne Heiligenschein und ohne Verachtung. Sein Ansatz verlangt keine besseren Menschen, wohl aber bessere Regeln, und darin liegt eine nüchterne Zuversicht. Wenn Sie das nächste Mal hören, dass ein Problem nur noch durch den Staat gelöst werden könne, lohnt sich seine Gegenfrage: Nach welchen Regeln entscheiden die Menschen, denen wir diese Lösung anvertrauen?
Zum Weiterlesen
- James M. Buchanan und Gordon Tullock: The Calculus of Consent. Logical Foundations of Constitutional Democracy, University of Michigan Press, Ann Arbor 1962
- James M. Buchanan: Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1984
- James M. Buchanan und Richard E. Wagner: Democracy in Deficit. The Political Legacy of Lord Keynes, Academic Press, New York 1977
- James M. Buchanan: „The Constitution of Economic Policy“, Nobelvorlesung vom 8. Dezember 1986, nobelprize.org
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Buchanan, James M.; Tullock, Gordon: The Calculus of Consent. Logical Foundations of Constitutional Democracy, University of Michigan Press, Ann Arbor 1962.
- Buchanan, James M.: Cost and Choice. An Inquiry in Economic Theory, Markham, Chicago 1969.
- Buchanan, James M.: The Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan, University of Chicago Press, Chicago 1975; deutsch: Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1984.
- Buchanan, James M.; Wagner, Richard E.: Democracy in Deficit. The Political Legacy of Lord Keynes, Academic Press, New York 1977.
- Brennan, Geoffrey; Buchanan, James M.: The Power to Tax. Analytical Foundations of a Fiscal Constitution, Cambridge University Press, Cambridge 1980.
- Buchanan, James M.; Tollison, Robert D.; Tullock, Gordon (Hrsg.): Toward a Theory of the Rent-Seeking Society, Texas A&M University Press, College Station 1980.
- Buchanan, James M.: „The Constitution of Economic Policy“, Nobelvorlesung, 8. Dezember 1986, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1986/buchanan/lecture/
- Buchanan, James M.: Better than Plowing and Other Personal Essays, University of Chicago Press, Chicago 1992.
- Buchanan, James M.: „Public Choice: Politics Without Romance“, in: Policy (Centre for Independent Studies), Frühjahr 2003.
- Buchanan, James M.: „Afraid to Be Free: Dependency as Desideratum“, in: Public Choice 124 (2005), S. 19–31.
- Tullock, Gordon: „The Welfare Costs of Tariffs, Monopolies, and Theft“, in: Western Economic Journal 5 (1967), Nr. 3.
- Krueger, Anne O.: „The Political Economy of the Rent-Seeking Society“, in: American Economic Review 64 (1974), Nr. 3.
- Wicksell, Knut: Finanztheoretische Untersuchungen nebst Darstellung und Kritik des Steuerwesens Schwedens, Gustav Fischer, Jena 1896.
- Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften: Pressemitteilung zum Wirtschaftsnobelpreis 1986, 16. Oktober 1986, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1986/press-release/
- Nobelprize.org: James M. Buchanan Jr., Biographical (Les Prix Nobel 1986), https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/1986/buchanan/biographical/
- Henderson, David R.: „James M. Buchanan“, in: The Concise Encyclopedia of Economics, Liberty Fund, https://www.econlib.org/library/Enc/bios/Buchanan.html
- Tennessee Encyclopedia: John Price Buchanan, https://tennesseeencyclopedia.net/entries/john-price-buchanan/
- Block, Walter: „James Buchanan on inheritance: a critique“, in: Journal of Entrepreneurship and Public Policy 1 (2012), Nr. 2, S. 159–165, https://ideas.repec.org/a/eme/jepppp/v1y2012i2p159-165.html
- Tabarrok, Alexander: „Equality and the Death Tax“, in: The Free Market, September 1997, https://mises.org/free-market/equality-and-death-tax
- Mohr Siebeck: Verlagsangaben zu Die Grenzen der Freiheit, https://www.mohrsiebeck.com/en/book/die-grenzen-der-freiheit-zwischen-anarchie-und-leviathan-9783161657795
- Bundesministerium der Finanzen: Die Schuldenbremse, https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Oeffentliche_Finanzen/Schuldenbremse/schuldenbremse.html
- Wikipedia (en): James M. Buchanan, https://en.wikipedia.org/wiki/James_M._Buchanan (Einstieg, Lebenslauf nach Better than Plowing)
Beitragsbild: James M. Buchanan (KI-Illustration)

