1891 erschien in Berlin ein schmales Buch, das sich als Tagebuch eines überzeugten Sozialdemokraten ausgab. Der Erzähler erlebt mit Begeisterung den Sieg seiner Partei, die das Privateigentum abschafft, Arbeitsplätze zuteilt und für alle gleich sorgen will. Bald wollen viele das Land verlassen, und die Regierung verbietet daraufhin jede Auswanderung ohne Erlaubnis der Behörden, und die Grenzposten erhalten Befehl, Flüchtende ohne Umstände zu erschießen.
Der Verfasser der Sozialdemokratischen Zukunftsbilder war kein Romancier. Eugen Richter führte die Linksliberalen im Reichstag, kannte den Staatshaushalt wie kaum ein anderer und nahm sich August Bebels Zukunftsentwürfe vor. Siebzig Jahre später, im August 1961, ließ ein sozialistischer deutscher Staat in Berlin eine Mauer bauen, deren Grenzsoldaten genau diesen Befehl befolgten. Der amerikanische Ökonom Bryan Caplan hat sein Vorwort zu einer Neuausgabe des Buches deshalb „The Writing on the Wall“ überschrieben, nach dem biblischen Bild von der Schrift an der Wand.
Steckbrief
- Lebensdaten: 30. Juli 1838 in Düsseldorf bis 10. März 1906 in Groß-Lichterfelde bei Berlin
- Wirken: Journalist und einer der ersten deutschen Berufspolitiker; Reichstag 1867 und von 1871 bis 1905, preußisches Abgeordnetenhaus 1869 bis 1905; Fraktionsvorsitzender ab 1875, ab 1893 Vorsitzender der Freisinnigen Volkspartei
- Herausgeber: Freisinnige Zeitung (1885 bis 1904)
- Hauptwerke: Politisches ABC-Buch (in vielen Auflagen bis 1903, zuerst als ABC-Buch für freisinnige Wähler), Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel (1891), Im alten Reichstag (1894/96)
- In einem Satz: Er verteidigte Freihandel, Selbsthilfe und das Budgetrecht des Parlaments gegen Bismarck und sah voraus, was aus einer Gesellschaft wird, in der der Staat alles besitzt.
Ein Bürgermeister, den Preußen nicht wollte
Richter war der Sohn eines preußischen Militärarztes, der zuletzt als Generalarzt in Koblenz diente. Nach dem Gymnasium in Koblenz studierte er ab 1856 Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, Heidelberg und Berlin, wo ihn Robert von Mohl und Karl Heinrich Rau prägten. Auf den Kongressen deutscher Volkswirte, dem Treffpunkt der Freihändler jener Jahre, lernte er Hermann Schulze-Delitzsch kennen, den Gründer der deutschen Genossenschaftsbewegung.
Als junger Verwaltungsbeamter eckte Richter bald an. Eine Schrift über die Freiheit des Schankgewerbes, die 1862 die Gängelung durch die Gewerbepolizei angriff, brachte ihm Ärger mit der Regierung ein. Dann wählte ihn die Stadt Neuwied zu ihrem Bürgermeister, doch die Behörden verweigerten die Bestätigung und wollten ihn nach Bromberg versetzen. Richter nahm 1864 seinen Abschied aus dem Staatsdienst, ging nach Berlin und lebte fortan als Journalist von der Feder, was ihn zu einem der ersten Berufspolitiker in Deutschland machte.
1867 zog er für die Deutsche Fortschrittspartei in den Konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes ein. Ab 1869 saß er im preußischen Abgeordnetenhaus, ab 1871 wieder im Reichstag, seit 1874 für den Wahlkreis Hagen-Schwelm, dem er bis zu seinem Mandatsverzicht 1904/05 treu blieb. 1875 übernahm er die Führung der Fraktion. Die Fortschrittspartei ging 1884 in der Deutschen Freisinnigen Partei auf, und als diese 1893 über die Heeresvorlage des Reichskanzlers Caprivi zerbrach, führte Richter die Freisinnige Volkspartei bis zu seinem Tod.
Selbsthilfe statt Staatsfürsorge
Am Anfang von Richters Denken stand die Genossenschaft. Schulze-Delitzsch setzte darauf, dass Handwerker und Arbeiter sich in Genossenschaften aus eigener Kraft helfen. Richter schrieb 1862 über die wirtschaftlichen Bestrebungen seines Vorbilds, verfasste eine Schrift über die Konsumvereine und arbeitete selbst in dieser Bewegung mit. Die Deutsche Biographie spricht von einem „genossenschaftlichen Liberalismus“, und der Begriff trifft die Sache: Freiheit hieß für Richter auch, sich freiwillig mit anderen zusammenzutun, statt auf Zuweisungen von oben zu warten.
Den Gegenentwurf formulierte zur selben Zeit Ferdinand Lassalle, der 1862 im Arbeiterprogramm den liberalen Rechtsstaat als bloße „Nachtwächteridee“ verspottete und vom Staat weit mehr verlangte als den Schutz von Leib und Eigentum. Richter blieb zeitlebens auf der anderen Seite dieses Streits. Er lehnte staatliche Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft grundsätzlich ab, und in seinen Erinnerungen findet sich der Gedanke, dass es für die Fortschrittsliberalen keine besondere soziale Frage gebe, weil die soziale Frage die Summe aller Kulturfragen sei (so in Ralph Raicos Wiedergabe aus Im alten Reichstag).
Gegen Bismarcks Staatssozialismus
Diese Haltung wurde auf eine harte Probe gestellt, als Bismarck in den 1880er Jahren die Kranken-, die Unfall- sowie die Invaliditäts- und Altersversicherung einführte. Das Deutsche Historische Museum beschreibt den politischen Zweck offen: Die Arbeiter sollten in den monarchischen Staat eingebunden und der Arbeiterbewegung die Grundlage entzogen werden. Die Sozialpolitik war das Gegenstück zum Sozialistengesetz von 1878, mit dem Bismarck die Sozialdemokratie unterdrückte.
Richter stellte sich gegen beides. Gemeinsam mit Ludwig Bamberger führte er die Opposition gegen die Sozialversicherung an, beginnend mit der Unfallversicherungsvorlage von 1881, und er hielt an dieser Linie fest, als andere liberale Kritiker umschwenkten. Eines seiner Argumente war ein politisches: Staatliche Versorgung wecke wachsende Ansprüche an den Staat, die auf Dauer kein politisches System erfüllen könne (sinngemäß nach seinem Politischen ABC-Buch, in Ralph Raicos Übersetzung). Wer heute auf die Zuschüsse blickt, die jedes Jahr aus dem Bundeshaushalt in die Rentenversicherung fließen, wird diese Warnung nicht für weltfremd halten.
Ebenso lehnte er das Sozialistengesetz ab, obwohl er die Sozialdemokratie scharf bekämpfte. Nach einer zeitgenössischen englischen Darstellung sagte er, er fürchte die Sozialdemokratie unter diesem Gesetz mehr als ohne es. Ganz geradlinig verlief das allerdings nicht: Als das Gesetz 1884 verlängert wurde, stimmte seine Fraktion nicht geschlossen dagegen, und Raico urteilt, Richter habe hier ausnahmsweise eher als Taktiker gehandelt.
Der Pfennig des Steuerzahlers
Seine schärfste Waffe war die Zahl. Richter verstand sich als Wächter über den Pfennig des Steuerzahlers, und das parlamentarische Budgetrecht stand für ihn im Zentrum der Verfassung. Schon 1869 veröffentlichte er eine Studie über das preußische Staatsschuldenwesen. Max Weber, alles andere als ein Manchesterliberaler, schrieb später anerkennend, Richter sei wohl der letzte Abgeordnete gewesen, der mit dem Kriegsminister jeden ausgegebenen Pfennig bis hin zur letzten Kantine habe durchgehen können (so bei Raico zitiert).
Mit derselben Sorgfalt bekämpfte er die Schutzzollpolitik, die Bismarck ab 1879 durchsetzte. Die neuen Getreide- und Eisenzölle verteuerten Dinge des täglichen Bedarfs, und Richter warnte, eine solche Zollmauer sei der ideale Nährboden für neue Kartelle. In einer Rede gegen den Schutzzoll zog er einen Schluss, der viel über sein Denken verrät: Wirtschaftliche Freiheit habe ohne politische Freiheit keine Sicherheit, und politische Freiheit finde ihre Sicherheit nur in der wirtschaftlichen (sinngemäß nach Raicos Übersetzung).
Auch die Militär- und Weltmachtpläne des Kaiserreichs maß er an ihren Kosten. Er bekämpfte die Heeresvorlage von 1893, auch um den Preis der Parteispaltung, und stellte sich gegen die Flottengesetze ab 1898. Auf die Frage, was Weltpolitik eigentlich sei, antwortete er sinngemäß, das heiße, überall dabei sein zu wollen, wo etwas schiefgehe. In der Kolonialfrage rechnete er nüchtern: Koloniale Politik sei außerordentlich teuer, erklärte er im Juni 1884, und wenn schon Kolonien, dann nach dem Vorbild der englischen Freibriefe, bei denen private Gesellschaften das Risiko tragen und nicht der Steuerzahler.
Freiheit, die auch für Gegner gilt
Wie ernst Richter es mit der Gleichheit vor dem Gesetz meinte, zeigte sich 1880. Die sogenannte Antisemitenpetition richtete sich damals gegen die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland, und im November brachte die Fortschrittspartei die Frage vor das preußische Abgeordnetenhaus. Richter stellte die antisemitische Bewegung in ihren Zielen und Methoden neben die sozialistische und nannte ihre Anführer „unnational“. Die Antisemiten revanchierten sich, indem sie die Linksliberalen als „Judenschutztruppe“ beschimpften. Für das Verhältnis von Kirche und Staat verlangte er eine klare Trennung, einschließlich voller Freiheit für private Schulen, die ihm als letzte mögliche Zuflucht galten (so bei Raico).
Ein Tagebuch aus der Zukunft
Die Zukunftsbilder nahmen Bebels Die Frau und der Sozialismus beim Wort, worauf schon der Untertitel Frei nach Bebel hinweist. Richter brauchte dafür keine Theorie, er ließ einen gläubigen Anhänger erzählen und die Folgen für sich sprechen. Arbeitsplätze werden zugeteilt, und die Menschen brauchen Pässe, um sich im eigenen Land zu bewegen. Wer seine Ausbildung dem Staat verdankt, so heißt es im Buch, dürfe nicht auswandern. An anderer Stelle fragt das Buch, was die Versammlungsfreiheit nützt, wenn alle Versammlungsräume der Regierung gehören.
Bryan Caplan hat darauf hingewiesen, dass Richter diese Unterdrückung als Folge des Programms selbst beschrieb und nicht als Entgleisung schlechter Führer, und gerade das unterscheidet das Buch von bloßer Parteisatire. Ralph Raico zufolge wurde es in ein Dutzend Sprachen übersetzt und allein in Deutschland in mehr als einer Viertelmillion Exemplaren gedruckt. Die englische Ausgabe erschien 1893 in London mit einer Einleitung des britischen Liberalen Thomas Mackay. Was Richter erzählend vorwegnahm, begründete Ludwig von Mises 1920 in seinem Aufsatz über die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen und 1922 in der Gemeinwirtschaft theoretisch: Ohne Privateigentum an Produktionsmitteln gibt es für sie keine Marktpreise, und ohne solche Preise lässt sich nicht vernünftig rechnen.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Unteilbarkeit der Freiheit. Richter bekämpfte die Sozialdemokratie mit aller Schärfe und wollte sie trotzdem nicht verbieten lassen, und er verteidigte die jüdischen Bürger zu einer Zeit, als Antisemiten liberale Versammlungen störten und die Liberalen ihre Treffen eigens schützen lassen mussten, und in beiden Fällen verlangte er gleiche Rechte auch für Menschen, deren Ansichten er nicht teilte.
Die zweite Lehre gilt dem Sozialstaat. Richter erkannte früh, dass staatliche Versicherungen Ansprüche wecken, die immer weiter wachsen, und er hielt dieser Versorgung die Selbsthilfe der Genossenschaften entgegen. Die Rentenversicherung, die heute vielen als Selbstverständlichkeit gilt, wurde von einem Zeitgenossen mit Argumenten bekämpft, die man kennen sollte, bevor man über ihre Zukunft streitet.
Schließlich zeigt Richter, was ein einzelner Abgeordneter bewirken kann, der seine Hausaufgaben macht. Er war kein Theoretiker, aber er kannte die Haushaltszahlen so genau, dass selbst Max Weber davor den Hut zog, und er verband diese Genauigkeit mit dem Mut, eine Geschichte zu erzählen, die Menschen ohne Vorbildung verstehen konnten.
Recht behalten
Ralph Raico, der amerikanische Historiker des Liberalismus, nannte Richter den letzten echten liberalen Führer im Parlament einer Großmacht. Zu Lebzeiten verlor er die meisten großen Abstimmungen: Die Zölle kamen, die Sozialversicherung und die Flotte, und der Liberalismus in Deutschland schloss mehr und mehr Frieden mit dem Staat. Friedrich Naumann, der Vordenker eines staatsfreundlicheren Liberalismus, nannte ihn den „Reichskritikus“. In der Frage, wohin ein Staat führt, der alles besitzt und zuteilt, hat ihm das zwanzigste Jahrhundert jedoch recht gegeben. In Hagen erinnert seit 1911 der Eugen-Richter-Turm an ihn, und sein Grab in Hagen-Delstern ist seit 1983 ein Ehrengrab. Seine Zukunftsbilder aber sind das lebendigere Denkmal, weil sie eine Frage stellen, die sich in jeder Generation neu meldet: Wer bleibt frei, wenn der Staat für alles sorgt?
Zum Weiterlesen
- Eugen Richter: Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel, Verlag „Fortschritt“, Berlin 1891 (englisch: Pictures of the Socialistic Future, Swan Sonnenschein, London 1893)
- Eugen Richter: Im alten Reichstag. Erinnerungen, 2 Bände, Berlin 1894/1896
- Ralph Raico: Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Lucius & Lucius, Stuttgart 1999
- Ina Susanne Lorenz: Eugen Richter. Der entschiedene Liberalismus in wilhelminischer Zeit 1871 bis 1906, Matthiesen, Husum 1981
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Richter, Eugen: Die wirtschaftlichen Bestrebungen von Schulze-Delitzsch, 1862.
- Richter, Eugen: Das preußische Staatsschuldenwesen, 1869.
- Richter, Eugen: Die neuen Zoll- und Steuervorlagen, 1879.
- Richter, Eugen: ABC-Buch für freisinnige Wähler (ab 1881), später Politisches ABC-Buch. Ein Lexikon parlamentarischer Zeit- und Streitfragen, letzte Auflage Berlin 1903.
- Richter, Eugen: Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel, Verlag „Fortschritt“ AG, Berlin 1891; englisch: Pictures of the Socialistic Future, übers. von Henry Wright, Einleitung von Thomas Mackay, Swan Sonnenschein, London 1893, online: https://www.econlib.org/library/YPDBooks/Richter/rchtPSF.html
- Richter, Eugen: Im alten Reichstag. Erinnerungen, 2 Bde., Berlin 1894/1896.
- Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus, Zürich 1879.
- Lassalle, Ferdinand: Arbeiterprogramm, Berlin 1862.
- Mises, Ludwig von: Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 47 (1920); Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922.
- Thier, Andreas: Richter, Eugen. In: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 526–528, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118600400.html
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Biografie Eugen Richter, https://www.dhm.de/lemo/biografie/eugen-richter
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Sozialgesetzgebung im Kaiserreich, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialgesetzgebung
- Raico, Ralph: Eugen Richter and Late German Manchester Liberalism: A Reevaluation. In: The Review of Austrian Economics 4 (1990), S. 3–25, https://mises.org/online-book/review-austrian-economics/eugen-richter-and-late-german-manchester-liberalism-reevaluation
- Raico, Ralph: Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Lucius & Lucius, Stuttgart 1999.
- Caplan, Bryan: The Writing on the Wall. Vorwort zu Eugen Richter, Pictures of the Socialistic Future, Ludwig von Mises Institute, https://mises.org/online-book/socialistic-future/foreword-writing-wall
- Lorenz, Ina Susanne: Eugen Richter. Der entschiedene Liberalismus in wilhelminischer Zeit 1871 bis 1906, Matthiesen, Husum 1981.
- Wikipedia (de): Eugen Richter, https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Richter (Einstieg, Werk- und Mandatsdaten)
- Wikipedia (en): Eugen Richter, https://en.wikipedia.org/wiki/Eugen_Richter (Einstieg; Dawson- und Taylor-Belege)
- Wikipedia (de): Nachtwächterstaat, https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtw%C3%A4chterstaat
Beitragsbild: Eugen Richter (KI-Illustration)

