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Frederick Douglass: Der Mann, der sich selbst gehörte

Frederick Douglass

Am 1. Januar 1833 kam ein Junge von etwa sechzehn Jahren auf den Hof von Edward Covey, einem Pächter an der Ostküste von Maryland, der im Ruf stand, junge Sklaven zu brechen, und dem er für ein Jahr überlassen wurde. In den ersten sechs Monaten verging kaum eine Woche, in der Covey ihn nicht auspeitschte. An einem der heißesten Tage im August 1833 wehrte sich der Junge. Die beiden rangen, wie er später schrieb, fast zwei Stunden miteinander, und in den sechs Monaten, die er danach noch bei Covey blieb, rührte dieser ihn nicht mehr an.

Zwölf Jahre später leitete der einstige Sklave die Schilderung dieses Tages mit einem Satz ein, der zu den bekanntesten der amerikanischen Literatur gehört: Man habe gesehen, wie ein Mensch zum Sklaven gemacht wurde, nun werde man sehen, wie ein Sklave zum Menschen wurde. Der Junge hieß damals Frederick Bailey. Als Frederick Douglass wurde er zu einem der bekanntesten Redner gegen die Sklaverei in Amerika, und für Freiheitsfreunde ist er ein Kronzeuge, weil er aus eigener Erfahrung beschreiben konnte, was es heißt, nicht sich selbst zu gehören.

Steckbrief

  • Lebensdaten: geboren im Februar 1818 im Talbot County, Maryland; gestorben am 20. Februar 1895 in Washington, D.C.
  • Wirken: Redner der Abolitionisten ab 1841, Herausgeber des North Star in Rochester ab 1847, U.S. Marshal für den District of Columbia 1877 bis 1881, Gesandter in Haiti 1889 bis 1891
  • Hauptwerke: Narrative of the Life of Frederick Douglass (1845), My Bondage and My Freedom (1855), Life and Times of Frederick Douglass (1881), Rede What to the Slave Is the Fourth of July? (1852)
  • In einem Satz: Er hat das Recht jedes Menschen auf sich selbst und auf die Früchte seiner Arbeit so klar formuliert wie kaum ein Philosoph, weil er beides zwanzig Jahre lang entbehrt hatte.

Ein Alphabet als Ausweg

Douglass kannte weder seinen Geburtstag noch sicher seinen Vater; als Datum wählte er später selbst den 14. Februar. Als Kind kam er nach Baltimore in den Haushalt von Hugh Auld, dessen Frau begann, ihm das Alphabet beizubringen. Ihr Mann verbot es sofort, weil Lesen einen Sklaven unzufrieden und für seinen Herrn wertlos mache. Douglass zog daraus den umgekehrten Schluss: „From that moment, I understood the pathway from slavery to freedom.“ (Von diesem Augenblick an verstand ich den Weg von der Sklaverei zur Freiheit; Narrative, Kapitel VI, eigene Übersetzung.)

Er lernte heimlich weiter. Hungrigen weißen Straßenjungen gab er Brot und bekam dafür, wie er schrieb, das wertvollere Brot des Wissens. Mit etwa zwölf Jahren kam er an den Columbian Orator, eine Sammlung von Reden und Dialogen, die er las, wann immer sich eine Gelegenheit bot.

Der Lohn, der ihm nicht gehörte

Später kam Douglass zurück nach Baltimore und lernte auf einer Werft das Kalfatern, das Abdichten von Schiffsrümpfen. Bald verdiente er anderthalb Dollar am Tag und brachte seinem Herrn sechs bis sieben Dollar in der Woche ein. Was das bedeutete, hat er in einem Satz festgehalten, der einem Lehrbuch über Eigentumsrechte gut anstünde: „I contracted for it; I earned it; it was paid to me; it was rightfully my own“ (Ich hatte ihn ausgehandelt, ich hatte ihn verdient, er war mir ausgezahlt worden, er gehörte rechtmäßig mir; Narrative, Kapitel X, eigene Übersetzung). Und doch musste er jeden Samstagabend jeden Cent an Hugh Auld abliefern.

Douglass beschreibt hier, ohne das Fachwort zu benutzen, die Verbindung von Selbsteigentum und Eigentum an den Früchten der eigenen Arbeit, die seit John Locke im Zentrum des liberalen Denkens steht. Die Sklaverei nahm den Versklavten, so fasst die Stanford Encyclopedia of Philosophy seine Sicht zusammen, ihren Körper, dessen Arbeit und den Wohlstand, den sie schufen. Wer einem anderen den Lohn wegnimmt, den dieser vereinbart und erarbeitet hat, verfügt damit über einen Teil seines Lebens, und daran ändert auch ein milder Umgangston nichts.

Die ersten eigenen Dollars

Am 3. September 1838 floh Douglass. Er reiste in Seemannskleidung mit der Eisenbahn nach Norden, mit einer Fahrkarte, die Anna Murray besorgt hatte, und mit dem geliehenen Schutzbrief eines freien schwarzen Seemanns. Ohne Zwischenfall erreichte er New York, wo er und Anna Murray am 15. September heirateten. Kurz darauf zog das Paar nach New Bedford in Massachusetts, und aus Frederick Bailey wurde Frederick Douglass.

Als Kalfaterer fand er dort keine Arbeit, weil die weißen Handwerker sich weigerten, neben ihm zu arbeiten. Also sägte er Holz, schaufelte Kohle und rollte Ölfässer, und er schrieb darüber, keine Arbeit sei ihm zu hart und keine zu schmutzig gewesen, denn es sei die erste gewesen, deren Lohn ganz ihm gehörte. Mühsam war die Arbeit in Baltimore wie in New Bedford, verändert hatte sich allein, wem am Ende der Woche das Geld gehörte.

Eine Stimme, die man nicht überhören konnte

Am 11. August 1841 sprach Douglass auf einem Kongress der Abolitionisten auf der Insel Nantucket, nur widerstrebend, weil ihn der Gedanke bedrückte, vor Weißen zu reden. Die Massachusetts Anti-Slavery Society stellte ihn danach als Redner ein. 1845 veröffentlichte er seine Lebensgeschichte mit den echten Namen seiner früheren Herren und machte sich damit als entlaufener Sklave leichter auffindbar. Danach reiste er für fast zwei Jahre durch Großbritannien und Irland. Aus Belfast schrieb er am Neujahrstag 1846 an William Lloyd Garrison, den führenden Kopf der amerikanischen Abolitionisten, er atme, und siehe da, aus der Sache werde ein Mensch: „I breathe, and lo! the chattel becomes a man.“ (abgedruckt im Liberator vom 30. Januar 1846)

Britische Unterstützerinnen, die Schwestern Anna und Ellen Richardson aus Newcastle, kauften ihn Hugh Auld für 150 Pfund Sterling ab; die Freilassungsurkunde wurde im Dezember 1846 in Baltimore County eingetragen. Zurück in Amerika gründete Douglass in Rochester im Bundesstaat New York seine eigene Zeitung, The North Star, deren erste Ausgabe am 3. Dezember 1847 erschien.

Ich bin ich selbst

Im September 1848, zehn Jahre nach seiner Flucht, schrieb Douglass einen offenen Brief an seinen früheren Herrn Thomas Auld und druckte ihn in seiner Zeitung. Er erklärte darin, warum er gegangen war: „I am myself; you are yourself; we are two distinct persons, equal persons. What you are, I am.“ (Ich bin ich selbst, Sie sind Sie selbst, wir sind zwei verschiedene, gleichrangige Personen. Was Sie sind, bin ich; eigene Übersetzung, der Brief steht im Anhang von My Bondage and My Freedom, 1855.) Von Natur aus, so fährt er fort, sei keiner von beiden an den anderen gebunden.

Wenige Texte des 19. Jahrhunderts bringen das Prinzip des Selbsteigentums so knapp auf den Punkt. Douglass leitete daraus Gleichheit ab: Wenn zwei Menschen gleichrangige Personen sind, kann keiner das Eigentum des anderen sein, und wer aus der Sklaverei flieht, nimmt nur mit, was ihm ohnehin gehört.

Was ist dem Sklaven der vierte Juli?

Am 5. Juli 1852 sprach Douglass vor der Ladies‘ Anti-Slavery Society von Rochester über den Unabhängigkeitstag. Er würdigte die Gründer der Republik und die Grundsätze der Unabhängigkeitserklärung ausführlich, um dann zu fragen, was dieser Feiertag dem amerikanischen Sklaven bedeute. Seine Antwort lautete: einen Tag, der ihm mehr als jeder andere im Jahr das große Unrecht und die Grausamkeit vor Augen führe, deren ständiges Opfer er sei. Douglass verwarf damit die Ideale von 1776 keineswegs. Er nahm sie beim Wort und hielt einer Nation, die von gleichen Rechten sprach und Millionen Menschen in Ketten hielt, ihre eigenen Grundsätze vor.

Garrison hielt die amerikanische Verfassung für einen Pakt mit der Sklaverei und wollte, dass sich der Norden vom Süden trennt. Douglass teilte diese Sicht lange, kam aber 1851 zu dem Schluss, die Verfassung sei richtig gelesen ein Dokument gegen die Sklaverei. Überzeugt hatten ihn unter anderem der Reformer Gerrit Smith und der Jurist Lysander Spooner, Verfasser der Schrift The Unconstitutionality of Slavery (1845). Er wollte die Republik an ihr eigenes Versprechen binden, statt sie aufzugeben. Im Bürgerkrieg warb er schwarze Freiwillige für die Unionsarmee, und seine Söhne Lewis und Charles traten 1863 dem 54. Infanterieregiment aus Massachusetts bei.

Lasst ihn auf eigenen Beinen stehen

Als sich das Ende der Sklaverei abzeichnete, fragten viele wohlmeinende Weiße, was man nun mit den Schwarzen anfangen solle. Douglass antwortete am 26. Januar 1865 in Boston. Er habe auf diese Frage von Anfang an nur eine Antwort gehabt: „Do nothing with us! Your doing with us has already played the mischief with us.“ (Tut nichts mit uns! Euer Tun mit uns hat uns schon genug geschadet.) Was er verlangte, war die Gelegenheit, für sich selbst einzustehen: „give him a chance to stand on his own legs! Let him alone!“ (Gebt ihm die Chance, auf eigenen Beinen zu stehen! Lasst ihn in Ruhe!; What the Black Man Wants, eigene Übersetzung.)

Wenn ein Schwarzer zur Schule, zur Arbeit oder zur Wahlurne gehe, solle man ihn nicht behindern. Gerechtigkeit verlangte er, nicht Wohltätigkeit, und als Erstes das Wahlrecht. Gleiche Rechte vor dem Gesetz waren für ihn die Voraussetzung dafür, dass Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, und Eigentum und eigene Arbeit blieben auch nach der Befreiung die Grundlage echter Freiheit.

Seit 1859 hielt er über Jahrzehnte mehr als fünfzigmal einen Vortrag über die Self-Made Men, die Menschen, die aus eigener Kraft aufgestiegen sind. Er lobte darin Arbeit und Ausdauer, und niemand konnte ihm vorwerfen, er predige anderen, was er selbst nicht gelebt habe. Auch das Recht der Frauen auf politische Mitsprache vertrat er früh: 1848 nahm er am Frauenrechtskongress von Seneca Falls teil und setzte sich dort für das Frauenstimmrecht ein.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Douglass zeigt, dass Selbsteigentum kein Gedankenspiel von Philosophen ist. Wer bestreitet, dass ein Mensch sich selbst gehört, kann am Ende jede Verfügung über andere rechtfertigen. Seine Bücher widerlegen jede Lehre, die Menschen als Mittel für die Zwecke anderer behandelt, mit der Wucht des Erlebten.

Er zeigt außerdem, dass Bildung befreit und dass Herrschaft das sehr genau weiß. Die Sklavenhalter verboten das Lesen aus gutem Grund, und Douglass lernte es aus ebenso gutem Grund. Sein „Lasst ihn in Ruhe“ bleibt eine Absage an bevormundende Fürsorge: Wer gleiche Rechte hat, braucht keine Sonderbehandlung, um sein Leben selbst zu gestalten. Der Jurist Timothy Sandefur hat ihn 2018 in einer beim Cato Institute erschienenen Biografie als klassischen Liberalen gedeutet, und schon 2012 hatte der Politikwissenschaftler Nicholas Buccola sein politisches Denken als liberal beschrieben.

Niemandes Eigentum

Frederick Douglass hat sich das Recht auf sich selbst Schritt für Schritt erkämpft: mit den Fäusten gegen Covey, mit einer Flucht auf geliehenen Papieren und schließlich mit Büchern und Reden, die eine Nation zwangen hinzusehen. Als er im Februar 1895 in Washington starb, hatte er hohe Ämter der Republik bekleidet, deren Recht ihn einst zur Sache gemacht hatte. Der Kern seines Denkens war derselbe geblieben wie im Brief an seinen früheren Herrn: Was Sie sind, bin ich auch. An diesem Satz lässt sich jede Ordnung messen, auch die eigene: Gilt er für alle oder nur für manche?

Zum Weiterlesen

  • Frederick Douglass: Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave, Boston 1845 (frei verfügbar bei Project Gutenberg)
  • Frederick Douglass: My Bondage and My Freedom, New York 1855 (mit dem Brief an Thomas Auld)
  • Timothy Sandefur: Frederick Douglass. Self-Made Man, Cato Institute, Washington 2018
  • David W. Blight: Frederick Douglass. Prophet of Freedom, Simon & Schuster, New York 2018

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Douglass, Frederick: Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave, Anti-Slavery Office, Boston 1845, Kap. VI, VII, X, XI; Volltext: https://www.gutenberg.org/files/23/23-h/23-h.htm
  • Douglass, Frederick: Brief an William Lloyd Garrison, Belfast, 1. Januar 1846, in: The Liberator, 30. Januar 1846; Auszug nach Christine Kinealy, Frederick Douglass and Ireland. In His Own Words, bei RTÉ: https://www.rte.ie/culture/2018/0913/993490-when-frederick-douglass-came-to-ireland-in-his-own-words
  • Douglass, Frederick: Brief an Thomas Auld, September 1848, in: The North Star, 8. September 1848; nachgedruckt im Anhang von My Bondage and My Freedom: https://etc.usf.edu/lit2go/45/my-bondage-and-my-freedom/1509/letter-to-his-old-master-to-my-old-master-thomas-auld
  • Douglass, Frederick: What to the Slave Is the Fourth of July?, Rede in Rochester, 5. Juli 1852: https://teachingamericanhistory.org/document/what-to-the-slave-is-the-fourth-of-july/
  • Douglass, Frederick: My Bondage and My Freedom, Miller, Orton & Mulligan, New York 1855.
  • Douglass, Frederick: What the Black Man Wants, Rede in Boston, 26. Januar 1865: https://teachingamericanhistory.org/document/what-the-black-man-wants/ ; Datierung: https://frederickdouglasspapersproject.com/s/digitaledition/item/18468
  • Douglass, Frederick: Self-Made Men, Vortrag ab 1859: https://frederickdouglasspapersproject.com/s/digitaledition/item/10401
  • Douglass, Frederick: My Escape from Slavery, The Century Magazine, November 1881: https://www.owleyes.org/text/my-escape-from-slavery/read
  • Douglass, Frederick: Life and Times of Frederick Douglass, Park Publishing, Hartford 1881.
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: Frederick Douglass, https://plato.stanford.edu/entries/frederick-douglass/
  • National Park Service, Frederick Douglass National Historic Site: https://www.nps.gov/frdo/learn/historyculture/frederickdouglass.htm
  • National Park Service, Women’s Rights National Historical Park: Frederick Douglass, https://www.nps.gov/wori/learn/historyculture/frederick-douglass.htm
  • National Park Service: Bill of Sale for Frederick Douglass, https://www.nps.gov/museum/exhibits/douglass/exb/powerIdea/FRDO3861.html
  • National Archives: Frederick Douglass’s sons in the Civil War, https://www.archives.gov/education/lessons/blacks-civil-war/douglass-sons.html
  • University of Rochester, River Campus Libraries: The North Star, https://rbscp.lib.rochester.edu/3476
  • Blight, David W.: Frederick Douglass. Prophet of Freedom, Simon & Schuster, New York 2018.
  • Buccola, Nicholas: The Political Thought of Frederick Douglass. In Pursuit of American Liberty, NYU Press, New York 2012.
  • Sandefur, Timothy: Frederick Douglass. Self-Made Man, Cato Institute, Washington 2018, https://www.cato.org/books/frederick-douglass

Beitragsbild: Frederick Douglass (KI-Illustration)

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