Im Jahr 1514 bereitete ein Priester auf Kuba seine Predigt für das Pfingstfest vor. Er war dreißig Jahre alt, zwölf Jahre zuvor erstmals in die Neue Welt gekommen und gehörte zu den Gewinnern der Eroberung: Gemeinsam mit einem Partner besaß er Land am Fluss Arimao und eine encomienda, also eine Zuteilung indigener Arbeitskräfte, die für ihn arbeiten mussten. Beim Lesen stieß er auf das 34. Kapitel des Buches Jesus Sirach, in dem es in der lateinischen Fassung sinngemäß heißt, das Brot der Bedürftigen sei das Leben der Armen und wer es ihnen vorenthalte, sei ein Mann des Blutes. Der Priester las die Stelle als Urteil über sein eigenes Leben.
Wenig später erklärte Bartolomé de las Casas den Siedlern in Sancti Spíritus, dass er seine Indios freigebe und dass sie selbst mit dem, was sie den Einheimischen antaten, schwere Schuld auf sich lüden. Damit begann eine Laufbahn, die ihn fünf Jahrzehnte lang vor Kardinäle, Kaiser und gelehrte Kommissionen führte. Seine Frage blieb dabei immer dieselbe: Mit welchem Recht nimmt man Menschen ihre Freiheit und ihr Eigentum?
Steckbrief
- Lebensdaten: 1484 in Sevilla bis Juli 1566 in Madrid
- Wirken: Siedler auf Hispaniola und Kuba, Priester, ab 1516 Schutzherr der Indios, Dominikaner ab 1522, Bischof von Chiapas 1544 bis 1550
- Hauptwerke: De unico vocationis modo (Über die einzige Art der Berufung, um 1537), Brevísima relación de la destrucción de las Indias (Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, gedruckt 1552), Historia de las Indias (gedruckt 1875/76), Tratado de las doce dudas (Traktat der zwölf Zweifel, 1563/64)
- In einem Satz: Er bestand darauf, dass Freiheit, Eigentum und Selbstregierung allen Völkern zustehen, auch denen, die ein Weltreich gerade unterworfen hatte.
Ein Gewinner der Eroberung
Las Casas wurde 1484 in Sevilla geboren; das ältere Geburtsjahr 1474, das man noch in manchen Nachschlagewerken findet, haben Archivfunde der 1970er Jahre widerlegt. Sein Vater Pedro war 1493 auf der zweiten Reise des Kolumbus mitgefahren. Der Sohn folgte ihm 1502 mit der großen Flotte des Gouverneurs Nicolás de Ovando nach Hispaniola, wurde Landbesitzer, hielt Sklaven und nahm an Raubzügen teil. Zwischendurch wurde er Priester.
Sein Gewissen meldete sich nicht sofort. Seit 1510 wirkten Dominikaner in Santo Domingo, die Sklavenhaltern die Beichte verweigerten, und Las Casas gehörte selbst zu den Abgewiesenen. Im Dezember 1511 fragte der Dominikaner Antonio de Montesinos die versammelten Siedler, ob die Indios denn keine Menschen seien und mit welchem Recht man sie in solcher Knechtschaft halte. Las Casas hat diese Predigt später in seiner Historia de las Indias überliefert, doch damals blieb er bei seinem Besitz. Erst als er 1513 als Kaplan die Eroberung Kubas begleitete und bei Caonao mit ansah, wie Soldaten Dorfbewohner niedermachten, die ihnen mit Essen entgegengekommen waren, begann das Umdenken, das 1514 in seinen Verzicht mündete.
Ein Rat, den er bitter bereute
Las Casas ging 1515 nach Spanien, um am Hof für die Indios zu sprechen. Kardinal Cisneros, der nach dem Tod König Ferdinands die Regentschaft führte, ließ ihn 1516 zum Schutzherrn der Indios ernennen. Im selben Jahr legte Las Casas eine Denkschrift mit Vorschlägen zur Abhilfe vor, und darin steht der Gedanke, der bis heute an seinem Namen haftet: Man solle den Siedlern erlauben, afrikanische Sklaven einzuführen, damit die Indios von der Zwangsarbeit befreit würden. Er wiederholte diesen Vorschlag in den folgenden Jahren mehrfach, als Schutzherr der Indios und damit mit dem Gewicht seines Amtes.
Bemerkenswert ist, was er später daraus machte. In der Historia de las Indias schrieb er im 129. Kapitel des dritten Buches über sich selbst in der dritten Person: Der Kleriker habe diesen Rat bald bereut und sich der Unachtsamkeit schuldig gesprochen, denn er habe erkannt, dass die Gefangenschaft der Schwarzen ebenso ungerecht sei wie die der Indios. Er sei nicht sicher, so heißt es sinngemäß weiter, ob seine Unwissenheit und sein guter Wille ihn vor dem göttlichen Gericht entschuldigen würden. In dasselbe Werk nahm er die Geschichte der portugiesischen Sklavenjagden an der afrikanischen Küste auf, bis hin zur Verteilung von Gefangenen im Hafen von Lagos im Jahr 1444. Luca Baccelli nennt diese Selbstkritik in einer Studie von 2020 schonungslos und datiert die Wende auf das Ende der 1540er Jahre.
Überzeugen statt erobern
Ein Versuch, an der Küste Venezuelas bei Cumaná eine friedliche Siedlung mit spanischen Bauern aufzubauen, scheiterte, als Einheimische die Niederlassung Anfang 1522 überfielen und niederbrannten. Las Casas trat daraufhin 1522 in den Dominikanerorden ein und verbrachte Jahre mit Studium und Schreiben. Um 1537 entstand die Schrift De unico vocationis modo. Ihr Gedanke ist einfach und folgenreich: Es gebe nur eine rechtmäßige Art, Menschen für den Glauben zu gewinnen, nämlich, sinngemäß übersetzt, den Verstand mit Gründen zu überzeugen und den Willen sanft anzuziehen und zu ermahnen. Wer mit Waffen predige, begehe eine Todsünde und müsse zurückerstatten, was er genommen habe, an Gütern ebenso wie an Rechten und Herrschaften.
Las Casas wollte zeigen, dass das keine Schreibtischidee war. Am 2. Mai 1537 schloss er mit dem Gouverneur von Guatemala, Alonso Maldonado, ein Abkommen über das Gebiet Tezulutlán, das die Spanier „Land des Krieges“ nannten. Wer sich dort durch die Dominikaner bekehren ließ, sollte keinem Siedler als Arbeitskraft zugeteilt werden. Die Brüder brachten indigenen Händlern Lieder über den christlichen Glauben bei und ließen die Botschaft so auf den Märkten weitertragen. Das Gebiet erhielt später den Namen Verapaz, wahrer Friede, auch wenn Maldonado das Abkommen schon 1539 unter dem Druck der Siedler brach. Im selben Jahr erklärte Papst Paul III. in der Bulle Sublimis Deus, die Indios seien wahre Menschen und dürften weder ihrer Freiheit noch ihres Eigentums beraubt werden, auch wenn sie außerhalb des Glaubens stünden.
Gesetze, die das Geschäft störten
Im Jahr 1542 trug Las Casas am Hof die erste Fassung jenes Berichts vor, der 1552 als Brevísima relación gedruckt wurde. Am 20. November desselben Jahres erließ Kaiser Karl V. die Neuen Gesetze, die die Versklavung von Indios verboten und vorsahen, dass die encomiendas mit dem Tod ihrer Inhaber erlöschen sollten. Dieser zweite Teil hielt nicht lange, denn im Oktober 1545 nahm die Krone die Bestimmungen über das Erlöschen der encomiendas wieder zurück.
Las Casas war inzwischen Bischof von Chiapas im heutigen Mexiko, geweiht im März 1544. In einem Hirtenbrief und in einer Beichtanweisung, dem Confesionario, wies er seine Priester an, Sklavenhaltern und Encomenderos die Lossprechung zu verweigern, solange sie den Indios nicht zurückgaben, was sie ihnen genommen hatten. Die Krone ließ 1548 Abschriften des Confesionario verbrennen. Im November 1547 war Las Casas wieder in Spanien, und 1550 legte er sein Bistum nieder.
Valladolid: Gibt es Sklaven von Natur?
In den Jahren 1550 und 1551 kam es in Valladolid zu einer der denkwürdigsten Auseinandersetzungen der frühen Neuzeit. Vor einer Kommission aus Theologen und Juristen vertrat der Humanist Juan Ginés de Sepúlveda die Ansicht, Kriege gegen die Indios seien gerecht, und berief sich dabei auf die Lehre des Aristoteles, manche Menschen seien von Natur zum Dienen bestimmt. Las Casas hielt fünf Tage lang dagegen.
Sein Argument richtete sich gegen den Kern der aristotelischen Lehre. Er unterschied vier Bedeutungen des Wortes „Barbar“ und zeigte, dass die Völker Amerikas mit ihren Institutionen und Rechtsordnungen unter keine davon fielen, die eine Unterwerfung hätte rechtfertigen können. In seiner Apologética historia beschrieb er das Inkareich sogar als Muster natürlicher Klugheit, gerechter als das Römische Reich. Menschen würden frei geboren, weil sie vernünftige Wesen seien, so formulierte er an anderer Stelle sinngemäß. Die Kommission fällte kein abschließendes Urteil, doch Sepúlvedas Schrift erhielt keine Druckgenehmigung.
Keine Herrschaft ohne Zustimmung
In seinen späten Schriften stellte Las Casas die Zustimmung der Regierten ins Zentrum und ging damit weiter, als es seinem König lieb sein konnte. Das Volk bestehe vor dem Herrscher und sei von Natur frei, und jede Übertragung oder Schenkung von Herrschaft bleibe ohne seine Zustimmung rechtlich wirkungslos. Die Zustimmung des Volkes wiege schwerer als der päpstliche Auftrag; ohne sie bestehe die Herrschaft des Königs nur der Anlage nach, und sie müsse von den einheimischen Fürsten wie vom Volk selbst kommen.
Im Traktat der zwölf Zweifel, dessen Handschrift auf Dezember 1563 datiert ist, zog er daraus die Konsequenz für Peru. Die Eroberungen seien ungerechte Kriege gewesen, Tribute und encomiendas ungerecht, und ohne Rückerstattung gebe es kein Heil, weil man alle Reiche Westindiens an sich gerissen habe. Der König von Kastilien müsse, wenn er seine Seele retten wolle, den Inka Titu Cusi als rechtmäßigen Erben des Reiches unterstützen. In der Schrift De thesauris bestritt er zudem Spaniens Recht auf das Lösegeld Atahualpas und auf die Schätze aus den Gräbern. Las Casas starb im Juli 1566 in Madrid, 81 Jahre alt.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die erste Lehre betrifft die Gleichheit vor dem Recht. Las Casas weigerte sich, Rechte nach Glauben, Kultur oder Entwicklungsstand zu verteilen. Das Eigentum der Nichtchristen sei so rechtmäßig wie das der Christen, ebenso ihre Herrschaft und Gerichtsbarkeit, und diesen Satz verteidigte er gegen das mächtigste Reich seiner Zeit wie gegen die Autorität des Aristoteles.
Ebenso wichtig ist seine Lehre von der Rückerstattung. Wer geraubt hat, muss zurückgeben, und auch eine spätere Ordnung macht Beute nicht zu rechtmäßigem Besitz. Murray Rothbard hat in The Ethics of Liberty (1982) einen verwandten Grundsatz entwickelt: Gestohlenes Gut steht dem Opfer oder seinen Erben zu, sofern sie sich ermitteln lassen, und der Dieb oder seine Rechtsnachfolger können sich nicht auf bloßen Besitz berufen. Las Casas kam vier Jahrhunderte früher, aus der Tradition des Naturrechts und der Beichtpraxis, zu einem ähnlichen Ergebnis.
Hinzu kommt seine Verbindung von Überzeugung und Zustimmung: Ein mit Gewalt verbreiteter Glaube taugt für ihn so wenig wie eine Herrschaft, der niemand zugestimmt hat. Darin klingt vorweg an, was John Locke mehr als ein Jahrhundert später über die Regierung durch Zustimmung schrieb.
Die vielleicht menschlichste Lehre liegt in seinem Leben selbst. Las Casas war Nutznießer des Systems, das er anklagte, und gab seinen Besitz auf, als er das Unrecht erkannte. Als er begriff, dass sein Rat zur Einfuhr afrikanischer Sklaven falsch gewesen war, hat er auch das schriftlich festgehalten, ohne sich herauszureden. Simón Bolívar nannte ihn 1815 in seinem Brief aus Jamaika den menschenfreundlichen Bischof von Chiapas und den Apostel Amerikas.
Auf wessen Brot?
Bartolomé de las Casas hat früh und beharrlich die Freiheit aller Menschen gegen ein Weltreich verteidigt, dessen Gelehrte ihm mit Aristoteles widersprachen. Manches, was er erreichte, wurde ihm bald wieder genommen. Geblieben ist sein Grundsatz, dass niemand von Natur aus Sklave ist und dass Herrschaft und Eigentum nur so viel wert sind wie ihre Rechtmäßigkeit. Der Vers aus Jesus Sirach, über den er 1514 predigen wollte, stellt deshalb auch heute eine unbequeme Frage an jede Ordnung: Auf wessen Brot ist der eigene Wohlstand gebaut?
Zum Weiterlesen
- Bartolomé de las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Insel, Frankfurt am Main 1981
- Bartolomé de las Casas: Werkauswahl, hrsg. von Mariano Delgado, Schöningh, Paderborn (mehrbändig, ab 1994)
- Lewis Hanke: All Mankind Is One, Northern Illinois University Press, DeKalb 1974
- Gustavo Gutiérrez: Gott oder das Gold. Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas, Herder, Freiburg 1990
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Las Casas, Bartolomé de: Historia de las Indias, hrsg. vom Marqués de la Fuensanta del Valle und José Sancho Rayón, 5 Bde., Miguel Ginesta, Madrid 1875/76 (Buch III, Kap. 3 bis 5: Predigt des Montesinos; Buch III, Kap. 129: Reue über den Rat zur Einfuhr afrikanischer Sklaven, Bd. 5, S. 30), Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/ebooks/53131
- Las Casas, Bartolomé de: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Insel, Frankfurt am Main 1981.
- Las Casas, Bartolomé de: Werkauswahl, hrsg. von Mariano Delgado, Schöningh, Paderborn (mehrbändig, ab 1994).
- Las Casas, Bartolomé de: Obras completas, hrsg. von Paulino Castañeda Delgado, Alianza Editorial, Madrid 1989 ff. (darin De unico vocationis modo, Apologética historia sumaria, Traktate von 1552, Tratado de las doce dudas).
- Paul III.: Bulle Sublimis Deus (1537), englische Übersetzung: https://www.papalencyclicals.net/paul03/p3subli.htm
- Bolívar, Simón: Carta de Jamaica, Kingston, 6. September 1815, Text: https://www.andesacd.org/wp-content/uploads/2015/09/Simón-Bolívar-Cartas-de-Jamaica.pdf
- Rothbard, Murray N.: The Ethics of Liberty, Humanities Press, Atlantic Highlands 1982, Kap. 9 („Property and Criminality“).
- Baccelli, Luca: „La crítica del colonialismo en los orígenes del colonialismo. Bartolomé de las Casas“, in: Soft Power 7,2 (2020), S. 117 ff., DOI 10.14718/SoftPower.2020.7.2.6, https://editorial.ucatolica.edu.co/index.php/SoftP/article/download/6105/5102
- Encyclopedia of Latin American History and Culture: „Las Casas, Bartolomé de“, https://www.encyclopedia.com/people/history/latin-american-history-biographies/bartolome-de-las-casas
- Hanke, Lewis: All Mankind Is One, Northern Illinois University Press, DeKalb 1974.
- Gutiérrez, Gustavo: Gott oder das Gold. Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas, Herder, Freiburg 1990.
- Wikipedia (en): Bartolomé de las Casas, https://en.wikipedia.org/wiki/Bartolom%C3%A9_de_las_Casas (Einstieg, Chronologie)
- Wikipedia (en): Verapaz, Guatemala, https://en.wikipedia.org/wiki/Verapaz,_Guatemala (Abkommen von Tezulutlán, 2. Mai 1537)
- John Carter Brown Library: Handschrift Doce dudas, datiert Dezember 1563, https://jcb.lunaimaging.com/luna/servlet/detail/JCB~3~3~17290~115917228?page=366
Beitragsbild: Bartolomé de las Casas (KI-Illustration)

