Im Juli 1944 trafen sich in Bretton Woods in New Hampshire Abgesandte aus 44 Staaten, um die Währungsordnung der Nachkriegszeit zu entwerfen. Der wichtigste Wirtschaftsleitartikler der New York Times verfolgte die Beschlüsse kritisch. Henry Hazlitt schrieb nach eigener Zählung 26 Leitartikel über die Konferenz und ihre Folgen, von denen 23 erschienen.
Dann bat ihn der Verleger Arthur Hays Sulzberger zu sich. Man habe ihn die Beschlüsse der Delegierten kritisieren lassen, nun aber müsse die Zeitung mitziehen. Hazlitt antwortete, so erzählt es eine Biografie des Mises Institute, es handle sich um ein inflationäres Vorhaben, das schlecht enden werde, und er könne es nicht unterstützen. Er wechselte zu Newsweek und veröffentlichte 1946 ein schmales Buch, das ihn bekannter machte als alle Leitartikel zuvor: Economics in One Lesson. Die Ordnung von Bretton Woods endete in den frühen 1970er-Jahren, nachdem Präsident Nixon im August 1971 die Einlösung von Dollar in Gold eingestellt hatte.
Steckbrief
- Lebensdaten: 28. November 1894 in Philadelphia bis 9. Juli 1993 in Fairfield, Connecticut
- Wirken: Journalist beim Wall Street Journal und bei The Nation, als Herausgeber des American Mercury (1933 bis 1934), Leitartikler der New York Times (1934 bis 1946), Kolumnist bei Newsweek (1946 bis 1966)
- Netzwerk: Gründungs-Vizepräsident der Foundation for Economic Education, Gründungsmitglied der Mont Pèlerin Society, Mitgründer und Herausgeber von The Freeman
- Hauptwerke: Economics in One Lesson (1946), The Great Idea (1951, später Time Will Run Back), The Failure of the „New Economics“ (1959), The Foundations of Morality (1964)
- In einem Satz: Er zeigte, dass man gute von schlechter Wirtschaftspolitik unterscheiden kann, wenn man nach den Folgen fragt, die niemand sieht.
Ein Autodidakt in der Redaktion
Hazlitts Vater starb, als der Junge noch keine drei Jahre alt war, und nach dem Tod des Stiefvaters 1907 wurde das Geld in der Familie knapp. Hazlitt besuchte etwa ein Jahr lang das City College in New York und danach noch einige Monate Abendkurse, war aber, wie er sich später erinnerte, nach der Tagesarbeit zu müde, um viel davon zu haben. Noch keine zwanzig Jahre alt, fing er 1913 als Sekretär beim Wall Street Journal an und arbeitete sich zum Reporter hoch. Als er eine Dividendenmeldung falsch verstand, begriff er, dass man die Börse nur mit Kenntnissen in einem viel weiteren Fach versteht, und brachte sich die Ökonomie selbst bei. Sein erstes Buch, Thinking as a Science, veröffentlichte er mit Anfang zwanzig.
Es folgten Stationen bei mehreren New Yorker Zeitungen, bei der Zeitschrift The Nation, von der er sich nach ihrem Kurswechsel wegen seiner Kritik am New Deal trennte, und beim American Mercury, wo er 1933 die Nachfolge von H. L. Mencken antrat. Mencken nannte ihn einen der wenigen Ökonomen der Geschichte, die wirklich schreiben konnten. Von 1934 an verfasste Hazlitt die Wirtschaftsleitartikel der New York Times, nach seinem Weggang zwanzig Jahre lang die Kolumne „Business Tides“ in Newsweek. Als er dort 1966 aufhörte, ersetzte ihn die Zeitschrift durch drei Professoren, unter ihnen Milton Friedman und Paul Samuelson.
Eine Lektion in einem Satz
Economics in One Lesson beginnt mit einer Behauptung, die kühn klingt: Die ganze Ökonomie lasse sich auf eine einzige Lektion zurückführen und diese auf einen einzigen Satz. Er lautet, in eigener Übersetzung: „Die Kunst der Ökonomie besteht darin, die längerfristigen Wirkungen einer Handlung oder Politik zu betrachten und nicht bloß die unmittelbaren; sie besteht darin, die Folgen dieser Politik für alle Gruppen zu verfolgen und nicht bloß für eine.“
Hazlitt machte keinen Hehl daraus, woher er den Gedanken hatte. Im Vorwort nennt er Frédéric Bastiats Essay Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas von 1850 seine größte Schuld und sein eigenes Buch eine Modernisierung, Erweiterung und Verallgemeinerung von Bastiats Ansatz. Gleich das zweite Kapitel erzählt Bastiats berühmtes Beispiel nach. Ein Rowdy wirft die Schaufensterscheibe eines Ladens ein, und die Umstehenden trösten sich damit, dass der Glaser nun Arbeit habe. Was sie übersehen, ist der neue Anzug, den der Ladenbesitzer sich für dasselbe Geld hatte kaufen wollen. Statt einer Scheibe und eines Anzugs hat er nur noch die Scheibe, und die Gemeinschaft ist um einen Anzug ärmer, der sonst entstanden wäre.
Die Lektion angewandt
Auf dieses Muster führt Hazlitt in kurzen Kapiteln die beliebtesten Irrtümer der Wirtschaftspolitik zurück. Öffentliche Bauprojekte schaffen sichtbare Arbeitsplätze, aber das Geld dafür stammt aus Steuern, die anderswo ebenso viele unsichtbare Aufträge verhindern. Ein Zoll schützt eine Branche und verteuert zugleich das Leben aller, die ihre Waren kaufen. Gesetzliche Höchstpreise verschärfen den Mangel, den sie beheben sollen, weil die eigentliche Ursache steigender Preise eine Knappheit an Gütern oder ein Überschuss an Geld ist. Die Inflation selbst beschreibt er als eine Art Steuer, die sich der Kontrolle der Steuerbehörden entzieht.
Besonders deutlich wird die Methode beim Mindestlohn. Ein Lohn, schreibt Hazlitt, ist ein Preis, und wer für einen Arbeitgeber weniger wert ist als der gesetzliche Mindestbetrag, wird eben gar nicht eingestellt. Seine Zusammenfassung lautet: „In brief, for a low wage you substitute unemployment.“ Bemerkenswert ist der Ton, in dem er das vorträgt. Hazlitt bestreitet nicht, dass niedrige Löhne ein Übel sind, und er räumt Sonderfälle ein, in denen Arbeiter unter ihrem Marktwert bezahlt werden. Er besteht nur darauf, dass man auch die Menschen mitzählt, die durch das gut gemeinte Gesetz ihre Stelle verlieren oder nie eine bekommen. In späteren Ausgaben kam ein eigenes Kapitel über Mietpreiskontrollen hinzu.
Das Buch erschien im Juli 1946 bei Harper & Brothers, im August folgte bereits eine Kurzfassung in Reader’s Digest, 1947 eine spanische Ausgabe in Buenos Aires. Hazlitt überarbeitete es Ende der 1970er-Jahre und ergänzte ein Schlusskapitel über die Lektion nach dreißig Jahren. Es wurde mehr als eine Million Mal verkauft und in viele Sprachen übersetzt, auf Deutsch zuerst 1983 unter dem Titel Economics. Über Wirtschaft und Misswirtschaft.
Gegen die neue Ökonomie
Die Fachwelt der Nachkriegszeit folgte überwiegend John Maynard Keynes, dessen Allgemeine Theorie von 1936 zur Grundlage einer Politik wurde, die mit Staatsausgaben und billigem Geld gegen Arbeitslosigkeit vorgehen wollte. Hazlitt hielt dagegen, und zwar ausführlich. In The Failure of the „New Economics“ ging er 1959 Keynes‘ Hauptwerk Kapitel für Kapitel durch. Sein Urteil fasste er in Anlehnung an ein Samuel Johnson zugeschriebenes Bonmot zusammen: „What is original in the book is not true; and what is true is not original.“ Ein Jahr später gab er mit The Critics of Keynesian Economics einen Band heraus, der kritische Aufsätze anderer Autoren zu den keynesianischen Lehren versammelte.
Wer Economics in One Lesson kennt, erkennt darin denselben Gedanken in größerer Ausführlichkeit. Ein Staat, der Geld ausgibt, muss es vorher durch Steuern nehmen, durch Schulden von künftigen Steuerzahlern borgen oder durch neues Geld den Sparern entziehen. Was die Empfänger der Ausgaben gewinnen, ist sichtbar, was die anderen dafür verlieren, bleibt verborgen.
Ein Freund für Ludwig von Mises
Am 8. Januar 1938 besprach Hazlitt in der New York Times das Buch Socialism des Wiener Ökonomen Ludwig von Mises und nannte es einen Klassiker. Als Mises 1940 in die Vereinigten Staaten emigrierte, sorgte Hazlitt dafür, dass er Leitartikel für die Times schreiben konnte, half ihm bei der Lehrstelle an der New York University und brachte ihn mit dem akademischen Verlag in Verbindung, über den schließlich Human Action bei Yale erschien. Auf Mises‘ Bitte bereitete er sogar eine journalistisch geglättete Fassung dieses Hauptwerks vor, von der Mises allerdings nur wenig übernahm. Der Freundschaft schadete das nicht: Zu Hazlitts 70. Geburtstag 1964 nannte Mises ihn „the economic conscience of our country and of our nation“, das wirtschaftliche Gewissen des Landes.
Hazlitt wusste, dass Ideen Orte brauchen, an denen sie gepflegt werden. 1946 wurde er Gründungs-Vizepräsident der Foundation for Economic Education, die Leonard Read ins Leben rief und deren Vorstand er angehörte. Im April 1947 reiste er zur ersten Tagung der Mont Pèlerin Society in die Schweiz, 1950 gründete er mit John Chamberlain und Isaac Don Levine die Zeitschrift The Freeman, die er zeitweise allein herausgab. Zu seinem Freundeskreis gehörte auch Ayn Rand, die er mit Mises bekannt machte.
Ein Roman und eine Ethik
Hazlitt war mehr als ein Kommentator der Tagespolitik. 1951 veröffentlichte er den Roman The Great Idea, später neu aufgelegt als Time Will Run Back. Darin müssen die Herrscher einer zentral geplanten sozialistischen Welt inmitten des wirtschaftlichen Chaos feststellen, dass sie Marktpreise, privates Eigentum an Produktionsmitteln und Wettbewerb wiederherstellen müssen, wenn ihre Gesellschaft überleben soll. Das Buch erschien fast vier Jahrzehnte, bevor die Planwirtschaften Osteuropas zusammenbrachen.
Sein ehrgeizigstes Werk war The Foundations of Morality von 1964. Hazlitt wollte darin zeigen, dass die Regeln der Moral keine willkürlichen Gebote sind. Er begründete sie mit ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Zusammenarbeit, die er als das große Mittel ansah, mit dem Menschen fast alle ihre eigenen Ziele erreichen. Sein System nannte er im Vorwort zur zweiten Auflage Cooperatism. Er stellte sich damit in die Tradition David Humes und vertrat eine Ethik, die nicht jede einzelne Handlung nach ihrem Nutzen bewertet, sondern allgemeine Regeln danach, ob sie das friedliche Miteinander tragen. Naturrechtlich argumentierende Libertäre begründen die Freiheit anders, als ein Recht, das unabhängig vom Nutzen gilt. Hazlitt dagegen stellte Moral und Ökonomie auf denselben Grund, die freiwillige Zusammenarbeit der Menschen.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre Hazlitts ist eine Frage, die jeder stellen kann: Und was geschieht danach, und mit wem? Jede Maßnahme hat Begünstigte, die man sieht und die sich bedanken. Ihre Kosten tragen oft Menschen, die man nicht kennt, weil ihnen nur etwas entgangen ist: der Auftrag, der nicht vergeben wurde, die Stelle, die nicht entstand, der Anzug, den der Ladenbesitzer nicht kaufte. Wer sich angewöhnt, nach diesen Menschen zu fragen, durchschaut viele Debatten, ohne Ökonomie studiert zu haben.
Daneben zeigt sein Leben, was Verständlichkeit vermag. Hazlitt schrieb für Zeitungsleser, und sein bekanntestes Buch erreichte ein Millionenpublikum. Er verband diese Gabe mit Beharrlichkeit. Als seine Zeitung von ihm verlangte, eine Politik zu verteidigen, die er für falsch hielt, verzichtete er auf einen der angesehensten Posten im amerikanischen Wirtschaftsjournalismus. Und er verstand, dass gute Ideen Freunde und Institutionen brauchen, um eine Zeit zu überdauern, in der sie nicht gefragt sind.
Die Frage nach den Unsichtbaren
Henry Hazlitt starb im Juli 1993 im Alter von 98 Jahren in Connecticut. Seine Bibliothek ging an die Foundation for Economic Education. Von seinen vielen Büchern wird vor allem eines weiter gelesen, und das liegt an der Einfachheit seiner Lektion. Sie gilt für jede Regierung und jedes Jahrzehnt, weil die Versuchung bleibt, den sichtbaren Nutzen einer Maßnahme zu feiern und ihre verborgenen Kosten zu übergehen. Wenn Sie das nächste Mal von einer neuen Förderung, einem neuen Zoll oder einer neuen Preisgrenze lesen, können Sie mit Hazlitts Frage beginnen: Wer bezahlt dafür, und wer verliert etwas, das er nie zu Gesicht bekommt?
Zum Weiterlesen
- Henry Hazlitt: Economics in One Lesson, Harper & Brothers, New York 1946 (deutsch: Economics. Über Wirtschaft und Misswirtschaft, Poller, Stuttgart 1983)
- Frédéric Bastiat: Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas, Paris 1850 (deutsch als Was man sieht und was man nicht sieht)
- Henry Hazlitt: The Foundations of Morality, Van Nostrand, Princeton 1964
- Henry Hazlitt: My Life and Conclusions, unvollendete Erinnerungen, Foundation for Economic Education 2015
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Hazlitt, Henry: Economics in One Lesson, Harper & Brothers, New York 1946; Volltext der Erstausgabe bei der Foundation for Economic Education, https://fee.org/resources/economics-in-one-lesson/ (deutsch: Economics. Über Wirtschaft und Misswirtschaft, Poller, Stuttgart 1983; Nachdruck Olzog 2009).
- Hazlitt, Henry: The Great Idea, Appleton-Century-Crofts, New York 1951; Neuausgabe als Time Will Run Back, Arlington House, New Rochelle 1966.
- Hazlitt, Henry: The Failure of the „New Economics“. An Analysis of the Keynesian Fallacies, Van Nostrand, Princeton 1959.
- Hazlitt, Henry (Hrsg.): The Critics of Keynesian Economics, Van Nostrand, Princeton 1960.
- Hazlitt, Henry: The Foundations of Morality, Van Nostrand, Princeton 1964; Vorwort zur zweiten Auflage (1972), https://mises.org/online-book/foundations-morality/preface-second-edition
- Hazlitt, Henry: My Life and Conclusions (unvollendete Erinnerungen, 1985), Foundation for Economic Education 2015, https://fee.org/ebooks/my-life-and-conclusions/
- Bastiat, Frédéric: Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas, Guillaumin, Paris 1850.
- Ludwig von Mises Institute: Biography of Henry Hazlitt, https://mises.org/articles-interest/biography-henry-hazlitt
- Ludwig von Mises Institute: Profil Henry Hazlitt, https://mises.org/profile/henry-hazlitt
- Tucker, Jeffrey A.: The Intellectual Journey of Henry Hazlitt, Foundation for Economic Education, 17.12.2015, https://fee.org/articles/the-intellectual-journey-of-henry-hazlitt/
- American Institute for Economic Research: Research Report vom 20.07.1959 (Besprechung von The Failure of the „New Economics“), https://aier.org/wp-content/uploads/2013/11/RR19590720.pdf
- Mises Wire: Sixtieth Anniversary of Hazlitt’s Failure of the New Economics, https://mises.org/wire/sixtieth-anniversary-hazlitts-failure-new-economics
- Encyclopedia.com: Hazlitt, Henry Stuart (Scribner Encyclopedia of American Lives), https://www.encyclopedia.com/humanities/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/hazlitt-henry-stuart
- Federal Reserve History: Nixon Ends Convertibility of U.S. Dollars to Gold, https://www.federalreservehistory.org/essays/gold-convertibility-ends
- Wikipedia (en): Henry Hazlitt, https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Hazlitt (Laufbahn-Zeittafel, Einstieg)
- Wikipedia (en): Economics in One Lesson, https://en.wikipedia.org/wiki/Economics_in_One_Lesson (Ausgaben, Übersetzungen)
- Wikipedia (en): The Freeman (magazine), https://en.wikipedia.org/wiki/The_Freeman_(magazine) (Gründung 1950)
Beitragsbild: Henry Hazlitt (KI-Illustration)

