Skip to content Skip to footer

Benjamin Constant: Die Freiheit der Modernen

Benjamin Constant

Am 19. März 1815 stand Napoleon, von Elba zurückgekehrt, schon bei Fontainebleau, als im Journal des Débats ein scharfer Artikel gegen ihn erschien. Sein Verfasser schloss mit einem Satz, der in Paris rasch die Runde machte: Er werde sich nicht als elender Überläufer von einer Macht zur anderen schleppen (eigene Übersetzung). Wenige Wochen später gehörte derselbe Mann dem Staatsrat des Kaisers an und schrieb den größten Teil einer neuen Verfassung, die man bald nach ihm „la Benjamine“ nannte.

Der Autor war Benjamin Constant, und sein Schritt lässt sich aus seinem Werk verstehen. Die neue Verfassung band den zurückgekehrten Kaiser an Regeln: an zwei Kammern, an die Freiheit, zu drucken und zu veröffentlichen, und an die Gegenzeichnung seiner Akte durch Minister. Die Episode dauerte hundert Tage. Was von Constant blieb, ist eine Unterscheidung, die bis heute in Debatten über Mehrheit und Freiheit nachwirkt.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 25. Oktober 1767 in Lausanne bis 8. Dezember 1830 in Paris
  • Wirken: Publizist, Mitglied des Tribunats (1799 bis 1802), Abgeordneter (1819 bis 1822 und 1824 bis 1830), Wortführer der Liberalen in der Restauration
  • Hauptwerke: De l’esprit de conquête et de l’usurpation (1814), Principes de politique (1815), Adolphe (Roman, 1816), De la liberté des Anciens comparée à celle des Modernes (Rede, 1819), De la religion (ab 1824)
  • In einem Satz: Er zeigte, dass die Freiheit des Einzelnen eine Grenze für jede Herrschaft ist, auch für die des Volkes.

Zwischen Lausanne, Edinburgh und Coppet

Constant stammte aus einer Familie hugenottischer Herkunft, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes ins Waadtland gekommen war. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt, sein Vater, ein Offizier in niederländischen Diensten, überließ die Erziehung wechselnden Hauslehrern. Nach einem Studienjahr in Erlangen ging der junge Constant von 1783 bis 1785 nach Edinburgh. Dort diskutierte er in der Speculative Society zum ersten Mal über Politik und Geschichte, und die Encyclopaedia Britannica von 1911 sieht in diesen Jahren und den Kontakten zu den britischen Whigs die Prägung seiner politischen Ansichten.

Im September 1794 lernte er Germaine de Staël kennen. Er folgte ihr nach Paris, und über Jahre waren die beiden Partner im Denken wie im Leben. Auf ihrem Schloss in Coppet am Genfersee sammelte sich ein Kreis von Schriftstellern und Gelehrten, der als Zirkel von Coppet bekannt wurde.

Ende 1799 wurde Constant ins Tribunat berufen, eine der Kammern, die unter dem Konsulat Gesetzesvorhaben beraten sollten. Er nutzte das Amt, um vor der wachsenden Macht Bonapartes zu warnen, und wurde dafür 1802 mit anderen Unbequemen aus der Kammer entfernt. Die folgenden Jahre verbrachte er meist fern von Paris, in Weimar und bei Madame de Staël in Coppet, schrieb an einem großen Manuskript über die Grundsätze der Politik und an seinem Roman Adolphe, der 1816 erschien.

Nach dem Sturz Napoleons wurde er zum führenden Kopf der liberalen Opposition. Von 1819 an saß er, mit einer Unterbrechung, in der Abgeordnetenkammer, obwohl die Regierung ihn wegen seiner Schweizer Geburt fernzuhalten versuchte. Er stritt dort für Pressefreiheit, für die Verantwortlichkeit der Minister und am 27. Juni 1821 auch gegen den Sklavenhandel.

Zweierlei Freiheit

Seine bekannteste Rede hielt Constant 1819 im Pariser Athénée royal. Er verglich darin die Freiheit der antiken Republiken mit der Freiheit, die moderne Menschen suchen. Ein Bürger Athens oder Roms entschied auf dem Platz unmittelbar über Krieg und Frieden, über Gesetze und Urteile. In seinem Privatleben dagegen stand er unter der Aufsicht der Gemeinschaft, die über Sitten, Erziehung und Glauben wachte. Constant fasste das in einem Satz zusammen: Der Einzelne sei bei den Alten in den öffentlichen Angelegenheiten fast immer souverän und in allen privaten Beziehungen ein Sklave gewesen (eigene Übersetzung).

Der moderne Mensch lebt in großen Staaten, in denen seine einzelne Stimme kaum zählt. Er lebt vom Handel statt vom Krieg, und weil die Sklaverei abgeschafft ist, fehlt ihm die Muße, die antike Bürger für die Politik freigestellt hatte. Seine Freiheit besteht deshalb vor allem darin, nur den Gesetzen unterworfen zu sein, seine Meinung zu sagen, seinen Beruf zu wählen und auszuüben, über sein Eigentum zu verfügen, zu reisen, sich mit anderen zusammenzuschließen und seinen Glauben zu leben. „La liberté individuelle, je le répète, voilà la véritable liberté moderne“, sagte Constant: Die individuelle Freiheit sei die wahre moderne Freiheit.

Die politische Mitwirkung schaffte er damit keineswegs ab. Sie ist bei ihm die Garantie der persönlichen Freiheit, und wer sie preisgibt, verliert am Ende beides. Die Rede richtete sich gegen ein Missverständnis der Revolutionszeit. Rousseau und noch entschiedener der Abbé de Mably hätten die Freiheit der Alten in eine Welt übertragen wollen, für die sie nicht passt, und daraus sei ein Zwang entstanden, der im Namen des Volkes das ganze Leben beanspruchte. Gegen Ende richtete Constant eine Bitte an die Regierenden, die man als Kurzfassung des klassischen Liberalismus lesen kann: Die Obrigkeit möge in ihren Grenzen bleiben. „Qu’elle se borne à être juste ; nous nous chargerons d’être heureux“, sie solle sich darauf beschränken, gerecht zu sein, um das Glück würden sich die Bürger selbst kümmern.

Wo auch die Macht des Volkes endet

Den Grundgedanken hatte Constant schon 1815 in seinen Principes de politique ausgearbeitet. Das erste Kapitel handelt von der Souveränität des Volkes, und es beginnt mit einer Zustimmung: Dass der allgemeine Wille über jedem besonderen Willen steht, lasse sich nicht bestreiten. Dann folgt die Einschränkung, auf die es ihm ankam. „La souveraineté n’existe que d’une manière limitée et relative“, die Souveränität bestehe nur in begrenzter und bedingter Weise.

Es gebe, so Constant, einen Teil des menschlichen Daseins, der notwendig individuell und unabhängig bleibe und von Rechts wegen jeder gesellschaftlichen Zuständigkeit entzogen sei. Überschreitet die Gesellschaft diese Grenze, wird sie zur Usurpatorin, und eine Mehrheit, die es tut, wird zur Partei, die sich das Ganze anmaßt. Die Revolutionäre, schrieb er, hätten die grenzenlose Macht der alten Herrscher nicht abgeschafft, sie hätten sie nur in neue Hände gelegt, und darum habe sie so viel Unheil angerichtet wie zuvor.

Mit dieser Wendung verschob Constant die Frage der politischen Philosophie. Wer herrschen soll, ist wichtig, aber wichtiger ist, wie weit Herrschaft überhaupt reichen darf. Seine Antwort war in der Sache klar: Meinung, Glauben, Presse, Eigentum und der Schutz vor Willkür gehören zu jenem Bereich, über den keine Mehrheit verfügt. Für das Wahlrecht folgte er der Überzeugung seiner Zeit und wollte die politischen Rechte an Eigentum binden, setzte die Schwelle aber ausdrücklich niedrig an, damit auch Besitzer bescheidener Güter mitwählen konnten.

Handel statt Eroberung

Ende 1813, als Napoleons Reich zerfiel, veröffentlichte Constant in Hannover seine Streitschrift De l’esprit de conquête et de l’usurpation. Darin steht ein Satz, der das Programm der späteren Freihändler vorwegnimmt: „La guerre et le commerce ne sont que deux moyens différents d’arriver au même but : celui de posséder ce que l’on désire.“ Krieg und Handel seien also nur zwei Wege zum selben Ziel, nämlich zu besitzen, was man begehrt. Der Krieg sei der ältere Weg, der wilde Antrieb, der Handel die zivilisierte Berechnung. Die Menschheit sei, so Constant, in das Zeitalter des Handels eingetreten, das notwendig das des Krieges ablöse, und eine Regierung, die ein europäisches Volk heute zu Eroberungen treibe, begehe einen groben und verhängnisvollen Anachronismus.

In der Rede von 1819 ging er einen Schritt weiter. Der Handel gebe dem Eigentum eine neue Eigenschaft, die Umlauffähigkeit, und entziehe es damit dem Zugriff der Macht. Er stille die Bedürfnisse der Menschen ohne Zutun der Obrigkeit, und indem er den Kredit hervorbringe, mache er die Obrigkeit von den Bürgern abhängig. Eine Regierung, die Geld leihen muss, kann es sich mit denen, die es ihr leihen, nicht beliebig verderben. Für Freiheitsfreunde ist das eine frühe und sehr klare Beschreibung dafür, wie Märkte die Macht begrenzen, ohne dass jemand sie dazu anweisen müsste.

Freiheit als Aufgabe

Constant war kein Lobredner der Bequemlichkeit. Gegen Ende seiner Rede warnte er vor einer Gefahr, die gerade aus dem Erfolg der modernen Freiheit erwächst. Menschen, die ganz im Genuss ihrer privaten Unabhängigkeit aufgehen, könnten allzu leicht auf ihren Anteil an der politischen Macht verzichten. Er verlangte deshalb Bürger, die ihre Vertreter kontrollieren und sich ein Urteil bilden.

Dahinter steht ein Menschenbild, das über das bloße Wohlergehen hinausgeht. Unsere Bestimmung, sagte Constant, rufe uns über das Glück hinaus zur Vervollkommnung, und dazu braucht der Mensch beides, den geschützten eigenen Bereich und die Mitsprache in öffentlichen Dingen. Auch seine lebenslange Arbeit über die Religion gehört in diesen Zusammenhang. In seinem mehrbändigen Werk De la religion beschrieb er das religiöse Empfinden als etwas, das sich mit dem Zweifel verträgt, und sah die Freiheit an der Wurzel des Glaubens. Der private Bereich, den er gegen den Staat verteidigte, war in diesem Verständnis mehr als ein Rückzugsort, weil sich dort auch das religiöse Empfinden frei entfalten kann.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Die wichtigste Lehre Constants liegt in der Trennung zweier Fragen, die im politischen Alltag ständig vermischt werden. Dass eine Regierung demokratisch gewählt ist, sagt noch nichts darüber, ob sie in einer bestimmten Angelegenheit überhaupt etwas zu entscheiden hat. Wer auf eine Mehrheit verweist, um Eingriffe in Erziehung, Glauben, Rede oder Eigentum zu rechtfertigen, hat die erste Frage beantwortet und die zweite übergangen.

Isaiah Berlin hat diese Unterscheidung 1958 in seinem Vortrag „Two Concepts of Liberty“ aufgegriffen und Constant den beredtesten aller Verteidiger von Freiheit und Privatsphäre genannt. Friedrich August von Hayek zählte ihn in Die Verfassung der Freiheit neben Montesquieu und Tocqueville zu jenen Franzosen, die der gewachsenen, „britischen“ Tradition der Freiheit näherstanden als dem planenden Rationalismus. Beide Urteile treffen, was Constant auszeichnet: Er misstraute dem Entwurf, der die Gesellschaft von oben neu ordnen will, und er vertraute darauf, dass freie Menschen im Handel und im Umgang miteinander eine Ordnung hervorbringen, die kein Gesetzgeber erfinden könnte.

Bemerkenswert ist schließlich, dass er beides zusammendachte. Wer die private Freiheit liebt, muss die öffentliche Kontrolle der Macht pflegen, sonst verliert er die private. Das macht Constant zu einem nüchternen Ratgeber für jede Zeit, in der Bürger sich über steigende Ansprüche des Staates beklagen, aber selten fragen, woher dieser seine Befugnisse eigentlich nimmt.

Gerecht sein, glücklich werden wir selbst

Als Benjamin Constant im Dezember 1830 starb, wenige Monate nach der Julirevolution, spannten Studenten die Pferde vom Leichenwagen und zogen ihn selbst zum Friedhof Père-Lachaise. Sie ehrten einen Mann, der die Freiheiten verteidigt hatte, für die die Revolution einmal angetreten war, ohne ihren Anspruch zu teilen, den Menschen im Namen des Volkes neu zu formen. Sein Satz an die Regierenden lässt sich jeder Regierung vorlegen, die ihren Bürgern Glück verspricht. Sie möge zuerst gerecht sein und in ihren Grenzen bleiben, um alles Weitere kümmern sich freie Menschen selbst.

Zum Weiterlesen

  • Benjamin Constant: De la liberté des Anciens comparée à celle des Modernes (1819), in: Œuvres politiques, hg. von Charles Louandre, Charpentier, Paris 1874
  • Benjamin Constant: Political Writings, hg. von Biancamaria Fontana, Cambridge University Press, Cambridge 1988
  • Benjamin Constant: Werke in vier Bänden, hg. von Axel Blaeschke und Lothar Gall, Propyläen, Berlin 1970 bis 1972
  • Helena Rosenblatt (Hg.): The Cambridge Companion to Constant, Cambridge University Press, Cambridge 2009

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Constant, Benjamin: De l’esprit de conquête et de l’usurpation dans leurs rapports avec la civilisation européenne, Hahn, Hannover 1814 (zitiert nach: Œuvres politiques, hg. von Charles Louandre, Charpentier, Paris 1874, S. 373 ff.), https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_politiques_(Constant)/De_l%E2%80%99esprit_de_conqu%C3%AAte
  • Constant, Benjamin: Principes de politique applicables à tous les gouvernements représentatifs, Paris 1815, Kap. 1 „De la souveraineté du peuple“ (zitiert nach: Œuvres politiques, 1874, S. 1–16), https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_politiques_(Constant)/De_la_souverainet%C3%A9_du_peuple
  • Constant, Benjamin: „Des élections et du suffrage populaire“, in: Œuvres politiques, 1874, S. 145 ff., https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_politiques_(Constant)/Des_%C3%A9lections_et_du_suffrage_populaire
  • Constant, Benjamin: De la liberté des Anciens comparée à celle des Modernes, Rede im Athénée royal, Paris 1819 (zitiert nach: Œuvres politiques, 1874, S. 258 ff.), https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_politiques_(Constant)/De_la_libert%C3%A9_des_Anciens_compar%C3%A9e_%C3%A0_celle_des_Modernes
  • Constant, Benjamin: Artikel im Journal des Débats, 19. März 1815 (Schlusssatz zitiert nach Anatole France, La Vie littéraire, 1re série), https://fr.wikisource.org/wiki/La_Vie_litt%C3%A9raire/1/Le_Journal_de_Benjamin_Constant
  • Constant, Benjamin: Political Writings, hg. von Biancamaria Fontana, Cambridge University Press, Cambridge 1988.
  • Constant, Benjamin: Werke in vier Bänden, hg. von Axel Blaeschke und Lothar Gall, Propyläen, Berlin 1970–1972.
  • Encyclopaedia Britannica, 11. Auflage 1911: „Constant de Rebecque, Henri Benjamin“, https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Constant_de_Rebecque,_Henri_Benjamin
  • Musée protestant: Benjamin Constant, https://museeprotestant.org/en/?p=2473
  • Rosenblatt, Helena (Hg.): The Cambridge Companion to Constant, Cambridge University Press, Cambridge 2009 (Leseprobe: https://assets.cambridge.org/97805216/72436/excerpt/9780521672436_excerpt.pdf)
  • Lentz, Thierry: „L’Acte additionnel aux constitutions de l’Empire“, napoleon.org 2015, https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/lacte-additionnel-aux-constitutions-de-lempire-heritage-et-cadeau-empoisonne-de-la-restauration/
  • Katalogeintrag „Lettre à MM. Benjamin Constant et Manuel“ (Sitzung vom 27. Juni 1821), https://library.usi.edu/record/880039
  • Berlin, Isaiah: Two Concepts of Liberty, Clarendon Press, Oxford 1958.
  • Hayek, Friedrich August von: The Constitution of Liberty, University of Chicago Press, Chicago 1960, Kap. 4.
  • Wikipedia (en): Benjamin Constant, https://en.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Constant (Einstieg, Ämter und Daten)

Beitragsbild: Benjamin Constant (KI-Illustration)

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Beliebt:

Tipp: Mit / oder Strg+K öffnen Sie die Suche von jeder Seite aus.